{"id":1554,"date":"2018-01-11T14:59:26","date_gmt":"2018-01-11T13:59:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1554"},"modified":"2018-06-27T10:23:55","modified_gmt":"2018-06-27T08:23:55","slug":"nur-ein-vorzeichenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2018\/01\/11\/nur-ein-vorzeichenwechsel\/","title":{"rendered":"Konferenzbericht: Nur ein Vorzeichenwechsel?"},"content":{"rendered":"<strong>Am 22. und 23. November 2017 veranstaltete der Fachbereich Instrumentalp\u00e4dagogik am Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren (IMP) der mdw unter der konzeptionellen Federf\u00fchrung von Peter R\u00f6bke, Hannah Lindmaier und Ivo Berg ein Symposium, dessen Zielsetzung die Verortung der Musikp\u00e4dagogik im Spannungsfeld gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen war.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1560\" aria-describedby=\"caption-attachment-1560\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1560\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/all_stars_inclusive.jpg\" alt=\"All Stars Inclusive\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/all_stars_inclusive.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/all_stars_inclusive-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/all_stars_inclusive-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/all_stars_inclusive-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1560\" class=\"wp-caption-text\">All Stars Inclusive \u00a9Christoph Falschlunger<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben zwei Keynotes von Franz Kasper Kr\u00f6nig (TH K\u00f6ln) und Barbara Hornberger (Hochschule Osnabr\u00fcck) kamen musikalisch die <em>All Stars Inclusive<\/em> Band der mdw und das Jugendsymphonieorchester Tulln mit eindrucksvollen Performances zu Wort.<\/p>\n<p>In seiner Begr\u00fc\u00dfung zitierte Peter R\u00f6bke den Soziologen Andreas Reckwitz. Laut Reckwitz steht der Tendenz zur globalen Hyperkultur eine Bewegung zum Kulturessenzialismus gegen\u00fcber.In diesem Kulturessenzialismus vereinen sich, so Reckwitz, bisherige Gegner zu \u00fcberraschenden Verb\u00fcndeten eines Kulturkampfes. Peter R\u00f6bke verwies im Speziellen auf die Situation in \u00d6sterreich und Deutschland, wo man mit der inklusiven Musikschule geglaubt hatte den Kulturessenzialismus \u00fcberwunden zu haben und wo Akteure der kulturellen Bildung Werte wie Transkulturalit\u00e4t und Weltoffenheit vertreten w\u00fcrden. Die reale politische Situation zeige aber auch, dass gerade diese Werte wieder zur Disposition st\u00fcnden. Im Zusammenhang mit dem Begriff der \u201eTeilhabegerechtigkeit\u201c stellte Peter R\u00f6bke in den Raum, dass es ein Spannungsfeld, das sich zwischen Respekt und G\u00f6nnerhaftigkeit bewege, gebe, um diese \u201eTeilhabegerechtigkeit\u201c einzul\u00f6sen, und fragte abschlie\u00dfend, ob wir als Akteure der kulturellen Bildung und als Zivilgesellschaft mit unserem Engagement nicht Gefahr laufen w\u00fcrden, in Fallen zu tappen.<\/p>\n<p>Diese Frage griff Franz Kasper Kr\u00f6nig in der ersten Keynote auf, in der er Engagement als Teil einer gro\u00dfen Erz\u00e4hlung definierte: Es gebe Herausforderungen, die zu einer bestimmten Art von Verantwortlichkeit bewegen, worauf eine bestimmte Art des Engagements folge. Er wies darauf hin, dass die Bearbeitung dieser \u201eGrand Challenges\u201c nur in der Kooperation verschiedenartiger Akteure (staatlich, \u00fcber- und zwischenstaatlich, Konzerne, NGOs, Zivilgesellschaft &#8230;) m\u00f6glich sei, was theoretisch die M\u00f6glichkeit einer Entpolitisierung b\u00f6te. Auf der anderen Seite berge die Educational Governance, also die Lenkung und Beeinflussung von Strukturen und Prozessen der Bildung durch verschiedene Akteure, gro\u00dfe Fragen in Hinblick darauf, wer das Narrativ der Grand Challenges eigentlich pr\u00e4ge und mit welcher politischen Legitimation Akteure wie Gro\u00dfkonzerne gemeinsam mit den Regierungen von Staaten an ihnen arbeiten.