{"id":2372,"date":"2018-11-29T09:10:50","date_gmt":"2018-11-29T08:10:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2372"},"modified":"2018-11-29T09:10:50","modified_gmt":"2018-11-29T08:10:50","slug":"ecmaster-kammermusikstudium-auf-internationalem-spitzenniveau-dank-bologna-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/ecmaster-kammermusikstudium-auf-internationalem-spitzenniveau-dank-bologna-prozess\/","title":{"rendered":"ECMAster: Kammermusikstudium auf internationalem Spitzenniveau dank Bologna-Prozess"},"content":{"rendered":"Am 1. November wurde der ECMAster, der European Chamber Music Master, offiziell eingef\u00fchrt. Es handelt sich hierbei um ein zweij\u00e4hriges Joint Programme f\u00fcr bereits existierende Kammermusik-Ensembles auf Masterniveau. Das Netzwerk der am Programm teilnehmenden Partnerorganisationen umfasst sieben f\u00fchrende Institutionen im Bereich der h\u00f6heren Musikausbildung in Wien, Den Haag, Oslo, Paris, Manchester, Vilnius und Fiesole. Sie alle agieren in enger Zusammenarbeit mit der <a href=\"https:\/\/www.ecma-music.com\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">European Chamber Music Academy \u2013 ECMA<\/a>.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist nur wenigen bekannt, dass die Idee zum ECMAster auf ein Vorg\u00e4ngerprogramm des heutigen Erasmus+-Programms zur\u00fcckgeht, das in den sp\u00e4ten 1990er-Jahren im Rahmen des europ\u00e4ischen Sokrates-Programms stattfand. Es trug den Namen <em>Curriculum Development of Post-Graduate Courses for Chamber Music<\/em> und erforschte die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine institutionelle Zusammenarbeit auf europ\u00e4ischer Ebene im Bereich der Kammermusik. Dabei wurde innerhalb eines kleinen europ\u00e4ischen Musikhochschul-Netzwerks namens Polyphonia, das auch die mdw miteinschloss und vom Konservatorium Utrecht koordiniert wurde, geforscht. Polyphonia entwickelte sich sp\u00e4ter zum weitaus gr\u00f6\u00dferen Erasmus-Netzwerk f\u00fcr Musik, Polifonia, das von 2004 bis 2014 von der European Association of Conservatoires (AEC) koordiniert wurde.<\/p>\n<p>Es ist durchaus interessant die Berichte des urspr\u00fcnglichen Sokrates-Projekts zu lesen. Da dieses Programm vor dem Bologna-Prozess stattfand, zeigt sich deutlich, dass die Institutionen mangels einer gemeinsamen Terminologie und eines gegenseitigen Verst\u00e4ndnisses der jeweiligen Bildungssysteme vor gro\u00dfen Herausforderungen standen. Eine Arbeitsgruppe ermittelte das Fehlen von detaillierten Kursbeschreibungen sowie Unterrichtsmaterialien im Bereich der Kammermusik, und daher beschloss man, den kammermusikalischen Musikunterricht an den unterschiedlichen Institutionen durch eine Reihe von \u201eErkundungsmissionen\u201c zu erforschen und Kammermusiklehrende aus ganz Europa miteinander in Kontakt zu bringen. In der Arbeitsgruppe, der Johannes Meissl sowie der Autor dieses Beitrags angeh\u00f6rten, wurde viel dar\u00fcber diskutiert (vielleicht w\u00e4re es angemessener, zu sagen, es wurde viel davon getr\u00e4umt), wie ein intensiver Austausch im Bereich der Kammermusik stattfinden k\u00f6nnte, aber es war damals evident, dass es keinen geeigneten Rahmen gab, um diese Ideen weiterzuentwickeln. Am Ende seiner Laufzeit war das konkreteste Produkt des Projekts ein Bericht, der die unterschiedlichen Ans\u00e4tze im Bereich der Kammermusiklehre an den verschiedenen Institutionen beschrieb. Die Arbeitsgruppe wurde zwar aufgel\u00f6st, aber durch sie waren neue Ideen entstanden und ein informelles, internationales Netzwerk aus Kammermusik-Lehrenden hatte sich gebildet.