{"id":1686,"date":"2018-02-28T08:37:25","date_gmt":"2018-02-28T07:37:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1686"},"modified":"2020-03-09T16:45:10","modified_gmt":"2020-03-09T15:45:10","slug":"raetselhaft-aber-klar-zu-debussys-100-todestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/28\/raetselhaft-aber-klar-zu-debussys-100-todestag\/","title":{"rendered":"R\u00e4tselhaft, aber klar \u2013 zu Debussys 100. Todestag"},"content":{"rendered":"Am 25. M\u00e4rz j\u00e4hrt sich Debussys Todestag zum 100. Mal, und das gibt Anlass, vermehrt \u00fcber seine Musik nachzudenken. Einigkeit herrscht \u00fcber den Stellenwert seiner Werke im heutigen Musikleben: Das <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l\u2019apr\u00e9s-midi d\u2019un faune<\/em> und <em>La Mer<\/em> z\u00e4hlen zum Repertoire zahlreicher Orchester, Werke wie <em>Syrinx<\/em> f\u00fcr Fl\u00f6te oder die <em>Pr\u00e9ludes<\/em> f\u00fcr Klavier sind regelm\u00e4\u00dfig in Solistenkonzerten zu h\u00f6ren, und auch die Oper <em>Pell\u00e9as et M\u00e9lisande<\/em>, die Claudio Abbado vor nunmehr fast 30 Jahren in Wien exemplarisch realisiert hatte, war im vergangenen Jahr an der Staatsoper wieder zu erleben. Bei so viel Zustimmung ger\u00e4t leicht in Vergessenheit, dass Debussys OEuvre nicht nur zu Lebzeiten umstritten war.<\/p>\n<p>Die Kontroversen rund um Debussy reichen weit zur\u00fcck. Durch seine konsequent antiakademische Haltung hatte er bald den Ruf eines Rebellen und Freigeists erworben: Zeitgenossen wie sein Kollege Jules Massenet pr\u00e4gten die Formel vom r\u00e4tselhaften Debussy (\u201eDebussy, c\u2019est l\u2019enigme\u201c). Auch nach 1910, als der Komponist bereits europaweit bekannt war, \u00e4nderte sich das kaum, galt doch insbesondere sein Sp\u00e4twerk als schwer zug\u00e4nglich. \u00dcber Werke wie <em>Jeux<\/em> (1913) \u00e4u\u00dferten sich auch wohlmeinende Kommentatoren skeptisch. L\u00e9on Vallas (einer der ersten Debussy-Biografen) meinte, der Meister habe hier \u201edie Kompositionsregeln \u00fcber den Haufen geworfen\u201c, und noch in den Siebzigerjahren bezeichnete Albert Jakobik <em>Jeux<\/em> als \u201eunanalysierbares\u201c St\u00fcck Musik.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1689\" aria-describedby=\"caption-attachment-1689\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1689\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/debussy.jpg\" alt=\"Claude Debussy\" width=\"400\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/debussy.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/debussy-207x300.jpg 207w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1689\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Bildnis Claude Debussy (1862 &#8211; 1918), Photo Nadar-Paris. K\u00fcnstlerpostkarte, Bildarchiv, \u00d6N<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier ist ein grundlegendes Spannungsverh\u00e4ltnis zu erkennen, das im Grunde auch heute noch wirksam ist: Werke wie das <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l\u2019apr\u00e9s-midi d\u2019un faune<\/em>, die von MusikerInnen und vom Publikum geliebt werden, sind musikanalytisch schwer zu fassen. Dass der Weg von der unmittelbaren Wirkung zur begrifflichen Reflexion\u00a0kein einfacher ist, gilt zwar f\u00fcr jede Musik \u2013 offenbar aber in erh\u00f6htem Ma\u00dfe f\u00fcr Debussy. Worauf ist das zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/p>\n<p>Diese Frage k\u00f6nnen wir nur ergr\u00fcnden, wenn wir den zentralen Stellenwert der Klangfarbe in Debussys Musik in den Blick nehmen. Als Beispiel kann der Beginn des <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l\u2019apr\u00e9s-midi d\u2019un faune<\/em> dienen. Nach der er\u00f6ffnenden Fl\u00f6tenarabeske erklingt ein Septakkord \u00fcber B, der im Rahmen dur-moll-tonaler Funktionsharmonik aufgel\u00f6st werden m\u00fcsste. Die Aufl\u00f6sung tritt jedoch nie ein. Der Akkord wird verl\u00e4ngert und m\u00fcndet in eine Pause. F\u00fcr das H\u00f6ren von Musik bedeutet dies nichts weniger als eine Revolution. Jean-Luc Nancy, der das wunderbare Buch <em>\u00c0 l\u2019\u00e9coute (Zum Geh\u00f6r)<\/em> geschrieben hat, w\u00fcrde dies etwa folgenderma\u00dfen in Worte fassen: Anstatt den Akkord zu vernehmen, \u201elauschen\u201c wir ihm. Dadurch tritt seine Farbigkeit hervor. Dazu kommt Debussys neuartige Kunst der Instrumentation. Es ist also alles andere als zuf\u00e4llig, dass wir, wie