<\/p>\n<p>Barbara Hornberger mahnte in der zweiten Keynote des Abends die Musikp\u00e4dagogik, f\u00fcr hegemoniale Strukturen sensibel zu sein. Akteure kultureller Bildung m\u00fcssten auf Deutungshoheit verzichten, nicht aber auf Expertise, um Praxiserfahrung zu kontextualisieren und Kennerschaft herzustellen. Sie konstatierte, dass in der Musikp\u00e4dagogik zum Teil noch immer von einem enggefassten Musikbegriff ausgegangen werde, der von der europ\u00e4ischen Kunstmusik gepr\u00e4gt sei. Dem stellte sie den weitgefassten Kulturbegriff von John Fiske gegen\u00fcber: \u201eKultur ist der konstante Prozess, unserer sozialen Erfahrung Bedeutungen zuzuschreiben und aus ihr Bedeutungen zu produzieren, und solche Bedeutungen schaffen notwendigerweise eine soziale Identit\u00e4t f\u00fcr die Betroffenen.\u201c Davon ausgehend definierte sie Kultur als Medium von Teilhabe, Aneignung und Transformation und wies darauf hin, dass die Menschen die Artefakte, \u00fcber die sie dies praktizieren, selbst w\u00e4hlen. Kulturelle Bildungsprozesse w\u00fcrden deshalb in der Mehrheit informell stattfinden, was die Musikp\u00e4dagogik vor die Herausforderung stelle, sich zu fragen, ob sie das als Bildung anerkenne. Ihren Vortrag schloss sie mit der These, dass das emotionale Vergn\u00fcgen an der Musik ausreiche, um Bedeutung zu konstruieren. Vielleicht, so Hornberger, seien der Genuss und die Hingabe an Musik eine entscheidende Subversion in einer durch und durch kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Der zweite Symposiumstag wurde von Natalia Ardila-Mantilla (Hochschule f\u00fcr Musik und Tanz K\u00f6ln) er\u00f6ffnet. Den Ausgangspunkt ihres Vortrags <em>\u201e&#8230; die Weitergabe des Feuers\u201c? Musikschullehrende zwischen Traditionspflege und Identit\u00e4tsarbeit<\/em> bildete das Musikvideo <em>Soy Yo<\/em> (<em>Das bin ich)<\/em> der kolumbianischen Band Bomba Est\u00e9reo. Es zeigt die Suche nach Identit\u00e4t eines 10-j\u00e4hrigen M\u00e4dchens und dessen Mut, das eigene Leben authentisch und kreativ zu gestalten.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/bxWxXncl53U\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Anhand dieses Beispiels veranschaulichte Ardila-Mantilla das Spannungsfeld zwischen gelingender Identit\u00e4tsarbeit und dem Koh\u00e4renzbed\u00fcrfnis in einer Zeit, in der gro\u00dfe Deutungsmuster an Bedeutung verloren haben und in der wir alle gefordert sind, durch unsere Entscheidungen unsere eigene Identit\u00e4t neu zu definieren. Dazu braucht es sowohl materielle Ressourcen, Kontexte sozialer Anerkennung, F\u00e4higkeiten zum Aushandeln mit sich und anderen sowie die Toleranz, Widerspr\u00fcche und kulturell bedingte Unterschiede wahrzunehmen und zu akzeptieren.<\/p>\n<p>Der Beitrag, den die Musikschule dabei leisten kann, wurde kritisch beleuchtet. F\u00fcr die Balance zwischen dem Dienen individueller Bed\u00fcrfnisse und verschiedener Kontexte der Partizipation (Communities of Practice) ist es wichtig, auch unverschulte R\u00e4ume au\u00dferhalb von Institutionen zur pers\u00f6nlichen Entfaltung zu nutzen und Dinge zu tun, die unwichtig erscheinen.