{"id":2640,"date":"2019-02-25T16:06:30","date_gmt":"2019-02-25T15:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2640"},"modified":"2019-02-25T16:06:30","modified_gmt":"2019-02-25T15:06:30","slug":"den-aengsten-ein-liedchen-pfeifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/02\/25\/den-aengsten-ein-liedchen-pfeifen\/","title":{"rendered":"Den \u00c4ngsten ein Liedchen pfeifen"},"content":{"rendered":"<strong>Lampenfieber, Existenzangst, Pr\u00fcfungsstress oder Leistungsdruck \u2013 Musik und Angst stehen in vielf\u00e4ltiger Beziehung zueinander. Wie die eine die andere lindern, aber auch verst\u00e4rken kann, und wie es gelingt, als Musiker_in m\u00f6glichst angstbefreit durchs Leben zu gehen, wissen Expert_innen der mdw und der Universit\u00e4t Wien.<\/strong><\/p>\n<p>Trotz Terror, Migrations- und Wirtschaftskrisen leben Europ\u00e4er_innen heute sicherer als vor vierzig Jahren. Das belegen zahlreiche Statistiken. Und doch sch\u00fcren und nutzen Politiker_innen, Seite an Seite mit Boulevardmedien, \u00c4ngste, um damit Profit und W\u00e4hlerstimmen zu lukrieren. In Kombination mit jenen Herausforderungen, die der leistungsgetriebene Studien- und Berufsalltag mit sich bringt, kann sich leichter denn je die Vorstellung verfestigen, man lebe in angstbesetzten Zeiten, in denen sich alles zum Schlechteren wende. Umso wichtiger ist es heute, einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren, \u00c4ngste und Sorgen einem stetigen Realit\u00e4tscheck zu unterziehen und \u2013 wenn n\u00f6tig \u2013 professionellen Rat einzuholen. \u201eAngst\u201c kommt vom mittelhochdeutschen Wort \u201eangest\u201c, das f\u00fcr Enge und Beklemmung steht. Mit Musik, in der die meisten Befreiung schlechthin orten, assoziiert man das nicht unbedingt. Und doch gibt es zahlreiche Beispiele, wo sich Angst und Musik ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Angelika Silberbauer, Universit\u00e4tsassistentin an der mdw, kennt die \u00c4ngste, mit denen Musiker_innen zu k\u00e4mpfen haben \u2013 aus eigener Erfahrung als Komponistin und Pianistin genauso wie als Leiterin des Arbeitskreises f\u00fcr Gleichbehandlungsfragen: \u201eWenn man seit seiner Kindheit auf den Wunsch hinarbeitet, Musik zum Beruf zu machen, ist das auch stets von der Angst vor dem Scheitern begleitet\u201c, sagt sie. Viele h\u00e4tten vor allem am Beginn ihrer Karriere Existenz\u00e4ngste, \u201eda das Business sehr hart ist und man sich erst einen eigenen Weg und Netzwerke suchen muss. Es reicht nicht, exzellent zu spielen, man muss mit dem Spiel auch einen Nerv treffen.\u201c<\/p>\n<p>Gegen die immer noch vorhandene strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Musikbranche k\u00f6nnten Quoten helfen, meint Silberbauer. Aber auch durch einfache Bewusstseinsbildung habe sich schon einiges zum Besseren ver\u00e4ndert: \u201eEtliche Veranstalter_innen fragen heute gezielt nach Musikerinnen oder Dirigentinnen. Beim diesj\u00e4hrigen Neujahrskonzert haben wir immer wieder Frauen im Orchester gesehen. Das w\u00e4re vor einigen Jahren undenkbar gewesen.\u201c Mittlerweile gebe es auch eigene Netzwerke speziell f\u00fcr Musikerinnen, um untereinander Jobangebote auszutauschen.<\/p>\n<p>Neben materiellen Sorgen f\u00fchlen sich junge wie arrivierte Musiker_innen vor allem durch den Klassiker unter den \u00c4ngsten geplagt: Lampenfieber \u2013 sei es vor Pr\u00fcfungen, bei Probespielen oder Auftritten. Silberbauer wei\u00df, dass man dem mit der Zeit vor allem durch viel Routine entgegenwirken kann. \u201eEine gewisse Spannung aber\u201c, meint sie, \u201ebleibt immer.