es Pierre Boulez treffend formulierte, in dieser Musik einen \u201eneuen Atem\u201c sp\u00fcren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Musikwissenschaft brachte all dies immense Herausforderungen mit sich, setzte doch die theoretische Auseinandersetzung mit Klangfarbe erst vergleichsweise sp\u00e4t ein. Den Begriff \u201eKlangfarbe\u201c kennen wir im Deutschen \u00fcberhaupt erst seit den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts, und technische M\u00f6glichkeiten, um das Innere klangfarblicher Strukturen zu untersuchen, haben sich erst seit ca. 50 Jahren herausgebildet. Die Klangfarbe (frz. timbre) ist ein vernetztes, multidimensionales Ph\u00e4nomen. Dies macht punktuelle Einzelbetrachtungen obsolet. Wenn es um Klangfarbe geht, geht es tats\u00e4chlich ums Ganze.<\/p>\n<p>In Ermangelung ad\u00e4quater Werkzeuge, um Klangfarbe begrifflich zu beschreiben, sprach man h\u00e4ufig vage und relativ undifferenziert \u00fcber Debussys \u201eImpressionismus\u201c und die ineinander verflie\u00dfenden Farbt\u00f6ne, die angebliche \u201eStatik\u201c seiner Musik. All dies l\u00e4dt zu Missverst\u00e4ndnissen ein. Wer sich auf die faszinierende Reise begibt, die Klanglichkeit dieser Musik gleichsam unter der \u201eakustischen Lupe\u201c zu untersuchen, bemerkt, wie akribisch Debussy Farbwerte einsetzt. Seine Klanglichkeit hat nichts Vages an sich. Auch die Rede von der \u201eStatik\u201c\u00a0dieser Musik kann in die Irre f\u00fchren: Wir sollten bedenken, dass nicht nur Motivisch-Thematisches, sondern auch Kl\u00e4nge entwicklungsf\u00e4hig sind.<\/p>\n<p>Debussys Musik hatte nachhaltige Auswirkungen auf die Neue Musik nach 1945 \u2013 man denke nur an die Qualit\u00e4t der Stille, die diese Kl\u00e4nge durchwirkt, oder das Potenzial, N\u00e4he und Ferne zu suggerieren. Zugleich sollte man ihr aber kein Alleinstellungsmerkmal zuschreiben: Auch f\u00fcr den jungen Webern (der Debussy \u00fcbrigens aufs H\u00f6chste bewunderte) hatten die Paradigmata Klang, Stille und Raum zentrale Relevanz inne. Dass man dies zun\u00e4chst \u00fcbersah, hatte nicht nur musikalische Gr\u00fcnde: Im Vor- und Umfeld des Ersten Weltkriegs lie\u00dfen sich sowohl die Komponisten der Wiener Schule als auch Debussy vom damals grassierenden Chauvinismus anstecken. 1914 sprach Debussy in einem Atemzug von der \u201ebarbarie allemande\u201c und der Aversion gegen Strauss und Sch\u00f6nberg, und letzterer vertrat immer wieder die Meinung, dass der deutsch-\u00f6sterreichischen Musik der Vorrang zukomme.<\/p>\n<p>Heute sind solche Nationalismen \u2013 zumindest im Bereich der Kultur \u2013 obsolet, und f\u00fcr einen echten und substanziellen Dialog der Musikkulturen stehen die Chancen in Praxis und Theorie ausgezeichnet. In Frankreich sowie im deutschen und angloamerikanischen Sprachraum hat die Intensit\u00e4t der Debussy-Forschung \u2013 dazu z\u00e4hlen die Form- und Strukturanalyse, aber auch die Interpretationsforschung und die historisch informierte Auff\u00fchrungspraxis \u2013 zugenommen. Im Rahmen der Veranstaltungen zu Debussys 100. Todestag wird sich wohl aufs Neue bewahrheiten, dass eine Musik, die uns R\u00e4tsel aufgibt, theoretische Reflexion nicht ausschlie\u00dft. Ganz in diesem Sinne schrieb Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch (der als Mittler zwischen Philosophie und Musikwissenschaft in Frankreich eine Position einnahm, die derjenigen Adornos in Deutschland durchaus gleichkam, und dessen Werk im deutschen Sprachraum neu entdeckt wird): \u201eW\u00e4hrend jedes R\u00e4tsel geheimnisvoll ist durch seine Kompliziertheit und dunkle Tiefe, liegt Debussy offen zutage, weil seine Geheimnisse klar sind. <em>Debussy ist r\u00e4tselhaft, aber er ist klar.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Veranstaltungstipp<\/h3>\n<p>Donnerstag, 26. April 2018, 19.00 Uhr<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/966\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Une Nuit Mythique pour le Centenaire de Claude Debussy<\/a><br \/>\n<\/strong>mdw-Studierende musizieren Solowerke und Kammermusik im Kontest von Meisterwerken der \u00d6sterreichischen Galerie<\/p>\n<p>Oberes Belvedere<br \/>\nPrinz-Eugen-Stra\u00dfe 27<br \/>\n1030 Wien","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. M\u00e4rz j\u00e4hrt sich Debussys Todestag zum 100. Mal, und das gibt Anlass, vermehrt \u00fcber seine Musik nachzudenken. 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