{"id":1701,"date":"2018-02-28T08:38:34","date_gmt":"2018-02-28T07:38:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1701"},"modified":"2018-02-28T08:38:34","modified_gmt":"2018-02-28T07:38:34","slug":"kritikfaehig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/28\/kritikfaehig\/","title":{"rendered":"Kritikf\u00e4hig"},"content":{"rendered":"<strong>Ob Theater, Film, Literatur oder Musik \u2013 K\u00fcnstlerInnen aller Genres sind mit Kritik konfrontiert \u2013 sei es an der Universit\u00e4t, durch das Feedback von Lehrenden und Studierenden, anhand der Reaktionen des Publikums oder in Form von (Kunst-)Kritiken in den Medien. Der junge Regisseur, Nestroypreistr\u00e4ger und Absolvent des Max Reinhardt Seminars Felix Hafner, Marie Luise Lehner, Autorin, Gewinnerin des Alpha-Literaturpreises 2017 und Studierende der Filmakademie Wien, sowie Stefan Mendl, Lehrender am Joseph Haydn Institut der mdw, Mitbegr\u00fcnder des Wiener Klaviertrios und zweifacher Echo-Klassik-Preistr\u00e4ger, diskutierten am Tag der Angelobung der neuen \u00f6sterreichischen Bundesregierung Fragen zur Bedeutung von Kritik f\u00fcr die Gesellschaft, wie sie selbst mit Kritik(en) umgehen und warum sich auch das Publikum in Sachen Kritik ruhig mehr zutrauen sollte.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1703\" aria-describedby=\"caption-attachment-1703\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1703\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik1.jpg\" alt=\"Kritikfaehig\" width=\"1000\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik1.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik1-300x182.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik1-768x465.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik1-850x515.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1703\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sprechen wir am Anfang \u00fcber den klassischen Kunstkritik-Begriff. Oft ist das Wort Kritik ein wenig negativ besetzt. Woran liegt das schlechte Image, was ist f\u00fcr euch Kritik und welche Bedeutung hat sie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Marie Luise Lehner (ML):<\/strong> Ich finde es immer schwierig, dass man sagt, Kritik ist negativ behaftet, weil es ja eine Grundeigenschaft von uns ist, dass wir Kritik aus\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Felix Hafner (FH):<\/strong> Dass das negativ behaftet ist, kommt dadurch, dass Verrisse lustiger zu lesen und vielleicht auch einfacher zu schreiben sind. Man ist auf der einen Seite angewiesen darauf, ich finde es auf der anderen Seite aber auch spannend, Kritiken zu lesen. Es\u00a0gibt ziemlich viele KollegInnen, die behaupten, dass sie so etwas nicht lesen, aber das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Dass man sich gar keine Kritiken durchliest, da muss man, glaube ich, ziemlich geradlinig sein.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Und auch von sich selbst eingenommen. Kritik kann ja auch extrem f\u00f6rderlich sein f\u00fcr die eigene k\u00fcnstlerische Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Stefan Mendl (SM):<\/strong> Bei Zeitungskritiken gilt das f\u00fcr mich nicht. Ich finde, diese werden meistens von Leuten geschrieben, bei denen ich nicht davon ausgehen w\u00fcrde, dass sie kompetent genug sind, um f\u00fcr meine k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit von Belang zu sein. Ich w\u00fcrde aber\u00a0niemals sagen, dass ich keine Kritiken lese. \u2013 Im Gegenteil: Ich schaue immer aktiv, ob es welche gibt. Wir als aus\u00fcbende K\u00fcnstlerInnen und unsere Agenturen benutzen sie ja auch f\u00fcr die Promotion. Von KollegInnen h\u00f6re ich mir Kritik gerne an oder von Leuten, von denen ich wei\u00df, dass sie wissen, was sie sagen. Die sagen das unter Umst\u00e4nden auch mehr oder weniger wohlwollend, aber diese Kritik w\u00fcrde ich mir zu Herzen nehmen. Aber nicht das, was in einer Zeitung steht. Das n\u00fctze ich oder schmei\u00dfe es weg.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Man hat zumindest etwas ausgel\u00f6st, wenn man einen Verriss ausgel\u00f6st hat. Man muss es auch schaffen, dass sich jemand derma\u00dfen \u00fcber eine Arbeit aufregt. Vielleicht auch aus politischen Gr\u00fcnden, das ist dann auch nicht immer schlecht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1704\" aria-describedby=\"caption-attachment-1704\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1704\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner.jpg\" alt=\"Felix Hafner\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1704\" class=\"wp-caption-text\">Felix Hafner \u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>FH:<\/strong> (lacht) Ja, stimmt. Das war auch bei meiner letzten Produktion am Volkstheater (Nestroys <em>H\u00f6llenangst<\/em>, Anm. der Redaktion), als wir eine schlechte Besprechung von unzensuriert.at (FP\u00d6-nahe Plattform, Anm. der Redaktion) bekommen haben. Das war eigentlich die gr\u00f6\u00dfte Genugtuung.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Es ist auch in der langen Geschichte der Kunstkritik oft recht am\u00fcsant zu sehen, wie die zeitgen\u00f6ssische Rezension von damals heute absolut gepriesene Meisterwerke verrissen hat. Das war sicher sehr schmerzhaft f\u00fcr die K\u00fcnstlerInnen. Aber die Zeit hat gezeigt, wie falsch die KritikerInnen lagen. Nat\u00fcrlich sind alle K\u00fcnstlerInnen auch sensibel und niemand freut sich \u00fcber eine schlechte Kritik. Man muss es einfach so nehmen: Wenn sie gut ist, n\u00fctzt man sie, und wenn sie schlecht ist \u2013 in den Papierkorb damit.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Wenn sie schlecht ist, n\u00fctzt man sie auch. Also ich finde es kann schon auch etwas bringen.