{"id":1827,"date":"2018-04-30T09:04:15","date_gmt":"2018-04-30T07:04:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1827"},"modified":"2018-04-30T09:04:15","modified_gmt":"2018-04-30T07:04:15","slug":"nachmittage-am-klavier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/04\/30\/nachmittage-am-klavier\/","title":{"rendered":"Nachmittage am Klavier"},"content":{"rendered":"Meine Taufpatin war keine gespr\u00e4chige Frau. Eigentlich war sie nicht meine Taufpatin, sondern die Frau meines Taufpaten. Aber nach seinem pl\u00f6tzlichen Tod hat sie alles \u00fcbernommen. Seine Verwandten, sein Arbeitszimmer, seine Verpflichtungen. Ich war Teil der Erbmasse. Sie gab nie vor, sehr am Small Talk mit ihren Mitmenschen interessiert zu sein. Sie nickte h\u00f6chstens, manchmal l\u00e4chelte sie sogar, das war das H\u00f6flichste, zu dem sie bereit war. Musik war ihr lieber als Worte.<\/p>\n<p>In ihrer Wohnung gab es wenige B\u00fccher, aber viele Platten, Kassetten und ein Klavier. Wann immer ich sie besuchte, sa\u00df sie dort und spielte. Und immer deutete sie auf den Platz neben sich auf der Klavierbank, zeigte mir, wann ich welche Tasten ber\u00fchren sollte und dann spielten wir zusammen. Obwohl ich keine Ahnung vom Klavierspielen hatte. Trotzdem klang es sch\u00f6n. Sie hatte keinen Ehrgeiz in Bezug auf das Taufkind, das sie geerbt hatte. Sie machte mir keine teuren Geschenke \u2013 Kleider, Parf\u00fcm, all das war ihr nicht wichtig. Stattdessen kaufte sie mir zwei Abos. Eines f\u00fcr das Konzerthaus der Kleinstadt, in der wir lebten, und eines f\u00fcr das Stadttheater.<\/p>\n<p>Zweimal im Monat holte sie mich abends ab, auch unter der Woche, selbst wenn am n\u00e4chsten Tag ein Test anstand, und wir fuhren gemeinsam ins Konzert oder in die Oper. Wir sahen <em>La Boh\u00e8me<\/em> von Puccini, wir h\u00f6rten Bachs Kantaten, Schuberts Lieder, die 5. Sinfonie von Mahler. In den Pausen tranken wir ein Glas Sekt mit Orangensaft, auch wenn ich daf\u00fcr noch zu jung war, und sie bl\u00fchte auf. Und die Art, wie sie \u00fcber Bach, Schubert oder Puccini sprach, begeisterte mich, nahm mich vollkommen f\u00fcr deren Werke ein.<\/p>\n<p>Da war etwas, dachte ich damals, das wichtiger war als gute Noten, Schularbeiten oder ob dich die anderen auf dem Pausenhof schneiden oder m\u00f6gen. Eine Welt voller Fantasie, die sie mir er\u00f6ffnet hatte und die nur mir geh\u00f6rte. Sie ist schon lange tot. Aber immer, wenn ich in der Oper sitze, selbst wenn ich zu Hause Platten h\u00f6re, bin ich ihr dankbar daf\u00fcr, dass sie die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hat. Zu einem Leben jenseits der Worte.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Taufpatin war keine gespr\u00e4chige Frau. Eigentlich war sie nicht meine Taufpatin, sondern die Frau meines Taufpaten. Aber nach seinem pl\u00f6tzlichen Tod hat sie alles \u00fcbernommen. Seine Verwandten, sein Arbeitszimmer, seine Verpflichtungen. Ich war Teil der Erbmasse. Sie gab nie vor, sehr am Small Talk mit ihren Mitmenschen interessiert zu sein. Sie nickte h\u00f6chstens, manchmal &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[534,468,128,129],"class_list":["post-1827","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-column","tag-2018-2","tag-barbara-kaufmann","tag-klavier","tag-piano"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1827"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1827\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1828,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1827\/revisions\/1828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}