{"id":2589,"date":"2019-02-25T15:58:39","date_gmt":"2019-02-25T14:58:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2589"},"modified":"2019-02-28T08:58:02","modified_gmt":"2019-02-28T07:58:02","slug":"ich-werde-mich-doch-nicht-beim-spielen-erwischen-lassen-humphrey-bogart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/02\/25\/ich-werde-mich-doch-nicht-beim-spielen-erwischen-lassen-humphrey-bogart\/","title":{"rendered":"\u201eIch werde mich doch nicht beim Spielen erwischen lassen.\u201c \u2013 Humphrey Bogart"},"content":{"rendered":"<strong>Studierende des 2. Studienjahres der Sprachgestaltungsklasse von Annett Matzke, Tamara Metelka und Florian Reiners trafen Ende November, nach dem gemeinsamen Vorstellungsbesuch von Nicole Heesters derzeit gefeiertem Solost\u00fcck <\/strong><strong><em>Marias Testament<\/em><\/strong><strong> von Colm T\u00f3ib\u00edn im Theater in der Josefstadt, die Charakterschauspielerin und Absolventin des Max Reinhardt Seminars zum Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2590\" aria-describedby=\"caption-attachment-2590\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2590\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters.jpg\" alt=\"Nicole Heesters\" width=\"1000\" height=\"661\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters-300x198.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters-768x508.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters-850x562.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters-742x490.jpg 742w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2590\" class=\"wp-caption-text\">Nicole Heesters in &#8222;Marias Testament&#8220; im Theater in der Josefstadt \u00a9Bo Lahola<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nicole Heesters spielte im Verlauf ihrer bereits 66 Jahre andauernden Karriere an allen wichtigen deutschsprachigen H\u00e4usern, wie dem D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus, Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Berliner Ensemble, Nationaltheater Mannheim, dem Bayerischen Staatsschauspiel sowie dem Theater in der Josefstadt und dem Volkstheater in Wien. Sie arbeitete mit Regisseur_innen wie Andrea Breth, Claus Peymann, Peter Zadek, Karl-Heinz Stroux oder Hans Neuenfels, verk\u00f6rperte zentrale Rollen der Theaterliteratur und wirkte in etlichen Film- und Fernsehproduktionen mit.<\/p>\n<p>Die Studierenden hatten die M\u00f6glichkeit, mit Heesters \u00fcber ihre Arbeit und Herangehensweise an dem zuvor gesehenen 100-Minuten-Monolog, der in der Inszenierung von Elmar Goerden auf beeindruckende Weise auf das Denk- und Sprechhandwerk und somit auf Heesters\u2019 Stimme reduziert ist, zu sprechen. <em>Marias Testament<\/em> erz\u00e4hlt die Geschichte der Mutter Jesu, die ihren Sohn nicht besch\u00fctzen und vor dem grausamen Tod bewahren konnte, aus ihrer ganz individuellen Perspektive.<\/p>\n<p>Heesters beschrieb den Studierenden ihr Arbeitsprinzip, einen Text immer drei Monate vor Probenbeginn so zu lernen, so dass sie ihn bereits zu Probenbeginn komplett aus dem Ged\u00e4chtnis abrufen kann. Dadurch hat sie zur ersten Probe schon einen Fundus, der ver\u00e4nderbar ist und sich in den viereinhalb Wochen Proben und im Gespr\u00e4ch mit dem Regisseur verschieben kann. Die Spielhaltung wird dadurch meist erweitert oder vergr\u00f6\u00dfert. Diese Arbeitsweise erleichtert die Probennacharbeit, denn sie muss abends nach der Probe keinen Text lernen und kann somit viel freier proben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2591\" aria-describedby=\"caption-attachment-2591\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2591\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters2.jpg\" alt=\"Nicole Heesters\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2591\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Bo Lahola<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Studierenden