{"id":2269,"date":"2018-11-29T09:07:01","date_gmt":"2018-11-29T08:07:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2269"},"modified":"2018-11-29T09:07:01","modified_gmt":"2018-11-29T08:07:01","slug":"das-sollte-uns-in-harnisch-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/das-sollte-uns-in-harnisch-bringen\/","title":{"rendered":"Das sollte uns in Harnisch bringen!"},"content":{"rendered":"<strong>Eine Masterarbeit am Institut f\u00fcr Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der mdw ist geschlechtergerechter Sprache in Kulturbetrieben nachgegangen<\/strong><\/p>\n<p>Am \u201eGendern\u201c scheiden sich die Geister. F\u00fcr die einen ist es der Untergang des Abendlands, f\u00fcr die anderen schon l\u00e4ngst sprachliche Normalit\u00e4t. Aber was sind die wissenschaftlichen Grundlagen der geschlechtergerechten Sprache bzw. gibt es sie \u00fcberhaupt oder ist alles reine Theorie, wie Gegner_innen gerne behaupten?<\/p>\n<p>Eines vorweg: Geschlechtergerechte Sprache steht auf soliden empirischen Beinen. In der Theorie seit Ende der 1970er-Jahre diskutiert, beweisen sp\u00e4testens seit den 1990er-Jahren Dutzende Studien, dass \u201emitmeinen\u201c nicht funktioniert: M\u00e4nnliche Sprachformen lassen an M\u00e4nner denken (Irmen\/Linner 2005 geben einen \u00dcberblick). Gegenargumente bem\u00fchen oft das \u201eSprachsystem\u201c, das nicht diskriminierend sein k\u00f6nnte, und lassen sich im Wesentlichen auf die Evergreens \u201eGenus ist nicht Sexus\u201c und \u201edas generische Maskulinum bezieht sich seit jeher auf beide (alle) Geschlechter\u201c zusammenfassen. Diese beiden Argumente wollen wir uns kurz anschauen.<\/p>\n<p><strong>Genus &amp; Sexus: Die toughe Lampe<\/strong><\/p>\n<p>Genus bezeichnet das grammatische Geschlecht: Der Tisch ist m\u00e4nnlich, die Lampe ist weiblich. Die \u00dcberlegung, dass der Tisch daher grunds\u00e4tzlich tougher als die Lampe sei, war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert sehr schick, mutet heute aber etwas seltsam an. Es gibt auch Studien, die nahelegen, dass Gegenst\u00e4nde je nach ihrem Genus unterschiedlich wahrgenommen werden (z. B. Boroditsky\/Schmidt\/Phillips 2003), darum geht es aber bei der gendergerechten Sprache nicht. Hier geht es um Personenbezeichnungen.<\/p>\n<p>Bei Personenbezeichnungen, vor allem Berufsbezeichnungen, entspricht das Genus in der Regel dem\u00a0Geschlecht der bezeichneten Person, auch wenn es Ausnahmen gibt, wie die Koryph\u00e4e, der Vamp etc. Bei substantivierten Adjektiven (z. B. die\/der Verd\u00e4chtige) ist das Genus sogar das einzige Merkmal, an dem wir m\u00e4nnliche und weibliche Bezeichnungen unterscheiden k\u00f6nnen. Die Behauptung, dass grammatisches und biologisches Geschlecht im Deutschen nichts miteinander zu tun h\u00e4tten, trifft also f\u00fcr Personenbezeichnungen schlicht nicht zu: M\u00e4nner k\u00f6nnen keine Krankenschwestern oder Hebammen werden \u2013 f\u00fcr sie wurden die Bezeichnungen Krankenpfleger und Geburtshelfer eingef\u00fchrt \u2013, umgekehrt ist es weder \u00fcblich noch grammatikalisch korrekt, zwei Frauen als zwei \u00c4rzte zu bezeichnen.<\/p>\n<p><strong>Das Problem des Maskulinums: Wer ist (mit-)gemeint?<\/strong><\/p>\n<p>Womit wir zum zweiten Argument kommen: Das Maskulinum sei \u201egenerisch\u201c, d. h. es k\u00f6nne gleicherma\u00dfen f\u00fcr M\u00e4nner oder Frauen stehen, und das w\u00e4re schon immer so gewesen. Die kurze Antwort dazu ist: Nein! Wenn im 19. Jahrhundert in einem Gesetz stand, jeder B\u00fcrger k\u00f6nne ein Amt antreten, waren Frauen nicht automatisch mitgemeint. Noch 1912 sinnierte Karl Kraus in der Fackel, ob sich \u201ejeder\u201c auf eine Frau beziehen k\u00f6nnte und kam zu dem Schluss: \u201e\u201aJeder\u2018 kann sich tats\u00e4chlich auch auf Frauen beziehen; aber das eben sollte sie in Harnisch bringen, dass die Sprache zur Bezeichnung einer Allgemeinheit das Maskulinum gew\u00e4hlt hat.