{"id":2633,"date":"2019-02-25T15:59:01","date_gmt":"2019-02-25T14:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2633"},"modified":"2019-02-25T15:59:01","modified_gmt":"2019-02-25T14:59:01","slug":"angst-und-filmmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/02\/25\/angst-und-filmmusik\/","title":{"rendered":"Angst und Filmmusik"},"content":{"rendered":"Es gibt kaum eine Form menschlicher Angst, die nicht schon im Kino f\u00fcr Thriller- oder Horrorfilme verwendet wurde. Von H\u00f6henangst \u00fcber den Verfolgungswahn bis hin zur Angst vor Haien, Aliens oder Spinnen hat sich die Filmindustrie alle denkbaren Varianten menschlicher Angst zunutze gemacht und als Unterhaltung verpackt. Es scheint ein Paradox zu sein, dass, obwohl die Angst als ein Gef\u00fchl des Entsetzens oder der Ausweglosigkeit erkl\u00e4rt werden kann, sich die Menschen dieser Empfindung freiwillig aussetzen m\u00f6chten. Der Filmkritiker Georg See\u00dflen meint dazu, es sei die Suche nach einem \u201eKick\u201c, nach Lustgewinn, der einen Ausstieg aus dem Alltag bietet \u2013 und dieser Lustgewinn wird oft \u00fcber \u201eFilmangst\u201c erreicht. Man identifiziert sich mit den Filmfiguren und m\u00f6chte die ganze Bandbreite ungew\u00f6hnlicher Situationen und daraus entstehender, zum Teil ganz \u201ewilder\u201c Gef\u00fchle erleben. Die Zuschauer_innen haben Angst, obwohl sie nicht selbst betroffen sind. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch eine spezielle Art von Angst, die nicht die Filmheldinnen und -helden, sondern nur die Zuschauer_innen packt. Die Theorie bezeichnet das als \u201eTension\u201c und unterteilt dieses Ph\u00e4nomen in drei miteinander verbundenen Stufen: Surprise, Suspense und Mystery.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2634\" aria-describedby=\"caption-attachment-2634\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2634\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/angst_filmmusik.jpg\" alt=\"Angst Filmmusik\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/angst_filmmusik.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/angst_filmmusik-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/angst_filmmusik-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/angst_filmmusik-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2634\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Erik Witsoe \/ Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n<p>Egal mit welcher Art von filmischer Angst wir es zu tun haben, die Musik ist ein wichtiger Parameter ihrer \u201eErzeugung\u201c. Dabei kann die Musik entweder direkt die Bilder und die Handlung unterst\u00fctzen oder ganz umgekehrt, gegen die Bilder, als Kontrast und Kontrapunkt eingesetzt werden. Das h\u00e4ngt vom jeweiligen dramaturgischen Kontext ab.<\/p>\n<p>Das Genre der kommerziellen Horrorfilme ist sehr klar strukturiert, es hat ein eigenes Profil entwickelt: eigene Stars, Erz\u00e4hlarten, Typen von Charakteren, eine eigene Tradition von speziellen Effekten, eigene Produktionsfirmen, Magazine, Fans und Vertriebe. Aber auch eigene musikalische Klischees, die die Horrorfilmmusik oft so unverwechselbar und leicht erkennbar machen wie die Filme selbst.<\/p>\n<p>Eine interessante Tatsache ist, dass die Filme oft die musikalische Sprache der aktuellen Str\u00f6mungen zeitgen\u00f6ssischer Musik bedienen. Das haben Hanns Eisler und Theodor W. Adorno schon 1947 festgestellt \u2013 bestimmte Orchestereffekte und Spielarten, die nur f\u00fcr die \u201eernste\u201c Musik reserviert waren, wurden zur \u201eg\u00e4ngigen W\u00e4hrung\u201c der Filmmusik. Und sie wurden bewusst oder unbewusst von einem sehr breiten Publikum, das nie zuvor ein Orchesterkonzert besucht hatte, verstanden und akzeptiert.<\/p>\n<p>Auch der Komponist Howard Shore sagte bei einer Diskussion \u00fcber Filmmusik: \u201eWenn ich an einen Horrorfilm denke, denke ich an Avantgarde-Musik, weil man mit ihren Mitteln so weit gehen kann, wie es nur m\u00f6glich ist.