{"id":1860,"date":"2018-04-30T09:32:47","date_gmt":"2018-04-30T07:32:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1860"},"modified":"2018-04-30T09:35:48","modified_gmt":"2018-04-30T07:35:48","slug":"die-stimme-als-seismograf-der-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/04\/30\/die-stimme-als-seismograf-der-seele\/","title":{"rendered":"Die Stimme als Seismograf der Seele"},"content":{"rendered":"<strong>Tamara Metelka, Florian Reiners und Annett Matzke sind ein eingespieltes Team. Seit knapp eineinhalb Jahren unterrichtet das Trio in dieser Konstellation Sprachgestaltung am Max Reinhardt Seminar. Im Gespr\u00e4ch mit dem <em>mdw-Magazin<\/em> geben sie Einblick in den Unterrichtsalltag, erkl\u00e4ren, warum es bei der Sprachgestaltung um viel mehr als nur das Sprechen geht, und machen deutlich, dass die Stimme \u2013 wie jedes andere Instrument auch \u2013 sorgsam behandelt werden muss.<\/strong><\/p>\n<p>Sprechen ist neben dem Schauspiel ein zentrales k\u00fcnstlerisches Fach und damit ganz wesentlich in der Ausbildung am Max Reinhardt Seminar, denn \u201edie Sprechausbildung ist es, die letztlich den Unterschied zwischen einem begabten Laien und einem\/einer ausgebildeten, professionellen SchauspielerIn ausmacht\u201c, so Florian Reiners. Eine tragf\u00e4hige, kr\u00e4ftige und ausdrucksf\u00e4hige Stimme wird ausgebildet, wobei nicht nur das Sprechen selbst, sondern auch k\u00f6rperliche Fitness oder der Atem dabei eine bedeutende\u00a0Rolle spielen. Ziel ist die auf Theodor Siebs zur\u00fcckgehende B\u00fchnenhochlautung, die seit 1898 kontinuierlich weiterentwickelt wurde und wird.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit ihren AssistentInnen begleiten die drei Sprachgestaltungslehrenden die Studierenden als Konstante \u00fcber das gesamte Studium. Sie durchleben dabei mehr als nur den Sprechunterricht mit ihnen, denn Sprache ist immer stark mit Emotionen verkn\u00fcpft: \u201eDie Stimme ist ein Seismograf der Seele. Da brechen manchmal Dinge \u00fcber die Atmung auf und wir m\u00fcssen dann erst einmal ganz andere Probleme l\u00f6sen\u201c, erkl\u00e4rt Annett Matzke, die im psychosozialen Bereich angesiedelte, notwendige Kompetenz im Unterricht. \u201eIch habe eine Zeit lang sogar mit einer Traumatherapeutin zusammengearbeitet, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Studierende im Unterricht retraumatisiert werden. Traumatische Erlebnisse sind im K\u00f6rper gespeichert und durch eine Ver\u00e4nderung in der Atmung k\u00f6nnen diese wieder aufkommen. Um das zu unterbrechen, gibt es ganz einfache Methoden\u201c, erg\u00e4nzt Tamara Metelka. Die Stimme, das m\u00fcssen die angehenden SchauspielerInnen oft erst begreifen, ist ein Instrument, das es zu erlernen, pflegen und trainieren gilt. \u201eAlles, was im Alltag abl\u00e4uft, ist eigentlich kaum f\u00fcr die B\u00fchne geeignet, denn diese hat eine vollkommen andere Sprache. Ich sage meinen Studierenden oft, dass es wie das Erlernen einer Fremdsprache ist\u201c, so Metelka. \u201eIm Zentrum steht dann die Arbeit am Atem, an der Sprechatmung und dass die Studierenden den Atem als Transportmittel f\u00fcr Gedanken und ihr Spiel begreifen\u201c, erg\u00e4nzt Reiners.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1864\" aria-describedby=\"caption-attachment-1864\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1864\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Annett_Matzke.jpg\" alt=\"Annett Matzke\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Annett_Matzke.