{"id":1693,"date":"2018-02-28T08:35:01","date_gmt":"2018-02-28T07:35:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1693"},"modified":"2018-02-28T08:35:01","modified_gmt":"2018-02-28T07:35:01","slug":"musikkritik-2018-eine-arbeitsplatzbeschreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/28\/musikkritik-2018-eine-arbeitsplatzbeschreibung\/","title":{"rendered":"Musikkritik 2018. Eine Arbeitsplatzbeschreibung"},"content":{"rendered":"<strong>I: Objektivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Aus dem Feuilleton der \u00fcberregionalen deutschen Tageszeitung, an dem ich zwanzig Jahre und acht Monate lang das Gl\u00fcck, an manchen Tagen aber gewiss auch das Ungl\u00fcck, hatte mitzuwirken, ist das W\u00f6rtchen \u201eich\u201c inzwischen fast ganz verschwunden. Grund: Der neue Herausgeber, mehr den objektiven Wissenschaften denn den sch\u00f6nen K\u00fcnsten verpflichtet, mag es nicht, wenn seine AutorInnen in der ersten Person Singular auftreten. Fakten, Fakten, Fakten! JournalistInnen m\u00fcssen sachlich bleiben. Gerade dann, wenn \u201eman\u201c eine Meinung \u00e4u\u00dfert, sollte diese als verallgemeinerbare so fundiert sein und der objektiven Wahrheit\u00a0so nahekommen, dass \u201eman\u201c sich anma\u00dfen darf f\u00fcr alle zu sprechen und nicht nur, relativierbar und individuell, f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Nun ist aber in Kunstdingen das Beweisf\u00fchren eine heikle Sache und in der Gem\u00fctsbewegungskunst Musik mit das Schwerste, wenn nicht unm\u00f6glich. Es gibt zwar allerhand objektiv Messbares, wie Dauern, Frequenzen, Geschwindigkeiten und so fort, und es gibt l\u00e4ngst auch eine ausgefeilte analytische Terminologie, die es gestattet, Musikst\u00fccke und -auff\u00fchrungen zu beschreiben, doch bleibt dies der Sache \u00e4u\u00dferlich, und als alleiniges musikkritisches Besteck wird diese Terminologie rasch stumpf. \u201eWir\u201c kommen Ausdruck und Aussage, Inhalt und Wirkung damit nicht auf die Spur. Robert Schumann, Musikkritiker und Komponist, ging davon aus, dass T\u00f6ne \u201eh\u00f6here Worte\u201c sind. Er trennte den Kritiker, der dieses wolkige \u201eH\u00f6here\u201c erahnt und eventuell begreift, vom Rezensenten, der Tondauern und Intervalle sortiert. Schumann schreibt: \u201eKritiker und Rezensenten sind zweierlei: Jener steht dem K\u00fcnstler, dieser dem Handwerker n\u00e4her.\u201c Er selbst hatte von beidem etwas: war als Kritiker subjektiv und ein Ausbund an Empathie, ein wahrer Florestan, als Rezensent ein Eusebius, ein Ausbund an Besonnenheit.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Musik- und Literaturkritiker Joachim Kaiser, der schon zu Lebzeiten so gut wie vergessen war, dergestalt, dass man diesen Verlust erst mit schmerzlicher Wucht bemerkte, als er 2017 starb, schrieb selbstverst\u00e4ndlich immer florestanm\u00e4\u00dfig in der Ich-Form. Andere gro\u00dfe Musikkritiker, wie Gerhard Rohde, gestorben 2015, schrieben niemals \u201eich\u201c, sie bevorzugten das stolze \u201eWir\u201c. Die \u00dcberlebenden sollten, denke ich, die Latte versuchsweise wieder zur\u00fccklegen auf Schumann-H\u00f6he: Der Musikkritiker 2018, sofern es ihn noch gibt, ist gut beraten, wenn er, mitten in den Irritationen und Drangsalen der digitalen Revolution, so objektiv wie m\u00f6glich und so subjektiv wie n\u00f6tig schreibt. In der Musikjournalisten-Akademie in Heidelberg, wo ich alle Jahre wieder im Fr\u00fchling den musikkritischen Nachwuchs trainiere, gibt es kein grunds\u00e4tzliches Ich-Verbot. Auch der Pluralis Majestatis ist erlaubt. Sie sollen schreiben, wie ihnen der Schnabel wuchs. Doch weil das allgemeine Ich-Gepl\u00e4rre auf Twitter und Instagram inzwischen inflation\u00e4re Z\u00fcge angenommen hat, empfehle ich den Stipendiaten, die erste Person Singular eher selten zu verwenden \u2013 genauso wie Chili oder sonst ein scharfes Gew\u00fcrz in der K\u00fcche: mit Verstand.