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Ich w\u00fcrde jedenfalls nicht alle KritikerInnen \u00fcber einen Kamm scheren. F\u00fcr mich liegt die Unterscheidung darin, wie gut etwas beobachtet ist. In der Beschreibung dessen, was man gemacht hat, wie genau ich das nachvollziehen kann, wie die Person das einsch\u00e4tzt und bewertet. Und das ist eher die Sache, \u00fcber die ich mich \u00e4rgere, n\u00e4mlich wenn Dinge, die man gemacht hat, unreflektiert oder pauschalisiert in der Zeitung stehen. Dagegen finde ich eine negative Kritik, die ein Werk sehr kleinteilig zerlegt, oft sehr spannend oder manchmal sogar hilfreich.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Auf jeden Fall ist es sch\u00f6n, wenn man das Gef\u00fchl hat, Leute haben bei mir jetzt einen Text oder ein Buch genau gelesen und verstanden, worum es geht, und k\u00f6nnen das dann aufgrund dessen positiv oder negativ kritisieren. Das ist dann egal.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1705\" aria-describedby=\"caption-attachment-1705\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1705\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner.jpg\" alt=\"Marie Luise Lehner\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1705\" class=\"wp-caption-text\">Marie Luise Lehner \u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SM:<\/strong> Wogegen ich mich wahnsinnig wehre, weil ich finde, dass das mit Kritik nur sehr wenig zu tun hat, ist dieses schnelle Rating, das jetzt so beliebt ist \u2013 z.\u2009B. Sternchen. Das gibt es jetzt ja sogar am Flughafen: Wenn du durch die Sicherheitskontrolle gehst, musst du danach bewerten, ob sie gut, mittelm\u00e4\u00dfig oder schlecht war. Und wenn du aufs Klo gehst, musst du die Reinlichkeit mit Smileys bewerten, das ist ganz bl\u00f6d, finde ich. Und das gibt es in der Kritik auch immer mehr, auch in Tageszeitungen. Da gibt\u2019s dann f\u00fcnf Sterne, drei, zwei \u2026 oder keinen \u2026 Diese Art von Kritik finde ich plakativ, dumm und sinnlos. Wenn es wirklich eine fundierte Kritik sein soll, dann kann das nat\u00fcrlich auch, wie du sagst, eine literarische Leistung sein.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Es gibt ja auch Kritiken, die einfach wahnsinnig gut geschrieben sind. Das ist etwas, das ich extrem sch\u00e4tze. Das ist \u00fcberhaupt nicht gang und g\u00e4be. Und es gibt nur wenige Ausnahmen, wo man auch sieht, dass jemand nicht nur am Abend davor kurz vor Redaktionsschluss das nur abgetippt hat. Das merkt man schon, wenn sich jemand wirklich mehrere Tage Zeit genommen hat. Nat\u00fcrlich, wenn ein Roman kritisiert wird, dann muss jemand diesen auch von vorne bis hinten gelesen haben. Man kann in sehr kurzer Zeit herausfinden, ob jemand den Roman gelesen hat. Was ja oft gemacht wird, ist, dass der Klappentext in ver\u00e4nderter Form verwendet wird.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Was mitunter interessant ist, ist die Entwicklung, dass durch das Internet und sehr viele Blogs, sehr viele Menschen die M\u00f6glichkeit haben, etwas zu kritisieren und relativ schnell auch eine Plattform bekommen, die googelbar ist und sofort mit dem in Verbindung gebracht wird.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich find das eigentlich extrem cool.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1706\" aria-describedby=\"caption-attachment-1706\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1706\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl.jpg\" alt=\"Stefan Mendl\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1706\" class=\"wp-caption-text\">Stefan Mendl \u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SM:<\/strong> Ja und nein. Es ist extrem cool, aber auch extrem gef\u00e4hrlich, weil was einmal im Netz steht, das geht nie wieder weg.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Auf der anderen Seite hat man so Privatmeinungen. Es gibt B\u00fccherforen, wo Leute teilweise in Echtzeit mitschreiben, was sie gerade lesen und was sie sich dazu denken. Oder bei Amazon, wo das Buch verkauft wird, gibt es 20 Kommentare von irgendwelchen Leuten, die das gerade frisch gelesen haben.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Bei der klassischen Musik auf YouTube werden die Clips kommentiert, und das \u00e4hnelt dann manchmal schon sogenannten Hasspostings. Da geht es dann oft um irgendwelche v\u00f6llig absurden Sachen\u2026 Es ist manchmal lustig, dass sich manche Leute da so engagieren, andererseits ist das halt das Web, das bietet allen ein Forum, auch f\u00fcr Dinge, die man sich nicht wohlweislich \u00fcberlegt hat.<\/p>\n<p><strong>Ihr verfolgt das also, wenn Kritiken oder auch andere Meinungen zu euren Werken erscheinen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Also ich lese wirklich alles. Auch wenn etwas in den sozialen Medien zu finden ist. Gerade das interessiert mich dann besonders, wenn die Leute etwas schreiben, die im Publikum waren. Und gerade am Theater ist man auch ziemlich abh\u00e4ngig davon. Gerade in der Wiener Theaterszene ist es schon weiterhin so, dass eine gewisse Art von Publikum sich bei der Wahl eines Theaterabends danach richtet, was in der Zeitung steht.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich glaube, das ist auch medien\u00fcbergreifend. Bevor jemand in eine Buchhandlung geht und sich ein Buch kauft, muss jemand eine gute Kritik gelesen haben, sonst passiert das einfach nicht. Es passiert kaum, dass Laufpublikum z. B. zum Thalia geht und einfach ein Buch aus dem Regal nimmt und kauft. Als ich publiziert wurde, stand das Buch im Thalia ein paar Wochen lang im Erdgescho\u00df und im ersten Stock n\u00e4her beim Eingang. Und meine Verkaufszahlen waren viel schlechter als nach den ersten gro\u00dfen Kritiken.