{"id":2390,"date":"2018-11-29T09:20:14","date_gmt":"2018-11-29T08:20:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2390"},"modified":"2018-11-30T11:55:35","modified_gmt":"2018-11-30T10:55:35","slug":"diversitaet-in-wissenskulturen-ein-tagungsrueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/diversitaet-in-wissenskulturen-ein-tagungsrueckblick\/","title":{"rendered":"Diversit\u00e4t in Wissenskulturen \u2013 ein Tagungsr\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<strong>Was wissen wir \u00fcber das Wissen und wie steht es im Zusammenhang mit Gender und Diversit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Die bereits zum sechsten Mal stattfindende Jahrestagung der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Geschlechterforschung (\u00d6GGF) wurde dieses Jahr von der mdw veranstaltet und versammelte 250 Teilnehmer_innen zu den Themen \u201eWissenskulturen und Diversit\u00e4t. Positionen, Diffraktionen, Partizipationen\u201c.<\/p>\n<p>Das Tagungsteam (Andrea Ellmeier, Birgit Huebener, Doris Ingrisch, Ela Posch) legten heuer den Fokus auf k\u00fcnstlerisch-wissenschaftliche Formate und luden Vertreter_innen aller wissenschaftlicher, k\u00fcnstlerischer und technischer Disziplinen ein, diesen Raum f\u00fcr Reflexion, Wissensaustausch und Kritik zu nutzen. Von 27. Bis 29. September pr\u00e4sentierten mehr als 100 Referent_innen ihre Forschungen und diskutierten \u00fcber das Zirkulieren von verschiedenen Wissensformen sowie deren Wirkm\u00e4chtigkeit im Verh\u00e4ltnis zu den Dimensionen Gender und Diversit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>\u201eI found the conference to be a highly open space of interdisciplinarity, adding dimension to the usual compositions and conversations of that notion via discussions and interventions of aesthetics, life practices, disparate iterations and methodologies; a highly creative and intellectually inclusive zone.<\/em>\u201c<br \/>\nDorothy Geller, Tagungsteilnehmer_in<\/p>\n<p><strong>Aktualit\u00e4t und gesellschaftliche Brisanz <\/strong><\/p>\n<p>Die aussichtsreichen Er\u00f6ffnungsworte durch Rektorin Ulrike Sych, Gerda M\u00fcller (Vizerektorin f\u00fcr Organisationsentwicklung, Gender und Diversity\/mdw), Iris Rauskala (Sektionschefin f\u00fcr Wissenschaft und Forschung, Bundesministerium f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Forschung), Maria Mesner (Obfrau der \u00d6GGF), Andrea Ellmeier (Leiterin der Stabstelle Gleichstellung, Gender Studies und Diversit\u00e4t\/mdw) und Doris Ingrisch (Professorin am Institut f\u00fcr Kulturmanagement und Gender Studies\/mdw) fanden ihren H\u00f6hepunkt mit Katharina Klements k\u00fcnstlerischem Beitrag<em> Vessel 1.3<\/em>, wodurch das vielseitige Tagungsprogramm in seinem transdisziplin\u00e4ren Spektrum auch klanglich dargeboten wurde.<\/p>\n<p>Bereits die Rahmung durch die Keynote Lectures zweier namhafter Vertreterinnen der historischen und aktuellen Geschlechterforschung spannte einen brisanten Themenbogen: Die 1938 vom nationalsozialistischen Regime ins Exil gezwungene Literaturwissenschaftlerin und Psychologin Evelyn Torton Beck dokumentierte entlang ihrer eigenen Biografie den historischen Verlauf einer feministischen Forschungsgeschichte, w\u00e4hrend die Kultursoziologin Shirley-Anne Tate die im Diversit\u00e4tsdiskurs zentrale Fragen des institutionellen Rassismus ins Zentrum ihrer h\u00f6chst brisanten Analyse zu Diskriminierungsmechanismen im Wissenschaftsfeld stellte.<\/p>\n<p><em>\u201eFor me, Professor Tate\u2019s lecture was timely both on a personal level and on a political level. So many black people and people of colour suffer in white spaces and do so in silence, since their struggles are delegitimised and depoliticised. It was clear that this was a shared sentiment throughout her lecture where BPoC audience members were triggered to relive memories of when\u00a0they had even doubted themselves, their own feelings. I found it necessary and relieving to finally have had our feelings put into words we previously could not articluate.