{"id":2368,"date":"2018-11-29T09:11:24","date_gmt":"2018-11-29T08:11:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2368"},"modified":"2018-11-29T09:11:24","modified_gmt":"2018-11-29T08:11:24","slug":"anna-froehlich-1793-1880","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/anna-froehlich-1793-1880\/","title":{"rendered":"Anna Fr\u00f6hlich (1793\u20131880)"},"content":{"rendered":"<strong>Sie war die erste Professorin der mdw sowie Inspiratorin von spiel|mach|t|raum im Studienjahr 2018\/19.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2369\" aria-describedby=\"caption-attachment-2369\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2369\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/froehlich.jpg\" alt=\"Schubertabend\" width=\"1000\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/froehlich.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/froehlich-300x145.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/froehlich-768x370.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/froehlich-850x410.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2369\" class=\"wp-caption-text\">\u201eEin Schubertabend in einem Wiener B\u00fcrgerhaus\u201c von Julius Schmid (1897) (v. l. n. r) Katharina Fr\u00f6hlich, die Schauspielerin und S\u00e4ngerin Sophie M\u00fcller (stehend), Anna Fr\u00f6hlich (etwas verdeckt), Barbara Fr\u00f6hlich, Franz Schubert am Klavier, Josefine Fr\u00f6hlich (mit den Noten in der Hand) \u00a9Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 17. J\u00e4nner 2019 feiern wir eine Matinee f\u00fcr Anna Fr\u00f6hlich. Sie war die erste Professorin der mdw, wirkte als Gesangslehrerin von 1819 bis ins Jahr 1854. Wer war sie? Wie ist ihr Wirkungsfeld im Kontext des b\u00fcrgerlichen Zeitalters einzustufen? Die heutige Bezeichnung \u201eProfessorin\u201c sucht man in Verbindung mit Anna Fr\u00f6hlich allerdings vergeblich. Tatsache ist, dass Fr\u00f6hlich nicht nur damals als erste \u201eGesangslehrerin\u201c angestellt wurde, sondern \u00fcberhaupt die erste und lange einzige weibliche Lehrkraft am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde des \u00f6sterreichischen Kaiserstaates war. Die Singschule war im Jahr 1817 gegr\u00fcndet, das Konservatorium mit ersten Instrumentalklassen 1819 er\u00f6ffnet worden. Die von Anna Fr\u00f6hlich geleitete und 1819 eingef\u00fchrte Gesangsklasse f\u00fcr M\u00e4dchen war f\u00fcr die bereits fortgeschrittenen Sch\u00fclerinnen bestimmt.<\/p>\n<p>Warum aber war die Wahl auf Anna Fr\u00f6hlich gefallen? Sie war vor allem bereits seit 1812 \u2013 dem Gr\u00fcndungsjahr der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien \u2013 im Rahmen der musikalischen Veranstaltungen und als private Gesangslehrerin f\u00fcr M\u00e4dchen f\u00fcr die Gesellschaft t\u00e4tig gewesen. So stand sie bereits in Kontakt mit den ma\u00dfgeblich handelnden (m\u00e4nnlichen) Personen der Gesellschaft (darunter Joseph Sonnleithner und Raphael Georg Kiesewetter). Im Hause Kiesewetter, wo regelm\u00e4\u00dfig historische Konzerte stattfanden, z\u00e4hlte Anna Fr\u00f6hlich nicht nur zu den Mitwirkenden, sondern teilweise \u00fcbernahm sie bei den dortigen Zusammenk\u00fcnften Leitungsfunktionen. Auch als Pianistin hatte sie sich bei den \u201eAbendunterhaltungen\u201c\u00a0der Gesellschaft der Musikfreunde bereits bew\u00e4hrt \u2013 z. T. auch als Liedbegleiterin. Wie auch ihre Schwestern, trat sie wiederholt als S\u00e4ngerin in Erscheinung. Anna, oft auch Nanette, Netti oder Nettl, schlie\u00dflich \u201eFr\u00e4ulein\u201c oder \u201eDemoiselle\u201c Fr\u00f6hlich genannt, war die \u00e4lteste der vier in Wien lebenden Schwestern Fr\u00f6hlich, die im Wiener Kulturleben omnipr\u00e4sent waren und es entscheidend pr\u00e4gten.