{"id":2247,"date":"2018-11-29T09:12:44","date_gmt":"2018-11-29T08:12:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2247"},"modified":"2018-11-29T09:12:44","modified_gmt":"2018-11-29T08:12:44","slug":"improvisation-und-transformation-ein-streiflicht-auf-zwei-phaenomene-im-rhythmikstudium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/11\/29\/improvisation-und-transformation-ein-streiflicht-auf-zwei-phaenomene-im-rhythmikstudium\/","title":{"rendered":"Improvisation und Transformation \u2013 ein Streiflicht auf zwei Ph\u00e4nomene im Rhythmikstudium"},"content":{"rendered":"<strong>\u201ePerforming the piece now feels like we are chasing meaning but then constantly undermining it from another direction, or from another form; so if we are making music, then it\u2019s undermined by the dance, or the dance is undermined by the words.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jonathan Burrows, 2005<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2250\" aria-describedby=\"caption-attachment-2250\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2250\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik1.jpg\" alt=\"Rhythmik\" width=\"1000\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik1.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik1-300x112.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik1-768x286.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik1-850x316.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2250\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Leopold Krenn<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was in diesem Zitat so treffend beschrieben wird, ist ein Prozess des Suchens nach Bedeutung im k\u00fcnstlerischen Tun, dessen Verlauf gleichzeitig permanent von Sinneswahrnehmungen gepr\u00e4gt ist. Diese m\u00fcnden wiederum in \u00e4sthetische Entscheidungen und Handlungen. Die vielf\u00e4ltigen kin\u00e4sthetischen, visuellen, auditiven, taktilen und haptischen Eindr\u00fccke, die w\u00e4hrend einer Improvisation mit den Medien K\u00f6rper, Musik, Bild und Sprache auf die agierende Person einwirken, werden Motor eigener, neuer Handlungen als Ausdr\u00fccke. Im Rhythmikstudium<sup>1<\/sup> hat dieser sinnliche Zugang \u00fcber kunstgeleitete Methoden einen hohen Stellenwert in der k\u00fcnstlerisch-p\u00e4dagogischen Praxis. Die hier definierte Improvisation unterscheidet sich von einer Gestaltung als ausgearbeitetem St\u00fcck dadurch, dass sie ihre Entwicklungsenergie aus dem momentanen Erleben heraus bezieht, ein auf vielen Ebenen \u2013 psycho-akustisch, neurobiologisch, psycho-motorisch \u2013 sozial komplexer Vorgang. Die Improvisation nimmt \u2013\u00a0qualitativ und quantitativ betrachtet \u2013 innerhalb des Rhythmikstudiums einen gro\u00dfen Stellenwert ein. So werden Studierende \u00fcber acht Semester in Klavier- und Instrumentalimprovisation sowie Bewegungsbegleitung<sup>2<\/sup> an ihrem ersten Instrument ausgebildet, studieren ebenso intensiv die Bewegungsimprovisation und die interdisziplin\u00e4re Improvisation im Hauptfach Rhythmik\/Musik und Bewegung. Oftmals werden improvisatorische Prozesse in diesen F\u00e4chern durch Anregungen zur \u00e4sthetischen Transformation initiiert. \u201eZeige, was du h\u00f6rst\u201c lautete die Aufforderung \u00c9mile Jaques-Dalcrozes<sup>3<\/sup> zur \u00dcbersetzung von einem Ausdrucksmedium in ein anderes, hier von Musik in Bewegung. Die \u00e4sthetische Transformation ist ein Ph\u00e4nomen, welches f\u00fcr die Rhythmikausbildung als interdisziplin\u00e4res \u201eHybrid-Studium\u201c<sup>4<\/sup> mit den S\u00e4ulen Musik und Bewegung konstituierend ist. In verschiedenen Gestaltungsf\u00e4chern innerhalb des zentralen k\u00fcnstlerischen Fachs Rhythmik finden permanent Auseinandersetzungen mit Rezeption und Produktion, Kognition und Perzeption in und durch Musik, K\u00f6rper\/Bewegung\/Tanz, Bild\/Objekt und Sprache statt.