<\/p>\n<p><strong>II: Krise und Quote<\/strong><\/p>\n<p>Joachim Kaiser hatte seiner Autobiografie, die er 2008 diktierte, wie er immer alles diktierte, mit der ihm eigenen, mit einer Prise Polemik gew\u00fcrzten Grandezza den Titel <em>Ich bin der letzte Mohikaner<\/em> gegeben. Freilich ging schon der Musikkritiker Paul Bekker in den Zwanzigerjahren davon aus, dass er der letzte seiner Zunft sei. Denn die Musikkritik steckt in\u00a0einer Krise, seit es sie gibt. Seit Beginn unseres Jahrtausends aber, als die Printmedien durch Abwanderung des Anzeigenmarkts ins Netz ihre \u00f6konomische Basis einb\u00fc\u00dften, br\u00f6ckeln die bew\u00e4hrten Formen b\u00fcrgerlicher \u00d6ffentlichkeit weg, wuchern die neuen Medien ins Blaue, wandeln sich alle journalistischen Verkehrsformen, und ist auch die Krise der Musikkritik jetzt erstmalig eine existenzielle.<\/p>\n<p>Man spricht nicht umsonst heute durchwegs lieber von \u201eMusikjournalismus\u201c. Musikkritik ist dem subsumiert, als eine aussterbende Spezialfertigkeit, die nervt und st\u00f6rt. Kritik an der Musik, dieser zarten, fl\u00fcchtigen, erinnerungsschwangeren Luftkunst, sei sie nun bezogen auf ein Werk oder die Interpretation und Auff\u00fchrung eines Werkes, macht ja tats\u00e4chlich immer nur \u00c4rger. Es \u00e4rgern sich die kritisierten Musiker und deren Agenten. Es \u00e4rgern sich die Musikkonsumenten, die sich daran gew\u00f6hnt haben, im Konzert Entspannung zu suchen und im Alltag, im Aufzug oder beim Zahnarzt angenehme Ablenkung zu erfahren in Schumanns <em>Tr\u00e4umerei<\/em>. Es \u00e4rgern sich die Streamingdienste, die Symphonien in \u201eSongs\u201c zerlegt anbieten. Und es \u00e4rgern sich Feuilletonchefs und Herausgeber, die sich um die Leser-Quoten sorgen m\u00fcssen, um der Krise Herr zu werden: Musikkritik braucht als Special-Interest-Thema und diskursive Textform viel mehr teuren Zeilenplatz, bindet jedoch sehr viel weniger Leser ans Blatt als, beispielsweise, ein Bericht \u00fcber Bitcoin oder Steuererh\u00f6hungen oder Angelina Jolies Brustoperation. Themen wie letztere geh\u00f6ren heute zum erweiterten Kulturbegriff. Musikkritik ist die Auseinandersetzung mit einer Kunstform \u2013 die \u00c4u\u00dferung einer subjektiven Meinung dazu, mit Erl\u00e4uterung der objektiven Gr\u00fcnde, auf der Grundlage eines kritischen Bewusstseins wom\u00f6glich, welches auf Repertoirekenntnis, einen musikhistorischen Horizont und musikpraktischer Erfahrung gr\u00fcndet, die Anregung und Herausforderung, sich mit etwas Neuem, Erlebten, Geh\u00f6rten bekannt zu machen \u2013 aber dieses Gesamtpaket wird von einem Musikjournalisten heutzutage nicht mehr erwartet. Er w\u00e4re damit auch hoffnungslos \u00fcberqualifiziert.<\/p>\n<p>Vor sechs Jahren brachte die <em>\u00d6sterreichische Musikzeitschrift<\/em> ein Sonderheft mit dem Titel <em>Musikkritik \u2013 ein Anachronismus?<\/em> heraus. 2013 hakte die Zeitschrift <em>Musik &amp; \u00c4sthetik<\/em> nochmals nach: \u201eSchafft sich die Musikkritik selbst ab?\u201c Cornelius Hell von der Zeitschrift <em>Quart<\/em>, der sich dieselbe Frage gestellt und inzwischen l\u00e4ngst beantwortet hatte, stellte indes in r\u00fcckblickendem Perfekt und im Tonfall von <em>Es war einmal\u2026<\/em> fest: \u201eArgumente und Kriterien waren das Herzst\u00fcck der Kritik. Die Musikkritik haben wir als erste verloren, sie beschr\u00e4nkt sich heute in der Regel auf Opern.