{"id":1718,"date":"2018-02-28T08:35:13","date_gmt":"2018-02-28T07:35:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1718"},"modified":"2018-02-28T08:35:13","modified_gmt":"2018-02-28T07:35:13","slug":"kunstkritik-zwischen-macht-und-veraenderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/28\/kunstkritik-zwischen-macht-und-veraenderung\/","title":{"rendered":"Kunstkritik zwischen Macht und Ver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"Ende der 1980er-Jahre schlug der Literaturwissenschafter George Steiner ein Gedankenexperiment vor, das f\u00fcr viele eher nach einer Dystopie klang: \u201eMan stelle sich eine Gesellschaft vor, in der jedes Gespr\u00e4ch \u00fcber Kunst, Musik und Literatur verboten ist.\u201c (Steiner 1990: 15). In dieser \u201egegenplatonischen Republik\u201c von Schriftstellerinnen und K\u00fcnstlern, aus der Rezensenten und Kritikerinnen verbannt wurden, w\u00e4ren nur \u201eleidenschaftslose Zusammenfassungen der Neuerscheinungen\u201c erlaubt. Interpretieren hie\u00dfe in dieser Stadt <em>ausf\u00fchren<\/em>: wie eine Schauspielerin Ophelia oder ein Geiger Bach <em>interpretiert<\/em>.<\/p>\n<p>Eine solche Parabel als Metakritik am Gesch\u00e4ft der Kritiker_innen beunruhigt allgemein, auch weil sie als Angriff auf eine zentrale Errungenschaft der abendl\u00e4ndischen Kultur empfunden wird. Adorno war einer ihrer Lobredner: \u201eKritik ist aller Demokratie wesentlich. [\u2026] Sie wird durch Kritik geradezu definiert. [\u2026] Wenig \u00fcbertreibt, wer den neuzeitlichen Begriff der Vernunft mit Kritik gleichsetzt.\u201c (Adorno 1971: 10 f)<\/p>\n<figure id=\"attachment_1720\" aria-describedby=\"caption-attachment-1720\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1720\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikkritik_hakan.jpg\" alt=\"Musikkritik\" width=\"500\" height=\"491\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikkritik_hakan.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikkritik_hakan-300x295.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1720\" class=\"wp-caption-text\">Mozart kritisieren \u2013 ein Cartoon \u00a9Hakan G\u00fcrses<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Historische Textkritik<\/strong><\/p>\n<p>D\u00fcrfen wir uns denn angesichts eines solchen Befundes erlauben, Kritik abzulehnen? W\u00fcrden au\u00dferdem Kunst, Musik und Literatur ohne Kritik nicht ihre gesellschaftliche Funktion verlieren und zur Beliebigkeit und Belanglosigkeit verkommen?<\/p>\n<p>Solche Debatten, die alle zehn Jahre aufflammen, gehen auf ein gr\u00fcndliches Missverst\u00e4ndnis, besser: auf eine <em>Homonymie<\/em> zur\u00fcck. Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes <em>Kritik<\/em> werden darin miteinander vermischt und Unterschiede eingeebnet.<\/p>\n<p>Kritik taucht als Begriff und Konzeption im 17. Jahrhundert im Rahmen einer neuartigen hermeneutischen Methode (wieder) auf. Die Methode wird \u201eHistorische Textkritik\u201c (\u201eCritica sacra\u201c) genannt und bei der Lekt\u00fcre der heiligen B\u00fccher angewendet. Sie dient etwa der \u00dcberpr\u00fcfung der Echtheit des Textes, dem Vergleich historisch bedingter unterschiedlicher Lesarten von W\u00f6rtern und dem Feststellen des Autors \u2013 ganz im Sinne der Begriffsbedeutung: Das griechische <em>krinein<\/em> hei\u00dft scheiden, trennen, entscheiden, urteilen, anklagen \u2013 und streiten.