<sup>5<\/sup><\/p>\n<figure id=\"attachment_2251\" aria-describedby=\"caption-attachment-2251\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2251\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3.jpg\" alt=\"Rhythmik\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik3-850x850.jpg 850w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2251\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Leopold Krenn<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was geschieht in dem \u00e4sthetischen Transformationsprozess (\u201eZeige, was du h\u00f6rst\u201c)? Geht es darum, einem Klang oder einem musikalischen Motiv auf den Grund zu gehen, tanzend seinem \u201eGeschmack\u201c nachzusp\u00fcren? Wie k\u00f6nnen dabei Dimensionen von Klang wie Tondichte, Tonh\u00f6he, Klangfarbe in Bewegung als Nuance im Muskeltonus oder auch als Ausrichtung im Raum erfahren werden?<\/p>\n<p>Oder dient der Transformationsprozess einer Materialrecherche f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Gestaltung? Welche Rolle spielt der Dialog mit sich selbst, mit einem Gegenstand, einem Gegen\u00fcber oder einer Gruppe in diesem Zusammenhang? Bildet die Suche nach Bedeutung, von Burrows im Eingangszitat mit \u201echasing meaning\u201c beschrieben, grunds\u00e4tzlich den roten Faden in \u00e4sthetischen Handlungen?<\/p>\n<p>\u00c4sthetische Transformation ist gepr\u00e4gt von h\u00f6chst individuellen Wahrnehmungs- und Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien<sup>6<\/sup> Musik, K\u00f6rper, Bild und Sprache. Der Versuch, die \u00e4sthetische Aussage eines Ausgangsmediums (K\u00f6rper) durch ein zweites, anderes Medium (Musik) analog abzubilden, ist als Forschungsgegenstand hochinteressant, da diese Ausdrucksmedien sowohl \u00e4hnlichen als auch verschiedenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten folgen. Konkret gesprochen: Wie kann der K\u00f6rper als ein im Raum verankertes Ph\u00e4nomen in Musik als ein nur in zeitlichen Strukturen existierendes Ph\u00e4nomen \u00fcbersetzt werden? Wie dr\u00fccken sich Ereignisse in Raum, Zeit, Kraft und Form musikalisch aus, wie in Bewegung? Wenngleich die\u00a0Musik bei der Entstehung einer Komposition ihren eigenen musikspezifischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten folgt, werden ihr dennoch neue Potenziale er\u00f6ffnet werden. Die \u00dcbernahme von Merkmalen aus einem anderen Medium wie einem Bild \u2013 die Idee von R\u00e4umlichkeit, N\u00e4he und Distanz, Farben o. \u00c4. \u2013 regt zum Experimentieren mit neuen Zeitverl\u00e4ufen, Nuancen in Klangfarbe, harmonischer Progression oder neuen formalen Anordnungen an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2252\" aria-describedby=\"caption-attachment-2252\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2252\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik2.jpg\" alt=\"Rhythmik\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik2-300x271.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik2-768x694.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/rhythmik2-850x768.jpg 850w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2252\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Leopold Krenn<\/figcaption><\/figure>\n<p>Analog zu den beschriebenen Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien werden im Rhythmikstudium die individuellen Empfindungen, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen einer Person selbst betrachtet. Und genau hierin liegt das Potenzial f\u00fcr die rhythmikspezifische Gestaltungsarbeit: Studierende sind dazu aufgefordert nicht reproduzierend, sondern kreativ eigene Ideen und Gestaltungen zu entwickeln. Eine subjektive Positionierung zu einer k\u00fcnstlerischen Idee bei gleichzeitiger reflektierender Distanz ebnet den Weg zur Entwicklung eines pers\u00f6nlichen Kunstwerks und dar\u00fcber hinaus zu einem pers\u00f6nlichen Kunstbegriff \u2013 und zur Entwicklung einer Haltung f\u00fcr die k\u00fcnstlerisch-p\u00e4dagogische Praxis.