{"id":2291,"date":"2018-11-29T09:07:54","date_gmt":"2018-11-29T08:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2291"},"modified":"2018-11-29T09:07:54","modified_gmt":"2018-11-29T08:07:54","slug":"meister-der-dreckigen-aesthetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/meister-der-dreckigen-aesthetik\/","title":{"rendered":"Meister der dreckigen \u00c4sthetik"},"content":{"rendered":"<strong>Der Ausnahme-Regisseur David B\u00f6sch unterrichtet seit diesem Herbst Regie am Institut f\u00fcr Schauspiel und Schauspielregie \u2013 Max Reinhardt Seminar. Ein Portr\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2293\" aria-describedby=\"caption-attachment-2293\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2293\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/florian_boesch.jpg\" alt=\"Florian B\u00f6sch\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/florian_boesch.jpg 523w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/florian_boesch-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 523px) 100vw, 523px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2293\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Juri Tscharyiski<\/figcaption><\/figure>\n<p>David B\u00f6sch antwortet mit Poesie. Wenn man die Inszenierungen des Regisseurs kennt, verwundert das nicht, denn auch bei seinem Theater ist dies zu sp\u00fcren. In seiner legend\u00e4ren <em>Romeo und Julia<\/em>-Inszenierung am Burgtheater 2011, wurde der Song <em>The Consequence<\/em> von The Notwist rauf und runter gespielt. Es lief immerzu der gleiche, melancholisch-poetische Sound. Ein bisschen kitschig und opulent, aber gleichzeitig reduziert und mit einem permanenten, l\u00e4ssigen Beat unterlegt. Au\u00dferdem ist das Lied so sch\u00f6n, dass man es immer wieder h\u00f6ren m\u00f6chte. Genauso wie die Band The Notwist hat auch Regisseur B\u00f6sch keine Angst vor einem Zuviel an Gef\u00fchl. Denn er scheut sich nicht davor, starke Stimmungen zu erzeugen und Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig l\u00e4sst der in Nordrhein-Westfalen geborene B\u00f6sch keinen Gag aus. Er trickst auf der B\u00fchne und l\u00e4sst das Theater Theater sein, eine Trickkiste, die im Publikum etwas ausl\u00f6sen soll. Zuweilen darf sich bei den Zuschauer_innen der Magen umdrehen, wenn sie in einem B\u00f6sch-St\u00fcck sitzen. Es soll kein Theater sein, das einen gleichg\u00fcltig zur\u00fcckl\u00e4sst. Wie etwa in seiner Inszenierung von Werner Schwabs F\u00e4kaliendrama <em>Die Pr\u00e4sidentinnen<\/em> 2015 am Akademietheater, wo buchst\u00e4blicher Dreck auf der B\u00fchne lag. Abgeranzt standen K\u00fcchenzeile, Matratze und ein Klo auf der B\u00fchne von B\u00f6schs Stamm-B\u00fchnenbildner Patrick Bannwart. \u00dcbers Kreuz an der Wand waren die Worte \u201eFuck Mother\u201c gesprayt. Trister ging es eigentlich nicht, und das war gro\u00dfartig so.<\/p>\n<p>F\u00fcr B\u00f6sch, Jahrgang 1978, kam der Erfolg fr\u00fch. Er studierte bis 2004 an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater in Z\u00fcrich Theaterregie. Dann ging es schnell. Er bekam viele Preise und sofort Engagements an den gro\u00dfen H\u00e4usern. Seit diesem Herbst lehrt B\u00f6sch Regie am Max Reinhardt Seminar. Seinen Unterricht will er wie Fahrunterricht angehen \u2013 mit \u201eTheorie und Praxis\u201c. \u201eUnd am Ende gibt es den F\u00fchrerschein\u201c, so B\u00f6sch. Humorvoll f\u00fcgt er hinzu: \u201eLeider gibt es keine Probezeit.\u201c<\/p>\n<p>In seinem Studium war f\u00fcr B\u00f6sch die Arbeit mit den Schauspielstudierenden das Wichtigste: \u201eHerauszufinden, was wollen wir, was will ich erz\u00e4hlen? Und wie?