{"id":2554,"date":"2019-02-25T16:10:12","date_gmt":"2019-02-25T15:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2554"},"modified":"2019-05-08T13:41:14","modified_gmt":"2019-05-08T11:41:14","slug":"rotting-sounds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/02\/25\/rotting-sounds\/","title":{"rendered":"rotting sounds"},"content":{"rendered":"<strong>\u00dcber den zeitlichen Verfall von digitalem Audio: sich dem Verderben hingeben<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePure, perfect sound \u2013 forever\u201c lautete der Marketing-Slogan, der von der Firma Philips zur Einf\u00fchrung der digitalen Compact Disc zu Beginn der 1980er-Jahre verwendet wurde. Seither sind fast vierzig Jahre vergangen und der weit \u00fcberwiegende Anteil des Medienangebots, Audio wie Video, wird mittlerweile in digitaler Form produziert und gespeichert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2556\" aria-describedby=\"caption-attachment-2556\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2556\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/digitaler_klang.jpg\" alt=\"Digitaler Klang\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/digitaler_klang.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/digitaler_klang-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/digitaler_klang-300x297.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2556\" class=\"wp-caption-text\">Auf Papier gedruckte Repr\u00e4sentation von digitalem Klang in 1-Bit-Codierung. Bei der R\u00fcckumwandlung in Musik ist mit Artefakten zu rechnen. \u00a9Thomas Grill<\/figcaption><\/figure>\n<p>Allerdings hat an der glatten Fassade der digitalen Medientechnologie merklich der Zahn der Zeit genagt. Unsere t\u00e4gliche Erfahrung beweist, dass die Technologie und ihr Datenmaterial im Gegensatz zur proklamierten Perfektion einem Verfallsprozess unterliegen und sie sich auf Dauer in verschiedener Weise zersetzen. Dies betrifft die Physis von Speichermedien und Abspielger\u00e4ten wie auch Medienformate und Software im Kontext ihrer technologischen Infrastruktur.<\/p>\n<p>Das k\u00fcnstlerische Forschungsprojekt \u201eRotting sounds \u2013 Embracing the temporal deterioration of digital audio\u201c (in der deutschen \u00dcbersetzung \u201eVerrottende Kl\u00e4nge \u2013 \u00fcber den zeitlichen Verfall von digitalem Audio: sich dem Verderben hingeben\u201c) besch\u00e4ftigt sich mit den Ursachen, Mechanismen und Effekten solcher Verfallserscheinungen, speziell im Kontext von digitalen Kl\u00e4ngen. Das Projekt wird durch die PEEK-Schiene (Programm zur Entwicklung und Erschlie\u00dfung der K\u00fcnste) des \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds FWF gef\u00f6rdert und startete im Mai 2018. Es ist eine Kooperation zwischen der mdw \u2013 Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien, der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien (vertreten durch den Klangk\u00fcnstler Till Bovermann) und der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien (in Person der Restauratorin Almut Schilling).<\/p>\n<figure id=\"attachment_2557\" aria-describedby=\"caption-attachment-2557\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2557\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds1.jpg\" alt=\"Rotting Sounds\" width=\"1000\" height=\"674\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds1.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds1-300x202.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds1-768x518.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds1-850x573.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2557\" class=\"wp-caption-text\">Notizen und Skizzen aus dem Rotting-Sounds-Forschungsalltag von Till Bovermann und Almut Schilling.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>These: Technologische Produkte jeder Art verfallen unaufhaltsam.<\/strong><\/p>\n<p>Degradation ist nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik mit der Zunahme der Entropie verkn\u00fcpft und l\u00e4sst sich nur tempor\u00e4r beziehungsweise lokal, aber nicht generell, aufhalten. Obsoleszenz ist dabei ein Schl\u00fcsselbegriff f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der Abnutzung und des Funktionsverlustes innerhalb eines \u00d6kosystems, das f\u00fcr komplexe digitale Medientechnologien eine bedeutende Rolle spielt. Es ist unser wesentlichstes Anliegen, f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Praxis bislang unbekannte Freiheitsgrade im Umgang mit der Allgegenwart des Verfalls zu entdecken und prototypisch einzusetzen.<\/p>\n<p>Folgende Forschungsfragen sind dabei zentral: Wie k\u00f6nnen derartige Ph\u00e4nomene innerhalb der Klangkunst verstanden, ausgel\u00f6st, reproduziert, gesteuert und gen\u00fctzt werden? Was sind die Mechanismen und Auswirkungen von Obsoleszenz in Hard- und Software? Wie kann man den Prozess des Verfalls in der digitalen Dom\u00e4ne modellieren und was sind seine Produkte und \u00dcberreste? Welche sind die Einfl\u00fcsse der Umgebung und menschlicher Interaktion?