thematisierten in der Diskussion die Inhalte des zentralen k\u00fcnstlerischen Faches Sprachgestaltung, wie beispielsweise die Arbeit mit inneren Bildern oder das Auffinden der individuellen Verkn\u00fcpfung mit dem Text, und waren erstaunt, wie zeitlos das Sprechhandwerk anwendbar ist. Den Sprechunterricht benannte Heesters als wesentliche Grundlage, die man beherrschen muss, um Gef\u00fchle wie Wut, Angst oder Freude zu transportieren. Sie erkl\u00e4rte, dass sie beim wiederholten Lesen von Texten h\u00e4ufig auf einen f\u00fcr sie besonderen Satz sto\u00dfe, der dann zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Arbeit an einem Text wird.<\/p>\n<p>In den Proben zu <em>Marias Testament<\/em> hat sie den Humor im Text des Dramas und vor allem die Aktualit\u00e4t des Stoffes gesucht. Sie geht immer von der aktuellen gesellschaftlichen Situation aus an Texte heran. So hat sie f\u00fcr dieses St\u00fcck keinen Bezug aus der Bibel gesucht, sondern Interviews von M\u00fcttern \u00fcber ihre sich radikalisierenden S\u00f6hne als Arbeitsmaterial herangezogen. Sie betonte die enorme Bedeutung dieser Aktualit\u00e4t f\u00fcr die Arbeit auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Eine zentrale Frage der Studierenden war, wie man den einen Gedanken findet, der die Gedanken eines Textes und einer Figur motiviert und so zur authentischen Sprache in Figur und St\u00fcck f\u00fchrt. Heesters erkl\u00e4rte, man m\u00fcsse sich immer auf die Suche machen und riet den Studierenden nach etwas Direktem und Realem zu suchen, etwa in der Stra\u00dfenbahn oder der Zeitung, reale Geschichten \u2013 denn diese f\u00fchren zu Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Heesters betonte, man solle stets so agieren, wie man ist, sich nicht verstellen, denn nur dann k\u00f6nne eine Rolle wachsen. Leidenschaftlich forderte sie die Studierenden auf, alles von sich in die jeweilige Rolle zu geben, sich ganz \u201ehineinzuschmei\u00dfen\u201c. Sie h\u00e4tte diesbez\u00fcglich viel von Regisseuren wie Peter Zadek und Klaus Michael Gr\u00fcber gelernt, es sei vor allem aber eine Sache der Erfahrung und \u00dcbung. Auch ihre Arbeit mit Andrea Breth sei in dieser Arbeitsweise ein Gl\u00fccksfall gewesen. Unabh\u00e4ngig von der Regie sei es aber stets die Arbeit am Text, die jede_r f\u00fcr sich leisten m\u00fcsse. Erst dann wachse man in seiner Arbeit gemeinsam mit der Regie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2593\" aria-describedby=\"caption-attachment-2593\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2593\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters3.jpg\" alt=\"Nicole Heesters\" width=\"1000\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters3.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters3-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Nicole_Heesters3-850x566.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2593\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Bo Lahola<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch durch das Zuschauen k\u00f6nnten die Studierenden sehr viel lernen, weshalb es wichtig sei, selbst ins Theater zu gehen. Sie zitierte dazu Humphrey Bogart, der gesagt haben soll: \u201eIch werde mich doch nicht beim Spielen erwischen lassen.\u201c<\/p>\n<p>Auch die sich wandelnde Theaterrealit\u00e4t war ein Thema. Heesters erz\u00e4hlte, es sei neu, dass nach den Proben oft nicht mehr weiter \u00fcber die gemeinsame Arbeit gesprochen werde.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher habe man sich hei\u00df geredet \u00fcber das St\u00fcck und weitergearbeitet. Der Beruf sei heute sehr solistisch geworden. Das Gespr\u00e4ch \u00fcber das St\u00fcck finde unter Kolleg_innen nicht mehr genug statt, was ihrer Meinung nach sehr schade ist. Es sei einer der wenigen Berufe, in dem man \u00e4lter werden k\u00f6nne, aber die Arbeit nicht leichter werde, die Verantwortung wachse, Wahrhaftigkeit geh\u00f6re immer dazu. Sie wolle nicht spielen, sie suche stets nach dem Moment, \u201ein dem es stimmt\u201c.