{"id":1767,"date":"2018-02-23T13:44:57","date_gmt":"2018-02-23T12:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1767"},"modified":"2018-06-27T10:22:47","modified_gmt":"2018-06-27T08:22:47","slug":"musik-lehren-musik-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/23\/musik-lehren-musik-lernen\/","title":{"rendered":"Konferenzbericht: &#8222;Musik lehren \u2013 Musik lernen&#8220;"},"content":{"rendered":"<strong>Bericht \u00fcber die Jahrestagung der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft <\/strong><strong>an der mdw, 22. \u2013 25. November 2017<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1772\" aria-describedby=\"caption-attachment-1772\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1772\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musik_lehren_orig.jpg\" alt=\"Musik lehren\" width=\"600\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musik_lehren_orig.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musik_lehren_orig-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1772\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Michal Grosicki \/ Unsplash, Archiv des Wiener Volksliedwerks<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Jahrestagung der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft fand im Herbst 2017 an der mdw statt: Das Jubil\u00e4um der Universit\u00e4t aufgreifend, ging es dabei um Fragen des Musiklehrens und Musiklernens: Wie wurde und wird in unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten, zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten, mal mit Lehrenden, mal autodidaktisch Musik erlernt und gelehrt? Drei eng miteinander korrespondierende Panels (<em>Traditionsbildung in oralen Kulturen<\/em>, <em>Autodidaktischem Lernen<\/em> und <em>Orte des Musiklernens und -lehrens<\/em>) wurden durch Vortr\u00e4ge der Jungen Musikwissenschaft erg\u00e4nzt. In der Aula der mdw wurden au\u00dferdem derzeit laufende Forschungsprojekte an \u00f6sterreichischen Forschungseinrichtungen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>In seiner Moderation des Panels <em>Traditionsbildungen in oralen Kulturen <\/em>f\u00fchrte Matteo Nanni in die Fragestellung von Oralit\u00e4t und Verschriftlichung in einer weiten historischen Perspektive ein. Im ersten Vortrag konkretisierte Julio Mend\u00edvil dies anhand der Frage, wie sich die Lehrmethoden der peruanischen Charango \u00fcber Generationen hinweg ver\u00e4nderte: Der Charangospieler Guardia entwickelte zwar eine Tabulatur, trotzdem basierte der Gro\u00dfteil seiner Lehrmethode auf oraler Tradierung und k\u00fcnstlerischen Freiheiten. Diese Freiheiten wurden im Prozess der Professionalisierung durch immer st\u00e4rker fixierte Versionen verdr\u00e4ngt, was die Frage nach Original und Authentizit\u00e4t aufwirft. Kontr\u00e4r dazu stellte Rinko Fujita in ihrem Vortrag die Form der oralen Tradition in Japan vor: Das Grundprinzip beruhe hier auf exakter Imitation. Der Unterricht kommt ohne Erkl\u00e4rungen, ohne Lehrb\u00fccher oder Noten aus. Vermittelt werden dabei <em>kata<\/em>, eine genau festgelegte Spielweise, die als k\u00fcnstlerische Norm gilt, wobei spezialisierte Schulen sicherstellen, dass die Tradition des <em>gagaku<\/em> (Musik an japanischen Kaiserh\u00f6fen) unver\u00e4ndert bestehen bleibt. Lena Nieper stellte einige \u00dcberlegungen zur Oral History als Methode der historischen Musikwissenschaft am Beispiel von Luigi Nono vor.