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Fr\u00fcher gab es viel mehr Zeitungskritiken und jetzt gibt es richtige Online-Plattformen f\u00fcr klassische Musik, die Konzerte und CDs rezensieren. Das ist viel verbreiteter als die Printmedien. Oder zumindest gehen die Leute viel eher in die Konzerte und schreiben dann dar\u00fcber. So etwas wird immer wichtiger. Wenn in den letzten Jahren Kritiken \u00fcber unsere Konzerte oder Aufnahmen kamen, dann meistens im Internet und hie und da noch in der Zeitung.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Bei Literatur ist das glaub ich ein bisschen anders. Weil das Publikum liest auch Printmedien und es gibt ja wirklich viele Literaturzeitschriften, wie z.\u2009B. <em>manuskripte<\/em> und <em>kolik<\/em>, in denen Literatur publiziert wird und hinten sind die Kritiken drinnen, das ist schon recht gro\u00df.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1707\" aria-describedby=\"caption-attachment-1707\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1707\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner2.jpg\" alt=\"Kritikfaehig\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hafner2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1707\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Gehen wir noch mal zu der Frage, wer diese Kritiken schreibt. Johann Gottfried Herder hat schon gesagt: \u201eDenn wie keine Kunst ohne \u00dcbung m\u00f6glich ist, so auch ohne Kenntnis dieser \u00dcbung kein vollst\u00e4ndiges, richtiges Urteil.\u201c Was sollte ein\/e KrikterIn mitbringen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich finde es extrem wichtig, dass KritikerInnen mehr Zeit haben, sich mit Sachen zu besch\u00e4ftigen.\u00a0Das ist auf jeden Fall ein Faktor, der ein Problem darstellt. Gerade beim Fernsehen oder auch beim Radio habe ich die Erfahrung gemacht, dass JournalistInnen innerhalb k\u00fcrzester Zeit sehr viele Sendungen machen m\u00fcssen, zu sehr vielen Themen, und einfach nicht die Zeit haben, sich genauer mit etwas auseinanderzusetzen. Es ist nat\u00fcrlich auch ein Unterschied \u2013 ein Buch hat man nicht wie ein Theaterst\u00fcck in wenigen Stunden gesehen. Das Theaterst\u00fcck muss man trotzdem noch nachwirken lassen.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Was teilweise auch nicht passiert. Es gibt ja mittlerweile den Trend, dass Pausenkritiken online gestellt werden. Da wird im Burgtheater in der Pause, nach dem ersten Teil, schon eine Kritik geschrieben. Das verstehe ich nicht, denn du kannst ja noch nichts dar\u00fcber sagen, wenn du erst die H\u00e4lfte davon gesehen hast. Aber das wird tats\u00e4chlich gemacht\u2026<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Genau. Und ich habe eben die Erfahrung gemacht, dass Leute aus Zeitdruck das Buch nicht lesen und das ist dann oft sehr offensichtlich. Ich habe ein Buch geschrieben, in dem es um eine Vater-Tochter-Beziehung geht und dann fragt mich jemand etwas zum Thema Kindererziehung. Oder es wird danach gefragt, wie autobiografisch ein Text ist \u2013 das ist die schlechteste Frage, die man bei Literatur \u00fcberhaupt stellen kann.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Ich glaube, bei der Musik ist es ein bisschen anders. Bei der Musik erwarte ich von einem Kritiker\/einer Kritikerin, dass er\/sie ein gewisses Hintergrundwissen hat. Und dass er\/sie sich trotzdem mit einer gewissen Offenheit hineinsetzen kann und ein bisschen das widerspiegelt, was das Publikum empfindet und wie es reagiert. Ich finde ein Kritiker\/eine Kritikerin muss schon etwas davon verstehen, im Idealfall auch Erfahrungen haben und oft in Konzerte gehen und auch aufnahmef\u00e4hig daf\u00fcr sein, wie etwas rezipiert wird vom Publikum, denn es ist auch Teil seiner Aufgabe dar\u00fcber zu berichten. In Wahrheit ist eine Kritik ja auch ein Bericht \u00fcber ein Event.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern beeinflussen wirtschaftliche Aspekte die Kritik und die Tatsache, ob \u00fcberhaupt \u00fcber ein \u201eKulturprodukt\u201c geschrieben wird?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Also vor 20 Jahren war das noch nicht so. Da kamen die Sachen heraus und wurden besprochen. Jetzt bekommst du, wenn eine neue CD herauskommt, z.\u2009B. aus Amerika unmoralische Angebote von CD-Magazinen, denn in den USA kann man f\u00fcr Artikel bezahlen. Das geht in eine Richtung, die scheu\u00dflich ist. Nat\u00fcrlich wirst du auch beworben, wenn du in einem Konzerthaus spielst, nat\u00fcrlich machen die Aussendungen, das ist die Art von PR, die passiert. Aber heutzutage ist das mittlerweile fast zu wenig, weil du in diesem riesigen Pool der Medienlandschaft mit etwas, das kein gigantisches Event ist, ziemlich schnell untergehst.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Also bei mir gibt es keine Events. Niemand geht zu Lesungen. Niemand interessiert sich f\u00fcr Lesungen, egal wo ich lese. Lesungen sind nicht der Bringer. Die Lesung ist f\u00fcr mich also viel weniger wichtig, als z.\u2009B. eine Preisverleihung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1708\" aria-describedby=\"caption-attachment-1708\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1708\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik2.jpg\" alt=\"Kritikfaehig\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1708\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Apropos Preise: Ihr habt 2017 alle einen Preis gewonnen \u2013 hilft einem so etwas?<\/strong><\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Der Alpha-Literaturpreis hat mir wahnsinnig viel gebracht. Weil die auch eine extrem gro\u00dfe PR-Abteilung haben, die viel Geld in die Bewerbung des Ganzen hineingesteckt hat. Gerade auch, weil der Preis nun mehr und mehr in die \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckt und es den noch nicht so lange gibt.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Also der Echo-Klassik ist, was das Medieninteresse betrifft, sehr wichtig. Wir haben den 2010 und jetzt 2017 wieder bekommen. Aber so direkte Auswirkungen &#8230; da kommt es auch darauf an, in welcher Kategorie man gewinnt. 