\u201c<\/p>\n<p>Das kann auch Stephan Mantsch best\u00e4tigen. Er ist Psychotherapeut, selbst ausgebildeter Musiker und lehrt Musikpsychologie an der mdw. Er unterscheidet zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst, denn wo bei ersterer oft eine \u201eleistungsf\u00f6rdernde Aktivierung\u201c vor dem Auftritt passiert, von der auch viele erfahrene K\u00fcnstler_innen und Stars berichten, \u00fcberwiegt bei zweiterer die \u201eleistungsmindernde Aktivierung\u201c. In beiden F\u00e4llen sei \u201esehr viel Energie im Spiel\u201c, sagt Mantsch. Wer Auftrittsangst erfolgreich \u00fcberwinden wolle, d\u00fcrfe nicht \u201egegen sie k\u00e4mpfen, sondern muss sich mit ihr bewegen. Es geht um eine Entwicklung von der Selbstkontrolle hin zur Freiheit, von der Isolation zur Kommunikation, von der Enge (\u201eangest\u201c) hin zur Weite.\u201c Die aktive Auseinandersetzung mit Auftrittsangst k\u00f6nne so ein \u201ewunderbarer Ausgangspunkt f\u00fcr eine musikalische und pers\u00f6nliche Weiterentwicklung sein\u201c, meint der Psychotherapeut.<\/p>\n<p>Nahezu jede_r Profi- wie Amateurmusiker_in habe irgendwann in seinem \/ ihrem Leben mit Auftrittsangst zu tun. Und doch werde diese h\u00e4ufig gesellschaftlich tabuisiert. \u201eDas ist ein Problem, weil sich Betroffene dadurch alleingelassen f\u00fchlen.\u201c Studien besagen, dass 34 Prozent der Musiker_innen Alkohol oder Sedative zu sich nehmen, 23 Prozent greifen zu Betablockern. Mantsch pl\u00e4diert auch hier f\u00fcr eine Enttabuisierung: In schweren F\u00e4llen und unter \u00e4rztlicher Anleitung k\u00f6nne medikament\u00f6se Behandlung n\u00e4mlich durchaus Sinn machen, zuvorderst m\u00fcsse das Problem aber psychotherapeutisch angegangen werden. Tabuisierung f\u00fchre h\u00e4ufig zu Selbstmedikation, \u201eund davon ist immer abzuraten\u201c.<\/p>\n<p>Erst nach Identifikation und Behandlung einer Vielzahl an Faktoren wie Lebensumst\u00e4nde, Stressverarbeitung oder falsche \u00dcbungsgewohnheiten, k\u00f6nne man beim Thema Auftrittsangst stark mit Entspannungs\u00fcbungen, bei denen Atemtechniken ein unverzichtbarer Bestandteil seien, entgegenwirken, sagt Bernhard Riebl, Musikphysiologe an der mdw. \u201eAtmung wirkt hochsensibel auf die Einfl\u00fcsse des vegetativen, unbewussten Nervensystems, sie ver\u00e4ndert sich unter Stress oft negativ.\u201c Daher sei es sehr wichtig, daran zu arbeiten. An der mdw bestehe zum professionellen Erlernen dieser Kompetenzen eine jahrzehntelange Tradition, so Riebl. \u201eMit gutem Recht\u201c k\u00f6nne man sagen, dass \u201ezu einer gelungenen k\u00fcnstlerischen Performance seit der Antike ein ausbalanciertes Zusammenspiel von K\u00f6rper, Geist und Seele geh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>Die positive Wirkung von klassischer Musik auf Geist, K\u00f6rper und positiver Herausbildung derselben kennt auch der Bratschist Dietmar Flosdorf, Lehrender an der mdw und seit vielen Jahren umtriebig im Feld alternativer Musikvermittlungsangebote. Sein Workshopprogramm <em>Musik zum Anfassen<\/em> etwa richtet sich an Sch\u00fcler_innen und sozial Benachteiligte, denen er die Schwellenangst vor klassischer Musik nehmen m\u00f6chte. Musik, meint er, sei \u201ekein elit\u00e4rer Bereich \u2013 ganz im Gegenteil! Kunst und Musik geh\u00f6ren zum Menschen und es entspricht seiner Natur, sich kreativ auszudr\u00fccken \u2013 in allen Kulturen dieser Welt.