<\/p>\n<p>Heesters hat mit nur 16 Jahren die Pr\u00fcfung am Max Reinhardt Seminar bestanden. Sie spielt nun seit 66 Jahren und sucht mit jeder Rolle immer wieder neu. Sie ist \u00fcberzeugt, dass man immer wieder von vorne anf\u00e4ngt, wieder bei null steht, zwar woanders, aber trotzdem bei null. Laut Heesters muss man den Beruf bis aufs Blut lieben und wollen und ein Leben lang daran arbeiten. Sie betont, so wie es am Seminar ist, werde es sp\u00e4ter nie mehr sein, denn hier h\u00e4tten die Studierenden Begleitung und w\u00fcrden beobachtet. Heesters selbst denkt wahnsinnig gern ans Seminar zur\u00fcck: Es sei so frei gewesen, man wurde begleitet, umsorgt, und alle waren f\u00fcr einen da.<\/p>\n<p>Heesters beendete das Gespr\u00e4ch mit dem Rat an die Seminarist_innen, die Zeit am Seminar wirklich zu n\u00fctzen, sich die Lehrenden zu \u201egreifen\u201c, flei\u00dfig zu sein und Dinge jetzt zu tun. Zum Schluss erkl\u00e4rte sie noch, sie k\u00f6nne verstehen, warum alle Schauspieler_innen werden wollen, denn es sei schlie\u00dflich ein wundersch\u00f6ner Beruf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eindr\u00fccke der Studierenden<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIhr Spirit hat mich beeindruckt. Das ist keine 82-j\u00e4hrige Frau! Max Reinhardts Spruch ,Steck\u2019 die Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast\u2018 macht voll viel Sinn, wenn man sie erlebt. Ihren Lebenswillen, so viel Neugier, immer wieder ausprobieren zu wollen, die Bereitschaft, ganz neu zu starten, und nie zu denken: ,Ich wei\u00df, wie es geht\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wiebke Yervis<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eIch fand es sehr sch\u00f6n, wie sie vom Leben am Theater gesprochen hat, die Geschichten von damals. Das Leben in der Kantine, der Kantinenwirt der mitdiskutierte \u00fcber die St\u00fccke. Ihr unaufh\u00f6rliches Brennen. Dass es um mehr geht als die Frage danach, ob man gut war. Dass es um das Leben geht und auch das \u00dcberleben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Leonhard Hugger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eIch fand es sehr cool, dass sie mit uns \u00fcber ihre pers\u00f6nliche Herangehensweise an den Text gesprochen hat. Dass sie drei Monate vorher den Text lernt und ihn vor Probenbeginn schon v\u00f6llig verinnerlicht hat und w\u00e4hrend der laufenden Vorstellungen am Text weiterarbeitet und nicht nur das Endprodukt der Premiere wiederholt und somit die Arbeit nie fertig ist \u2013 ich fand das wichtig, dass man sich das immer wieder ins Ged\u00e4chtnis ruft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Elias Kirschgens","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende des 2. Studienjahres der Sprachgestaltungsklasse von Annett Matzke, Tamara Metelka und Florian Reiners trafen Ende November, nach dem gemeinsamen Vorstellungsbesuch von Nicole Heesters derzeit gefeiertem Solost\u00fcck Marias Testament von Colm T\u00f3ib\u00edn im Theater in der Josefstadt, die Charakterschauspielerin und Absolventin des Max Reinhardt Seminars zum Gespr\u00e4ch. Nicole Heesters spielte im Verlauf ihrer bereits 66 &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":2591,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[705,43,44,727,82],"class_list":["post-2589","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-drama","tag-2019-1","tag-acting","tag-max-reinhardt-seminar","tag-nicole-heesters","tag-schauspiel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/54"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2589"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2724,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2589\/revisions\/2724"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}