2010 war der Preis f\u00fcr die beste Einspielung Kammermusik zweite H\u00e4lfte 18. Jahrhundert, da habe ich damals zu den Kollegen gesagt: ,Das ist, wie wenn du den Oscar f\u00fcr das beste Kost\u00fcm bekommst. Das wei\u00df auch kein Mensch.\u2018 Heuer haben wir den Preis f\u00fcr das beste Ensemble bekommen, das ist nat\u00fcrlich schon ein bisschen mehr im Fokus, aber letztendlich \u2026 Auch bei der Gala waren wir nicht. Wenn du schon ein Star bist, dann ist es f\u00fcr dich noch mehr von Nutzen, aber wenn du Kammermusik machst \u2026 Du kannst dir die Troph\u00e4e hinstellen und alle werden dir gratulieren, aber einen gro\u00dfen Effekt auf die Auftragslage hat das nicht.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Bei mir war es praktisch so, dass ich in der Woche nach dem Alpha-Preis auf Platz 4 der \u00f6sterreichischen Bestseller-Liste war. Das war extrem \u2026<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Bei mir hat es nicht so viel gemacht. Der Nestroy-Preis hat schon eine ziemliche Medienaufmerksamkeit erregt und in meinem Dorf in der Steiermark wissen es jetzt alle und verstehen auch was das ist, was ich mache. Aber dieses ber\u00fchmte klingelnde Telefon nach so einem Preis hat es nicht gegeben. Ich glaube aber schon, dass es l\u00e4ngerfristig schon ganz gut ist, den Preis zu haben. Aber so eine direkte Auswirkung \u2013 auch auf Zuschauerzahlen \u2013 hat es nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1710\" aria-describedby=\"caption-attachment-1710\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1710\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl2.jpg\" alt=\"Stefan Mendl\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/mendl2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1710\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Beeinflusst euch das, was in Kritiken steht, in der Praxis? Historisch gesehen haben beispielsweise die Filmkritik und eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Film die praktische Entwicklung sehr wohl vorangetrieben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> F\u00fcr mich w\u00fcrde ich es total ausschlie\u00dfen. F\u00fcr mich ist es ein Produkt, das ich mit Freude, Am\u00fcsement oder \u00c4rger lese, aber das mich \u00fcberhaupt nicht beeinflusst. Und ich glaube, dass das fr\u00fcher in der Musik gar nicht so anders war. Ich glaube nicht, dass die Kritik die Musik in der Entwicklung wirklich wesentlich beeinflusst hat, das waren andere Dinge. Gerade gesamtgesellschaftliche Ereignisse haben die klassische Musik immer am meisten beeinflusst. Die Kritik hat vielleicht manches verhindert oder zu verhindern versucht. Aber meistens \u2013 wenn etwas wirklich gut war \u2013 hat es sich dann doch durchgesetzt.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich finde es sehr sch\u00f6n, wenn man merkt, dass jemand etwas verstanden hat. Dass jemand sagt: \u201eIn\u00a0dem Text geht\u2019s darum.\u201c Und ich denk mir: \u201eJA!\u201c (Lacht.)<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Stimmt, das ist sch\u00f6n. Das ist in der Musik nat\u00fcrlich genauso. Wenn jemand sagt, das oder jenes war besonders ber\u00fchrend und du hattest auch das Gef\u00fchl, dass das so war.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Das ist am Theater auch manchmal sehr sch\u00f6n, wenn man \u00fcber einen Probenzeitraum mit dem Ensemble Dinge bespricht oder vorhat, was man mit der Inszenierung erz\u00e4hlen m\u00f6chte, und wenn das dann beschrieben wird in einer Kritik, ist das nat\u00fcrlich eine super Best\u00e4tigung.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Das ist ja dann das Umgekehrte. Du wirst ja dann quasi best\u00e4tigt. Aber hast du jemals das Gef\u00fchl gehabt, dass du eine Kritik in deine Arbeit als produktive Anregung einbauen kannst?<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Nicht direkt, aber es gibt schon so Trigger bei mir. Sachen, die bei mir immer wieder Thema sind und waren. Wenn die dann drinnen stehen in einer Kritik, dann werde ich hellh\u00f6rig. Woran ich aber tats\u00e4chlich sehr arbeiten m\u00f6chte, ist, dass ich im Prozess vorher sehr viel dar\u00fcber nachdenke, was dar\u00fcber geschrieben werden k\u00f6nnte. Ich wei\u00df, dass das total ohne Sinn ist und einen eigentlich nur versperrt, aber ich kriege das durch die diversen Druckmechanismen, die am Theater herrschen, manchmal tats\u00e4chlich nicht aus dem Kopf.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Die Kritik, die einem nat\u00fcrlich die liebste oder auch die hilfreichste ist, ist nat\u00fcrlich die, die man sich von KollegInnen holt. Und da geht man zu Menschen, die man sehr sch\u00e4tzt. \u2013 Ich gehe dann zu AutorInnen, die ich sehr sch\u00e4tze und deren Werk ich sehr sch\u00e4tze, und gebe ihnen einen Text. Die Kritik ist dann eine viel ausf\u00fchrlichere, l\u00e4ngere und vielleicht auch ein Dialog, in dem man auch bestimmte Dinge nachfragen kann. Das ist die Kritik, nach der ich mich in jedem Fall sehr sehne und die extrem wertvoll und anregend ist.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> So \u00e4hnlich ist es f\u00fcr mich beim Unterrichten. Da kommen Studierende, die sind meistens wahnsinnig motiviert und wollen etwas Sch\u00f6nes machen und das, was sie von mir wollen, ist Kritik. Sie wollen, dass man das, was sie machen, kritisiert \u2013 und zwar so, dass sie es dann vielleicht besser machen. Und das ist eigentlich eine ganz wichtige Form von Kritik: Dass du sie nicht verrei\u00dft, sondern dass du wirklich versuchst, jeden durch diese Kritik eine Stufe besser zu machen. Und manchmal ist es danach fantastisch und manchmal ist es zumindest eine Stufe besser. Du setzt dich damit einer Person aus, bei der du davon ausgehen kannst, dass sie das, was sie macht, schon lange macht, viel Erfahrung hat und dir nicht blo\u00df irgendetwas sagt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1711\" aria-describedby=\"caption-attachment-1711\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1711\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik4.jpg\" alt=\"Kritikfaehig\" width=\"400\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik4.