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Annett_Matzke-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1864\" class=\"wp-caption-text\">Annett Matzke \u00a9Trixi Kovats<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die vier Jahrg\u00e4nge werden untereinander aufgeteilt und zus\u00e4tzliche Schwerpunkte angeboten, um den Studierenden eine m\u00f6glichst breite praktische Ausbildung zu erm\u00f6glichen, ganz im Sinne Max Reinhardts. Annett Matzke konzentriert sich im vierten Semester auf die Kraftstimme. Dabei geht es darum, lange Zeit laut zu sprechen oder zu schreien, ohne dabei die Stimme zu sch\u00e4digen: \u201eEs ist sehr unnat\u00fcrlich \u00fcber einen langen Zeitraum hinweg zu br\u00fcllen, wird aber von RegisseurInnen leider immer wieder verlangt. Der Profi muss so etwas jeden Abend wiederholbar machen k\u00f6nnen und immer so tun, als w\u00e4re er gerade im Moment.\u201c Reiners erg\u00e4nzt: \u201eDie guten SchauspielerInnen sind die, bei denen die Technik bzw. das Bewusstsein f\u00fcr die sprechtechnischen Abl\u00e4ufe schlie\u00dflich verschwindet und nur mehr die Pers\u00f6nlichkeit des Schauspielers\/der Schauspielerin sichtbar ist.\u201c Und \u201eganz oft wird Intensit\u00e4t mit Lautst\u00e4rke verwechselt\u201c, wei\u00df Metelka. Es muss gelingen, Klangr\u00e4ume durchgehend offen zu halten und Verspannungen zu verhindern. \u201eJe lauter ich werde, desto mehr muss der K\u00f6rper in Spannung kommen \u2013 jedoch nicht in eine Verspannung\u201c, so Matzke weiter. Florian Reiners erkl\u00e4rt, dass \u201egerade das postdramatische Theater h\u00e4ufig Schreiinszenierungen verlangt. Da ist ein K\u00f6rper-Stimmtraining bzw. das Trainieren der Kraftstimme unbedingt notwendig, sonst bestehen sie im Job nicht.\u201c<\/p>\n<p>Tamara Metelka setzt im f\u00fcnften Semester einen Schwerpunkt auf R\u00e4ume: \u201eIch mache ein starkes Bewusstseinstraining \u00fcber Raum. In welchem Raum spiele ich gerade real und was bedeutet eine Vergr\u00f6\u00dferung des Raums nach au\u00dfen oder nach innen \u2013 das sind Fragen, denen wir mit klar strukturierten \u00dcbungen nachgehen. Die Studierenden m\u00fcssen in der Lage sein, das, was sie pr\u00e4sentieren wollen, in jedem Raum, egal ob auf der kleinen Kellerb\u00fchne oder im riesigen Burgtheater, so zu spielen, dass es beim Publikum gleich ankommt.\u201c K\u00f6rperliche, darstellerische und stimmliche Pr\u00e4senz sind daf\u00fcr essenziell und beeinflussen einander. \u201eMan muss f\u00fcr jede Rolle und jeden Emotionszustand die geeignete Grundspannung finden\u201c, so Metelka weiter. Auch Silbenelastizit\u00e4t ist ein wichtiges Thema im Unterricht, denn die Sprache soll stets lebendig bleiben. \u201eSprache ist kein langer ruhiger Fluss, sondern ein sprudelnder Gebirgsbach. Es geht um das Erlebnis eines sehr authentischen Sprechens\u201c, erkl\u00e4rt sie das Prinzip dahinter.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1866\" aria-describedby=\"caption-attachment-1866\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1866\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tamara_Metelka.jpg\" alt=\"Tamara Metelka\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tamara_Metelka.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tamara_Metelka-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1866\" class=\"wp-caption-text\">Tamara Metelka \u00a9Trixi Kovats<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn wir im realen Leben sprechen, rufen wir automatisch Emotionen, Bilder, Erinnerungen oder Assoziationen ab. Damit das den SchauspielerInnen auch in der Rolle rasch gelingt, legt Florian Reiners im sechsten Semester einen Schwerpunkt auf Textarbeit: \u201eIch habe in der Textarbeit eine Technik entwickelt, die den Studierenden hilft, blitzschnell Bilder zu kreieren und f\u00fcr die Rolle passend abrufbar zu machen. Das k\u00f6nnen sie dann universell f\u00fcr B\u00fchne und Kamera nutzen, denn ich habe festgestellt, dass sich unsere Studierenden f\u00fcr den Arbeitsmarkt zunehmend an die Kameraarbeit gew\u00f6hnen m\u00fcssen. Hier bin ich vorbereitend f\u00fcr das Kameratraining t\u00e4tig.