{"id":2057,"date":"2018-09-27T12:45:22","date_gmt":"2018-09-27T10:45:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2057"},"modified":"2020-03-10T11:11:58","modified_gmt":"2020-03-10T10:11:58","slug":"ethnomusikologie-und-minderheitenforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/09\/27\/ethnomusikologie-und-minderheitenforschung\/","title":{"rendered":"Ethnomusikologie und Minderheitenforschung"},"content":{"rendered":"<strong>Joint Meeting der ICTM Study Groups on Music and Minorities und Music and Gender an der mdw<\/strong><\/p>\n<p>Study Groups sind kleinere, thematisch verbundene Organisationseinheiten innerhalb der gr\u00f6\u00dften internationalen ethnomusikologischen Gesellschaft ICTM, International Council for Traditional Music (<a href=\"http:\/\/ictmusic.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ictmusic.org<\/a>). Diese Study Groups f\u00fchren ein Eigenleben, manchmal sehr aktiv, manchmal weniger. Konferenzen werden alle zwei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt abgehalten. Gemeinsam mit Svanibor Pettan (Slowenien) habe ich vor 20 Jahren eine davon gegr\u00fcndet: die Study Group on Music and Minorities. Sie z\u00e4hlt heute etwa 250 Mitglieder und kann insofern auf eine Erfolgsgeschichte zur\u00fcckblicken, als das Thema \u201eMinderheiten in der Ethnomusikologie\u201c zu einem zentralen Thema im internationalen Diskurs wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2060\" aria-describedby=\"caption-attachment-2060\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2060\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/ictm_sept18.jpg\" alt=\"IVE\" width=\"1000\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/ictm_sept18.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/ictm_sept18-300x137.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/ictm_sept18-768x351.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/ictm_sept18-850x388.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2060\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9IVE Yoder<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Ethnomusikologie besch\u00e4ftigt sich mit Musik im sozialen Zusammenhang, ihrem Gebrauch von Gemeinschaften\/Individuen sowie der Bedeutung, die Musik f\u00fcr diese Personen hat. Das Fach umfasst alle Musiken der Welt \u2013 die nordindische Kunstmusik genauso wie die Musik der Burgenlandkroat_innen. Wichtigste Methode der Ethnomusikologie ist die Feldforschung, die im empirischen Bereich die Grundlage f\u00fcr wissenschaftliche Ergebnisse darstellt. In der Feldforschung, die entweder dokumentarisch oder explorativ ausgerichtet ist, werden Ton- oder Videodokumente erstellt. Deren Interpretation erm\u00f6glicht eine umfassende Betrachtung von Musikkulturen.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, sich in diesem fachlichen Zusammenhang mit marginalisierten Gruppen zu besch\u00e4ftigen, verbindet die Mitglieder der Study Group on Music and Minorities. Dabei ist es wichtig, einen Konsens dar\u00fcber zu finden, wie Minderheit definiert wird, deshalb ist die\u00a0Minderheiten-Definition ein zentrales Diskussionsthema seit der Gr\u00fcndung dieser Study Group. Die derzeit g\u00fcltige Definition lautet folgenderma\u00dfen: \u201eMinorities are groups of people distinguishable from the dominantgroup for cultural, ethnic, social, religious, or economic reasons.\u201c (<a href=\"http:\/\/ictmusic.org\/group\/music-and-minorities\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ictmusic.org\/group\/music-and-minorities<\/a>)<\/p>\n<p>Beim diesj\u00e4hrigen Symposium (23.\u2013 30. 7. 2018) wurde diese Definition wieder diskutiert und es scheint sich eine Neuformulierung anzubahnen. Es sollen nach Meinung vieler Mitglieder vor allem indigene Gruppen und Migrant_innen sowie behinderte Menschen und die LGBT-Community explizit genannt werden, die ohnehin immer wieder Thema von Pr\u00e4sentationen im Rahmen der Study Group waren. Es geht oft um Machtverh\u00e4ltnisse und um das relationale Verh\u00e4ltnis zur Mehrheit, zur Dominanzgesellschaft. Die Forschungen sind oft mit gesellschaftspolitischem Engagement verbunden und die internationale Vernetzung ist unabdingbar, da die unterschiedlichen politischen Verh\u00e4ltnisse in der Welt auch sehr verschiedene Ausgangsbedingungen f\u00fcr Minderheiten schaffen. Der ICTM bietet den idealen Rahmen f\u00fcr den internationalen Austausch, und Symposien wie das genannte sind ein wesentliches Mittel zur erfolgreichen wissenschaftlichen Kooperation. Beim diesj\u00e4hrigen Symposium in Wien wurden die Kr\u00e4fte mit einer anderen ICTM Study Group geb\u00fcndelt, die ebenfalls gesellschaftspolitische Anliegen hat: Music and Gender. Die Gemeinsamkeiten schlugen sich u. a. in einem ganzen Block von \u201eshared themes\u201c nieder, die jeweils beide Aspekte, n\u00e4mlich Gender und Minderheiten zum Thema hatten (das genaue Programm finden Sie unter <a href=\"http:\/\/mdw.ac.at\/ive\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mdw.ac.at\/ive<\/a>).