{"id":2107,"date":"2018-09-27T12:54:53","date_gmt":"2018-09-27T10:54:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2107"},"modified":"2019-02-01T12:43:55","modified_gmt":"2019-02-01T11:43:55","slug":"atlas-der-gesamten-musik-und-aller-angrenzenden-gebiete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/09\/27\/atlas-der-gesamten-musik-und-aller-angrenzenden-gebiete\/","title":{"rendered":"Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete"},"content":{"rendered":"<strong>Georg Nussbaumer und Hunderte von Studierenden realisieren am 17. 11. 2018 am mdw-Campus eine begehbare Symphonie f\u00fcr <em>Wien Modern<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201eEntschuldigung, wie kommt man hier zur Staatsoper?\u201c \u2013 \u201e\u00dcben, \u00fcben, \u00fcben!\u201c Dieser klassische Witz beschw\u00f6rt sofort eine vertraute H\u00f6rsituation herauf: Aus allen Zimmern des mdw-Campus kommen \u00dcbeger\u00e4usche und Vorspielkl\u00e4nge, wild durcheinander, von nah und fern. Irgendwo wird eine Geige gestimmt, ein paar perlende Tonleitern, hier irgendeine leicht verrutschte Et\u00fcdenpassage, gleich noch mal besser. Dort ganz klar und deutlich ein paar wohlbekannte Akkordketten aus der Waldsteinsonate, von oben weht ein ebenso bekannter Fetzen aus dem Mozart-Klarinettenkonzert herunter, das da k\u00f6nnte doch Paul Hindemith sein, das barocke ist vielleicht Georg Philipp Telemann oder so, der Tango dort dr\u00fcben, das muss Astor Piazzolla sein, jetzt ganz leise etwas von vielleicht Johann Sebastian Bach, eine smooth nach Bill Evans klingende Big Band l\u00e4sst kurz den Wunsch nach einem k\u00fchlen Getr\u00e4nk aufkommen, nun singt irgendjemand \u201eI feel those moments of ecstasy\u201c, irgendwo v\u00f6llig unvermittelt ein lauter Trommelwirbel, irgendwas vollkommen Schr\u00e4ges, ganz kurz ein sph\u00e4risch schwebendes Dmitri Schostakowitsch-Streichquartett, dazwischen ein Kinderchor, seit einer ganzen Weile schon ein hartn\u00e4ckiges funky Gitarrenriff, und an welche russische Komponistin erinnern diese spooky Harfenkl\u00e4nge gleich noch mal?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2111\" aria-describedby=\"caption-attachment-2111\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2111\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Georg_Nussbaumer.jpg\" alt=\"Georg Nussbaumer\" width=\"1000\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Georg_Nussbaumer.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Georg_Nussbaumer-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Georg_Nussbaumer-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Georg_Nussbaumer-850x566.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2111\" class=\"wp-caption-text\">Georg Nussbaumer \u00a9Melody Roozimand 2018<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was w\u00e4re, wenn eine unsichtbare Hand dieses \u00fcber einen riesigen Geb\u00e4udekomplex verteilte, vollkommen bunt zusammengew\u00fcrfelte Orchester dirigieren w\u00fcrde? Wenn pl\u00f6tzlich, wie mit einem magischen Fingerschnippen, alle auf einmal Tonleitern spielen w\u00fcrden oder etwas in C-Dur? Oder wenn alle gleichzeitig aufh\u00f6ren oder anfangen w\u00fcrden? Kann man eigentlich alle Klaviere der mdw in einen Raum quetschen und gleichzeitig spielen? K\u00f6nnte jemand einmal alle T\u00fcren aufmachen bitte, damit die wilde Mischung etwas st\u00e4rker umger\u00fchrt wird? Wie kann man hier die Farben noch bunter machen und den Kontrast auf Maximum drehen? Und h\u00e4tte die mdw nicht noch irgendwo ein paar Orchester, die man noch mit dazunehmen k\u00f6nnte?<\/p>\n<hr \/>\n<p>Video-R\u00fcckblick der Veranstaltung:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/t1-Xa9zjFKI\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<hr \/>\n<p>Dass er mit den vielen seltsamen Fragen, wie sie sich Kinder gerne stellen, irgendwann einmal aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte, kann man Georg Nussbaumer ganz sicher nicht zum Vorwurf machen. Der in Wien lebende Komponist, 1964 in Linz geboren (nebenbei bemerkt: der Stadt der Klangwolke), l\u00e4sst seine Musik aus wirklich Allem entstehen: Eine Mozartkugel schmilzt im Mund einer S\u00e4ngerin. Ein Konzertfl\u00fcgel wird mit einer Art Presslufthammer an seinen drei Beinen feierlich ratternd durch einen Schlosspark geschoben. Ein Tristan als Apnoe-Taucher schwimmt mitten im Foyer der Philharmonie Luxembourg ganz unten in einem Plexiglas-Tank und wird von Isolde vom durchsichtigen Beckenrand aus angesungen. In einem seiner St\u00fccke schwimmt ein Cello wie ein Schwan \u00fcber das Wasser, in einem anderen wiederum h\u00e4ngt das Cello an der Wand und wird wie der Heilige Sebastian immer wieder von Pfeilen durchbohrt (<em>Bogen\u00fcbung<\/em>). Bei <em>Wien Modern<\/em> hat er 2016 unter den grimmigen Blicken des Beethoven-Denkmals im Wiener Konzerthaus einen Konzertfl\u00fcgel mitsamt Schuberts <em>Winterreise<\/em> unter einem meterhohen Eisberg begraben. Beim <em>Steirischen Herbst<\/em> hat er einen wirklichen weststeirischen Wasserfall in sein Instrumentarium aufgenommen, bei den <em>Donaueschinger Musiktagen<\/em> ein M\u00f6belhaus zum Konzertsaal gemacht und Richard Wagner in eine Wassertonne versenkt \u2013 der <em>Ring des Nibelungen<\/em> war parallel zu Nussbaumers genau gleich langer Konzertinstallation nur mit eingetauchtem Kopf zu h\u00f6ren, was durchaus einigen Festivalbesucher_innen die Frisur durcheinanderbrachte.