{"id":236,"date":"2016-09-25T10:58:05","date_gmt":"2016-09-25T08:58:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=236"},"modified":"2017-12-11T14:18:03","modified_gmt":"2017-12-11T13:18:03","slug":"staatsoper-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2016\/09\/25\/staatsoper-und-politik\/","title":{"rendered":"Staatsoper und Politik"},"content":{"rendered":"<strong>Eine wechselvolle Geschichte mit unerwarteten Kontinuit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p><strong>2019 feiert die Wiener Staatsoper ihr 150-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um \u2013\u00a0passend dazu bringt ein Team von WissenschaftlerInnen bereits jetzt neue Erkenntnisse zu den Wechselwirkungen mit der Politik ans Licht.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_244\" aria-describedby=\"caption-attachment-244\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-244\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wiener_hofoper.jpg\" alt=\"Wiener Hofoper\" width=\"800\" height=\"462\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wiener_hofoper.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wiener_hofoper-300x173.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wiener_hofoper-768x444.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-244\" class=\"wp-caption-text\">Die Wiener Hofoper in einer Aufnahme von ca. 1898 \u00a9N.N. Aus: Josef L\u00f6wy &#8211; Julius Laureni (Hrsg.): Unsere Monarchie &#8211; Die \u00f6sterreichischen Kronl\u00e4nder zur Zeit des f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Regierungs-Jubil\u00e4ums seiner k.u.k. apostol. Majest\u00e4t Franz Joseph I.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Wiener Staatsoper, ehemals Hofoper, geh\u00f6rt zu den zentralen Orten des \u00f6sterreichischen kulturellen Selbstverst\u00e4ndnisses sowie der Erinnerung und ihre Geschichte war von Beginn an mit den politischen Entwicklungen in Staat und Stadt verkn\u00fcpft. Um diese Zusammenh\u00e4nge in ihren vielf\u00e4ltigen Aspekten darzustellen, arbeiteten drei prominente Institutionen an einem gemeinsamen, FWF-gef\u00f6rderten Projekt: Das Institut f\u00fcr Wissenschaft und Kunst (IWK), das Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der mdw sowie das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte der Universit\u00e4t Wien.<\/p>\n<p>Angesichts der vielschichtigen Kontexte und des langen Untersuchungszeitraums konzentrierte sich das Projekt auf eine Folge von exemplarischen Zeitabschnitten. F\u00fcnf Phasen, die auf Basis zeithistorischer Analyse als besonders relevant definiert wurden, brachten eine F\u00fclle von Ergebnissen zutage, die im Folgenden nur angedeutet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_242\" aria-describedby=\"caption-attachment-242\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-242\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/programmzettel-soldatenehrung.jpg\" alt=\"Programmzettel\" width=\"400\" height=\"621\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/programmzettel-soldatenehrung.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/programmzettel-soldatenehrung-193x300.jpg 193w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-242\" class=\"wp-caption-text\">Programmzettel mit Hinweis auf eine Ehrung von verwundeten Frontsoldaten<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die erste Phase blickt auf die Erbauungszeit des neuen Opernhauses und damit auf die \u201eRingstra\u00dfenkultur\u201c, die von der Vorherrschaft der Liberalen in der Wiener Stadtpolitik, dem Ausgleich mit Ungarn, der Wiener Weltausstellung, dem B\u00f6rsenkrach und der Choleraepidemie im Jahr 1873 gepr\u00e4gt war. Das neue Haus am Ring war einerseits selbst heftig umstritten, andererseits aber auch Schauplatz und Diskussionsort von k\u00fcnstlerischem Ausdruck dieser Kultur. Aspekte der damals vorherrschenden (nationalen) Identit\u00e4tsdiskussionen wurden anhand zweier wesentlicher Werke des Wiener Opernrepertoires dieses Zeitraums herausgearbeitet: Richard Wagners <em>Lohengrin<\/em> und Carl Goldmarks <em>K\u00f6nigin von Saba<\/em>.