<\/p>\n<p>Bald verbreitet sich die kritische T\u00e4tigkeit wie ein Lauffeuer: \u201evon den klassischen Texten und der Bibel ausgedehnt auf alle Gebiete der Gesellschaft und des Staates\u201c und \u201evon der Beurteilung der Authentizit\u00e4t von Texten zur Aufkl\u00e4rung schlechthin\u201c (R\u00f6ttgers 1982: 655). In der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts bilden sich funktionale Abteilungen heraus. So unterscheidet Marmontels <em>Enzyklop\u00e4die<\/em>-Artikel <em>Critique<\/em> eine \u201eKritik in den Wissenschaften\u201c von der \u201eKritik in den freien K\u00fcnsten oder den sch\u00f6nen K\u00fcnsten\u201c. Anfang des 19. Jahrhunderts sch\u00e4len sich schlie\u00dflich drei wesentliche Bereiche heraus: Neben der <em>Kunstkritik<\/em> floriert eine \u201ephilosophische\u201c Sph\u00e4re als Vernunft- oder <em>Erkenntniskritik<\/em>, vor allem in deutscher Sprache. Der unmittelbar politische Bereich wiederum hei\u00dft gemeinhin <em>Gesellschaftskritik<\/em>.<\/p>\n<p>Angesichts solcher Auff\u00e4cherung versuchen die Aufkl\u00e4rer, eine Art begriffliche \u201eKlammer\u201c zu konstruieren, die alle Bereiche kritischer T\u00e4tigkeit jenseits ihrer Differenzen fortan miteinander verbinden soll: Kritik als menschliches Verm\u00f6gen, Dinge und Hervorbringungen unterscheiden, \u00fcberpr\u00fcfen und beurteilen zu k\u00f6nnen. Dieser Klammer verdanken wir wohl die erw\u00e4hnte Homonymie.<\/p>\n<p><strong>Kommentar und Kritik<\/strong><\/p>\n<p>Heute werden auch unterschiedliche hermeneutische Verfahren als Einheit dargestellt und unter Kritik subsumiert. <em>Kommentar<\/em> ist aber nicht gleich <em>Kritik<\/em> \u2013 mehr noch: Lange Zeit bestand eine unerbittliche Konkurrenz zwischen diesen beiden Sekund\u00e4rdiskursen um die Hoheit in der Textrezeption.<\/p>\n<p>Der Kommentar hat eine paradoxe Aufgabe. Texte (wie die heiligen Schriften), von denen angenommen wird, dass sie eine zeitlose Wahrheit\u00a0enthalten, m\u00fcssen selbst \u00fcber der Zeit stehen. Da sie aber schlie\u00dflich schon sprachlich Kinder ihrer jeweiligen Zeit sind und von Generation zu Generation zunehmend dunkle Stellen aufweisen, m\u00fcssen sie st\u00e4ndig neu verst\u00e4ndlich gemacht und in ihrer Funktion legitimiert werden. Der Kommentar hat das In-die-Zeit-Einbetten des betreffenden Textes so zu bewerkstelligen, dass dessen \u00dcber-der-Zeit- Stehen nicht beeintr\u00e4chtigt wird. Dieser Prozess hei\u00dft Tradierung, die in der Moderne mitnichten verschwunden ist.<\/p>\n<p>Der Kommentar galt bzw. gilt nicht nur der Exegese heiliger Schriften. Auch profane Texte, die f\u00fcr eine Kultur von zentraler Bedeutung sind, werden durch Kommentar tradiert und legitimiert: die Homer-Exegese in der griechischen Antike, die schier unendlichen Kommentare zu den Texten von Shakespeare oder Goethe, die unz\u00e4hligen Werkinterpretationen \u201eunzeitgem\u00e4\u00dfer\u201c Philosophen wie Nietzsche und Wittgenstein &#8230; Die Tradierung bildender und darstellender Kunst geht durch Besprechung und Wertung vonstatten: Gem\u00e4lde, Installationen, \u201ePositionen\u201c, Tanzperformances, Symphonien, Inszenierungen und Konzerte werden \u2013 analog zu Texten \u2013 \u201egelesen\u201c und in Katalogen, Programmheften oder Opernf\u00fchrern ebenso wie auf den Kultur-Seiten der Tageszeitungen <em>rezensiert<\/em> (im Wortsinne: \u201everj\u00fcngt\u201c).<\/p>\n<p>Mag die Kritik den Kommentar als herrschendes hermeneutisches Verfahren zeitweilig verdr\u00e4ngt haben, dessen Funktion, die Tradition abzusichern, hat sie indes nicht abgeschafft, sondern \u00fcbernommen. Ein Konglomerat aus hermeneutischen Diskursen macht sich an die Kunsterzeugungen, bestimmt ihren Marktwert ebenso wie ihre Aufnahme in den Bildungskanon, spricht \u00fcber deren \u201estille Wahrheit\u201c, \u201ewahren Kern\u201c, aber auch \u00fcber deren gesellschaftliche Stellung und Funktion. Da dieser Metadiskurs gemeinhin <em>Kritik<\/em> genannt wird, bleibt er selbst immun gegen Gesellschaftskritik.<\/p>\n<p>Was den Kommentar und die Kritik inmitten ihrer Rivalit\u00e4t miteinander verbindet, ja sogar eine tempor\u00e4re Ununterscheidbarkeit zwischen ihnen vort\u00e4uscht, ist ihr Verh\u00e4ltnis zu einer S\u00e4ule des \u2013 um mit Michel Foucault zu sprechen \u2013 Wissen-Macht-Komplexes: dem <em>Kanon<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Der Wille zum Kanonisieren<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEin Kanon definiert die Ma\u00dfst\u00e4be dessen, was als sch\u00f6n, gro\u00df und bedeutsam zu gelten hat. Und er tut das, indem er auf Werke verweist, die solche Werte in exemplarischer Weise verk\u00f6rpern.