{"id":2775,"date":"2019-04-30T08:17:57","date_gmt":"2019-04-30T06:17:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2775"},"modified":"2020-03-09T16:26:44","modified_gmt":"2020-03-09T15:26:44","slug":"das-instrument-in-der-hand-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/04\/30\/das-instrument-in-der-hand-haben\/","title":{"rendered":"Das Instrument in der Hand haben"},"content":{"rendered":"<strong>Jedes Sommersemester l\u00e4dt das Joseph Haydn Institut einen bedeutenden Komponisten ein, der mit Instrumentalist_innen an der mdw sein Werk erarbeitet. Heuer stellt sich das Webern Ensemble Wien unter der k\u00fcnstlerischen Leitung von Jean-Bernard Matter dem Doyen der \u00f6sterreichischen Musik: Friedrich Cerha. Sein Lebenswerk umfasst mehr als sieben Jahrzehnte der Produktion in allen Genres zeitgen\u00f6ssischer Musik.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2780\" aria-describedby=\"caption-attachment-2780\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2780\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Noten_studierend.jpg\" alt=\"Cerha Noten studierend\" width=\"1000\" height=\"609\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Noten_studierend.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Noten_studierend-300x183.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Noten_studierend-768x468.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Noten_studierend-850x518.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2780\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Hertha Hurnaus, Archiv der Zeitgenossen<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2778\" aria-describedby=\"caption-attachment-2778\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2778\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Klavier.jpg\" alt=\"Cerha Klavier\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Klavier.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Klavier-172x300.jpg 172w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2778\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Hertha Hurnaus, Archiv der Zeitgenossen<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eDu machst ja mit unseren Mitteln Alte Musik!\u201c, soll Luigi Nono nach der Auff\u00fchrung einer Komposition Friedrich Cerhas konsterniert bemerkt haben. Das war im Jahr 1958 in Darmstadt, als Cerha gemeinsam mit Iv\u00e1n Er\u00f6d seine beiden neuen Werke <em>Deux \u00e9clats en r\u00e9flexion<\/em> und <em>Formation et solution<\/em> f\u00fcr Violine und Klavier im Rahmen der <em>Internationalen Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik<\/em> aufgef\u00fchrt hatte. Dass man bei beiden Kompositionen so etwas wie musikalische Entwicklungen h\u00f6rend nachvollziehen konnte, war im damaligen Zentrum f\u00fcr serielle Musik bekanntlich nicht gerade en vogue, f\u00fcr Cerha jedoch eine Pr\u00e4misse seines Schaffens, von der er nie bereit war abzuweichen. \u201eDer Einsatz technischer Verfahren, wie das Komponieren mit Reihen, ist somit bis heute immer ein Mittel zum Zweck geblieben, ein Instrument, um klangliche Fantasien zu realisieren\u201c, so der Komponist in einem Interview.<\/p>\n<p>Friedrich Cerha, der heuer 93 Jahre alt geworden ist, kann auf rund 85 Jahre Kompositionserfahrung zur\u00fcckblicken, denn als erstes Werk fand ein <em>Duo f\u00fcr 2 Violinen<\/em>, datiert auf das Jahr 1934 Eingang in das Werkverzeichnis. Gemeinsam mit <em>Gschwandtner T\u00e4nze<\/em>, die er als 12-J\u00e4hriger komponierte, verweist es auf Cerhas fr\u00fche musikalische Sozialisation als Geiger in den Heurigenlokalen von Hernals. In den \u201eWienerischen\u201c Werken der 1980er-Jahre, wie seine <em>Keintaten<\/em> oder <em>Eine Art Chansons<\/em> nach Texten von Ernst Jandl und anderen Dichtern der Wiener Gruppe, setzt sich Cerha\u00a0Jahrzehnte sp\u00e4ter erneut und in anderer Form mit dem Genre auseinander. Querverbindungen, R\u00fcckgriffe und intermusikalische Bez\u00fcge dieser Art sind charakteristisch f\u00fcr Cerhas vielseitige kompositorische Ausdrucksweise.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2781\" aria-describedby=\"caption-attachment-2781\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2781\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Partitur.jpg\" alt=\"Cerha Partitur\" width=\"1000\" height=\"548\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Partitur.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Partitur-300x164.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Partitur-768x421.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Partitur-850x466.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2781\" class=\"wp-caption-text\">Partiturausschnitt aus dem Werk &#8222;Eine Art Chansons&#8220; \u00a9Archiv der Zeitgenossen<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2779\" aria-describedby=\"caption-attachment-2779\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2779\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Lineal.jpg\" alt=\"Cerha Lineal\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Lineal.