\u201c So gesehen gehe es gar nicht um das Nehmen von Schwellen\u00e4ngsten, sondern um das Ansprechen ohnehin vorhandener Bed\u00fcrfnisse jedes und jeder Einzelnen, unabh\u00e4ngig von seiner oder ihrer sozialen Herkunft.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Konzerth\u00e4user und Orchester h\u00e4tten sich in den letzten Jahren erfreulicherweise bewegt und w\u00fcrden heute allesamt Angebote mit niederschwelligem Zugang bieten. Flosdorf sieht aber noch viel Potenzial. So k\u00f6nne man in Zukunft Synergien nicht nur zwischen Bildungs- und Kultureinrichtungen nutzen, sondern auch den Anschluss an den Gesundheitsbereich suchen. Dass Musikprojekte im \u00f6ffentlichen Raum heute sogar von den Wiener Linien initiiert werden, freut Flosdorf. Projekte wie <em>U-Stars<\/em>, wo Musiker_innen geregelte Auftritte in U-Bahnstationen erm\u00f6glicht werden, w\u00fcrden den \u00f6ffentlichen Verkehr immens aufwerten.<\/p>\n<p>Dass Musik auf Emotionen und das Verhalten von Menschen unterschwellig wirken kann, ist wissenschaftlich belegt. Nicht ohne Grund wird an vielen \u00f6ffentlichen Orten mittlerweile klassische Musik eingesetzt, um nachts beruhigend und aggressionsmindernd zu wirken. Am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft der Universit\u00e4t Wien erforscht J\u00f6rg M\u00fchlhans, wie sich Musik auf Emotionen auswirkt. Insbesondere befasst er sich mit \u201eAngstmusik\u201c aus Filmen von der Stummfilm\u00e4ra bis zum US-amerikanischen Horrorfilm. Sein Ergebnis: W\u00e4hrend beim Stummfilm noch lange, tiefe T\u00f6ne als \u201eAngstmusik\u201c eingesetzt wurden, tendiert der j\u00fcngere Horrorfilm zu kurzen, hohen, ja schrillen T\u00f6nen. Dissonante Neue Musik werde oft als \u00e4ngstigend empfunden, Popmusik, Synth-Pop, Rock, Heavy Metal, klassische und romantische Musik hingegen kaum. (Anm. d. Red.: Siehe auch <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/index.php\/2019\/02\/25\/angst-und-filmmusik\/\">Artikel von Rumen Dimitrov<\/a>)<\/p>\n<p>Dass Musik auch \u00c4ngste l\u00f6sen kann, davon ist M\u00fchlhans \u00fcberzeugt. Sogar der alte Trick, in unheimlichen Situationen ein Liedchen zu singen oder zu pfeifen, klingt f\u00fcr ihn plausibel: \u201eAngstzust\u00e4nde entstehen im Gehirn und sind das Resultat vieler kognitiver Prozesse \u2013 was einiges an Gehirnkapazit\u00e4t ben\u00f6tigt. Wenn man singt, braucht man ebenfalls eine gewisse Gehirnkapazit\u00e4t: Man muss eine Melodie abrufen und sich an den Text erinnern, das lenkt ab.\u201c Und schlie\u00dflich k\u00f6nne auch das einfache Anh\u00f6ren von Musik beruhigend wirken: \u201eAm besten funktionieren Lieder, die wir mit positiven Erinnerungen verbinden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lesen Sie auch:<\/p>\n<p>https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/index.php\/2019\/02\/25\/psychosoziale-beratungsstelle-der-mdw\/","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lampenfieber, Existenzangst, Pr\u00fcfungsstress oder Leistungsdruck \u2013 Musik und Angst stehen in vielf\u00e4ltiger Beziehung zueinander. Wie die eine die andere lindern, aber auch verst\u00e4rken kann, und wie es gelingt, als Musiker_in m\u00f6glichst angstbefreit durchs Leben zu gehen, wissen Expert_innen der mdw und der Universit\u00e4t Wien. 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