<\/p>\n<p>Autor_innen: Hanne Pilgrim, Jutta Goldgruber-Galler, Nora Schnabl, Herta Hirmke-Toth<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Brandst\u00e4tter, Ursula (2008). Grundfragen der \u00c4sthetik. Wien: B\u00f6hlau.<\/li>\n<li>Brandst\u00e4tter, Ursula (2013). Erkenntnis durch Kunst. Wien: B\u00f6hlau.<\/li>\n<li>Burrow, Jonathan (2005) zitiert nach Julia Ostwald beim Vortrag Tanz \u2013 Stimme \u2013 Notation (Symposium Notation: Imagination und \u00dcbersetzung, Wien 2018)<\/li>\n<li>Jaques-Dalcroze, \u00c9mile (1994). Rhythmus, Musik und Erziehung. Seelze: Kallmeyer.<\/li>\n<li>P\u00f6tschke, Margot (1960). Zeige, was du h\u00f6rst. Teil 1. Frankfurt: Wilhelm Hansen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>1<\/strong> Die genaue Bezeichnung ist laut Studienplan \u201eMusik- und Bewegungsp\u00e4dagogik\/Rhythmik\u201c, hier wird zugunsten des Leseflusses die Bezeichnung \u201eRhythmikstudium\u201c verwendet.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>2<\/strong> Ein spezifisches in der Rhythmikausbildung zentrales Fach, wo es um das Improvisieren differenzierter instrumentaler Begleitungen in Bezug auf Bewegung\/Tanz geht.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>3<\/strong> Der in Wien geborene Komponist und Musikp\u00e4dagoge ist der Begr\u00fcnder der um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jh. entstandenen Methode \u201eRhythmik\u201c (damals rhythmische Gymnastik genannt). Jaques-Dalcroze wollte Musik k\u00f6rperlich im Raum sicht- und erlebbar machen. Er ging davon aus, dass vor Beginn einer \u00e4sthetisch-k\u00fcnstlerischen Bildung die im Menschen wirkenden Kr\u00e4fte physisch bewusst gemacht und zielgerichtet eingesetzt werden sollten. Dalcroze gilt als Weichensteller im modernen Tanz und in der elementaren oder auch \u201ekomplexen\u201c Musikp\u00e4dagogik.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>4<\/strong> Das Besondere im Rhythmikstudium ist, dass Musikausbildung und Bewegungsausbildung nicht parallel voneinander stattfinden, sondern im zentralen k\u00fcnstlerischen Fach Rhythmik in stetigem Wechselbezug zueinander gelehrt, praktiziert und beforscht werden; nat\u00fcrlich gibt es zahlreiche Lehrveranstaltungen, die innerhalb des curricularen Moduls Praxis von Musik und Bewegung der rein musikalischen oder t\u00e4nzerischen Ausbildung dienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>5<\/strong> Als besondere Voraussetzung kommt hier hinzu, dass die Gestaltungsf\u00e4cher vorwiegend als Gruppenunterricht stattfinden, was besondere Potenziale f\u00fcr kreative und interaktive Prozesse mit sich bringt.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>6<\/strong> Ursula Brandst\u00e4tter beschreibt in Grundfragen der \u00c4sthetik (2008) und Erkenntnis durch Kunst (2013) die Wahrnehmungs- und Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien Musik, Bild, Sprache und K\u00f6rper und entwickelt dar\u00fcber hinaus Thesen zum erkenntnistheoretischen Potenzial von \u00e4sthetischer Transformation.<\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePerforming the piece now feels like we are chasing meaning but then constantly undermining it from another direction, or from another form; so if we are making music, then it\u2019s undermined by the dance, or the dance is undermined by the words.\u201c Jonathan Burrows, 2005 Was in diesem Zitat so treffend beschrieben wird, ist ein &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":121,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[650,53,659,662,661,33,660,154,52],"class_list":["post-2247","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-research","tag-2018-4","tag-forschung","tag-hanne-pilgrim","tag-music-movement","tag-musikbewegung","tag-research","tag-rhythmik","tag-science","tag-wissenschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/121"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2247"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2426,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2247\/revisions\/2426"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}