\u201c Im Idealfall ist das Regiestudium eine m\u00f6glichst realistische Simulation der Arbeitswelt in einem gesch\u00fctzten und angstfreien\u00a0Raum, findet B\u00f6sch. Er ist sich aber auch dessen bewusst, dass dies ein Ideal ist, an dem Schulen immer wieder scheitern. F\u00fcr den Neo-Lehrenden liegt darin aber auch eine Chance: \u201eZusammen scheitern, das ist immer besser. Und dann ist was gelernt.\u201c<\/p>\n<p>Ein werdender Regisseur oder eine werdende Regisseurin braucht laut B\u00f6sch Individualit\u00e4t und Vertrauen in das Eigene. \u201eRegisseure und Regisseurinnen sind so verschieden \u2013<br \/>\ndas Theater auch\u201c, sagt er. \u201eWas die oder der eine braucht, ist der oder dem anderen schnuppe. Und das ist auch gut so.\u201c Wenn B\u00f6sch \u00fcber das spricht, worauf er bei seinen Studierenden Wert legt, erinnert das an seine eigenen Inszenierungen, die manchmal etwas von \u00fcberh\u00f6hten Tr\u00e4umen haben. Etwa wenn er sagt, dass ihm Kondition wichtig ist und die n\u00e4chtlichen Stunden im Proberaum erl\u00e4utert: \u201eWer noch probiert, wenn das Gehirn sich schon dem Traume n\u00e4hert. Fast schon schl\u00e4ft sie, die Vernunft. Dann geht es los.\u201c\u00a0Letztendlich aber geht es ihm um die \u201eWeitergabe von Wissen oder vermutetem Wissen\u201c sowie \u201edem Erkennen und der Entfesselung der Potenziale und der Eigenartigkeiten der kommenden Regiepers\u00f6nlichkeiten\u201c. Eigenart geh\u00f6rt f\u00fcr ihn zur Profession.<\/p>\n<p>Was bewegt einen Menschen dazu, Regisseur_in zu werden? B\u00f6sch antwortet auf diese Frage mit einer Art Gedicht: \u201eLange her\/Aber\/Vorhang auf\/Alle Fragen offen\/Vorhang zu\/Immer noch\/Sogar mehr\/Was wohl gut ist\/Dazwischen Tr\u00e4nen, Schwei\u00df, Verr\u00fcckte und Verwirrte\/Homburg, K\u00e4thchen, Ruprecht\/Und etwas, das sich anf\u00fchlt wie ich\/Ach.\u201c Sein Wien-Deb\u00fct hatte das junge Regie-Talent 2009 mit Dea Lohers Stationendrama <em>Adam Geist<\/em>. Er brachte es als Comicm\u00e4rchen ins Akademietheater. Die Kritiken fielen gemischt aus. Wirklich in der Hauptstadt Fu\u00df fassen konnte der Regisseur ein Jahr sp\u00e4ter mit seiner Inszenierung von Franz Xaver Kroetz\u2019 <em>Stallerhof<\/em>. Sein <em>Stallerhof<\/em> war grandios. B\u00f6sch erz\u00e4hlte das harte, realistische Sozialdrama rund um Beppi, der zur\u00fcckgebliebenen Tochter des Stallerbauern, die vom alten Knecht Sepp geschw\u00e4ngert wird, als krude Romanze. Er machte ein dunkles M\u00e4rchen daraus und schuf mit Beppi und Sepp das unm\u00f6glichste, sch\u00f6nste B\u00fchnenpaar seit Langem. Der Stumpfsinn erlangte in seiner Inszenierung die W\u00fcrde zur\u00fcck. Das war radikal und ein gro\u00dfes Kunstst\u00fcck. Seitdem ist B\u00f6sch Stammregisseur am Burgtheater. Derzeit ist das von ihm behutsam und zeitweise witzig inszenierte Drama <em>Die Glasmenagerie<\/em> von Tennessee Williams zu sehen.<\/p>\n<p>Wenn B\u00f6sch \u00fcber seinen Regieunterricht spricht, h\u00f6rt man seine Liebe f\u00fcr seinen Beruf heraus. Respekt sollen seine Studierenden haben, sagt er. \u201eVor den anderen. Vor sich selbst. Vor der Arbeit. Und nicht zu \u00fcberm\u00e4\u00dfig vor dem Professor.\u201c","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ausnahme-Regisseur David B\u00f6sch unterrichtet seit diesem Herbst Regie am Institut f\u00fcr Schauspiel und Schauspielregie \u2013 Max Reinhardt Seminar. Ein Portr\u00e4t. David B\u00f6sch antwortet mit Poesie. Wenn man die Inszenierungen des Regisseurs kennt, verwundert das nicht, denn auch bei seinem Theater ist dies zu sp\u00fcren. 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