\u201c Damit wird eine Lebendigkeit in der Sprache erreicht, die f\u00fcr Profis absolut notwendig ist.<\/p>\n<p>Einzelunterricht, Einzelunterricht in der Gruppe und Gruppenunterricht wechseln einander ab. Gerade zu Beginn des Studiums bringt das Zuh\u00f6ren und Bewerten anderer viele Vorteile, ist Metelka \u00fcberzeugt: \u201eIch habe die Erfahrung gemacht, dass man in der Kleingruppe wesentlich mehr lernt, weil Sprechmuster bei den KollegInnen erkannt werden und man sich gut vergleichen kann.\u201c<\/p>\n<p>Etwas Besonderes in der Ausbildung ist auch, dass die Regiestudierenden, die am Max Reinhardt Seminar ausgebildet werden, ebenfalls am Sprachgestaltungsunterricht teilnehmen. Dabei verbessern sie nicht nur ihre eigenen sprachlichen F\u00e4higkeiten, sondern k\u00f6nnen sp\u00e4ter in der Zusammenarbeit mit SchauspielerInnen Situationen besser bewerten und handeln, wenn sprachliche Eingriffe notwendig sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1865\" aria-describedby=\"caption-attachment-1865\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1865\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Florian_Reiners.jpg\" alt=\"Florian Reiners\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Florian_Reiners.jpg 393w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Florian_Reiners-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 393px) 100vw, 393px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1865\" class=\"wp-caption-text\">Florian Reiners \u00a9Christine Fenzl<\/figcaption><\/figure>\n<p>So individuell wie jede Stimme, so individuell ist auch jede Biografie und darauf wird in der F\u00f6rderung und Begleitung jedes\/jeder einzelnen Studierenden eingegangen. \u201eBesonders toll ist es, wenn wir es schaffen, dass die Studierenden ihre pers\u00f6nliche Stimme finden und ihre Stimmfarbe behalten, auch wenn sie in die B\u00fchnenhochlautung gehen,\u00a0denn die Stimme ist immer die Visitenkarte der SchauspielerInnen und letztlich auch die Visitenkarte des Max Reinhardt Seminars\u201c, so Reiners. Dabei sollen auch Dialekte nicht verlorengehen \u2013 im Gegenteil. \u201eSprache ist ja ein St\u00fcck Biografie und Teil der eigenen Wurzeln. Die Hochlautung darf in keinem Fall dem widersprechen, dass ich die Sprache individuell nutze\u201c, so Matzke.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zum Unterricht begleiten die Sprachlehrenden die Studierenden bei internen sowie externen Produktionen oder zu Intendantenvorsprechen und stehen bei Projekten stets beratend zur Seite. Ein Erfolgserlebnis f\u00fcr die Lehrenden ist dann am Ende nicht nur das Abschlussvorsprechen, sondern beispielsweise auch \u201ewenn Studierende im Unterricht erkennen, wie tief Sprache gehen kann\u201c, so Metelka. \u201eWorte haben eine Macht und eine Energie. Dass sie auch eine Verantwortung f\u00fcr das gesprochen Wort haben, lernen sie hier ebenso. Am Ende stehen sie auf der B\u00fchne und m\u00fcssen Texte sprechen und Inszenierungen spielen und wir wollen, dass sie hinter dem stehen, was sie spielen, und nicht blo\u00dfe Sprechautomaten werden\u201c, f\u00fcgt Reiners hinzu. Die Sprache auf der B\u00fchne entwickelt und ver\u00e4ndert sich laufend, und das Sprechen begleitet die SchauspielerInnen ein Leben lang \u2013 das kontinuierliche \u00dcben und Kultivieren der gelernten Sprechtechniken liegt dann bei jedem\/jeder Einzelnen. \u201eWas man auf dem Instrument spielt \u2013 ob Mozart oder ein Punkkonzert \u2013, das ist dann die Entscheidung der Studierenden, aber sie sind nach der Ausbildung bei uns in der Lage in verschiedenen Spiel- und Sprechstilen zu arbeiten\u201c, fasst Reiners zusammen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tamara Metelka, Florian Reiners und Annett Matzke sind ein eingespieltes Team. 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