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/kritik4-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1711\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie ist denn grunds\u00e4tzlich eure Erfahrung mit Kritik in Form von Feedback im Unterricht an der mdw?<\/strong><\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich kann die Filmakademie ein bisschen vergleichen mit meinen Erfahrungen an der Angewandten. Ich fand die Kritik an der Filmakademie bisher ein bisschen l\u00e4hmend, weil es \u2013 was schade war \u2013 so viele Instanzen gibt, die einen auf unterschiedlichen Ebenen beraten, sodass es ganz schwierig ist noch etwas zu machen, was man gerne machen w\u00fcrde.\u00a0Wenn ich einen Film an der Filmakademie machen m\u00f6chte, dann muss ich mir nat\u00fcrlich das Equipment ausborgen, das ist sehr teuer und das gibt man auch nicht so gerne raus. Das hei\u00dft, ich muss zuerst einmal ein Drehbuch schreiben und mit der Drehbuchklasse absprechen, diese geben mir dann Feedback, woraufhin ich ein Konzept schreibe f\u00fcr den Regieprofessor, der mir auch Feedback gibt, dann schreibe ich ein Storyboard f\u00fcr den Kameraprofessor und der gibt mir auch Feedback und der findet dann z.\u2009B. dass die Dialogsituation mit Schuss und Gegenschuss aufgel\u00f6st werden soll, weil das ist eine gute \u00dcbung und wir sollen mehr Lichtequipment mitnehmen ans Set. Dann hat man dieses Rad einmal durchgemacht und dann schreibt man quasi ein neues Drehbuch \u2013 und so geht es dann weiter. Und dann gibt es noch die Produktion. Das hei\u00dft man schreibt Drehpl\u00e4ne und auch die Produktion muss das absegnen. Erst wenn alle d\u2019accord sind, kann man sich das teure Equipment ausborgen. Das ist manchmal schwierig und schon zu viel Feedback, weil das alles dadurch viel schwerf\u00e4lliger und langsamer wird. Manchmal w\u00e4re es meiner Meinung nach einfach angenehmer einen Film schnell zu machen und ein bisschen abseits von der Idee in die Filmbranche zu gehen, in der ja auch alles sehr schwerf\u00e4llig und langsam funktioniert. Aber an der Filmakademie wird man nat\u00fcrlich stark auf diese Filmbranche hintrainiert und das Kurzlebige vom unabh\u00e4ngigen Film oder einem Film, in dem das K\u00fcnstlerische im Vordergrund steht und vielleicht nicht die Technik, ist fast nicht m\u00f6glich. Weil es fast unm\u00f6glich ist, dass man sagt: \u201eIch w\u00fcrde mir einfach gern nur eine\u00a0Kamera ausborgen und wir machen das wackelig und ohne viel Lichtequipment.\u201c<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Das Beste an der Feedbackkultur war bei mir am Max Reinhardt Seminar sicher der Austausch unter den Studierenden, mit den Kommilitonen, deren Arbeiten zu verfolgen, mit denen dar\u00fcber zu sprechen. Das ist das Lehrreichste am ganzen Studium gewesen oder das, was es am meisten ausgezeichnet hat. Ich habe etwa zwei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass die Bewertung von meinen Projekten vonseiten der Lehrenden mitunter auch mit einem Politikum zusammenh\u00e4ngt und nat\u00fcrlich total subjektiv und vom Theatergeschmack abh\u00e4ngt. Und das muss man auch erst verstehen\u2026 Dass man irgendwann wei\u00df: \u201eWenn es dem nicht gef\u00e4llt, ist es eigentlich ganz gut.\u201c (lacht)<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Es ist auch immer sehr wichtig, dass man sich aussuchen kann, von wem man sich die Kritik holt. Das war bei der Filmakademie nicht der Fall. An der Angewandten, wo ich Sprachkunst studiere und gerade abschlie\u00dfe, konnte ich mir mehr aussuchen, bei welchen ProfessorInnen ich mir mein Feedback hole und in welchen Kurs ich gehe und wessen Meinung mir wichtig ist. Da h\u00e4ngt nat\u00fcrlich nicht so viel Equipment dran&#8230;<\/p>\n<p><strong>Und wie ist das aus der Sicht des Lehrenden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Ich bin ja jetzt erst seit zwei Jahren hier. Vielleicht bin ich noch in dieser Anfangseuphorie. Aber bis jetzt ist das unglaublich erfreulich, was ich erlebe und was von den Studierenden zur\u00fcckkommt, wie sie sich in kurzer Zeit oft weiterentwickeln und im Endeffekt versuchen das Beste zu bringen. Es sind auch wahnsinnig viele verschiedene Studierende, ich habe ja etwa in dem Semester um die 70 Studierende. Mehr als 90 Prozent sind mit Begeisterung und Offenheit zugange und wollen wirklich h\u00f6ren, was ich ihnen da erz\u00e4hlen will \u2013 das ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl. Ich k\u00f6nnte mir nie vorstellen, etwas zu unterrichten, von dem ich das Gef\u00fchl habe, dass das eigentlich keiner h\u00f6ren will. Ich habe ja selber vor vielen Jahren hier studiert, und da war das alles bei Weitem nicht so positiv, wie es jetzt ist. Da hat sich schon sehr viel \u2013 vor allem auch f\u00fcr die Kammermusik \u2013 getan.\u00a0Was wir machen ist k\u00fcnstlerischer Einzelunterricht. Es ist nicht so, dass ich eine Vorlesung halte. Die Studierenden kommen mit etwas zu mir, das sie vorbereitet haben, und ich sage ihnen, was ich davon halte, wie man Feinheiten noch besser rausbringt etc. Das kann nur im Moment passieren. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich einiges \u00fcber die Werke, aber es ist nicht so, dass ich mir vorher \u00fcberlege, was ich genau sage \u2013 jeder Student\/jede Studentin ist ja auch v\u00f6llig anders. Und das sind noch dazu Gruppen \u2013 da gibt es Gruppendynamiken, die manchmal witzig, manchmal auch anstrengend sein k\u00f6nnen \u2013 auch auf das muss man eingehen. So wie wenn man selbst Kammermusik spielt \u2013 da muss man auch auf die Leute, mit denen man spielt, eingehen.