{"id":2087,"date":"2018-09-27T12:37:34","date_gmt":"2018-09-27T10:37:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2087"},"modified":"2018-09-27T12:37:34","modified_gmt":"2018-09-27T10:37:34","slug":"magie-im-staffellauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/09\/27\/magie-im-staffellauf\/","title":{"rendered":"Magie im Staffellauf"},"content":{"rendered":"<strong>Die Burgtheater-Schauspieler_innen Regina Fritsch, Maria Happel und Roland Koch erz\u00e4hlen, wie sie ihren Rollenunterricht am Max Reinhardt Seminar anlegen.<\/strong><\/p>\n<p>Ob im Leben oder auf der B\u00fchne, oft sind es Kleinigkeiten, die eine Person ausmachen. Winzige Details, die mehr \u00fcber einen selbst verraten, als es uns mitunter lieb ist. \u201eIch fange gern mit den F\u00fc\u00dfen an\u201c, sagt Schauspielerin Maria Happel, die am Institut f\u00fcr Schauspiel und Schauspielregie \u2013 Max Reinhardt Seminar das Fach Rollenarbeit unterrichtet. \u201eWelche Schuhe man tr\u00e4gt, gibt der Figur, die man spielen m\u00f6chte, sofort eine Haltung.\u201c Die sogenannte Rollenarbeit ist ein Herzst\u00fcck in der Ausbildung von jungen Schauspieler_innen. \u201eWas trocken auf dem Papier steht, muss Fleisch und Blut werden\u201c, bringt es Roland Koch, ebenfalls einer der Lehrenden am Max Reinhardt Seminar, auf den Punkt. Der Begriff geht auf Stanislawskis bahnbrechendes Werk <em>Die Arbeit des Schauspielers<\/em> an der Rolle zur\u00fcck, das detailliert Techniken beschreibt, sich eine B\u00fchnenfigur im Rahmen der Probenarbeit anzueignen: \u00fcber Rollenanalyse bis zu improvisierten \u00dcbungen. Nach Stanislawski geht es um Glaubw\u00fcrdigkeit, darum das Innenleben der zu verk\u00f6rpernden Figur zu erforschen, um eine komplexe Darstellung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2089\" aria-describedby=\"caption-attachment-2089\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2089\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/regina_fritsch.jpg\" alt=\"Regina Fritsch\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/regina_fritsch.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/regina_fritsch-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/regina_fritsch-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/regina_fritsch-850x565.jpg 850w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2089\" class=\"wp-caption-text\">Regina Fritsch \u00a9Jeanne Degraa<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schauspielerin Regina Fritsch nennt es \u201epsychologisches Koordinationssystem\u201c. Bei ihr beginnt die gemeinsame Arbeit am Tisch, beim Lesen der St\u00fccke und dem Herausfinden von Charaktermerkmalen der Figuren.\u00a0Was bedeutet der Text \u00fcberhaupt? Was hat das St\u00fcck heute mit mir zu tun? Verstehe ich die Sprache und was steckt alles in ihr? Erst der zweite Schritt geht auf die B\u00fchne, um eine konkrete K\u00f6rperlichkeit zu finden, eine entsprechende Situation f\u00fcr die Szene zu bauen, und Fragen, die am Tisch beantwortet wurden, auszuprobieren. Etwa: Wie bewegt sich die Figur? Hat sie vielleicht einen Tick? Wie vielschichtig verh\u00e4lt sie sich aus ihrer aktuellen Not heraus? \u201eMan tastet sich weiter mit Fantasie und Gr\u00fcndlichkeit, bis man sich die Figur einverleibt hat\u201c, so Fritsch. Der Unterschied zur sp\u00e4teren Arbeit an einem Theater besteht vor allem darin, dass die Universit\u00e4t ein gesch\u00fctzter Ort sein soll. \u201eDie meisten Regisseur_innen geben einem keine Zeit, jede_r will sofort alles in verschiedenen Versionen sehen\u201c, erz\u00e4hlt Fritsch aus Erfahrung. Gerade am Beginn sei es wichtig, den Studierenden zu helfen, eine gewisse Sicherheit zu entwickeln.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2090\" aria-describedby=\"caption-attachment-2090\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2090\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel.jpg\" alt=\"Maria Happel\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel-300x177.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel-768x453.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel-850x502.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Maria_Happel-413x244.jpg 413w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2090\" class=\"wp-caption-text\">Maria Happel \u00a9Jeanne Degraa<\/figcaption><\/figure>\n<p>Roland Koch w\u00fcrde es sogar noch weiter fassen: \u201eEs geht um einen grunds\u00e4tzlichen Diskurs \u00fcber den Beruf, der sich in den letzten Jahren doch sehr ver\u00e4ndert hat.\u201c Die Vertr\u00e4ge an den B\u00fchnen werden k\u00fcrzer, der Druck auf junge Darsteller_innen w\u00e4chst. \u201eDie Frage ist, f\u00fcr welchen Markt wir \u00fcberhaupt ausbilden.\u201c Koch m\u00f6chte keine Befehlsempf\u00e4nger_innen heranz\u00fcchten, sondern neugierige Darsteller_innen auf den Weg schicken. Schauspieler_innen, die sich selbst fragen, was sie nach dem Studium anfangen wollen. \u201eAls ich vor 30 Jahren begonnen habe, gab es einen klaren Gesellschaftsvertrag und ein fl\u00e4chendeckendes Kulturangebot. Man wusste, man f\u00e4ngt vielleicht in der Provinz an, aber landet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an einem gr\u00f6\u00dferen Haus\u201c, erinnert sich der Burg-Schauspieler. \u201eHeute bewegt sich das Karussell stockend, es gibt immer weniger Stellen f\u00fcr immer mehr Schauspieler_innen.