{"id":2282,"date":"2018-11-29T09:11:56","date_gmt":"2018-11-29T08:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2282"},"modified":"2018-12-05T12:23:47","modified_gmt":"2018-12-05T11:23:47","slug":"musikvideos-so-eine-art-versuchslabor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/musikvideos-so-eine-art-versuchslabor\/","title":{"rendered":"Musikvideos: So eine Art Versuchslabor"},"content":{"rendered":"<strong>Eine Visitenkarte, keine Einnahmequelle<\/strong><\/p>\n<p>Arm, aber sexy. Das ist vermutlich die Redewendung, die in Gespr\u00e4chen mit heimischen Filmschaffenden am h\u00e4ufigsten f\u00e4llt, sobald man auf Musikvideos zu sprechen kommt. Denn seit ein paar Jahren erlebt das Genre, das nach dem Niedergang der einschl\u00e4gigen Spartenkan\u00e4le bereits totgesagt wurde, im Internet einen wahren Boom. Und w\u00e4hrend \u00f6sterreichische Popmusik l\u00e4ngst international Furore macht, sind es fast ausnahmslos die K\u00fcnstler_innen selbst, die die Videos nicht nur in Auftrag geben, sondern auch oft genug aus der eigenen Tasche bezahlen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/FPvVZG9hlVY\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Es gab Zeiten, erinnert sich Sebastian Mayr, der an der Filmakademie Wien Regie studiert und wiederholt mit dem Elektropop-Trio Gudrun von Laxenburg gearbeitet hat, als es hie\u00df: Wer braucht noch Musikvideos? \u201eDas hat sich inzwischen wieder ge\u00e4ndert, aber die Budgets sind nicht mitgewachsen. Die Labels wissen, dass es immer junge Filmleute geben wird, die sich \u201eall in\u201c reinhauen und alles tun, um mit nichts etwas Tolles zu schaffen. Heute ist es meiner Erfahrung nach eigentlich klar, dass niemand bezahlt wird: Ein Musikvideo ist eine Visitenkarte, keine Einnahmequelle.\u201c<\/p>\n<p>Nicht weniger kritisch beurteilt Filmemacherin Jasmin Baumgartner, die ihr erstes Musikvideo 2010 gedreht hat, die Situation. F\u00fcr sie sind Musikvideos ein \u201ewunder Punkt der Industrie\u201c: F\u00f6rderstelle daf\u00fcr gibt es keine, gleichzeitig steigt ihre Relevanz. Siehe beispielsweise <em>Columbo<\/em>. Das Video, das Baumgartner zur Vorab-Single aus Wandas neuem Album <em>Niente<\/em> (2017) gestaltet hat, kommt mittlerweile allein auf Youtube auf zehneinhalb Millionen Klicks. Die ironisch-melancholische Ballade, die im Bett mit Inspektor-Columbo-Schauen verbummelte Tage besingt, erf\u00e4hrt eine vieldeutige Umsetzung: Ikonografische Verweise auf den legend\u00e4ren TV-Ermittler (Mantel, Zigarre, Renault-Spielzeugauto) sind hier quasi der Rahmen f\u00fcr das weitere Geschehen, das ein junges P\u00e4rchen, Leads\u00e4nger Marco Wanda im Ikarus-Kost\u00fcm sowie den steirischen Erzberg zeigt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/r1_30Tx4JL4\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Das durchschnittliche Budget eines Musikvideos d\u00fcrfte sich in \u00d6sterreich derzeit auf 2.000 Euro belaufen. Damit kann man f\u00fcr zwei, drei Tage das technische Equipment bezahlen, aber keine Gagen. \u201eSicher haben Wanda ein anderes Budget f\u00fcr ihre Videos als andere Bands\u201c, r\u00e4umt Baumgartner ein. \u201eDas gibt einem dann halt auch die Freiheit, viel zu machen f\u00fcr das Video. In dem Fall war es aber sowieso\u00a0ein Best-Case-Szenario, weil sie sehr wertsch\u00e4tzend mit den Menschen umgehen, mit denen sie arbeiten. Es war ein gemeinsames Ideenfinden, was durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich ist.