<\/p>\n<p><strong>Betrachten wir den Kritik-Begriff nun globaler. Erziehung zum kritischen Denken ist in einer Demokratie wichtig \u2013 gewinnt das jetzt in einer Zeit, in der wir von Fake News sprechen oder z. B. unabh\u00e4ngiger Journalismus von vielen infrage gestellt wird, wieder mehr an Bedeutung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Ich glaube es wird sehr wichtig \u2013 das Problem ist nur: Jeder\/jede\u00a0lebt in seiner\/ihrer Blase, und wenn wir aus dieser Blase kurz herauskommen, dann sehen wir, wie viele andere Meinungen es da gibt. Ich glaube, das wird uns noch viel Kopfzerbrechen bereiten.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich glaube, dass der Diskurs dadurch, dass sich solche Blasen entwickeln, immer spezifischer wird. Weil man sich, gerade durch soziale Medien, viel st\u00e4rker in einem Umfeld bewegt, das politisch \u00e4hnlich denkt. Ich bewege mich in einer Blase, die ist z. B. Literatur- und Kulturinteressiert, queer-feministisch, wahrscheinlich gesamtgesellschaftlich gesehen radikal links und das ist der Konsens \u2013 und dann beginnen wir zu reden. Und das ist wahnsinnig angenehm auf vielen Ebenen, weil man auf einmal Gespr\u00e4che f\u00fchren kann, die nicht mehr so grunds\u00e4tzliche Sachen aushandeln. Z. B. dass man nicht mehr erkl\u00e4ren muss, warum es wichtig ist, in einem Gespr\u00e4ch zu gendern, sondern wir k\u00f6nnen schon viel weitergehen und \u00fcber Dinge sprechen, die vielleicht wirklich wichtig sind und an denen man sich aufreibt.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Nat\u00fcrlich, nur wir m\u00fcssen alle in unseren Blasen aufpassen, dass dann nicht irgendwann jemand kommt und uns diese Blasen nicht mehr zugestehen will. Das ist ja die gro\u00dfe Gefahr. So lange es dieses Umfeld gibt, und man wei\u00df, man bewegt sich da auf einem Level, auf dem man in einem anderen Umfeld erst einmal h\u00e4nderingend hinkommen m\u00fcsste &#8230; Wenn sich gesamtgesellschaftlich solche Umw\u00e4lzungen ereignen, besteht nat\u00fcrlich die Gefahr, dass einem diese Foren nicht mehr zugestanden werden oder dass man dann anfangen muss darum zu k\u00e4mpfen. Das mobilisiert sehr viel Energie, was vielleicht auch wieder gut ist.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich glaube es ist auf jeden Fall wichtig, dass man sich dieser Blase bewusst ist. Dass man wei\u00df: Es gibt diese Leute, ich wei\u00df wo sie sind, ich wei\u00df wie ich sie mobilisieren kann und wenn es notwendig ist, gehe ich mit meiner Blase auf die Stra\u00dfe. Und dass man auch mit ihnen kommunizieren kann. Also \u00fcber soziale Medien kann ich auf jeden Fall mit meiner Blase viel leichter kommunizieren als im Alltag.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Nur glaube ich, dass diese Blasen und Spaltungen oder Verschiedenheiten oft so grundlegend sind, dass es manchmal \u00fcberhaupt keine Ber\u00fchrungspunkte mehr gibt. Das hat man bei der Pr\u00e4sidentenwahl in \u00d6sterreich gesehen, das sieht man in den USA&#8230; Ich bin wirklich sehr oft dort und habe in all den Jahren niemanden getroffen, der mir gesagt h\u00e4tte, dass er Trump w\u00e4hlt. Man bewegt sich auch dort in gewissen Blasen\u2026<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Wenn man es n\u00e4her herbringt \u2013 ich kenne jetzt auch keine Personen, die FP\u00d6 w\u00e4hlen, aber man hat trotzdem Ber\u00fchrungspunkte mit Menschen, die das sehr wohl tun &#8230;<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Am Theater habe ich die Erfahrung gemacht, dass das dann doch n\u00e4her ist, als man denkt. Das Theater besteht nicht nur aus K\u00fcnstlerInnen, die sich nat\u00fcrlich liberal, offen, links usw. pr\u00e4sentieren. Aber es gibt dann noch die Technikmannschaften, die Verwaltung und andere Bereiche von so einem Haus. Und wenn man dann auf der B\u00fchne f\u00fcr gewisse Sachen einsteht, ist die Frage, wie man an diese Leute herankommt. Das ist das, was mich am meisten besch\u00e4ftigt: Wie kommt man auf einen gewissen Konsens. Gewisse Dinge, bei denen man davon ausgehen k\u00f6nnte, dass die im Interesse aller Menschen sind, dass man die erkl\u00e4ren muss oder diese quasi wieder herstellen muss in so einem Gespr\u00e4ch, das ist das, was mich manchmal total ersch\u00fcttert und wo ich auch nicht wei\u00df, wie ich so einen Dialog schaffe.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Wenn man Theater, Film oder Literatur macht, dann hat man ein ziemlich gro\u00dfes Privileg, weil man zu sehr vielen Leuten sprechen kann. Ich habe das Gef\u00fchl, damit geht f\u00fcr mich auch eine ethische Verantwortung einher, dieses Privileg so zu nutzen, dass ich auch meine politischen Standpunkte propagiere. Nat\u00fcrlich nicht mit dem Holzhammer und nicht agitativ, aber\u00a0es ist auf jeden Fall notwendig, sich politisch zu \u00e4u\u00dfern in seiner Kunst und auch niemandem die M\u00f6glichkeit zu geben, dass der deine Kunst aus einer anderen Ecke missbraucht.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Wenn man davon ausgeht, dass wir als Uni nicht nur daf\u00fcr da sind K\u00fcnstlerInnen auszubilden, sondern auch um einen gewissen moralischen oder ethischen Hintergrund zu vermitteln, dann muss man diesen Hintergrund, solange es m\u00f6glich ist, auch liefern. Und da muss man sich bewusst sein, dass manche Dinge gef\u00e4hrlich sind und man bewusst dagegen ank\u00e4mpfen sollte. Das ist etwas, das immer wichtiger werden wird, dass man f\u00fcr \u00dcberzeugungen auch einsteht.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Genau. Dass eine Haltung dahintersteht, f\u00fcr die man dann auch eintritt.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Du kannst mit klassischer Musik jetzt nicht direkt politisch Stellung beziehen. Aber du kannst dich z.\u2009B. weigern bei einem FP\u00d6-Parteitag aufzutreten.