\u201c<\/p>\n<p><strong>III: Lob und Verriss<\/strong><\/p>\n<p>Hell hat leider Recht. Nur in den Opernkritiken, auch wenn sie k\u00fcrzer geworden sind, wird heute wirklich noch kritisiert. Mitunter heftig. Freilich geht es bei diesem Diskurs weniger\u00a0ums Musikalische, eher um die Bilder, die Regie, die Statisten. In allen anderen Sparten der Musikkritik aber gibt es kaum noch Verrisse im klassischen Sinne, die meinen, von etwas Misslungenem berichten zu m\u00fcssen, die argumentieren und kritisieren, die Gr\u00fcnde nennen, um von etwas abzuraten. Stattdessen wird heute rund um die Uhr und auf allen Kan\u00e4len, in den Blogs und im Radio, in den Zeitungen und Fachmagazinen, haupts\u00e4chlich nur noch zugeraten. Die Aufgabe eines Musikjournalisten anno 2018, im Zeitalter der digitalen Umwandlung der Informationsgesellschaft, im Dienste der Quote, unter der Knute der Krise, ist es, kriterienfrei zu empfehlen, zu moderieren, zu werben, zu vermitteln, zu interviewen, zu pr\u00e4sentieren, voranzuk\u00fcndigen, anzupreisen und zu Medienpartnerschaften Rankings und Tipps zu geben. Loben! Loben! Loben! Ich wundere mich immer wieder, dass dieses redundante Dauergejubel \u00fcber alles oder auch nichts niemandem langweilig wird. Wenn wirklich alles so toll ist! Alles so fraglos frisch! So noch nie dagewesen! Wenn all die jungen CellistInnen oder SopranistInnen so egalweg gleich tadellos und erstklassig sind und so authentisch, warum sollte ich mir den oder die \u00fcberhaupt noch anh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Der Beruf des Musikkritikers, so, wie ich ihn seit bald vierzig Jahren aus\u00fcbe, teils, wie die \u00fcberwiegende Mehrheit meiner KollegInnen, als Freelancerin, teils in Festanstellung, bringt viele Freuden mit sich, aber auch einige Entbehrungen. Drei Stunden Schlaf m\u00fcssen in der Regel reichen. Wochenende oder Urlaub sind Fremdw\u00f6rter. F\u00fcr einen Text, der in etwa so lang ist, wie der Text, den Sie gerade lesen, sind in etwa sechs bis acht Stunden reine Schreibzeit n\u00f6tig, bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von elf Euro brutto, Recherche und Vorbereitungszeit nicht mitgerechnet. Leben kann man davon nicht. Gesund ist das auch nicht. Auch kenne ich keinen Musikkritiker, der vom Kritikenschreiben reich geworden ist. Dazu kommt: MusikkritikerInnen sind professionelle Zuh\u00f6rerInnen, die f\u00fcr andere aufschreiben, was sie geh\u00f6rt haben, was nicht immer gelingt. Und auch Musikkritiker k\u00f6nnen sich irren. Aber sie sind Abend f\u00fcr Abend live dabei, jedes lebendige Musikereignis ist neu und anders, voller Widerspr\u00fcche. Und das ist unser gro\u00dfes Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eleonore B\u00fcning<\/strong><\/p>\n<p>ist Musikkritikerin und schrieb u.a. f\u00fcr die Berliner <em>taz<\/em>, <em>Die Weltwoche<\/em> in Z\u00fcrich, <em>Die Zeit<\/em>, Die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> sowie die <em>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/em>.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I: Objektivit\u00e4t Aus dem Feuilleton der \u00fcberregionalen deutschen Tageszeitung, an dem ich zwanzig Jahre und acht Monate lang das Gl\u00fcck, an manchen Tagen aber gewiss auch das Ungl\u00fcck, hatte mitzuwirken, ist das W\u00f6rtchen \u201eich\u201c inzwischen fast ganz verschwunden. 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