\u201c<\/p>\n<p>Marie-Th\u00e9r\u00e8se Zumtobel, freischaffende Kamerafrau in Wien, hat in Co-Regie mit Anselm Hartmann bereits mehrere Videos f\u00fcr das Glampopduo Fijuka (beide Absolventinnen des Instituts f\u00fcr Popularmusik der mdw) gestaltet. Darunter auch das ebenso actionreiche wie vergn\u00fcgliche, f\u00fcnfeinhalbmin\u00fctige Musikvideo <em>Ca Ca Caravan<\/em> zum gleichnamigen Song des Albums <em>Use My Soap<\/em> (2015), in dem zwei Girls von der Weltraum-Patrouille (gespielt von den Musikerinnen selbst) sich in liebevoll nachempfundenen Raumschiff-Enterprise-Interieurs gegen eine giftgr\u00fcne Super-Schlangenfrau und eine feindliche Armada durchsetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u201eMusikvideos sind ein interessantes Format, um filmische Mittel auszuprobieren\u201c, meint Zumtobel. \u201eInnere Zusammenh\u00e4nge sind je nach der Form, die man w\u00e4hlt, weniger wichtig als im Spiel- oder Dokumentarfilm, wo ein sinnhafter Zusammenhang entstehen soll. Au\u00dferdem ist es ja ein kurzes Format, was einem auch mit kleineren Mitteln erlaubt, etwas Herzeigbares herzustellen \u2013 das kann es f\u00fcr junge Filmschaffende attraktiv machen.\u201c<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/qDldNRUcVuE\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Drei Minuten, vielleicht auch f\u00fcnf: Viel mehr Zeit bleibt einem Musikvideo selten, um seine Geschichte zu erz\u00e4hlen und eine Band respektive einen Song zu bewerben \u2013 und das unter Einsatz m\u00f6glichst innovativer Gestaltungsmittel. Obwohl sich schwerlich eine direkte Linie etwa von der Visual Music eines Oskar Fischinger in den 1920ern oder den theoretischen \u00dcberlegungen, der \u201emusique du silence\u201c einer Germaine Dulac zu den Produktionen heute ziehen l\u00e4sst, so ist das Handwerkszeug ihrer Macher_innen nicht zuletzt doch das der Avantgarde. Formal avancierte Clips\u00a0gehen \u00fcber Promotion oder blo\u00dfes Storytelling weit hinaus; sie dringen unter die Oberfl\u00e4che von Geschichten, versuchen zudem auch ihr \u201eungreifbar Musikalisches\u201c (Dulac) zu fassen. Mitunter, wenn die richtigen Leute zusammentreffen, lie\u00dfe sich mit den Einf\u00e4llen f\u00fcr ein Videoclip ebenso gut eine halbe Staffel einer Fernsehserie bestreiten. So geschehen im Fall von Sebastian Mayr und Daniel Helmer, dem Kopf von Gudrun von Laxenburg, der auch selbst an der Filmakademie Wien war. \u201eScience-Fiction ist nicht wirklich mein Metier\u201c, sagt der Regisseur \u00fcber die Arbeit an <em>Revolution<\/em>, \u201eaber Daniel hatte diese Idee und das Motto war immer: Go big or go home!\u201c Ergebnis ist ein dystopischer Kurzfilm (Co-Regie: Michael Podogil) von sieben Minuten, der auf mehreren internationalen Festivals gezeigt wurde.<\/p>\n<p>\u201eBei Gudrun von Laxenburg ist es einfach, Ideen umzusetzen, weil die Ideen ansteckend sind: Da will man dabei sein, jeder will mitmachen\u201c, ist Sebastian Mayr \u00fcberzeugt. Noch einen Dreh weiter geht das 2017 realisierte Video zu Moving Water, in dem \u2013 nach einem instrumentalen Vorspiel \u2013 pl\u00f6tzlich alles ins Rutschen ger\u00e4t und Protagonist Wei-Da Chen wie weiland Fred Astaire im Hollywoodmusical <em>Royal Wedding<\/em> \u00fcber den Plafond t\u00e4nzelt. \u201eDaf\u00fcr haben wir einen rotierenden Raum gebaut. Alle Leute sagten: ,Das geht nicht, ihr seid verr\u00fcckt.\u2018 Das war also richtiges Neuland und es hat unglaublich Spa\u00df gemacht, sich das auszudenken.