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Gerade diese rechten Kr\u00e4fte \u2013 mit denen wir jetzt auch die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre zu tun haben werden \u2013 sehen oft nicht ein, dass Kritik dazugeh\u00f6rt und sie sind leider auch so humorbefreit. Als die FP\u00d6 z.\u2009B. gefordert hat, dass man die F\u00f6rderung f\u00fcr das Theater in der Josefstadt zur\u00fcckverlangt \u2013 was einerseits nat\u00fcrlich witzig ist, weil man kann keine Subvention auf einmal wieder zur\u00fcckverlangen \u2013 und andererseits, weil der Ausl\u00f6ser daf\u00fcr derart nichtig war&#8230;<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Dessen muss man sich bewusst sein, die Leute sind schnell beleidigt und kleinkariert und vertragen keine Kritik. Und je m\u00e4chtiger sie werden, desto weniger Kritik vertragen sie. Es gibt sehr gute Beispiele, die man aus der Ferne beobachten kann, wie den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten, der sich mit einem deutschen Kabarettisten einen Rechtsstreit geliefert hat. Das fand ich grenzgenial, ich bin ein gro\u00dfer Fan von \u201e\u00dcberspitzungen\u201c, weil sonst reagiert kein Mensch darauf. Du siehst, wie empfindlich und kleinkariert diese m\u00e4chtigen Leute sind. Und auch dumm.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1713\" aria-describedby=\"caption-attachment-1713\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1713\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner2.jpg\" alt=\"Kritikfaehig\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/lehner2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1713\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Siegfried Kracauer pr\u00e4gte den ber\u00fchmten Satz: \u201eKurzum, der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.\u201c \u2013 Ist so etwas heute noch von Bedeutung f\u00fcr die Kritik, kann sie in diese Richtung noch etwas leisten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Selbstverst\u00e4ndlich, sie kann extrem destruktiv sein, wenn sie z. B unliebsame Kunst niedermacht \u2013 das ist geschichtlich schon sehr oft vorgekommen. Wenn du die Medien dominierst, dann schreiben die schon die richtigen Sachen und machen Dinge schlecht. So kannst du den Leuten einreden, etwas sei \u201eentartet\u201c oder schlecht oder Nestbeschmutzung. Also im negativen Sinn auf jeden Fall und im positiven nat\u00fcrlich auch. Kritik, die sich daf\u00fcr einsetzt und die dann unliebsame Produktionen nach k\u00fcnstlerischen Aspekten ins gute Licht r\u00fcckt, kann nat\u00fcrlich sehr helfen \u2013 ich glaube das ist sogar extrem wichtig.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Man kann ja Kunst auch nicht losgel\u00f6st von einem gesellschaftlichen Diskurs oder von Politik betrachten. Und wenn ich das nicht mitbedenke als KritikerIn, dann kann ich es auch nicht kritisieren. Wie soll Kunst ohne einen politischen Anspruch kritisiert werden? Und gleichzeitig sollen auch unliebsame Dinge angesprochen werden \u2013<br \/>\nz. B. wie werden Schwarze im Theater gezeigt \u2013 malt man sie an, werden sie geblackfaced oder werden nur f\u00fcr diese Rollen schwarze Personen gecastet oder spielen schwarze Personen auch wei\u00dfe Personen? Ohne einen politischen Anspruch zu haben und ohne ein politisches Vorwissen, kann ich das nicht kritisieren.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Gerade dieses Beispiel zeigt die Macht davon am Theater &#8230; Vor 10 Jahren war das ja noch gang und g\u00e4be. Heute kannst du das nicht mehr machen.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Letzte Woche an der Staatsoper bei <em>Lulu,<\/em> da kommt dann schon einmal der ,Neger\u2018 auf die B\u00fchne mit einer Maske und er ist auch noch sehr brutal und sticht alle ab. Da wird einem schon schwummrig &#8230;<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Genau, und von der Kritik w\u00fcrde man sich dann w\u00fcnschen, dass die nicht nur die Musik in der Staatsoper beschreibt, sondern auch diese Szene von der einem schwummrig geworden ist und das machen nur KritikerInnen, die sich selber als politische Menschen in der Gesellschaft sehen.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man mehr Bewusstsein f\u00fcr Kritik schaffen \u2013 vor allem f\u00fcr Leute, die in Kritik immer etwas Negatives sehen und gar nicht als Dialog oder Diskurs?<\/strong><\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Ich denke mir bei j\u00fcngeren Menschen ist das viel einfacher, umso \u00e4lter die Menschen sind, umso schwieriger ist es, finde ich, in so einen Diskurs zu treten. Wenn man das Gef\u00fchl hat, jemand ist schon lange mit seiner Meinung gut gefahren, will er sich schwer von etwas anderem \u00fcberzeugen lassen. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Studierenden macht das noch mehr Sinn, wenn es um grunds\u00e4tzliche Diskussionen geht.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Das ist vielleicht ein Punkt, \u00fcber den wir noch sprechen sollten \u2013 die Erziehung zur Kritikf\u00e4higkeit. Die ist ja nicht gegeben. In fast jeder Schule \u2013 mit einigen l\u00f6blichen Ausnahmen \u2013 wird von den Kindern vor allem gefordert, dass sie gut funktionieren, dass sie brav ihren Stoff bew\u00e4ltigen und am besten auch nicht sonderlich auffallen. Das ist der Grundkonsens. Nat\u00fcrlich gibt es immer Leute, die dem nicht zustimmen, aber dass man wirklich zur Kritikf\u00e4higkeit erzogen wird, das gibt es selten. Diese Leute werden dann \u00e4lter und haben nie gelernt ihre kritische Meinung kundzutun. Es wird nicht gef\u00f6rdert eine Meinung zu haben, Kritik zu \u00e4u\u00dfern \u2013 verbal, k\u00fcnstlerisch oder wie auch immer.