\u201c<\/p>\n<p>Genau diese Uneindeutigkeit ist das gro\u00dfe Problem des Maskulinums. Wenn wir zum Beispiel im 21. Jahrhundert einen Text aus dem 20. Jahrhundert \u00fcber ein Ereignis des 19. Jahrhunderts lesen, brauchen wir viel Hintergrundwissen. Geht es etwa um die Revolution 1848 und die \u201eStudenten und Arbeiter\u201c, m\u00fcssen wir wissen, dass Frauen in Wien nicht zum Studium zugelassen waren, aber dass es sehr wohl Arbeiterinnen gab. Wir m\u00fcssen zudem wissen, dass es in der Zeit, in der der Text verfasst wurde, nicht \u00fcblich war, Frauen sprachlich zu repr\u00e4sentieren. Verf\u00fcgen wir \u00fcber eines dieser Puzzlesteine nicht, k\u00f6nnen wir den Text selbst mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung nicht korrekt entschl\u00fcsseln. Das Maskulinum ist also schlecht dazu geeignet, Fakten eindeutig wiederzugeben.<\/p>\n<p><strong>Umsetzung in Kulturbetrieben<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Masterarbeit wurden drei Wiener Museen untersucht, die in der einen oder anderen Form \u201edie Welt abbilden\u201c und daher besonders interessant in Bezug auf Personenbezeichnungen sind: das Wien Museum, das Volkskundemuseum Wien und das Weltmuseum Wien.<\/p>\n<p>Alle drei Museen verwenden gendersensible Anreden in der Kommunikation mit Kund_innen. Das trifft sich mit einer These von Magnus Pettersson, die auch im unten genannten Duden-Band diskutiert wird: Je konkreter die\u00a0Person oder Personengruppe ist, \u00fcber die gesprochen wird, umso eher wird geschlechtergerecht formuliert, je allgemeiner \u00fcber Personen gesprochen wird, umso weniger. Das wird spezifische versus generische\/klassenbezogene Referenz genannt. Auch N\u00e4he und Distanz spielen dabei eine Rolle.<\/p>\n<p>Eine weitere Gemeinsamkeit der Museen ist, dass in den Sonderausstellungen geschlechtergerecht formuliert wird, in den Dauerausstellungen aber nicht. Interessanterweise hat das nicht nur etwas mit der Entstehungszeit der Dauerausstellungen zu tun, auch im neu er\u00f6ffneten Weltmuseum Wien wurden die permanenten Texte im Maskulinum formuliert, w\u00e4hrend die tempor\u00e4ren (Website, Sonderausstellungen) gendergerecht formuliert sind.<\/p>\n<p>Diese Zur\u00fcckhaltung, sich sprachlich festzulegen, wird oft damit begr\u00fcndet, dass geschlechtergerechte Sprache nicht offiziell normiert ist. Der Rat f\u00fcr deutsche Rechtschreibung besch\u00e4ftigt sich aber gerade mit geschlechtergerechter Sprache und hat im Juni 2018 angek\u00fcndigt, Empfehlungen an staatliche Stellen vorzubereiten.<\/p>\n<p>Dass sich der Rat damit befasst, ist bedeutsam. Es zeigt: Die Sprache ist in Bewegung und es gibt kein Zur\u00fcck zu einer imaginierten \u201eguten alten Zeit\u201c, bevor die Feminist_innen die Sprache so \u201everkompliziert\u201c h\u00e4tten. Denn eine Zeit, in der alle Geschlechter gleichberechtigt sind, geht mit dem Maskulinum als alles umfassende sprachliche Norm einfach nicht zusammen.<\/p>\n<ul>\n<li>Link zur Masterarbeit von Hannah Alker-Windbichler: <a href=\"https:\/\/phaidra.univie.ac.at\/view\/o:894602\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">phaidra.univie.ac.at\/o:894602<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Masterarbeit am Institut f\u00fcr Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der mdw ist geschlechtergerechter Sprache in Kulturbetrieben nachgegangen Am \u201eGendern\u201c scheiden sich die Geister. F\u00fcr die einen ist es der Untergang des Abendlands, f\u00fcr die anderen schon l\u00e4ngst sprachliche Normalit\u00e4t. 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