{"id":1592,"date":"2018-02-28T08:34:21","date_gmt":"2018-02-28T07:34:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1592"},"modified":"2018-02-28T08:34:21","modified_gmt":"2018-02-28T07:34:21","slug":"wie-internet-und-smartphone-das-musikhoeren-veraendert-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/02\/28\/wie-internet-und-smartphone-das-musikhoeren-veraendert-haben\/","title":{"rendered":"Wie Internet und Smartphone das Musikh\u00f6ren ver\u00e4ndert haben"},"content":{"rendered":"Internet und Mobiltelefonie haben innerhalb weniger Jahre unser Alltagsleben in einem Ausma\u00df ver\u00e4ndert wie kaum eine technische Innovation davor. Seit den 1990er-Jahren haben sich die M\u00f6glichkeiten, Informationen zu beziehen und zu verbreiten vervielf\u00e4ltigt, Kontrolle \u00fcber diese Informationsfl\u00fcsse ist kaum m\u00f6glich. Mit ihrer Umwandlung in bin\u00e4re Codes werden Schallereignisse \u00fcber Datennetzwerke transportiert und \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gespeichert, was uns ein \u00dcberangebot an Musikh\u00f6rm\u00f6glichkeiten beschert hat. Das Institut f\u00fcr Musiksoziologie der mdw hat eine lange Tradition in der Erforschung von Einfl\u00fcssen der Medienentwicklung auf die musikalische Praxis (Bontinck 1974, Blaukopf 1989, Smudits 2002). Der neue Band 36 der institutseigenen Buchreihe Musik und Gesellschaft pr\u00e4sentiert nun Forschungsergebnisse zu der Frage, wie sich mit der digitalen Mediamorphose Zugang und Haltung zur Musik der Menschen in \u00d6sterreich ver\u00e4ndert haben. Auch in Ermangelung \u00e4hnlich differenzierter und theoretisch fundierter empirischer Forschung sind die hier pr\u00e4sentierten Erkenntnisse von grundlegender Bedeutung und auch jenseits der nationalen Perspektive interessant.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1595\" aria-describedby=\"caption-attachment-1595\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1595\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet.png\" alt=\"Musikhoeren Internet\" width=\"1000\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet.png 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet-300x108.png 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet-768x276.png 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet-850x306.png 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1595\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Verwendung des Internets f\u00fcr:<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ausgangspunkt der Betrachtung war die Alltagsbeobachtung, dass die im zwanzigsten Jahrhundert zentrale gesellschaftliche Bedeutung musikbezogener Jugendkulturen einen starken Wandel erfahren hat. Nach wie vor sind Unterschiede in den Verhaltensmustern junger und \u00e4lterer Musikh\u00f6rerInnen augenf\u00e4llig, die Differenzen zeigen sich heute jedoch weniger in musikalischen Inhalten oder Formen, als vielmehr in der Haltung zur Musik generell, in ihrer Bewertung und Verwendung. Im Rahmen der neuen M\u00f6glichkeiten des Sehens und Gesehenwerdens, des Kommentierens und Kommentiertwerdens \u00fcber soziale Medien wie Facebook, WhatsApp oder Musically scheint Musik bei vielen \u201eDigital Natives\u201c (Prensky 2001) nicht mehr Kerninteresse zu sein, sondern eher ein Mittel, ein Anlass zu Kommunikation und (Selbst-)Pr\u00e4sentation. Ein zentrales Forschungsinteresse lag nun darin, zu untersuchen, inwiefern sich diese Alltagsempirie durch Befragungen repr\u00e4sentativer Samples verallgemeinern l\u00e4sst, und wo in dieser Hinsicht soziale Ungleichheiten zu identifizieren sind.