<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussionsrunde zum Thema <em>Zwischen Heimat und Identit\u00e4tsbestimmung, Musikp\u00e4dagogik und regionale Musikpraxen<\/em> forderte Peter R\u00f6bke die DiskutantInnen (Natalia Ardila-Mantilla, Maria Jenner der Musikschule und Blasmusik Perchtholdsdorf, Daniela Mayrlechner der Volksmusikforschung an der mdw, Hanns Stekel der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien) zu divergierenden aber auch einander erg\u00e4nzenden Stellungnahmen heraus. So kann Heimat ein politisch vergiftetes Wort, aber auch ein Zuhause sowie ein tiefes Wohlbefinden mit der M\u00f6glichkeit zur Lebensgestaltung sein. Das Blasorchester im Sinne von Traditionspflege kann einerseits ein starkes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl vermitteln und zum \u00dcben motivieren, andererseits kann aber die Auswahl der immer gleichen M\u00e4rsche aus den 20er Jahren zur musikalischen Verengung beitragen. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass weder Musik noch Menschen in Communities of Practice instrumentalisiert und ausgebeutet werden sollen und Traditionspflege die Offenheit f\u00fcr eine internationale Vielfalt nicht ausschlie\u00dfen muss.<\/p>\n<p>Impuls f\u00fcr die zweite Diskussionsrunde rund um das Thema Inklusion war der Vortrag von Katharina Bradler (BTU Cottbus-Senftenberg) mit dem Titel <em>Vielfalt als Chance. Auch (k)eine L\u00f6sung?! Aspekte inklusiver Musizierp\u00e4dagogik<\/em>.<\/p>\n<p>In ihrer Auseinandersetzung mit den gegenw\u00e4rtigen Postulaten, \u201eVielfalt und Heterogenit\u00e4t als Chance\u201c zu begreifen sowie \u201einklusiv\u201c zu unterrichten, forderte sie zum kritischen Hinterfragen von Begrifflichkeiten auf, die mitunter nur als trendige Begriffsm\u00e4ntel fungieren. Sie regte zur Reflexion \u00fcber unseren Sprachgebrauch an \u2013 beispielsweise wie wir durch den Begriff \u201eI-Kinder\u201c bereits Menschen stigmatisieren oder wie sich hinter dem Begriff \u201ewir\u201c bereits eine Ausgrenzung von Menschen verbergen kann. Wichtig w\u00e4re es, keine explizite Zielgruppenorientierung vorzunehmen, inhaltlich und p\u00e4dagogisch m\u00f6glichst offen zu konzipieren, achtsam und aufmerksam zu sein, \u201einklusiv\u201c, in dem bereits Eingrenzung verborgen ist, unwichtig zu machen und vor allem Unterricht als Beziehungsgeflecht zu verstehen.<\/p>\n<p>Die anschlie\u00dfende Diskussionsrunde (Volker Gerland vom Verband deutscher Musikschulen, Michaela Hahn von der Konferenz \u00f6sterreichischer Musikschulwerke, Christoph Falschlunger von der Inklusionsp\u00e4dagogik der mdw und Katharina Bradler) wurde von Ivo Berg moderiert und er\u00f6rterte zun\u00e4chst die starke traditionelle Verankerung \u00f6sterreichischer Musikschularbeit, die im Gegensatz zu Deutschland durchschnittlich jedes dritte Kind erreicht. Weiters wurde auch kontrovers der Bogen vom \u201eKerngesch\u00e4ft\u201c der Musikschule, n\u00e4mlich Nachwuchs zu f\u00f6rdern und auf ein anspruchsvolles k\u00fcnstlerisches Niveau zu bringen, \u00fcber Schulkooperationen bis hin zu vom Individuum ausgehenden vielf\u00e4ltigen Musizierangeboten, die sich Lehrende selbstst\u00e4ndig erschlie\u00dfen k\u00f6nnen, gespannt. Gerade f\u00fcr Menschen mit Behinderung, die manchmal nicht f\u00fcr sich selbst sprechen k\u00f6nnen, sollte sich auch die Musikschule der Verantwortung nicht entziehen, jedem Menschen das Recht auf musikalisch-k\u00fcnstlerischen Ausdruck zu