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/spielmachtraum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">spiel|mach|t|raum<\/a> ist ein virtueller Frauen*geschichte-Speicher der mdw, der 2017 anl\u00e4sslich von 200 Jahren mdw online gegangen ist, um die wenigen Frauen*, die an dieser ehrw\u00fcrdigen Kulturinstitution des Landes an vorderster Stelle mitwirken durften, vorzustellen, sie ins Kunstged\u00e4chtnis der Stadt\/des Staates zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p>Franziska V\u00f6gle Itzig, verheiratete Fanny von Arnstein (1758\u20131818) war im Studienjahr 2017\/18 die erste Inspiratorin des Frauen*geschichtsspeichers der mdw und Anna Fr\u00f6hlich (1793\u20131880) folgt als zweite Inspiratorin f\u00fcr das Studienjahr 2018\/19. 2019 werden es 200 Jahre sein, dass Anna Fr\u00f6hlich ihre Stelle als \u201eGesangslehrerin\u201c f\u00fcr M\u00e4dchen am eben neu gegr\u00fcndeten Konservatorium angetreten hatte. Am Beispiel Anna Fr\u00f6hlichs lassen sich einige geschlechterpolitisch spezifische Facetten ihres Lebens und Wirkens diskutieren, die zu weiterf\u00fchrenden und bis in die Gegenwart reichenden Fragen f\u00fchren. Nur zwei Aspekte seien hier kurz angedeutet.<\/p>\n<p><strong>Gender-Pay-Gap?<\/strong><\/p>\n<p>Von den vier Schwestern Fr\u00f6hlich waren drei nicht verheiratet, was im Biedermeier (1815\u20131848), der Zeit des Metternichschen Polizeistaates, f\u00fcr b\u00fcrgerliche Frauen tats\u00e4chlich bemerkenswert war, weil sich die Frage aufdr\u00e4ngt, wovon unverheiratete b\u00fcrgerliche Frauen damals \u00fcberhaupt gelebt haben konnten \u2013 von einem Erbe, ungenannten G\u00f6nnern oder vom eigenen Erwerb? Letzteres war f\u00fcr b\u00fcrgerliche Frauen \u2013 Arbeiterinnen hatten ja gar keine Wahl \u2013 zwar nicht vorgesehen, aber im Falle der Schwestern Fr\u00f6hlich war es offensichtlich eine Notwendigkeit. Die beiden S\u00e4ngerinnen, Anna und ihre j\u00fcngste Schwester Josefine, verdienten n\u00e4mlich das Familieneinkommen durch ihre Unterrichtst\u00e4tigkeit, w\u00e4hrend Katharina, selbst auch Pianistin und Liedbegleiterin, als \u201eewige Braut Grillparzers\u201c den Haushalt \u00fcbernahm. Barbara, die zweit\u00e4lteste, war mit dem Musiker und Lehrer am Konservatorium Ferdinand Bogner verheiratet, sie wohnte nicht mehr im selben Haushalt und war als Malerin t\u00e4tig. In diesen 30 bis 60 Jahren nach der Franz\u00f6sischen Revolution und in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress waren das Kunst- und Kulturleben stark von der Zensur eingeschr\u00e4nkt und das Alltagsleben schlie\u00dflich von den Unruhen rund um das Revolutionsjahr 1848 gepr\u00e4gt. Auch Anna Fr\u00f6hlichs Anstellung erfuhr dadurch eine Unterbrechung \u2013 war doch das Konservatorium von 1848 bis 1851 geschlossen worden. Anna Fr\u00f6hlichs Karriereverlauf war insgesamt gepr\u00e4gt von einem unerm\u00fcdlichen Einsatz\u00a0f\u00fcr ihre Sch\u00fclerinnen wie auch von der Weiterentwicklung des Gesangsunterrichts, insbesondere des Liedgesangs, verbunden auch mit der Bereitschaft unentgeltlich zu arbeiten. Dass es zum Leben und Wirken von b\u00fcrgerlichen Frauen geh\u00f6rte, unbezahlt gemeinn\u00fctzige Leistungen zu erbringen, z\u00e4hlte und z\u00e4hlt zu den