{"id":1912,"date":"2018-04-30T09:10:06","date_gmt":"2018-04-30T07:10:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1912"},"modified":"2018-04-30T09:23:01","modified_gmt":"2018-04-30T07:23:01","slug":"gedanken-zur-musikalischen-bildung-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/04\/30\/gedanken-zur-musikalischen-bildung-heute\/","title":{"rendered":"Gedanken zur musikalischen Bildung heute"},"content":{"rendered":"<em>Bildung<\/em> ist eines jener Worte, die kaum in andere Sprachen \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnen und deren Bedeutung wohl nur unter Bezug auf die deutsche Geistesgeschichte, namentlich den deutschen Humanismus beziehungsweise die Weimarer Klassik zu verstehen ist. Das Substrat dieses Verst\u00e4ndnisses von <em>Bildung<\/em> f\u00fchrt Hartmut von Hentig unter Bezug auf Wilhelm von Humboldt so aus: \u201eBildung ist die Anregung aller Kr\u00e4fte eines Menschen, damit diese sich \u00fcber die Aneignung der Welt in wechselseitiger Ver- und Beschr\u00e4nkung harmonisch proportionierlich entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualit\u00e4t f\u00fchren, die in ihrer Idealit\u00e4t und Einzigartigkeit die Menschheit bereichert.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_1952\" aria-describedby=\"caption-attachment-1952\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1952\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/musikalische_bildung.jpg\" alt=\"Musikalische Bildung\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/musikalische_bildung.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/musikalische_bildung-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/musikalische_bildung-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/musikalische_bildung-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1952\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9molllom<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Zeiten von <em>Kompetenzorientierung<\/em>, also der Orientierung der Bildungsvorg\u00e4nge auf Nutzen und Zweck, w\u00fcrde es sich lohnen, der Bedeutung eines jeden Wortes in dieser Aussage nachzusp\u00fcren, aber konzentrieren wir uns auf das zentrale Motiv einer Aneignung der Welt und das Ziel einer sich selbst bestimmenden Individualit\u00e4t. Dass diese Welt in ihrer ganzen F\u00fclle buchst\u00e4blich erfahrbar sein kann, das hat Goethe in <em>Wilhelm Meisters Lehrjahren<\/em> gezeigt: Der \u201earme Hund\u201c Wilhelm, von dem Goethe spricht, arbeitet seine Individualit\u00e4t nicht nur in der Besch\u00e4ftigung mit gro\u00dfer Theaterkunst \u2013 namentlich der Shakespeares \u2013 heraus, sondern in unterschiedlichsten privaten wie gesellschaftlichen Feldern.<\/p>\n<p>Aber dann verschwisterte sich im 19. Jahrhundert ein idealistisches Verst\u00e4ndnis von gro\u00dfer Kunst, von Edlem und Hohem, mit einer Auffassung von Bildung, die viel mit dem Ein\u00fcben in verbindliche Kanons von Wissensbest\u00e4nden und Meisterwerken zu tun hat; der Weg dahin ist schon bei Schiller gebahnt: \u201eDie Kunst steigt bildend zum Volk herab, um es spielend zu sich heraufzuziehen.\u201c<\/p>\n<p>Die Hierarchie ist in der Welt und bestimmt fortan das Bildungsverst\u00e4ndnis, gesetzt ist das Hohe und das Niedrige, das Bildende und das blo\u00df die Sinne Kitzelnde, die legitime und die popul\u00e4re Kunst \u2013 und, um im Felde der Musik zu bleiben: Die Bildungsanstrengung hat sich auf die Meisterwerke zu richten und sich an deren Komplexit\u00e4t und Originalit\u00e4t abzuarbeiten.<\/p>\n<p>Dass damit ein Gro\u00dfteil der in der Gegenwart erklingenden Musik ausgeschlossen ist und nicht wirklich anerkannt wird, liegt ebenso auf der Hand wie die Verkennung von \u201eBildung\u201c als Prozess der Selbstverst\u00e4ndigung, d. h. der Konstruktion und Aushandlung von Bedeutungen und Sinn. Barbara Hornberger stellt aus der Sicht der Cultural Studies heraus fest, dass sich gerade in der oft geschm\u00e4hten <em>Massenkultur<\/em> \u201eallt\u00e4glich millionenfach Bildungsprozesse vollziehen \u2013 nur dass diese anders aussehen als es das Bildungs-Regime der b\u00fcrgerlichen Tradition imaginiert. Diese Bildungsprozesse sind weniger mit Konzentration und Disziplin verbunden, sondern finden unterhaltend statt, sie geschehen h\u00e4ufig informell, nicht zertifiziert und evaluiert.