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2558\" aria-describedby=\"caption-attachment-2558\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2558\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds2.jpg\" alt=\"Rotting Sounds\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds2-850x638.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2558\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Till Bovermann \/ Almut Schilling<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>These: Digitale (und andere) Artefakte sind zu einem erheblichen Ausma\u00df Produkte der Symptome ihres Verfalls.<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn des Projekts werden in Theorie und Experiment die Grundlagen und Mechanismen des Verfalls erforscht und europaweit werden Workshops organisiert, um k\u00fcnstlerisch relevante Konzepte zu erarbeiten. Das Team arbeitet mit internationalen Expert_innen wie Marije Baalman, Martin Howse und Martin Gasser an grundlegenden, offenen und leicht zug\u00e4nglichen Technologien f\u00fcr digitales Audio, die dann als Basis f\u00fcr Experimente dienen. Besonderes Augenmerk gilt auch den g\u00e4ngigen und m\u00f6glichen Repr\u00e4sentationen von Musik in der digitalen Dom\u00e4ne, in der Form von Symbolen, Bitstr\u00f6men oder auf Basis von Algorithmen. Weitere Untersuchungen betreffen Datentr\u00e4ger, elektronische Schaltkreise, Programmcodes und deren logische und physische Umgebungen, ganz speziell Aspekte der menschlichen Interaktion.<\/p>\n<p><strong>These: Um Verfallsprozesse zu verstehen, gilt es <\/strong><strong>komplexe technologische Systeme zu meiden.<\/strong><\/p>\n<p>Im Zentrum der Forschung stehen k\u00fcnstlerische Ausdrucksformen, die die generellen Fragestellungen thematisieren. Prototypische musikalische Kompositionen, vorrangig f\u00fcr Lautsprecher, Klanginstallationen und ganz besonders auch medien\u00fcbergreifende Werke werden entwickelt. Ausgew\u00e4hlte Positionen werden vollst\u00e4ndig ausgearbeitet und der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume oder in herausfordernden Umgebungen ausgesetzt. Daf\u00fcr steht am Campus der mdw das \u201eAlte Auditorium\u201c zur Verf\u00fcgung, ein nicht renovierter H\u00f6rsaal an der R\u00fcckseite des Bibliotheksgeb\u00e4udes, der als Klanglabor und Ausstellungsraum genutzt wird. Am 29. M\u00e4rz wird der Raum feierlich er\u00f6ffnet und danach eingeschr\u00e4nkt \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sein. Die zun\u00e4chst ausgestellten Arbeiten befassen sich mit langfristigen Transformationsprozessen von Klang in seiner Umgebung, gepr\u00e4gt von den verwendeten Materialien und Umwelteinfl\u00fcssen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2560\" aria-describedby=\"caption-attachment-2560\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2560\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds3.jpg\" alt=\"Rotting Sounds\" width=\"1000\" height=\"663\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds3.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds3-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds3-768x509.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/rotting_sounds3-850x564.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2560\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Till Bovermann \/ Almut Schilling<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Maxime: Verb\u00fcnden wir uns mit dem Verfall und begreifen wir ihn als Transformation.<\/strong><\/p>\n<p>Das Vorhaben wird als Leuchtturmprojekt gesehen, das die Aufmerksamkeit gegen\u00fcber weitgehend unerforschten Eigenschaften von digitalem Klang als einer Hauptkomponente zeitgen\u00f6ssischer Kunst und entsprechend weitverbreiteter Technologie verst\u00e4rkt. Das generelle Bewusstsein die Materialit\u00e4t, Fragilit\u00e4t und den sozio-\u00f6konomischen Kontext digitaler Daten betreffend soll gehoben werden, indem diese Themen in der breiteren k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen \u00d6ffentlichkeit diskutiert und verbreitet werden. Der Zugang ist im Grunde invers zu typischen technologischen oder wissenschaftlichen Methoden: Anstatt nach Wegen zur \u00dcberwindung eines allgemein so verstandenen Defekts zu suchen, ist der Vorschlag des Projektteams, diesen vollends anzuerkennen und als k\u00fcnstlerische Option zu verstehen, sodass sich potenzieller Schaden zu einem Nutzen wandelt.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/rottingsounds.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">rottingsounds.org<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den zeitlichen Verfall von digitalem Audio: sich dem Verderben hingeben \u201ePure, perfect sound \u2013 forever\u201c lautete der Marketing-Slogan, der von der Firma Philips zur Einf\u00fchrung der digitalen Compact Disc zu Beginn der 1980er-Jahre verwendet wurde. 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