Selbstverst\u00e4ndlichkeiten einer b\u00fcrgerlichen Geschlechterordnung. Hinzu kommt, dass eine von Frauen selbst gew\u00e4hlte oder notwendig gewordene Erwerbst\u00e4tigkeit keineswegs automatisch zur selben Entlohnung f\u00fchrte wie sie f\u00fcr ihre m\u00e4nnlichen Zeitgenossen f\u00fcr dieselbe Arbeit vorgesehen war. Auch Anna Fr\u00f6hlich war von dieser Ungleichbehandlung betroffen, denn es deutet alles darauf hin, dass ihr Anfangsgehalt unver\u00e4ndert blieb, w\u00e4hrend ihre Konservatoriums-Kollegen schon nach wenigen Jahren mit Gehaltserh\u00f6hungen belohnt wurden (vgl. Carl Ferdinand Pohl, <em>Die Gesellschaft der Musikfreunde des \u00d6sterreichischen Kaiserstaates und ihr Conservatorium<\/em>, Wien 1871, S. 38).<\/p>\n<p><strong>Abh\u00e4ngigkeit von M\u00e4nnern?<\/strong><\/p>\n<p>Anders als viele ihrer (b\u00fcrgerlichen) Zeitgenossinnen war Anna Fr\u00f6hlich nicht von einem Ehemann abh\u00e4ngig. Fast nie jedoch wurden und werden die Schwestern Fr\u00f6hlich ohne zwei sehr ber\u00fchmte M\u00e4nner ihres Umfeldes genannt: Franz Schubert und Franz Grillparzer. Der bereits zeitgen\u00f6ssische Bekanntheitsgrad der Fr\u00f6hlich-Schwestern beruht jedoch keineswegs alleine auf der vielfach dokumentierten Freundschaft zu Schubert und Grillparzer, sondern h\u00e4ngt nicht zuletzt mit dem energievollen Einsatz der Schwestern Fr\u00f6hlich zusammen, ihre jeweilige Wohnung als einen Ort der Geselligkeit bereitzustellen, an dem man(n) und frau zum Musizieren, zum gedanklichen Austausch und auch zur Unterhaltung zusammenkam. Sie agierten damit \u00e4hnlich gestalterisch kreativ wie viele andere b\u00fcrgerliche (Ehe-)Frauen im damaligen Wien.<\/p>\n<p>Wodurch zeichnete sich jedoch das Haus Fr\u00f6hlich aus? Es zeigt sich, dass die genannten \u201eber\u00fchmten\u201c M\u00e4nner gerade im Haus Fr\u00f6hlich wesentliche Impulse f\u00fcr ihr Schaffen erhielten. Dort erklang das eine oder andere Schubert-Lied\u00a0(im Beisein des Komponisten) zum ersten Mal und Anna Fr\u00f6hlich gab bei Franz Schubert mehrstimmige Lieder, speziell f\u00fcr ihre Sch\u00fclerinnen bestimmt, in Auftrag. Neben Schubert war auch Franz Grillparzer einer der h\u00e4ufigsten G\u00e4ste im Hause Fr\u00f6hlich, bis er 1849 in die Wohnung der Schwestern in der Spiegelgasse als \u201eZimmerherr\u201c einzog, wo er sich immer wieder mit Anna Fr\u00f6hlich zum Vierh\u00e4ndigspiel ans Klavier setzte. F\u00fcr die Aufrechterhaltung der Erinnerung an die beiden herausragenden K\u00fcnstler Schubert und Grillparzer setzte sich Anna Fr\u00f6hlich \u00fcberaus tatkr\u00e4ftig \u2013 heute w\u00fcrden wir sagen als Initiatorin wie auch Sponsorin \u2013 ein.<\/p>\n<p>So ist in der Beziehung Anna Fr\u00f6hlichs zu Franz Schubert und Franz Grillparzer eine \u201eWin-win-Situation\u201c zu erkennen, eine \u201eAbh\u00e4ngigkeit\u201c, in der das kreative und k\u00fcnstlerische Potenzial der Demoiselle Fr\u00f6hlich klar erkennbar ist, so wie diese spezifische Situation gleichzeitig auch dokumentiert, was eine \u201eLehrerin\u201c, eine Professorin f\u00fcr Gesang am Konservatorium gewesen ist: einerseits verantwortlich f\u00fcr den weiblichen Gesangsnachwuchs und andererseits F\u00f6rderin von m\u00e4nnlichen \u201eGenies\u201c. \u2013 Hat sich die Situation heute gravierend ver\u00e4ndert?","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war die erste Professorin der mdw sowie Inspiratorin von spiel|mach|t|raum im Studienjahr 2018\/19. 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