erm\u00f6glichen. Auch die politische Ebene sei aufgefordert, mit Begrifflichkeiten achtsam umzugehen und sie nicht eigenn\u00fctzig zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Im Rahmen der dritten Podiumsdiskussion des Tages <em>Zwischen universalistischer Phantasie und handfester Zuschreibung. Musikp\u00e4dagogische Initiativen angesichts von Flucht und Migration <\/em>wurden vier Best-Practice-Modelle an der Schnittstelle von Musikhochschulen und sozialen Randgruppen vorgestellt. Offenheit an exklusiven Musikhochschulstandorten zu verwirklichen, erfordert einen Paradigmenwechsel und das punktuelle Aufbrechen systemimmanenter Strukturen. Die Projektverantwortlichen (Dietmar Flosdorf der mdw, Andrea Gande und Silke Kruse-Weber der KUG, Bianka W\u00fcstehube der ABPU Linz und Marko K\u00f6lbl der mdw) stellten eindrucksvoll vor, wie offene Lernr\u00e4ume konstituiert und gestaltet werden k\u00f6nnen, wie Musiziersituationen unter der Pr\u00e4misse von Intersektionalit\u00e4t, Interkulturalit\u00e4t oder Inklusion gelingen k\u00f6nnen. Das Eingangsstatement \u201eSondersch\u00fcler seid ihr alle\u201c r\u00fcttelte auf und f\u00fchrte unmittelbar in die Problematik von Wertung durch Begriffe und ihre Konnotation. In der anschlie\u00dfenden Diskussion wurde etwa thematisiert, wie sich f\u00fcr die Studierenden aus zeitlich und r\u00e4umlich begrenzten Erfahrungen eine durchg\u00e4ngige Haltung entwickeln l\u00e4sst, wie man in heterogenen Gruppen individuellen Musikbegriffen und unterschiedlichen \u00e4sthetischen Vorstellungen gerecht wird, wie in derartigen Projekten Kollektivierung gegen Individualit\u00e4t abzuw\u00e4gen ist oder wie politischen Erwartungshaltungen zu begegnen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das vierte Podium stand unter dem Motto <em>Humanistisches Heilsversprechen oder lokales Engagement? Musikalische Gro\u00dfprojekte im Zeichen sozialer und politischer Verantwortung<\/em>. In ihrem Vortrag <em>Transformation oder Reproduktion? Die Musikschule der Barenboim-Said-Stiftung und ihr Anspruch auf gesellschaftliche Ver\u00e4nderung<\/em> widmete sich Marion Haak-Schulenburg (Berlin) dem m\u00f6glichen Wert von Musikprojekten f\u00fcr gesellschaftliche Transformationsprozesse bzw. den \u201eVersprechungen des \u00c4sthetischen\u201c. Auch die Musikschule der Barenboim-Said-Stiftung in der West Bank beruft sich auf diese \u201eVersprechen\u201c: Sie m\u00f6chte (klassische) Musik als Teil einer humanistischen Bildung in der Gesellschaft verankern und durch Musik zu Frieden, Dialog und Vers\u00f6hnung beitragen.<\/p>\n<p>Wie aber passt diese gro\u00dfe Idee mit den konkreten Bed\u00fcrfnissen der Menschen vor Ort zusammen? Beg\u00fcnstigt die musikalische \u201eProjektewelt\u201c statt gesellschaftlicher Transformation m\u00f6glicherweise sogar eher die Reproduktion sozialer Ungleichheit? In der anschlie\u00dfenden Diskussion mit Andy Ocochea Ocochea vom Projekt \u201eSuperar\u201c, das von El Sistema inspiriert wurde, mit Hans-Peter Manser, der das Jugendsymphonieorchester Tulln leitet und mit Franz Kasper Kr\u00f6nig, der in Community-Music-Projekten t\u00e4tig ist, wurde der Frage nachgegangen, ob und wann Projekte mit komplexer musikalischer und sozialer Interaktion nicht nur bestimmten kulturellen oder p\u00e4dagogischen Vorstellungen folgen, sondern auch anf\u00e4llig f\u00fcr ein Kippen in ideologische \u00dcberh\u00f6hungen sind.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. und 23. 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