\u201c (Assmann 2005: 119)<\/p>\n<p>Der (Bildungs-)Kanon als kultur-hegemoniale St\u00fctze der bestehenden Ordnung ist zweifelsohne ein wesentlicher Faktor in gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen und -k\u00e4mpfen: Was zu wissen ist, welche Normen f\u00fcr die Bildung relevant sind, vor allem dass es eine Liste von Namen und Werken geben muss, deren auswendige Kenntnis die Voraussetzung des Gebildetseins darstellt \u2013 all diese\u00a0Annahmen halten eine kulturelle Ordnung ebenso aufrecht wie die damit verbundenen politischen und \u00f6konomischen Ordnungen. Wenn allerdings bestehende Namen und Werke durch neue ausgetauscht werden, kann es das Kippen <em>dieser<\/em> Ordnung bewirken, darum ist auch jeder Kanon st\u00e4ndig umk\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Was einen Gegenstand zum Kunstwerk, eine Tonreihe zur Musik, eine Satzfolge zur Literatur macht, ist ein Machtdispositiv, das wir als \u201eWille zum Kanonisieren\u201c bezeichnen k\u00f6nnten. Jeder Kanon kommt durch das Fokussieren von Kommentaren auf bestimmte Hervorbringungen zustande, und die kunstkritischen Diskurse finden im jeweiligen Kanon ihre \u201eNahrung\u201c vor. Somit legitimiert Kunstkritik den Kanon und reproduziert sich selbst unentwegt.<\/p>\n<p>Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Nat\u00fcrlich hat Kunstkritik auch eine p\u00e4dagogisch und bildnerisch wichtige Funktion. K\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit, auch auf Ebene der blo\u00dfen \u201eLiebhaberei\u201c, verlangt nach Handwerk, nach mentalen wie manuellen Fertigkeiten, nach einem abrufbaren Wissen \u2013 der Erwerb und die Verfeinerung solcher Kompetenzen k\u00f6nnen nur durch st\u00e4ndiges Unterscheiden, Urteilen und Ausbessern gelingen. Hierin n\u00e4hert sich Kritik \u2013 als didaktisches Mittel \u2013 wieder an das, was sie einst war, als Gesellschaftskritik noch fallweise ist und worin sie sich vom Kommentar unterscheidet: \u00dcberpr\u00fcfen und Ver\u00e4ndern. Je mehr sich Kunstkritik \u2013 im Sinne von George Steiner \u2013 als k\u00fcnstlerische Interpretation, <em>Ausf\u00fchrung<\/em>, entfaltet, desto mehr wird sie wieder zur Kritik.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1971): \u201eKritik\u201c, in: ders.: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt\/M.: 10\u201319<br \/>\nAssmann, Jan (2005): Das kulturelle Ged\u00e4chtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identit\u00e4t in fr\u00fchen Hochkulturen. M\u00fcnchen<br \/>\nR\u00f6ttgers, Kurt (1982): Artikel \u201eKritik\u201c, in: O. Brunner \/ W. Conze \/ R. Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-soziologischen Sprache in Deutschland, Bd. 3. Stuttgart: 651\u2013675<br \/>\nSteiner, George (1990): Von der Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? M\u00fcnchen\/Wien<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hakan G\u00fcrses<\/strong><\/p>\n<p>ist Philosoph und Erwachsenenbildner. Weitere Informationen und Publikationen sowie Online-Texte finden Sie auf:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.hakanguerses.at\" target=\"_blank\">www.hakanguerses.at<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende der 1980er-Jahre schlug der Literaturwissenschafter George Steiner ein Gedankenexperiment vor, das f\u00fcr viele eher nach einer Dystopie klang: \u201eMan stelle sich eine Gesellschaft vor, in der jedes Gespr\u00e4ch \u00fcber Kunst, Musik und Literatur verboten ist.\u201c (Steiner 1990: 15). 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