\u201d<br \/>\n<\/em>Tonica Hunter, Tagungsteilnehmer_in<\/p>\n<p><strong>Pre-Conference &amp; Postersession<\/strong><\/p>\n<p>Die gemeinsam mit der Arbeitsgruppe <em>Perspektiven der deutschen Fachgesellschaft f\u00fcr Geschlechterstudien<\/em> (fg-gender.de\/arbeitsgruppen\/perspektiven) veranstaltete Pre-Conference der AG Nachwuchs der \u00d6GGF (oeggf.at\/ag-nachwuchs) war sehr gut besucht. In einem World-Caf\u00e9-Format wurden die drei Themenbereiche <em>Prekarit\u00e4ten im Wissenschaftsbetrieb<\/em>, <em>Angriffe auf die Gender Studies<\/em> und <em>Kritische Wissensproduktion und Zugang zu den Gender Studies<\/em> diskutiert sowie m\u00f6gliche und bereits umgesetzte Strategien er\u00f6rtert und Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten der jeweiligen Fachgesellschaften diskutiert.<\/p>\n<p><em>\u201eDie AG Nachwuchs und die AG Perspektiven freuen sich \u00fcber die rege Teilnahme an der pre-conference 2018 und laden alle Interessierten zu den jeweiligen Arbeitsgruppen ein!\u201c<br \/>\n<\/em>AG Nachwuchs_Perspektiven<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das breitgef\u00e4cherte Spektrum der Tagung wurde zudem in der Postersession deutlich: vom Themenfeld der Sexualisierten Gewalt in der Musiktherapie \u00fcber Geschlechtssensible Lehre und Diversit\u00e4t bis hin zu Open Access Publikationsplattform f\u00fcr die Geschlechterforschung luden die Beitragenden auf anschauliche Weise ein, sich Informationen zu spezifischen Forschungsschwerpunkten einzuholen.<\/p>\n<p><strong>Kunst und Wissenschaften im Dialog<\/strong><\/p>\n<p>Dem seit Jahren viel diskutierten Verh\u00e4ltnis von den Wissenschaften und den K\u00fcnsten wurde dieses Jahr ein besonderes Augenmerk geschenkt \u00ad\u2013 in sowohl k\u00fcnstlerisch-experimentellen Forschungsans\u00e4tzen als auch in dialogischen und k\u00fcnstlerisch-wissenschaftlichen Formaten (Bsp. <em>Forschen zwischen Wissenschaft und Kunst<\/em> oder <em>Feministische, k\u00fcnstlerische, kollektive Praxen als spezifische Formen der Wissensproduktion<\/em>).<\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>There is one thing that is very important, to do your research, to find your voice, to find the language that\u2019s right for you, and that comes to the uses of art because I always used art as a form of theory building for history. Art is not separated from theory or from history or from any of the themes that we use in Gender Studies.\u201c<br \/>\n<\/em>Evelyn Torton Beck, Keynote Speaker<em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>Der zweite Konferenzabend f\u00fchrte in die nahegelegenen <em>Shared Spaces<\/em> im <em>Das Packhaus<\/em> mit DJ* I:ONIZE vom <em>Brunnhilde Kollektiv<\/em> (brunnenpassage.at\/brunnhilde) und einer Performance der K\u00fcnstlerin COCO BECHAMEL. (musicaustria.at\/tag\/karolina-preuschl)<\/p>\n<p><strong>Von einer Dekolonisierung des Wissens<\/strong><\/p>\n<p>Mehrere Panels widmeten sich dem Nachdenken \u00fcber hegemoniale Formen der Wissensproduktion und reflektierten die st\u00e4rker werdende Kritik an der inh\u00e4renten epistemischen Gewalt hegemonialer Wissensformen\/-r\u00e4ume (bspw. akademisches Wissen). Befragt wurde insbesondere eine wei\u00dfe Theoriebildung hinsichtlich Ein- und Ausschl\u00fcssen unterschiedlicher Wissenspraktiken. Beispielsweise wurde in den Panels <em>Auseinandersetzungen mit dekolonialer Wissensproduktion und postkolonialen Kontexten<\/em> und <em>Freiheiten und dekoloniale Praxen <\/em>\u00fcber Dekolonisierung nicht nur als analytische Perspektive nachgedacht, sondern auch \u00fcber die Entwicklung und Umsetzung dekolonialer Praxen innerhalb historisch gewachsener Wissensordnungen.<\/p>\n<p><em>\u201eDekolonisierung bedeutet auch den naturalistischen Epistemologien und Ontologien, d.h. westlich-rationalistischen Kosmologien, die sich als einzig g\u00fcltige pr\u00e4sentieren entgegenzuwirken. Ihnen zugrunde liegen der Glaube einer strikten Trennung von Natur und Kultur wie auch von K\u00f6rper und Geist sowie die Notwendigkeit, Natur (und den damit\u00a0<\/em><em>assoziierten K\u00f6rper) so weit als m\u00f6glich zu beherrschen. Einzig die mittels (natur-) wissenschaftlicher Methoden empirisch fassbare Realit\u00e4t wird als g\u00fcltig anerkannt; andere Ontologien und mit ihnen einhergehende Epistemologien werden als Unsinn und Aberglaube abgewertet. Alle Marginalisierten (Gloria Anzald\u00faas New Mestiza, siehe unten), sind aufgefordert, die begrenzte Bedeutung des Naturalismus aufzuzeigen.\u201c<br \/>\n<\/em>Patricia Zuckerhut, Vortragende<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em>Asombra pensar que nos hemos quedado en ese pozo oscuro donde el mundo en-cierra a las lesbianas. Asombra pensar que hemos, como feministas y lesbianas, cerrado nuestros corraz\u00f3nes a los hombres, a nuestros hermanos los jotos, des-heredados y marginales como nosotros.