<\/p>\n<p>Auf Basis zentraler musiksoziologischer Theorien zur sozialen Ungleichheit der Musikrezeption wurde ein umfassender Fragebogen entwickelt und in 1.199 jeweils zwanzigmin\u00fctigen Face-to-face-Interviews eingesetzt. Die InterviewpartnerInnen wurden so ausgew\u00e4hlt, dass das Sample der Befragten die \u00f6sterreichische Gesamtpopulation ab dem 16. Lebensjahr hinsichtlich Alter, Geschlecht, Schulbildung, Einkommen, Migrationshintergrund und Wohnortgr\u00f6\u00dfe repr\u00e4sentiert. Die Antworten wurden zentral aufbereitet und mit statistischen Verfahren wie Korrespondenz- und Clusteranalysen ausgewertet. An dieser Stelle kann aus Platzgr\u00fcnden nur ein kleiner Teil der Ergebnisse pr\u00e4sentiert\u00a0werden, f\u00fcr die extensive Darstellung samt theoretischer Grundlagen sei auf das Buch verwiesen (Huber 2018). Eine besondere Qualit\u00e4t dieser Forschungsergebnisse liegt in ihrer Gegen\u00fcberstellung musikalischer Verhaltensweisen verschiedener Mediengenerationen. Die nach 1990 Geborenen sind mit Internet und Mobiltelefonie aufgewachsen. Ihre musikalische Sozialisation ist durch die Erfahrung gepr\u00e4gt, dass ein \u00dcberangebot an Musik im Internet frei verf\u00fcgbar ist. Sie unterscheiden sich in ihrer musikalischen Praxis zum Teil stark von den in der analogen \u00c4ra mit Vertriebskontrolle und Zielgruppenorientierung der Tontr\u00e4gerindustrie sozialisierten Musikh\u00f6rerInnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1598\" aria-describedby=\"caption-attachment-1598\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1598\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet4.png\" alt=\"Musikalische Sozialisation\" width=\"1000\" height=\"402\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet4.png 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet4-300x121.png 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet4-768x309.png 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet4-850x342.png 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1598\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Einfluss auf musikalische Sozialisation<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vorweg sei gesagt, dass sich bei allen Unterschieden zwischen den Generationen auch musikalische Praktiken identifizieren lassen, bei denen die Differenzen gering oder statistisch nicht signifikant sind. So gehen die Jungen insgesamt nicht \u00f6fter ins Konzert als die \u00c4lteren und sie h\u00f6ren auch nicht h\u00e4ufiger nebenbei Musik. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich hinsichtlich der Geldausgaben f\u00fcr Musik. F\u00fcr Downloads und Streaming geben auch die Jungen nur unwesentlich mehr Geld aus, bei Musikveranstaltungen und beim Tontr\u00e4gerkauf zeigen sich diesbez\u00fcglich keinerlei signifikante Unterschiede zwischen den Generationen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1597\" aria-describedby=\"caption-attachment-1597\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1597\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet3.png\" alt=\"Medienverwendungstypen\" width=\"400\" height=\"378\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet3.png 800w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet3-300x284.png 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/musikhoeren_internet3-768x726.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1597\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Medienverwendungstypen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Anders sieht es bei der H\u00f6rh\u00e4ufigkeit der verschiedenen Musikstile aus. So werden Techno, House und Hip-Hop von den Jungen wesentlich \u00f6fter geh\u00f6rt als von den \u00fcber 25-J\u00e4hrigen, Volksmusik und Schlager deutlich seltener. Interessanterweise zeigen sich keine gro\u00dfen Unterschiede in der H\u00f6rh\u00e4ufigkeit von Klassik, obwohl diese von den \u00c4lteren deutlich \u00f6fter als Lieblingsmusik genannt wurde. Auff\u00e4llig ist auch, dass sich die \u201eGeneration Web 2.0\u201c durch intensivere Nutzung und ein st\u00e4rker ausgepr\u00e4gtes Bewusstsein hinsichtlich der unterschiedlichen Alltagsqualit\u00e4ten und Einsatzm\u00f6glichkeiten von Musik auszeichnet, wie etwa zur Stimmungsregulierung, als Hintergrund f\u00fcr Feste und Feiern, als