<\/p>\n<p>In den darauffolgenden Jahren \u00e4nderte sich die Landschaft europ\u00e4ischer Hochschulbildung radikal. Infolge des 1999 angelaufenen\u00a0Bologna-Prozesses wurde nun in ganz Europa die Bachelor\/Master-Struktur eingef\u00fchrt und damit auch neue Werkzeuge wie ECTS-Punkte und Qualifikationsprofile. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, das h\u00e4tte nur zu noch mehr Bildungsb\u00fcrokratie gef\u00fchrt, aber dabei handelte es sich um Werkzeuge, die auf europ\u00e4ischer Ebene ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die jeweiligen nationalen Bildungssysteme und -Zug\u00e4nge erm\u00f6glichen sollten. Die Mitglieder der urspr\u00fcnglichen Sokrates-Arbeitsgruppe waren auch in verschiedene europ\u00e4ische Entwicklungen involviert: Johannes Meisel war einer der Initiatoren der ECMA und der Autor dieses Beitrags war viele Jahre f\u00fcr die European Association of Conservatoires (AEC) t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Die erneute Zusammenarbeit einiger Mitglieder der ersten Sokrates-Arbeitsgruppe im Rahmen des strategischen Partnerschaftsprojekts <em>ECMA \u2013 Next Step<\/em> im Zuge von Erasmus+ war ein klares Zeichen daf\u00fcr, wie sehr sich die Zeiten ge\u00e4ndert hatten. Dieses Projekt wurde von 2015 bis 2018 unter der Koordination der Norwegischen Musikhochschule in Oslo ausgef\u00fchrt. Es vereinte sowohl die Philosophie einer europ\u00e4ischen Kooperation im Bereich der Kammermusik auf h\u00f6chstem Niveau, verk\u00f6rpert durch die ECMA, als auch Vorteile des Bologna-Prozesses, der seinerseits einen geeigneten Rahmen f\u00fcr eine europ\u00e4ische Kooperation im Bereich der universit\u00e4ren Bildung entwickelt hatte.<\/p>\n<p>Das Projekt <em>ECMA \u2013 Next Step<\/em> verfolgte zwei Hauptziele: Zum einen wurde ein integriertes Joint-Master-Programm entwickelt, das an sieben europ\u00e4ischen Musikhochschulen angeboten werden sollte, wodurch Ensembles von der Kultur und Expertise verschiedener Institutionen profitieren und ein wirklich internationales Netzwerk aufbauen sollten, zum anderen widmete sich das Projekt im Hinblick auf einen internationalen Studiengang der Kammermusiklehre verwandten Themen, wie Unterrichtsmethoden und Evaluierungsmittel. Die gesammelten Erkenntnisse flossen in die Publikation <em>Teaching and Learning Chamber Music<\/em> ein, in der zahlreiche Fragestellungen der Kammermusiklehre beleuchtet werden. Im Laufe des Projekts entstanden auch einige Videos unterschiedlicher ECMA-Sessions, diese kann man auf der ECMA-Website (unter ecma-music.com) finden. Das wohl wichtigste Ergebnis dieses Projekts \u2013 n\u00e4mlich die Gr\u00fcndung des ECMAsters \u2013 wurde im September unter der kompetenten F\u00fchrung von Kjetil Solvik und Tone Jordhus an der Norwegischen Musikhochschule finalisiert.<\/p>\n<p>Der Masterlehrgang ist so aufgebaut, dass im Laufe der zwei Studienjahre zwei Pflichtsemester an zwei unterschiedlichen Gastinstitutionen mithilfe des Erasmus+-Mobilit\u00e4tsfonds zu absolvieren sind. Daher werden die teilnehmenden Ensembles das erste und vierte Semester an ihrer Alma Mater absolvieren und das zweite sowie das dritte Semester an jeweils einer Partneruniversit\u00e4t. Dar\u00fcber hinaus nehmen die Ensembles auch an mindestens sechs ECMA-Sessions teil, wodurch sie Zugang zu einem europ\u00e4ischen Netzwerk f\u00fcr Kammermusik-Berufe erhalten. Dank solcher ma\u00dfgeschneiderter Curricula erm\u00f6glicht es der ECMAster den Studierenden, ihre besonderen k\u00fcnstlerischen, technischen, selbstreflexiven und sozialen F\u00e4higkeiten weiter zu entwickeln und daraus als