<\/p>\n<p>Die angeregten, auch kontroversen Diskussionen und der pers\u00f6nliche Austausch trugen dazu bei, neue Denkr\u00e4ume zu \u00f6ffnen und neue Formen der Kooperation auszuloten. Das Symposium ist sehr erfolgreich zu Ende gegangen, die Eckdaten sprechen f\u00fcr sich: 70 aktive Teilnehmer_innen (Vortragende und Chairs) und zus\u00e4tzlich etwa 60 Zuh\u00f6rer_innen aus 39 L\u00e4ndern und sechs Kontinenten. Dies ist selbst f\u00fcr eine ICTM-Veranstaltung erstaunlich und spricht f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t der Themen sowie des Veranstaltungsortes. Die Symposien des IVE an der mdw haben in der ethnomusikologischen Community weltweit den Ruf, hervorragend organisiert und vergn\u00fcglich zu sein, und die Attraktionen der Stadt Wien vergr\u00f6\u00dfern die Anziehungskraft.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Ausgangspunkt f\u00fcr die internationale Minderheitenforschung in der Ethnomusikologie war der Minderheitenschwerpunkt am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der mdw. Er wurde 1990 aufgrund der vom FWF finanzierten Forschungsprojekte zu Roma und Burgenlandkroat_innen eingerichtet und begann, sich zunehmend an politisch brisanten Themen zu orientieren. Insbesondere die Romaforschung war eine Triebfeder zur internationalen Vernetzung, denn erstens war ich in \u00d6sterreichs Ethnomusikologie allein mit dem Thema und zweitens leben Roma auf der ganzen Welt als Minderheit. In der weiteren Entwicklung reagierte der Minderheitenschwerpunkt jeweils auf politische Ereignisse: Die Musik der bosnischen Fl\u00fcchtlinge wurde zum Thema, als durch den B\u00fcrgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien etwa 100.000 bosnische Fl\u00fcchtlinge in \u00d6sterreich ihre neue Heimat suchten, die steirischen Slowen_innen, als es um die Anerkennung als Volksgruppe ging. Bei diesen Projekten waren bereits Angeh\u00f6rige der Gruppen selbst als Forscher_innen in die Projektarbeit einbezogen, was bis heute ein Grundprinzip darstellt. Der urbane Raum erforderte als Forschungsfeld ab 2003 viele Neudefinitionen von Fragestellungen und Methoden, was eine\u00a0wesentliche Weiterentwicklung darstellte. Ab 2016 sind es Projekte zur musikalischen Identifikation jugendlicher Gefl\u00fcchteter, die sich mittlerweile zu einem Schwerpunkt im Bereich Musik aus Afghanistan entwickelt haben und vor dem Hintergrund der derzeitigen fremdenfeindlichen und islamophoben politischen Debatten zu sehen sind. Die theoretischen Grundlagen haben sich weiterentwickelt.Genderstudies und Postcolonial Studies gewinnen an Einfluss ebenso wie die Diskurse zur Transkulturalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Transkulturalit\u00e4ts-Schwerpunkt als universit\u00e4tspolitische Strategie der mdw wurde vom Minderheitenschwerpunkt inspiriert, jedoch ist der Transkulturalit\u00e4ts-Diskurs bildungspolitisch weiter gefasst. Er wurde nun \u00fcber vier Jahre in einer interdisziplin\u00e4ren Ringvorlesung mit internationalen Wissenschaftler_innen und K\u00fcnstler_innen gef\u00fchrt. Ergebnisse dieses Diskurses werden in Form einer Publikation am 7. November der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt (siehe Tipp).<\/p>\n<p>Die Minderheitenforschung in ihrer modernen Ausrichtung wird an der mdw weiterhin der Ethnomusikologie zugeordnet bleiben, wenn auch durch die Transkulturalit\u00e4t wesentliche interdisziplin\u00e4re Anregungen eingeflossen sind. Durch das internationale ICTM-Symposium hat die Forschung weitere Impulse erhalten, die der Weiterentwicklung des Themas, aber auch der gesellschaftspolitischen und universit\u00e4tspolitischen Anwendung dienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Veranstaltungstipp<\/strong><\/p>\n<p>Mi, 7. November 2018, 17.00 Uhr<\/p>\n<p><strong><em>Trans<\/em>kulturelle Erkundungen<\/strong><br \/>\n<strong>Wissenschaftlich-k\u00fcnstlerische Perspektiven<\/strong><br \/>\nBuchpr\u00e4sentation mit wissenschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Beitr\u00e4gen<\/p>\n<p>Joseph Haydn-Saal<br \/>\nAnton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/1062\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mehr Details zur Veranstaltung<\/a> finden Sie im Veranstaltungskalender","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joint Meeting der ICTM Study Groups on Music and Minorities und Music and Gender an der mdw Study Groups sind kleinere, thematisch verbundene Organisationseinheiten innerhalb der gr\u00f6\u00dften internationalen ethnomusikologischen Gesellschaft ICTM, International Council for Traditional Music (ictmusic.org). Diese Study Groups f\u00fchren ein Eigenleben, manchmal sehr aktiv, manchmal weniger. 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