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Lineal-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2779\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Hertha Hurnaus, Archiv der Zeitgenossen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der eigene Blick auf das Geschaffene ver\u00e4ndere sich mit der zeitlichen Distanz: \u201eEs gibt Dinge aus den 1950er-Jahren, die mir heute noch sehr nahe liegen, und es gibt St\u00fccke aus den 1970er-Jahren, die ich schon halb vergessen habe\u201c, so der Komponist anl\u00e4sslich seines 90. Geburtstages. Stets pr\u00e4sent sei etwa der siebenteilige Orchesterzyklus <em>Spiegel<\/em>, entstanden 1960\/61. Als eine der ersten Kompositionen, in denen mit gro\u00dfen Klangfl\u00e4chen gearbeitet wurde, gab <em>Spiegel<\/em> nicht nur Cerhas eigenem Komponieren eine entscheidende Wendung. In die Entstehungszeit dieses<br \/>\nelementaren Werks f\u00e4llt der Beginn der Unterrichtst\u00e4tigkeit an der heutigen mdw, damals Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien, wo Cerha ab 1959\/60 unter anderem das Praktikum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik und sp\u00e4ter den Sonderlehrgang f\u00fcr elektronische Musik leitete. 1976 wurde er zum ordentlichen Professor f\u00fcr Komposition, Notation und Interpretation Neuer Musik ernannt, zu seinen Sch\u00fclern z\u00e4hlten Karlheinz Essl, Christian Ofenbauer und Georg Friedrich Haas.<\/p>\n<p>Forscht man im umfangreichen Vorlass des Komponisten nach seiner T\u00e4tigkeit an der mdw, st\u00f6\u00dft man neben den Gutachten von Friedrich Wildgans, Hanns Jelinek oder Karl Schiske, die anl\u00e4sslich der Bewerbung um den Lehrauftrag erstellt wurden, auch auf ein Subventionsansuchen zur Finanzierung eines Ausbaus des \u201eAkaphons\u201c, jenes elektronischen Musikinstruments, welches im elektroakustischen Studio entstand und heute im Technischen Museum Wien zu besichtigen ist. Unter den zahlreichen\u00a0handschriftlichen Entw\u00fcrfen findet sich auch jener zu einem Expos\u00e9 aus dem Jahr 1966, in dem sich Cerha unter anderem f\u00fcr die Beteiligung der Schlagzeugklassen an seinem Praktikum und die Anschaffung von Schlagwerken einsetzt \u2013 im \u00dcbrigen mit Erfolg. Unter dem Titel <em>Zum Problem eines sinnvollen Unterrichts in Neuer Musik an unserer Hochschule<\/em> fragt sich Cerha in gewohnt direkter und pointierter Manier, \u201ewarum die erste Musikschule des Landes schlechter ausgestattet sein mu\u00df als irgendein Kurorchester oder die Band im erstbesten Nachtlokal um die Ecke [\u2026]\u201c, denn mit den vorhandenen Instrumenten k\u00f6nne kein Werk der Neuen Musik aufgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2777\" aria-describedby=\"caption-attachment-2777\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2777\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Handschrift.jpg\" alt=\"Cerha Handschrift\" width=\"1000\" height=\"516\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Handschrift.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Handschrift-300x155.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Handschrift-768x396.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Cerha_Handschrift-850x439.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2777\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem handschriftlichen Entwurf aus &#8222;Zum Problem eines sinnvollen Unterrichts in Neuer Musik an unserer Hochschule&#8220; \u00a9Archiv der Zeitgenossen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Passend dazu der T\u00e4tigkeitsbericht des <em>Praktikums f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik<\/em>, in dem Cerha deutlich macht, wie wichtig es sei, dass Neue Musik tats\u00e4chlich \u201emusiziert\u201c werde, \u201eoffen und unbeschwert von Vorurteilen und frei vom Ballast theoretischer oder pseudowissenschaftlicher Schlagworte\u201c. Historisch gesehen als Reaktion auf damals aktuelle Str\u00f6mungen in der Neuen Musik lesbar, klingen die Formulierungen Cerhas aus dem Jahr 1959 noch immer aktuell und g\u00fcltig: \u201eGewi\u00df ist der geistige Kontakt von eminenter Bedeutung, aber um mit den Sinnen Zugang zu finden \u2013 und das ist Voraussetzung einer echten Zuneigung \u2013, dazu mu\u00df man sein Instrument in der Hand haben.\u201c<\/p>\n<ul>\n<li>Der <em>Vorlass<\/em> von Friedrich Cerha ist im Archiv der Zeitgenossen \u2013 Sammlung k\u00fcnstlerischer Vor- und Nachl\u00e4sse an der Donau-Universit\u00e4t Krems \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.archivderzeitgenossen.at\/index.php?id=84\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">archivderzeitgenossen.at<\/a><\/li>\n<li>Aktuell ist eine Aufnahme von Friedrich Cerhas <em>Eine Art Chansons<\/em> mit HK Gruber als Chansonnier bei Kairos erschienen.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kairos-music.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kairos-music.com<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Veranstaltungshinweis<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/1135\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Portr\u00e4t-Konzerte mit Friedrich Cerha inkl. Komponistengespr\u00e4ch<\/a><\/p>\n<p>Mittwoch, 22. Mai 2019, 18.00 Uhr<br \/>\nArnold Sch\u00f6nberg Center<br \/>\nZaunergasse 1-3<br \/>\n1030 Wien<\/p>\n<p>Freitag, 24. Mai 2019, 18.00 Uhr<br \/>\nJoseph Haydn-Saal<br \/>\nmdw \u2013 Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien<br \/>\nAnton-von-Webern-Platz 1<br \/>\n1030 Wien","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Sommersemester l\u00e4dt das Joseph Haydn Institut einen bedeutenden Komponisten ein, der mit Instrumentalist_innen an der mdw sein Werk erarbeitet. Heuer stellt sich das Webern Ensemble Wien unter der k\u00fcnstlerischen Leitung von Jean-Bernard Matter dem Doyen der \u00f6sterreichischen Musik: Friedrich Cerha. 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