starke, unabh\u00e4ngige und innovative Ensemblemusiker_innen heraus zu gehen, die die hohen professionellen Standards der k\u00fcnftigen Musikszene erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Die zum Studium zugelassenen Kammermusikensembles profitieren somit von der Expertise, der Kultur und der Tradition dreier unterschiedlicher musikalischer Institutionen in drei europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n zu sehen, dass alte Tr\u00e4ume doch noch in Erf\u00fcllung gehen k\u00f6nnen \u2013 auch wenn das manchmal viele Jahre dauern kann. Nichtsdestotrotz wird der neue ECMAster jungen Musiker_innen aus der ganzen Welt, die den Ehrgeiz haben, ihr K\u00f6nnen zu perfektionieren und ihr Wissen in einem internationalen Ambiente zu erweitern, aufregende M\u00f6glichkeiten bieten. Man kann nur hoffen, dass dieser au\u00dfergew\u00f6hnliche Studiengang auch f\u00fcr weitere musikalische F\u00e4cher eine Vorbildfunktion haben wird, indem er zeigen wird, wie bereichernd eine europ\u00e4ische Kooperation f\u00fcr Studierende, Lehrende, Institutionen und letztendlich (und am wichtigsten) auch f\u00fcr die gro\u00dfe Kunst der Kammermusik selbst sein kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Der ECMaster an der mdw<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Kammermusik heute zu den international wahrgenommenen Profilst\u00e4rken der mdw z\u00e4hlt und das Joseph Haydn Institut f\u00fcr Kammermusik, Alte Musik und Neue Musik der mdw als weltweit f\u00fchrend betrachtet wird, gr\u00fcndet auf einer bewusst gew\u00e4hlten Strategie: Regelm\u00e4\u00dfige kammermusikalische Besch\u00e4ftigung aller Konzertfach-Studierenden an der mdw wird curricular, durch verschiedenste Projekte am Haus und durch eine h\u00f6chst aktive Vermittlung zu Auftritten gef\u00f6rdert. F\u00fcr Intensivierung und Spezialisierung besteht durch die Anbindung an internationale Netzwerke die M\u00f6glichkeit sich permanent am internationalen Spitzenniveau zu orientieren und es mitzupr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des Joseph Haydn Instituts war daher von Beginn an ganz eng mit den Initiativen auf europ\u00e4ischer Ebene vernetzt. Die Mitarbeit im Polyphonia-Projekt hat entscheidend dabei geholfen, die Kammermusik an der mdw zu strukturieren und schrittweise curricular auch als zentrales k\u00fcnstlerisches Fach zu implementieren.<\/p>\n<p>Der wichtigste Schritt war die aktive Rolle des Joseph Haydn Instituts (und der mdw) beim Aufbau der ECMA, der European Chamber Music Academy, die seit 2004 besteht und seit 2007 als Verein mit Sitz in Wien organisiert ist. Derzeit bilden neun Partneruniversit\u00e4ten und Festivals in ganz Europa die Kernfamilie, die mit einer immer gr\u00f6\u00dferen Zahl von Veranstalter_innen, Festivals und weiteren Schulen in verschiedensten Formaten kooperiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr die reiche Kammermusikszene an der mdw mit ihren schon bestehenden, verschiedenen curricularen M\u00f6glichkeiten \u2013 von Schwerpunkt und Profil im Instrumentalstudium bis zum Masterstudium und Postgraduallehrgang \u2013 ist der ECMAster jetzt die lang gereifte \u201echerry on the cake\u201c!<\/p>\n<ul>\n<li>Mehr Infos unter <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ecmaster\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mdw.ac.at\/ecmaster<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Text: Johannes Meissl<\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. November wurde der ECMAster, der European Chamber Music Master, offiziell eingef\u00fchrt. 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