<\/p>\n<p>Im Durcheinanderbringen ist Georg Nussbaumer Meister: Mit bewundernswert unersch\u00f6pflicher Fantasie, hintergr\u00fcndigem Humor und \u00fcberbordenden Verweisen auf die gesamte Hoch- und Tiefkultur baut er seine St\u00fccke genau so, dass selbst alte Bekannte der Musikgeschichte pl\u00f6tzlich mit zerzausten Haaren und einem L\u00e4cheln im Gesicht ganz unerwartet neu um die Ecke biegen. Mozart, Beethoven, Schubert, mittelalterliche Neumennotation und immer wieder Richard Wagner mit der Gesamtbev\u00f6lkerung seines Opernuniversums \u2013 sie alle tauchen immer wieder in Nussbaumers Aktionen, Installationen und St\u00fccken auf und unter.<\/p>\n<p>F\u00fcr den <em>Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete<\/em>, eine \u201ebegehbare Symphonie mit Hunderten von Mitwirkenden in 85 R\u00e4umen\u201c, komponiert Georg Nussbaumer eine dreieinhalb Stunden dauernde Bespielung des mdw-Campus. Die Urauff\u00fchrung findet am 17. November 2018 im Rahmen des Festivals <em>Wien Modern<\/em> statt. Alle am Anfang des Texts genannten St\u00fccke werden \u00fcbrigens tats\u00e4chlich vorkommen, dazu Hunderte weitere, die von Studierenden, Ensembles der mdw und kooperierenden Musikschulen eingereicht wurden. Teil der Melange sind, zumindest als Inspiration und Vorgeschichte, neben der gesamten Wiener Klassik auch die z\u00e4hesten unter den Mahler-Symphonien, H\u00e4ndels <em>Wassermusik<\/em>, die <em>Polytope<\/em> von Iannis Xenakis sowie <em>Musicircus<\/em> und <em>A House Full of Music<\/em> des Avantgarde-Pioniers John Cage. Hunderte von Mitwirkenden in zahllosen Kammern, G\u00e4ngen und S\u00e4len laden einen Samstagnachmittag lang zum Verweilen, Durchstreifen, Sich-Verlieren und Sich-Verh\u00f6ren ein. Die F\u00fclle des zu Entdeckenden reicht von der Klavierh\u00f6lle (plausibler Arbeitstitel) bis zu Orten der Stille, von kilometerlangen Trillerketten bis zu mehrere Stockwerke miteinander verbindenden Tonleitern, vom ganz normalen \u00dcbewahnsinn des Musikalltags in streng aufbereiteter Form bis zu poetischen R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten in den unbekannten Tiefen des verwinkelten Musikgeb\u00e4udekomplexes am Anton-von-Webern-Platz. Der Eintritt ist selbstverst\u00e4ndlich frei, entsprechendes Kartenmaterial wird zwecks besserer Orientierung beigestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Georg Nussbaumer: <em>Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete. Eine begehbare Symphonie mit Hunderten von Mitwirkenden in 85 R\u00e4umen<\/em> (2017\u20132018 UA)<\/p>\n<p>Produktion und Kompositionsauftrag <em>Wien Modern<\/em> und mdw \u2013 Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>The mdw\u00a0bei\u00a0<em>Wien Modern<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/1052\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">alle Veranstaltungen im Detail<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>28. 10. \u201cBibliosph\u00e4re\u201d<\/strong><br \/>\nMarino Formenti und zahlreiche Studierende verwandeln die Bibliothek acht Stunden lang in einen Jahrhunderte umspannenden H\u00f6rraum<\/p>\n<p><strong>31. 10.\u201312. 11. \u201cmdw Rahmenhandlung\u201d<\/strong><br \/>\nSymposium, Gespr\u00e4che und gelegentliches Plattenauflegen rund um ausgew\u00e4hlte Veranstaltungen des Festivals<\/p>\n<p><strong>9. 11. \u201cmdw Scratch Orchestra\u201d<\/strong><br \/>\nGunter Schneider begibt sich mit Studierenden auf die Spuren des legend\u00e4ren Londoner Improvisationsensembles der 1968er<\/p>\n<p><strong>17. 11. <em>Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete<\/em><\/strong><br \/>\nGeorg Nussbaumer bespielt mit Hunderten von Mitwirkenden dreieinhalb Stunden lang den mdw-Campus (siehe Text)<\/p>\n<p><strong>27. 11. \u201cHarakiri\u201d<\/strong><br \/>\nDas Webern Ensemble Wien und Jean-Bernard Matter pr\u00e4sentieren im Odeon radikale Musik aus den wilden 1960er- und 1970er-Jahren","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Nussbaumer und Hunderte von Studierenden realisieren am 17. 11. 2018 am mdw-Campus eine begehbare Symphonie f\u00fcr Wien Modern \u201eEntschuldigung, wie kommt man hier zur Staatsoper?\u201c \u2013 \u201e\u00dcben, \u00fcben, \u00fcben!\u201c Dieser klassische Witz beschw\u00f6rt sofort eine vertraute H\u00f6rsituation herauf: Aus allen Zimmern des mdw-Campus kommen \u00dcbeger\u00e4usche und Vorspielkl\u00e4nge, wild durcheinander, von nah und fern. 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