<\/p>\n<p>Imitation sei auch als wesentlicher Bestandteil des <em>Autodidaktischen Lernens<\/em> zu verstehen. So kn\u00fcpfte Peter R\u00f6bke an das vorangegangene Panel an und leitete zum Schwerpunkt Autodidaktik \u00fcber, dabei an formales\/informelles Lernen und an Lernwelten erinnernd, die weit \u00fcber den Regelunterricht hinausgedacht sind. \u201eWildes Lernen\u201c, so R\u00f6bke, sei dabei ein pr\u00e4gender Begriff f\u00fcr ebendieses unabh\u00e4ngige, selbstst\u00e4ndige Lernen. Dass dies nicht nur ein gegenw\u00e4rtiges p\u00e4dagogisches Konzept ist, autodidaktisches Lernen vielmehr lange in der Musikgeschichte wahrnehmbar ist, zeigten die ersten beiden Vortr\u00e4ge des Panels. Sie widmeten sich zwei unterschiedlichen Lehrb\u00fcchern aus dem 16. Jahrhundert: August Valentin Rabe referierte dabei \u00fcber den komplexen Entstehungszusammenhang des <em>Fundamentum<\/em> von Johannes Buchner. Kateryna Sch\u00f6ning thematisierte ihrerseits das handschriftliche Lautenlehrbuch von Stephan Craus, das eher als didaktisches Manuskript diente und dabei mitunter eine standardisierte St\u00fctze f\u00fcr m\u00fcndliche \u00dcberlieferung darstellte. Mit dem Vortrag von Christiane Tewinkel stand das autodidaktische Lernen im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt, genauer: der amerikanische Pianist und Autodidakt Hugo Mansfeldt. Dieser bezeichnete sich selbst als Autodidakt und hatte wohl tats\u00e4chlich bis auf vereinzelte Klavierstunden nie regelm\u00e4\u00dfig Unterricht. Er selbst sah dies, m\u00f6glicherweise auch aus Werbezwecken, allerdings nicht als Manko, sondern hob die markantesten Merkmale autodidaktischen Lernens positiv hervor: die Ungebundenheit gegen\u00fcber Lehrpl\u00e4nen, Werturteilsfreiheit und der geschickte Umgang mit dem Lerngegenstand. Paradox wirkt die Tatsache, dass Mansfeldt als sogenannter Autodidakt dennoch ein technisches Lehrwerk schrieb.<\/p>\n<p>Dass formale Lernangebote oft zu langsam f\u00fcr individuelle technische und \u00e4sthetische Entwicklungen in der heute stark medialisierten und digitalisierten Zeit sind, meinte Michael Ahlers, der das Panel abschloss. Speziell in der Jazz- und Popmusik erscheinen Praktiken wie Imitation von Habitus, Nachspielen (\u201eHeraush\u00f6ren\u201c) von Musik, Jammen oder Kopieren eines Stils wichtiger. Auch daraus ergab sich wiederum eine inhaltliche Br\u00fccke: mit dem Panel <em>Traditionsbildung in oraler Kulturen<\/em>, aber auch mit dem folgenden Panel <em>Orte des Musiklernens und -lehrens<\/em>.<\/p>\n<p>Dieses leitete Susanne Rode-Breymann mit Hinweisen darauf ein, wie zentral die Kategorie Raum f\u00fcr das Musiklehren und \u2013lernen insgesamt ist und wie produktiv der Perspektivwechsel auf R\u00e4ume gerade auch f\u00fcr die Musikforschung sein kann. Gest\u00fctzt wurde dies durch den den <em>spatial turn<\/em> reflektierenden Vortrag von Carolin Stahrenberg. Mit dem Begriff \u201eghosts of place\u201c erinnerte sie an die sozialwissenschaftliche Raumwissenschaft, die betont, dass Orte durch das Wissen \u00fcber ihre Geschichte eine symbolische Komponente erhalten und dem Ort eine bestimmte Atmosph\u00e4re geben.<\/p>\n<p>Der Fokus von Evelyn Buykens Vortrag lag dann auf der musikalischen Lehr- und Lernpraxis speziell im j\u00fcdisch-h\u00e4uslichen Raum um 1800 in Berlin. Diesen analysierte Buyken anhand der Musiziersituationen in den Familien Mendelssohn-Bartholdy und Itzig. Bei der Familie Mendelssohn wurde allabendlich gemeinsam informell musiziert, wodurch eine Aneignung von Werken durch gemeinsames Tun geschah, w\u00e4hrend in der Familie Itzig gro\u00dfer Wert auf gute Privatlehrer gelegt wurde, durch die qualitativ hochwertiges Musizieren sichergestellt werden konnte. Carolin Krahn reflektierte \u00fcber den Begriff der Heterotopie als M\u00f6glichkeit, die Schriften von Friedrich Rochlitz zwischen dem imaginierten Raum Italien und der konkreten Verortung in einer deutschen \u00c4sthetik zu lesen. Nation als Raum stand im Vortrag von Dimitra Will im Blickpunkt: Sie untersuchte unterschiedliche Gesangsschulen aus Italien, Frankreich und Deutschland. Will differenzierte dabei, wie Stimme (und Sprache) als identit\u00e4tsstiftendes Element wahrgenommen und wie mit diesem Organ entsprechend gesangsphysiologisch und -p\u00e4dagogisch unterschiedlich umgegangen wurde. Die Raumkonstellation des CLAEM (Centro Latinoamericano de Altos Estudios Musicales) war das Thema von Pablo Cuevas. Als Ausbildungsst\u00e4tte f\u00fcr Komponisten in Buenos