\u201c Der Filmmusik-Theoretiker Kevin Donnelly meint, die experimentellen und extremen Aspekte des Klangs der Neuen Musik werden in den popul\u00e4ren, kommerziellen Genres als ein Indikator f\u00fcr Abnormit\u00e4t verwendet, als Unterschied zur konventionellen Welt des Kinos. Au\u00dferdem steht f\u00fcr ihn die \u201ehohe\u201c Kunstmusik f\u00fcr \u201ehohe\u201c Emotionen, und in der Tat sind das die extremen Emotionen, die das popul\u00e4re Kino braucht und besonders dann, wenn es um Angst und Schrecken geht, in der zeitgen\u00f6ssischen Musik findet.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine Reihe von Horrorfilmen, die mit Original-Werken der Neuen Musik \u201egeschm\u00fcckt\u201c sind. Das macht Gy\u00f6rgy Ligeti oder Krzysztof Penderecki aber nicht zu Horrorfilm-Komponisten. Denn, wenn man genau analysiert, wie das Vokabular der Neuen Musik im kommerziellen Film eingesetzt wird, kann man vor allem zwei Verwendungsarten unterscheiden: Schockeffekt und musikalisches Ambiente.<\/p>\n<p>Zu den musikalischen Schockeffekten geh\u00f6ren die sogenannten \u201eStinger\u201c, die durch musikalische \u201eExplosionen\u201c, Akzente, Cluster, ger\u00e4uschhafte Effekte, scharfe Dissonanzen usw. erzeugt werden. Dabei ist die Dosierung der Sch\u00e4rfe eine wichtige dramaturgische Frage, denn Dissonanzen k\u00f6nnen je nach Instrumentation auch weich klingen.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit den Schockeffekten muss auch die Theorie von Daniel Blumstein Erw\u00e4hnung finden. Ausgehend von der Duschszene des Hitchcock-Thrillers <em>Psycho<\/em> schreibt er, dass die Musik Angst erzeugen kann, wenn sie den Warnrufen und Schreien von Tieren in Not \u00e4hnelt: \u201eDie Tiere geben in Angstsituationen h\u00e4ufig sto\u00dfartige verzerrte Laute von sich. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war dies ein wichtiges Warnsignal, das offenbar bis heute seine Wirkung beibehalten hat.\u201c Auch Stille kann als sehr starker Effekt zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Als musikalisch-akustisches Ambiente versucht die Musik eine im besten Fall unverwechselbare Atmosph\u00e4re zu erzeugen. Dazu geh\u00f6ren alle Arten von Spannungsostinati, Klangfl\u00e4chen, Loops, Drones und auch Musiken, die mit linguistischen Codes und Assoziationen arbeiten \u2013 etwas \u201eMystisches\u201c wird zum Beispiel oft mit ritueller Musik dargestellt \u2013 von (Pseudo-)Ethno- bis Kirchenmusik.<\/p>\n<p>Ein relativ neuer Trend ist der Versuch, die Grenzen zwischen Musik und Sounddesign aufzul\u00f6sen \u2013 durch den Einsatz elektronischer Kl\u00e4nge oder mit den Mitteln der erweiterten Kompositionstechniken kann die Musik sehr \u00e4hnlich wie Ger\u00e4uschambiente klingen. Das f\u00fchrt zu einer subtilen \u00c4nderung der Filmrealit\u00e4t, was gleichzeitig stark emotional wirkt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr weitere M\u00f6glichkeiten haben Komponist_innen, um Angst im Film zu erzeugen?<\/p>\n<p>Es gibt noch eine Reihe von Mitteln, die selten im kommerziellen Film zu finden sind, und die nicht nur von den Komponist_innen, sondern auch von den Regisseur_innen und Produzent_innen viel Mut und Kompetenz erfordern. Es geht dabei zum Beispiel um dramaturgische Entscheidungen, die Musik als Kontrast und Kontrapunkt zu den Bildern und der Erz\u00e4hlung einzusetzen \u2013 so kann eine zus\u00e4tzliche Spannungsebene zwischen der visuellen und der akustischen Ebene entstehen. In dem Fall ist es wichtig, neben dem Zusammenspiel von Musik- und Filmdramaturgie, die entstehenden Spannungsb\u00f6gen zu kontrollieren und zu gestalten.<\/p>\n<p>Ein Spezialfall, um Spannung, aber auch Schock oder (Selbst-)Ironie im Film zu erzeugen, ist zum Beispiel, durch die Musik generell aus der Filmerz\u00e4hlung auszusteigen, das Medium \u201eFilm\u201c von \u201eau\u00dfen\u201c zu betrachten oder Assoziationen mit ganz anderen Dingen herzustellen, und sp\u00e4ter wieder in die Handlung einzusteigen. Solche Strategien kann man zum Beispiel in Filmen von Mara Mattuschka oder Jean-Luc Godard finden.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt kaum eine Form menschlicher Angst, die nicht schon im Kino f\u00fcr Thriller- oder Horrorfilme verwendet wurde. Von H\u00f6henangst \u00fcber den Verfolgungswahn bis hin zur Angst vor Haien, Aliens oder Spinnen hat sich die Filmindustrie alle denkbaren Varianten menschlicher Angst zunutze gemacht und als Unterhaltung verpackt. 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