<\/p>\n<p>Phase 2 befasst sich mit dem Jahr 1897, in dem Karl Lueger das B\u00fcrgermeisteramt antrat. Gleichzeitig ersch\u00fctterten die so genannten \u201eBadeni-Unruhen\u201c Prag, Wien und weitere St\u00e4dte der Monarchie. Sie waren Folge einer politisch schlecht vorbereiteten Sprachenverordnung f\u00fcr B\u00f6hmen und M\u00e4hren und f\u00fchrten den Nationalit\u00e4- tenkonflikt innerhalb der Monarchie in eine neue, f\u00fcr das gesamte Reich kritische Phase. Im selben Jahr wurde Gustav Mahler Hofopern-Direktor. Diese Vorg\u00e4nge werden vor der Rezeption der vermeintlichen \u201eNationaloper\u201c Bed\u0159ich Smetanas <em>Dalibor<\/em> auf dem Opern-Spielplan gespiegelt.<\/p>\n<p>Die nunmehrige Staatsoper in der jungen Republik der 1920er-Jahre ist Gegenstand der dritten Phase. Die alte Hofoper stellte f\u00fcr den jungen Staat eine erhebliche finanzielle Belastung dar. Letztlich gab das Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr \u201e\u00d6sterreichische Musik\u201c als bedeutenden Wert im Land den Ausschlag, das Haus weiter zu f\u00fchren. Ein schmales Budget sorgte daf\u00fcr, dass statt Neuem nun altbekannte \u201eMeisterauff\u00fchrungen\u201c den Schwerpunkt im Spielplan bildeten. Werke von Richard Strauss\u00a0\u2013 der Wiener Hofoper bereits sehr verbunden und bis 1924 ihr Direktor \u2013 standen im heftigen \u00f6ffentlichen Diskurs und wurden auch in politische Diskussionen einbezogen, bedeuteten sie doch eine Fortsetzung der elit\u00e4ren Musiktheaterkultur der Vorkriegszeit. Strauss\u2019 Oper <em>Frau ohne Schatten<\/em> und sein Ballett <em>Schlagobers<\/em> stehen hier exemplarisch im Fokus der Forschenden. Auch im Kulturbetrieb Oper selbst gab es keinen gro\u00dfen Bruch und daher auch keinen vollst\u00e4ndigen Neubeginn. Der politische Systemwechsel schlug sich vor allem im juristischen Bereich, in den politischen Zust\u00e4ndigkeiten und im Namenswechsel der Institution nieder.<\/p>\n<figure id=\"attachment_243\" aria-describedby=\"caption-attachment-243\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-243\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/StGBl-1918.jpg\" alt=\"Staatsgesetzblatt\" width=\"400\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/StGBl-1918.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/StGBl-1918-274x300.jpg 274w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-243\" class=\"wp-caption-text\">Auszug aus dem Staatsgesetzblatt vom 9. Dezember 1918<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gleichzeitig versuchte sich sp\u00e4testens seit 1905, als die Arbeiter-Symphoniekonzerte gegr\u00fcndet worden waren, eine institutionell gut abgesicherte sozialdemokratische Musikkulturpolitik im roten Wien zu etablieren, die eher auf Evolution als auf Revolution setzte und sich stark mit dem k\u00fcnstlerischen Erbe und dessen Aneignung besch\u00e4ftigte. Auch von dieser Seite stand also trotz des gro\u00dfen politischen Umbruchs eher ein Bem\u00fchen um Kontinuit\u00e4t im Vordergrund.<\/p>\n<p>Im Jahr 1928 kam es zu Protesten gegen Ernst Kreneks Oper <em>Jonny spielt auf<\/em>. Diese heizten die Operndiskussionen an und f\u00fchrten sie auf einen neuen H\u00f6hepunkt. Gleichzeitig brachte dies die erste NS-gef\u00fchrte Massenkundgebung in Wien mit sich. Wie die Oper in den Diktaturen der 1930er- und 1940er-Jahre positioniert war, untersucht die vierte Phase. Der Zeitraum von 1934 bis 1945 wird anhand Ernst Kreneks eigentlich sehr systemkonformer, aber nicht realisierter Oper <em>Karl V.