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Ich glaube es ist auch wichtig den Sprachgebrauch immer wieder zu hinterfragen. Weil man so leicht die Kategorien Lob gegen\u00fcber von Kritik f\u00e4llt und man eigentlich sich selbst und andere auffordern m\u00fcsste Kritik total divers anzusehen. Und da kann ich mich selbst dazu animieren, selbstkritisch zu sein oder Kritik anzunehmen, was auch ein Prozess ist, den man irgendwie erlernen muss. Und auf der anderen Seite steht die Frage: ,Wie gebe ich anderen Kritik?\u2018 Damit besch\u00e4ftige ich mich auch oft \u2013 was ist eine Kritik, die dem anderen etwas bringen k\u00f6nnte. Das ist gerade am Theater tats\u00e4chlich ein Problem \u2013 welchen Modus findet man, um sich kritisch mit etwas gemeinsam auseinanderzusetzen. Premieren sind \u00fcberhaupt nicht gut, um in irgendeiner Form \u00fcber etwas kritisch zu sprechen. Aber wann triffst du dann die Leute \u2013 in welchem Kontext redest du dann \u00fcber das, was die oder der gemacht hat oder man selbst gemacht hat? Oft redet man dann gar nicht dar\u00fcber, was total schade ist. Man sollte offensiv Wege suchen, damit man dar\u00fcber sprechen kann, denn sonst bleibt es bei den H\u00f6flichkeitsfloskeln, bei den Gl\u00fcckw\u00fcnschen.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Das ist etwas total Wichtiges, was du da ansprichst \u2013 bei der Kritik von KollegInnen ist der gew\u00e4hlte Zeitpunkt wirklich sehr wichtig. Es gibt Momente, die sind vollkommen ungeeignet \u2013 wie du sagst \u2013 bei der Premiere. Das ist definitiv nicht der Moment daf\u00fcr. Die Kritik l\u00f6st in so einem Moment nur Emotionen oder Abwehr aus. Du willst es nicht h\u00f6ren. Du willst auch nicht, dass nach dem Konzert einer zu dir kommt und sagt: ,Naja, also wenn ich jetzt ganz ehrlich bin&#8230;\u2018 Du hasst die Person dann dein Leben lang daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Eben, weil es steckt ja auch so viel Arbeit drinnen. Nach einer Lesung ist es nicht so schlimm. Es ist eher die Frage, wie weit ist man von der Publikation entfernt. Vor der Publikation ist Kritik gro\u00dfartig, direkt danach vielleicht nicht so gut. Umso mehr Zeit verstrichen ist, umso besser ist Kritik, weil man sie dann wieder einsetzen kann f\u00fcr die n\u00e4chste Arbeit. Aber direkt nachdem ein Buch oder ein Text in einer Zeitung publiziert worden ist&#8230;<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Es ist nat\u00fcrlich auch wichtig, was man sagt. Wenn eine Professorin zu mir kommt und sagt ,Das ist ja eh ein ganz konsumierbarer Abend geworden\u2018, dann ist das das, was mich am meisten aufregt, was man \u00fcber meine Arbeit sagen kann.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> (lacht) Ja, Zeitpunkt und Wortwahl sind es.<\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Das hat auch damit zu tun, was wir vorhin schon besprochen haben \u2013 inwiefern sich jemand in etwas reingedacht hat und damit besch\u00e4ftigt hat. Und wenn ich mir ein St\u00fcck genau angesehen habe und den Inhalt kenne, dann kann ich nicht so etwas sagen. Dann habe ich mich offensichtlich nicht besonders gut damit besch\u00e4ftigt. Vielleicht auch weil es mich nicht interessiert hat&#8230; das kann schon sein.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrdet ihr euch f\u00fcr die Zukunft der Kritik w\u00fcnschen \u2013 wenn wir wieder etwas mehr zur\u00fcckgehen zum Anfang und zur klassischen (Kunst-)Kritik in der Zeitung etc.?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Ich glaube, im Prinzip ist das Medium egal. \u2013 Egal ob das auf der Online-Plattform ist oder im gedruckten Medium \u2013 ich finde wichtig ist, dass es fundiert ist und man merkt, dass sich der Kritiker\/die Kritikerin ausf\u00fchrlich mit der Materie befasst hat und dass es nicht so F\u00fcnfzeiler sind, die gerade noch irgendwo hineingepresst werden, sondern dass auf ein Kunstwerk, das mit sehr viel M\u00fche und sehr viel Einsatz und viel Elan pr\u00e4sentiert wird, mit einem Bruchteil dieser Aufmerksamkeit reagiert wird.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Ich finde gut gemeinte und passiv-aggressive Inhaltsangaben geh\u00f6ren verboten. KritikerInnen sollen sich au\u00dferdem begeistern lassen, denn im Endeffekt ist das mitunter sehr sch\u00f6n, wenn sich die Begeisterung f\u00fcr das, was da rausgekommen ist, \u00fcbertr\u00e4gt oder Begeisterung f\u00fcr das Medium\u2026 und sich die Leute damit auseinandersetzen und ins Theater gehen.<\/p>\n<p><strong>Kann Kunst auf Dauer ohne Kritik bestehen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>ML:<\/strong> Kritik ist Rezeption&#8230;<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Ja, das geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p><strong>SM:<\/strong> Also darstellende Kunst sollte gar nicht ohne Kritik existieren&#8230; ohne Rezeption geht sie am Sinn vorbei. Weil du machst es nicht nur f\u00fcr dich selbst. Es muss ein Publikum da sein \u2013 und jeder ist ein Kritiker\/eine Kritiker \u2013 eine\/r schreibt dann vielleicht dar\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>FH:<\/strong> Stimmt, das w\u00fcnsche ich mir tats\u00e4chlich. Das ist am Theater oft problematisch. \u201eNormalzuschauerInnen\u201c, die sich etwas ansehen, f\u00fchlen sich oft nicht bef\u00e4higt, sich kritisch zu \u00e4u\u00dfern. Weil sie sich nicht auskennen oder sich nicht intensiv damit besch\u00e4ftigt haben. Das find ich total schade, weil du hast ja als ZuschauerIn genau den gleichen Eindruck und du musst nichts dar\u00fcber wissen \u2013 du hast einfach das erlebt, was du erlebt hast, und das kannst du teilen, wie du m\u00f6chtest.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Theater, Film, Literatur oder Musik \u2013 K\u00fcnstlerInnen aller Genres sind mit Kritik konfrontiert \u2013 sei es an der Universit\u00e4t, durch das Feedback von Lehrenden und Studierenden, anhand der Reaktionen des Publikums oder in Form von (Kunst-)Kritiken in den Medien. 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