\u201c Wichtig findet Koch daher, neue Felder zu erschlie\u00dfen \u2013 und dazu geh\u00f6rt nicht nur die Arbeit f\u00fcr Film und Fernsehen. Werde ich als Ich-AG Solist_in mit einem Literaturprogramm und toure damit? Versuche ich mich in der freien Szene? Oder schreibe vielleicht sogar selber St\u00fccke?<\/p>\n<p>Obwohl viel davon die Rede ist, dass heutzutage Performer_innen die klassisch psychologischen Schauspieler_innen abl\u00f6sen, sind sich Fritsch, Happel und Koch einig, dass die meisten der Studierenden nach wie vor den Wunsch haben, einen Tschechow zu spielen und die Figuren von innen heraus zu ergr\u00fcnden. \u201ePerformen ist nicht schwer\u201c, sagt Fritsch provokant, \u201edas kann meine Katze auch. Das Performen ersch\u00f6pft sich schnell, aber das psychologische Spiel hat enorm viele Facetten.\u201c Auch Happel findet, das Max Reinhardt Seminar sollte\u00a0die Abg\u00e4nger_innen bestm\u00f6glich auf die Realit\u00e4t vorbereiten, wo radikale Regiehandschriften ebenso m\u00f6glich sind, wie Regisseur_innen, die sehr offen arbeiten. \u201eUnser Beruf hat mit Magie zu tun\u201c, sagt sie. \u201eDie \u00c4lteren m\u00fcssen den J\u00fcngeren die Geheimnisse ins Ohr fl\u00fcstern, Tricks aus der eigenen Erfahrung wie in einem Staffellauf an die kommenden Generationen weitergeben.\u201c F\u00fcr Happel geht es darum, \u201edie H\u00fclle zur Verf\u00fcgung zu stellen f\u00fcr eine Figur, die man sich erarbeitet hat\u201c. Die Frage, was ein Text und eine Figur mit mir selbst zu tun haben, ist dabei zentral.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2091\" aria-describedby=\"caption-attachment-2091\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2091\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/roland_koch.jpg\" alt=\"Roland Koch\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/roland_koch.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/roland_koch-287x300.jpg 287w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2091\" class=\"wp-caption-text\">Roland Koch \u00a9Daniel Willinger | dwphoto.at<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Lehrenden sind meist die ersten Kritiker_innen in einem Beruf, bei dem man einiges einstecken muss. Wie geht man damit um, wenn man in den Zeitungen verrissen wird? \u201eWer sagt, dass Kritik nicht weh tut, der l\u00fcgt\u201c, gibt Fritsch offen zu. \u201eEs ist nicht n\u00f6tig, lieblose R\u00fcckmeldung zu geben, viel wichtiger sind konstruktive Verbesserungsvorschl\u00e4ge.\u201c Auch Fritsch ist \u00fcberzeugt, dass die Zeiten h\u00e4rter geworden sind. Als sie am Theater zu arbeiten begann, gab es noch eine Art von Theaterfamilie, \u00e4ltere Mentor_innen, die sich um die Neulinge gek\u00fcmmert haben. Mit schrumpfenden Ensembles ist der Verteilungskampf brutaler geworden. Auch darum muss es in Gespr\u00e4chen mit dem Nachwuchs gehen: Sie auf eine Situation vorzubereiten, in der sie wom\u00f6glich nicht sofort ein Engagement finden. \u201eWir reden auch \u00fcber viele aktuelle Debatten, von #MeToo bis zur Frage, welchen Stellenwert Schauspieler_innen im Schaffensprozess haben\u201c, sagt Koch. \u201eOb Schauspieler_innen nicht auch Dramaturg_innen, Regisseur_innen und Autor_innen sind.\u201c Das Theater als Abbild der Wirklichkeit muss sich den brennenden Themen der Realit\u00e4t stellen. Dazu geh\u00f6rt auch, zu wissen, was auf den B\u00fchnen gerade l\u00e4uft: \u201eIch treibe meine Studierenden in jede Vorstellung rein\u201c, sagt Koch, der zugibt, nicht auf jede Frage eine Antwort zu wissen. Fragen sind im Theater enorm wichtig, betont er, Antworten oft \u00fcbersch\u00e4tzt. Oder wie der gro\u00dfe irische Dramatiker Samuel Beckett gesagt hat: \u201eWieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Burgtheater-Schauspieler_innen Regina Fritsch, Maria Happel und Roland Koch erz\u00e4hlen, wie sie ihren Rollenunterricht am Max Reinhardt Seminar anlegen. Ob im Leben oder auf der B\u00fchne, oft sind es Kleinigkeiten, die eine Person ausmachen. Winzige Details, die mehr \u00fcber einen selbst verraten, als es uns mitunter lieb ist. \u201eIch fange gern mit den F\u00fc\u00dfen an\u201c, &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":2093,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[595,43,625,627,44,626,628,629,82],"class_list":["post-2087","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-drama","tag-2018-3","tag-acting","tag-burgtheater","tag-maria-happel","tag-max-reinhardt-seminar","tag-regina-fritsch","tag-roland-koch","tag-rollenunterricht","tag-schauspiel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2087"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2095,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087\/revisions\/2095"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}