<em> Being the supreme crossers of cultures, homosexuals have strong bonds with the <\/em><em>queer white, Black, Asian, Native American, Latino, and with the queer in Italy, Australia and the rest of the planet. We come from all colors, all classes, all races, all time periods.\u201d<br \/>\n<\/em>Gloria Anzald\u00faa 2007: 106;<\/p>\n<p><strong>Der K\u00f6rper als politischer Ort <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>We recognize that all knowledge is mediated through the body and that feeling is a profound source of information about our lives.\u201d<br \/>\n<\/em>Audre Lorde (in: Mich\u00e8le Alexandre: <em>Sexploitation<\/em>, New York: Routledge 2015, 48)<\/p>\n<p>Neben zahlreichen akademischen Panels boten die Formate des Dialogforums, des Open Space, der Performance Lectures sowie der k\u00fcnstlerischen Beitr\u00e4ge vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, unterschiedlichen Wissensformen zu begegnen. Bereits am ersten Abend stand mit Doris Uhlichs Performance \u201eSeismic Dancer\u201c (in Zusammenarbeit mit DJ Boris Kopeinig) der menschliche K\u00f6rper und die Philosophie des Fleisches im Zentrum, welcher (Erfahrungs-)Spuren einlagert und archiviert. Inspiriert von queeren Denker_innen wie Sara Ahmed oder Paul B. Preciado stellte auch Elisabeth Sch\u00e4fer in ihrer philosophisch-performativen Auseinandersetzung erneut Fragen zur Aktualit\u00e4t der K\u00f6rper als Orte des Politischen. Zahlreiche Beitr\u00e4ge nahmen auf K\u00f6rperwissen und &#8211; erfahrung im historischen und gegenw\u00e4rtigen Zusammenhang Bezug, wie etwa queere Begehrensformen, Sexualisierungs- und Pornographisierungsprozesse und sexualisierte Gewalt (Bsp. <em>Homo- und Bisexualit\u00e4ten<\/em>, <em>Queer-feministische Perspektiven auf Literaturproduktion<\/em>)<\/p>\n<p><strong>Die mdw als Akteur_in \u2013 Akteur_innen der mdw<\/strong><\/p>\n<p>Seit ihrem Entstehen war mit der mdw zum dritten Mal eine Kunstuniversit\u00e4t Gastgeberin einer \u00d6GGF-Jahrestagung. Die mdw war nicht nur im Panel \u201eMusik\/Wissenschaft\u201c mit interdisziplin\u00e4ren Beitr\u00e4gen stark vertreten, sondern auch in Form von Panelmoderationen, zahlreichen Einzelbeitr\u00e4gen sowie beim Podiumsgespr\u00e4ch \u201eWissenschaftliche Karrierewege: Feministische Perspektiven\u201c. Hier wurden entlang von individuellen Karrierewegen aktuelle Herausforderungen des Gender Gap im Wissenschaftsbetrieb diskutiert. (Beitragende: Andrea Ellmeier, Julia Fent, Karoline Feyertag, Magdalena F\u00fcrnkranz, Juri Giannini, Ursula Hemetek, Annegret Huber, Doris Ingrisch, Olja Janjus, Therese Kaufmann, Marko K\u00f6lbl, Ruth Maria Perfler, Doris Piller, Ela Posch, Rosa Reitsamer, Angelika Silberbauer, Cornelia Szabo-Knotik, Melanie Unseld)<\/p>\n<p>Insgesamt kann auf eine erfolgreiche Tagung zur\u00fcckgeblickt werden, die zwar nicht alle Fragen beantwortet, jedoch zahlreiche neue Perspektiven hinsichtlich Diversit\u00e4t in Wissenskulturen aufgezeigt und f\u00fcr zuk\u00fcnftige Forschungen angeregt hat.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Atmosph\u00e4re, die Vielfalt an M\u00f6glichkeiten und Begegnungsformen war beeindruckend, auch die Kooperation mit Akteur_innen jenseits der Akademie war sehr gelungen! Was bleibt, ist die Ermutigung zur weiteren Erprobung experimenteller Formen des inhaltlichen und\u00a0 politischen Austauschs.\u201c<br \/>\n<\/em>Monika Bernold, Chair<\/p>\n<ul>\n<li>Das gesamte Programm k\u00f6nnen Sie hier nachlesen:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/oeggf2018\/programm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.mdw.ac.at\/oeggf2018\/programm<\/a><\/li>\n<li>Ein Book of Abstracts finden Sie hier:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/upload\/MDWeb\/oeggf2018\/downloads\/180911_OEGGF_Abstrachtbroschure_2018_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.mdw.ac.at\/upload\/MDWeb\/oeggf2018\/downloads\/180911_OEGGF_Abstrachtbroschure_2018_web.pdf<\/a>\u00a0(pdf)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was wissen wir \u00fcber das Wissen und wie steht es im Zusammenhang mit Gender und Diversit\u00e4t? 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