\u201c<\/p>\n<p><em>Bildung<\/em> und <em>Unterhaltung<\/em> zusammenzubringen, das l\u00e4sst den Bildungsb\u00fcrger zusammenzucken, umgekehrt aber k\u00f6nnte auch jemand, der im Sinn der Cultural Studies die Bildungsprozesse im Feld der popul\u00e4ren Kultur ins Auge fasst, recht irritiert sein, wenn Bertold Seliger in seinem Buch <em>Klassikkampf. Ernste Musik, Kultur und Bildung f\u00fcr alle<\/em> fordert, an der Trennung von unterhaltender und ernster Musik festzuhalten, nicht um die Legitimit\u00e4t der unterhaltenden Funktion von Musik in irgendeiner Weise abzuwerten, sondern um die begl\u00fcckenden kognitiven Herausforderungen, die in zugleich komplexer wie verst\u00e4ndlicher Musik liegen k\u00f6nnen, zu ihrem Recht kommen zu lassen \u2013 dies angesichts einer Lage der sogenannten Klassischen Musik, in der deren Potenzial verkannt und verspielt wird und in der sie unter den Bedingungen des gegenw\u00e4rtigen Konzertbetriebs und Klassikmarkts bzw. unter dem Einfluss des gro\u00dfen Geldes zu einer Elite-, Repr\u00e4sentations-, und Wohlf\u00fchlklassik verkommen ist. Und nat\u00fcrlich f\u00fchrt Seliger unter \u201eernster Musik\u201c auch die \u201ebreit vorhandene ernste Musik in der Pop- und Rockkultur, beim Jazz oder bei den Singern-Songwritern\u201c an.<\/p>\n<p>Seliger hat ein w\u00fctendes und polemisches Buch geschrieben, ein Buch, das in einem langen Kapitel \u00fcber <em>Revolte<\/em>. Das <em>Prinzip Beethoven<\/em> resultiert und das in vielem an Friedrich Guldas Brandrede gegen die Wiener Staatsakademie f\u00fcr Musik aus dem Jahre 1969 anl\u00e4sslich der Verleihung des Beethovenringes an ihn erinnert (\u201eIch halte n\u00e4mlich ein so durch und durch konservatives Institut wie die Wiener Staatsakademie eigentlich nicht f\u00fcr berechtigt, eine Auszeichnung zu vergeben, die den Namen eines der gr\u00f6\u00dften Revolution\u00e4re der Musikgeschichte tr\u00e4gt\u201c).<\/p>\n<p>Aber in unserem Kontext ist inspirierend, worum es dem Autor in Hinsicht auf Bildungsprozesse geht: Es geht um Prozesse der Aneignung jenseits von D\u00fcnkel und Distinktion, um Auseinandersetzungen mit Kunst, die unbelastet von einem Kanon der Meisterwerke und dem hegemonialen Anspruch der abendl\u00e4ndischen Kunst sind. Es geht um Akte der Selbsterm\u00e4chtigung, vielleicht sogar \u2013 im Sinne von Peter Weiss \u2013 um Akte des \u00e4sthetischen Widerstands, jedenfalls um ein individuelles Entdecken und Erobern von Musik, das von Neugier getrieben und vom Staunen begleitet ist, es geht um eigenwilliges und eigensinniges Handeln.<\/p>\n<p><em>Wilhelm Meisters Lehrjahre<\/em> sind nicht weit, und am Ende dieser Lehrjahre k\u00f6nnte jemand stehen, den Peter Bieri als leidenschaftlich Gebildeten bezeichnen w\u00fcrde, weil es ihm oder ihr um alles geht: \u201eDer Gebildete ist an seinen heftigen Reaktionen auf alles zu erkennen, was Bildung verhindert. Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles: um Orientierung, Aufkl\u00e4rung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilit\u00e4t, um Kunst und Gl\u00fcck. Gegen\u00fcber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachl\u00e4ssigung kann es keine Nachsicht geben und keine Gelassenheit.\u201c","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildung ist eines jener Worte, die kaum in andere Sprachen \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnen und deren Bedeutung wohl nur unter Bezug auf die deutsche Geistesgeschichte, namentlich den deutschen Humanismus beziehungsweise die Weimarer Klassik zu verstehen ist. 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