Aires von 1961-1971 konzipiert, bot das CLAEM Nachwuchskomponisten die M\u00f6glichkeit eines zweij\u00e4hrigen Studiums. Den Raum des CLAEM verstand Cuevas entsprechend als sozialen Raum und beschrieb ihn als Treffpunkt, in dem sich identit\u00e4tsstiftende Prozesse abzeichnen. Chris Kattenbecks Vortrag widmete sich einem au\u00dferschulischen Lernort: dem Rockmobil. Kattenbeck stellte dabei seine explorative Studie zu diesem Rockmusik vermittelnden Lernort in Form eines umgebauten LKWs vor. Verena Liu sprach abschlie\u00dfend vom Beruf der Musikschuldirektorin im 19. Jahrhundert. Die \u201eKlavierseuche\u201c im 19. Jahrhundert hatte nicht nur zahlreiche Pianistinnen hervorgebracht, sondern es entstand auf diese Weise auch eine gro\u00dfe Nachfrage nach P\u00e4dagoginnen, eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Frauen mithin, mit Musikunterricht Geld zu verdienen und dadurch \u00f6konomisch unabh\u00e4ngig zu sein. So waren zahlreiche Klavierlehrerinnen gewerblich im Adressbuch gemeldet, einige er\u00f6ffneten sogar eigene Musikschulen, Orte des Musiklernens par excellence. Als Beispiel zog Liu Lina Ramann und Ida Volckmann heran, die von 1865 bis 1890 eine renommierte Musikschule betrieben. Ein Abschluss-Roundtable unter der Leitung von Melanie Unseld rundete das Panel ab.<\/p>\n<p>Um dem wissenschaftlichen Nachwuchs eigens Raum zu geben, integriert die \u00d6sterreichische Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft seit einigen Jahren das Panel <em>Junge Wissenschaft<\/em> in die Jahrestagung. Hier erhalten junge MusikwissenschaftlerInnen die M\u00f6glichkeit, ihre Forschungsthemen einem gr\u00f6\u00dferen Auditorium zu pr\u00e4sentieren. Sonja Tr\u00f6ster moderierte dieses Panel, das sich durch Vielseitigkeit auszeichnete und zum Teil sogar inhaltliche Br\u00fccken zum Hauptsymposium schlug. Aus der Vielzahl der Vortr\u00e4ge seien nur zwei herausgegriffen: Milena Amann-Rauter verschaffte sich durch eine ausgekl\u00fcgelte Netzwerkanalyse, mit Hilfe von \u201edistant\u201c und \u201eclose\u201c Reading, einen interessanten \u00dcberblick \u00fcber die Verflechtungen von Exilmusikern vor und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges in Paris\/Frankreich. Im Vordergrund stand dabei der antifaschistische Kampf der Front Populaire in Frankreich, konkret fokussierte Amann-Rauter den S\u00e4nger und Liedkomponisten Ernst Busch. Durch die digitale Verkn\u00fcpfung einer Vielzahl von Daten und Quellen konnte sie R\u00fcckschl\u00fcsse auf das \u201emusikgeographische Netzwerk\u201c zwischen den L\u00e4ndern Spanien und Frankreich und den dort t\u00e4tigen Dichtern und Komponisten ziehen. Anders angelegt war Walter Meixners Vortrag, der \u00fcber die im Tiroler und Innsbrucker Raum stattfindenden Volksmusikwettbewerbe und deren Entwicklung sprach. In seiner T\u00e4tigkeit als Juror und Organisator sammelte Meixner \u00fcber 30 Jahre lang Daten, die ein detailreiches Bild der Entwicklung in der gesellschaftlichen Volksmusiklandschaft und auch den damit verbundenen famili\u00e4ren Umgang mit Hausmusik aufzeigte.<\/p>\n<p>Das Rahmenprogramm f\u00fchrte die TeilnehmerInnen der Jahrestagung in den Bockkeller zum Wiener Volksliedwerk. Hier fand, in Kooperation mit der Jahrestagung, das Gespr\u00e4chskonzert <em>Was die Alten sungen \u2013 wie zwitschern denn die Jungen?<\/em> mit Edi Reiser (Kontragitarre), Ingrid Eder (Harmonika) und Tommy Hojsa (Klavier, Akkordeon, Gesang) statt. Susanne Schedtler moderierte den generationen\u00fcbergreifenden Dialog.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum <strong>Programm des Symposiums<\/strong> auf der Website der mdw \u2013 Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/914\" target=\"_blank\">www.mdw.ac.at\/914<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht \u00fcber die Jahrestagung der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft an der mdw, 22. \u2013 25. 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