<\/em>, Franz Leh\u00e1rs Triumph mit<em> Giuditta<\/em> sowie Rudolf Wagner-R\u00e9genys \u201eSkandaloper\u201c <em>Johanna Balk<\/em> dargestellt. Zu den Fragen, denen die Forschenden in diesem Zeitraum nachgehen, geh\u00f6rt auch jene nach der Relevanz einer speziellen \u201eWiener\u201c Musikpolitik Baldur von Schirachs.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nimmt Phase 5 die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Lupe. Diese war auf kulturellem Gebiet zu Beginn von einem Bem\u00fchen um eine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen gekennzeichnet. Die diesbez\u00fcglichen Akten der daf\u00fcr eingesetzten Sonderkommissionen stellen eine\u00a0wichtige und erstmals ausgewertete Quelle f\u00fcr das Projektteam dar. Die Au\u00dfenwirkung der Oper war damals von besonderer Bedeutung. Gerade in Vorbereitung auf die Wiederer\u00f6ffnung der zu Kriegsende schwer zerst\u00f6rten Staatsoper und als Symbol Wiens und \u00d6sterreichs wurde die Wiener Oper eine wichtige Kraft bei der Kontaktnahme mit Emigrationskreisen in den USA. Auf dieses bisher kaum beachtete Kapitel der Zeitgeschichte legten die Forschenden einen zweiten Schwerpunkt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_241\" aria-describedby=\"caption-attachment-241\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-241\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bahr_Abbildung-Koenigin-von-Saba.jpg\" alt=\"Karikaturen\" width=\"500\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bahr_Abbildung-Koenigin-von-Saba.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bahr_Abbildung-Koenigin-von-Saba-300x148.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bahr_Abbildung-Koenigin-von-Saba-496x244.jpg 496w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-241\" class=\"wp-caption-text\">Antisemitisch motivierte Karikaturen aus dem Stimmenmaterial der Hofoper zur &#8222;K\u00f6nigin von Saba&#8220; \u00a9Carolin Bahr, Archiv der Wiener Staatsoper<\/figcaption><\/figure>\n<p>Generell darf es nicht verwundern, dass das interdisziplin\u00e4r besetzte Projektteam einen betr\u00e4chtlichen Teil der Projektarbeit der Suche, Sichtung und Aufarbeitung relevanten Archivmaterials widmete. Unter der Leitung von Christian Glanz, dem stellvertretenden Leiter des Instituts f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der mdw, forschten Carolin Bahr und Angelika Silberbauer (Musikwissenschaft), Tamara Ehs (Politikwissenschaft) und Fritz Tr\u00fcmpi (Zeitgeschichte) drei Jahre lang zum Projekt <em>Eine politische Geschichte der Oper in Wien 1869 \u2013 1955<\/em>. Projektpartner war der Zeithistoriker Oliver Rathkolb.<\/p>\n<p>Das Forschungsteam befindet sich mit diesem Projekt und seinen Ergebnissen am Puls der Zeit \u2013 so erforscht auch die M\u00fcnchner Staatsoper ihre politische Vergangenheit \u2013 und ist in die Vorbereitungen zum Jubil\u00e4umsjahr der Wiener Staatsoper 2019 aktiv eingebunden. Gemeinsam mit fr\u00fcheren Forschungsarbeiten zur Rezeptionsgeschichte kann es mit seinen Ergebnissen wesentlich zur Weiterentwicklung des Narrativs \u00fcber einen h\u00f6chst relevanten Teil \u00f6sterreichischer Kunst- und Kulturpolitik beitragen.<\/p>\n<p>Eine im Rahmen des Projekts genutzte und weiter auszubauende Spielplan-Datenbank der Wiener Oper sowie Texte und Materialien mit Ergebnissen sind unter <a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/imi\/operapolitics\" target=\"_blank\">www.mdw.ac.at\/imi\/operapolitics<\/a> abrufbar.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine wechselvolle Geschichte mit unerwarteten Kontinuit\u00e4ten 2019 feiert die Wiener Staatsoper ihr 150-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um \u2013\u00a0passend dazu bringt ein Team von WissenschaftlerInnen bereits jetzt neue Erkenntnisse zu den Wechselwirkungen mit der Politik ans Licht. 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