Gespr\u00e4chsthema oder als Erinnerung an Erlebnisse und Personen. Und w\u00e4hrend etwa die H\u00e4lfte der \u00fcber 25-J\u00e4hrigen sagt, dass sie sehr gerne Musik unterwegs h\u00f6rt (im Auto, im Zug, im Bus usw.), gilt dies sogar f\u00fcr drei Viertel der\u00a0Jungen. Wesentlich st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist auch ihr Musikbedarf beim Sport, beim Ausgehen am Abend und wenn man mit FreundInnen zusammen ist. Der h\u00f6here Stellenwert von Musik bei den Jungen zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass in ihrer Gruppe der Anteil jener, die mehrmals pro Woche (mit anderen) singen und\/oder musizieren, mehr als doppelt so gro\u00df ist wie bei den \u00fcber 25-J\u00e4hrigen. Diese Differenzen sind nicht sehr \u00fcberraschend und liegen wohl nur zum Teil in der Digitalisierung begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das gilt jedoch nicht f\u00fcr jene Qualit\u00e4t, die die musikalische Praxis der heutigen Jugend am st\u00e4rksten von fr\u00fcheren Generationen unterscheidet: der Umgang mit Internet und Smartphone. Die am h\u00f6chsten signifikanten Teilgruppenunterschiede der gesamten Studie zeigen sich zwischen digital und analog sozialisierter Generationen und dem jeweiligen Umgang mit dem Internet f\u00fcr Musikzwecke (Abb. 1). W\u00e4hrend bei den \u00c4lteren die Rangreihe der Verwendungsh\u00e4ufigkeit von Musikabspielger\u00e4ten vom Radio angef\u00fchrt wird (vor dem Fernsehen und der CD), ist bei den Jungen das Smartphone innerhalb von nur f\u00fcnf Jahren (2010\u20132015) vom letzten auf den ersten Platz vorger\u00fcckt. Die immense Bedeutung des Internets als Unterscheidungsmerkmal der Generationen zeigt sich auch darin, dass seine Bedeutung f\u00fcr die eigene musikalische Sozialisation von den Jungen ungleich h\u00f6her eingesch\u00e4tzt wird als von den \u00c4lteren (Abb. 2).<\/p>\n<p>Generell zeigt sich die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung in ihrer musikalischen Praxis gespalten in jung\/alt, urban\/rural, bildungsnahe\/bildungsfern und vor allem online\/offline. Hinsichtlich des Mediengebrauchs lassen sich f\u00fcnf Musikrezeptionstypen identifizieren, die sich in ihren Einstellungen und Verhaltensweisen klar unterscheiden (Abb. 3). Mit der digitalen Mediamorphose wurden bestehende Differenzen noch verst\u00e4rkt, woraus sich f\u00fcr die Musikp\u00e4dagogik ein dringender Handlungsbedarf ergibt. An ihrer Aufgabe, das Erleben von Musik als pers\u00f6nlich erf\u00fcllend und sozial bereichernd erfahrbar zu machen, hat sich nichts ge\u00e4ndert. Eine neue Herausforderung im Zeitalter Web 2.0 liegt in der Vermittlung einer musikalischen Haltung, die zu einem autonomen und selbstbewussten Umgang mit dem musikalischen \u00dcberangebot im Internet bef\u00e4higt.<\/p>\n<p><em>Blaukopf, Kurt. 1989. Beethovens Erben in der Mediamorphose. Kultur- und Medienpolitik f\u00fcr die elektronische \u00c4ra. Heiden: Niggli.<\/em><br \/>\n<em>Bontinck, Irmgard (Hrsg.). 1974. New Patterns of Musical Behaviour. A Survey of Youth Activities in 18 countries. Wien: UE 1974<\/em><br \/>\n<em>Huber, Michael. 2018. Musikh\u00f6ren im Zeitalter Web 2.0 \u2013 Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Wiesbaden: Springer VS.<\/em><br \/>\n<em>Prensky, Marc. 2001. Digital Natives, Digital Immigrants, Part 1. On the Horizon 9 (5): 1\u20136.<\/em><br \/>\n<em>Smudits, Alfred. 2002. Mediamorphosen des Kulturschaffens. Kunst und Kommunikationstechnologien im Wandel. Wien: Braum\u00fcller.<\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internet und Mobiltelefonie haben innerhalb weniger Jahre unser Alltagsleben in einem Ausma\u00df ver\u00e4ndert wie kaum eine technische Innovation davor. Seit den 1990er-Jahren haben sich die M\u00f6glichkeiten, Informationen zu beziehen und zu verbreiten vervielf\u00e4ltigt, Kontrolle \u00fcber diese Informationsfl\u00fcsse ist kaum m\u00f6glich. 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