\u201c<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SJWsH5oivLc\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Dennoch ist das Ansehen, das aktuelle Musikvideos in k\u00fcnstlerischer Hinsicht genie\u00dfen, vergleichsweise bescheiden. Seit 2013 wird immerhin im Rahmen des Filmfestivals <em>Vienna Shorts (VIS)<\/em> der \u00d6sterreichische Musikvideopreis, ausgelobt von FAMA \u2013 Film &amp; Music Austria, vergeben. Seither, erz\u00e4hlt Festivalleiter Daniel Ebner, seien die Einreichungen jedes Jahr kontinuierlich gestiegen: \u201eHeuer wurden rund 150 Videos aus \u00d6sterreich gesichtet, davon schafften es 16 am Ende in den Wettbewerb:\u00a0F\u00fcr f\u00fcnf zeichneten sich Studierende von der Filmakademie verantwortlich.\u201c Christoph Etzlsdorfer, f\u00fcr den Wettbewerb zust\u00e4ndiger Programmkoordinator, erg\u00e4nzt: \u201eIn den letzten vier, f\u00fcnf Jahren konnten wir ganz eindeutig eine gro\u00dfe Qualit\u00e4tssteigerung bei den \u00f6sterreichischen Videos beobachten. Bei Beitr\u00e4gen von Studierenden der Filmakademie Wien ist oft erkennbar, dass sie die Technik betreffend unter besseren Produktionsbedingungen arbeiten. F\u00fcr manche d\u00fcrften Musikvideos so eine Art Versuchslabor sein, in dem freiere Ausdrucksformen mehr erw\u00fcnscht sind als im narrativen Film.\u201c<\/p>\n<p>Von den bisherigen Gewinner_innen des erw\u00e4hnten, mit 1.000 Euro dotierten Preises allerdings kamen bisher drei von der Filmakademie. Und zwar Florian Pochlatko, der 2016 f\u00fcr <em>God of Ghosts \/ Nu Renegade<\/em> von Zebra Katz ausgezeichnet wurde \u2013 \u00fcbrigens das einzige pr\u00e4mierte Video bis dato, das nicht mit einer \u00f6sterreichischen Band entstand, sowie Dominic Spitaler (Produktion &amp; Animation) und Johannes H\u00f6\u00df (Kamera) die 2018 f\u00fcr <em>Frizzle Frizz<\/em> von Kids N Cats (Regie: Patryk Senwicki) ausgezeichnet wurden.*\u00a0 \u201eEin amerikanischer Freund wollte gemeinsam mit Ojay Morgan an einem Film arbeiten\u201c, erz\u00e4hlt Pochlatko \u00fcber das Zustandekommen des mystisch-dunklen Videos mit der Rapper-Ikone. \u201eUnd dieser hat gemeint, er w\u00fcrde gerne Musikpoduzentin Leila Arab aus London mit an Bord holen. Wir haben das dann als globales Experiment begonnen und \u00fcber Skype ein Konzept zusammengewurschtelt. Davon ausgehend hab ich ein Buch f\u00fcr diese Arbeit geschrieben, auf der Uni eingereicht und die Filmakademie war auch gleich sehr offen und interessiert.\u201c<\/p>\n<p>An der Arbeit an Musikvideos sch\u00e4tzt Pochlatko besonders die Freiheit, mit Gleichgesinnten zusammen Filmideen zu entwickeln, \u201edie im Idealfall perfekt mit der Musik ineinandergreifen und trotzdem eigene kleine Kunstwerke sind\u201c. Marie-Th\u00e9r\u00e8se Zumtobel, die zuletzt 2017 Co-Regie bei <em>Black Roses<\/em> von Mother\u2019s Cake f\u00fchrte, findet ein Musikvideo als Konsumentin dann gelungen, \u201ewenn ich es mir gern anschaue. Es kann, muss allerdings nicht unbedingt technisch hochversiert oder extrem teuer umgesetzt sein: Eine gute Idee im Einklang mit der Musik kann schon reichen, auch wenn sie ganz einfach ist.\u201c Und Jasmin Baumgartner, die von sich sagt, dass ihre Filme und Ideen eigentlich alle auf Musik basieren, erinnert an das eventuell Wichtigste \u00fcberhaupt: \u201eDas geilste Video zur falschen Musik ist nur ein geiles Video. Das wird oft vergessen.\u201c<\/p>\n<p>* In der gedruckten Version des mdw-Magazins wurde f\u00e4lschlicherweise geschrieben Florian Pochlatko sei bislang der einzige Studierende der Filmakademie Wien, der diesen Preis erhalten hat &#8211; das m\u00f6chten wir hiermit korrigieren!","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Visitenkarte, keine Einnahmequelle Arm, aber sexy. Das ist vermutlich die Redewendung, die in Gespr\u00e4chen mit heimischen Filmschaffenden am h\u00e4ufigsten f\u00e4llt, sobald man auf Musikvideos zu sprechen kommt. 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