{"id":1466,"date":"2017-12-01T09:18:10","date_gmt":"2017-12-01T08:18:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1466"},"modified":"2017-12-01T10:04:49","modified_gmt":"2017-12-01T09:04:49","slug":"keine-gluecklichere-keine-harmonischere-vereinigung-in-der-kunstwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/12\/01\/keine-gluecklichere-keine-harmonischere-vereinigung-in-der-kunstwelt\/","title":{"rendered":"\u201eKeine gl\u00fccklichere, keine harmonischere Vereinigung in der Kunstwelt\u201c?"},"content":{"rendered":"<strong>\u201eK\u00fcnstlerehe. Suche behufs Ehe Bekanntschaft mit [\u2026] S\u00e4ngerin.\u201c Kontaktanzeigen beschr\u00e4nken sich immer auf das Notwendigste, und so formulierte 1903 ein K\u00fcnstler sehr knapp, was er sich von seiner Zuk\u00fcnftigen erhoffte, n\u00e4mlich eine K\u00fcnstlerehe. Es ist nicht die einzige Anzeige, die im <em>Neuen Wiener Tagblatt<\/em> erschien, und der Heiratswillige konnte au\u00dferdem darauf vertrauen, dass das Modell der K\u00fcnstler- oder Musikerehe nicht weiter erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig sei: Nicht erst seit den Ehepaaren Hasse und Bordoni, Lebrun und Spohr, seit Mar\u00eca Malibran und Charles de B\u00e8riot, Clara und Robert Schumann, Joseph und Amalie Joachim, den Ehepaaren Ja\u00ebll und von Bronsart, Teresa Carre\u00f1o und Eugen d\u2019Albert, den S\u00e4ngerpaaren Vogl, Schnorr von Carolsfeld und zahllosen anderen waren K\u00fcnstlerehen auch in der Musik eine h\u00e4ufige Erscheinung.<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Befund stand zu Beginn des Forschungsprojekts <em>Paare und Partnerschaftskonzepte in der Musikkultur des 19. Jahrhunderts<\/em>: Musikerehen sind nicht die Ausnahme, sondern eine quantitativ auff\u00e4llige Erscheinung. Hinter dem Vorhang des eheuntauglichen, vom Liebesgl\u00fcck gemiedenen oder allenfalls mit einer Muse liierten Genies, das die musikhistoriografische Wahrnehmung auf Einzelpersonen lange dominiert hat, standen (und stehen bis heute) eine Vielzahl von Ehepaaren und k\u00fcnstlerischen Partnerschaften, oft sogar \u00fcber mehrere Generationen hinweg: Marianne Tromlitz etwa, aus einer Musikerfamilie stammend und als S\u00e4ngerin und Pianistin t\u00e4tig, heiratete (in erster Ehe) den Klavierp\u00e4dagogen Friedrich Wieck, die gemeinsame Tochter Clara fand sp\u00e4ter in Robert Schumann ihren Ehemann. Auch Tromlitz\u2019 zweite Ehe nach der Scheidung von Friedrich Wieck war \u00fcbrigens eine Musikerehe. Der Kombination verschiedener Professionen innerhalb der Musikerehen waren dabei kaum Grenzen gesetzt: Pianistinnen waren mit Kapellmeistern verheiratet, Komponisten oder Musikschriftsteller mit S\u00e4ngerinnen, Musikwissenschaftler mit Pianistinnen, Intendanten mit Komponistinnen, P\u00e4dagogen mit Librettistinnen, Virtuosinnen mit Virtuosen, S\u00e4ngerinnen mit S\u00e4ngern \u2026 Die Verheiratung innerhalb des Berufsfelds Musik war, wie in anderen Berufen auch, durchaus von Vorteil: gemeinsames Reisen und Auftreten bei B\u00fchnenberufen, gemeinsame Werkst\u00e4tten im Instrumentenbau und -handel, \u00e4hnliche berufliche Herausforderungen, Karriereplanungen und Schwierigkeiten, \u00e4hnliche Netzwerke und Freundeskreise, bestenfalls \u00e4sthetische Geistesverwandtschaft.<\/p>\n<p>Eine solche Vielzahl und Vielfalt an Musikerehen war im 19. Jahrhundert nicht neu, denn auch zuvor sind innerhalb der Musikerfamilien die Teilhabe beider Ehepartner an der Musikprofession belegt: Musikerfamilien wie die Couperins oder Jacquets in Frankreich, oder auch die Bach-Familie, Stamitz, Danzi, Duschek, Lebrun, Cannabich, Wendling u. v. a. m. w\u00e4ren hier zu nennen. Neu aber war im 19. Jahrhundert zum einen, dass das b\u00fcrgerliche Familienmodell die Geschlechterrollen der Ehepartner st\u00e4rker auf eine Geschlechterpolarit\u00e4t zuschnitt, und zum anderen die Idee der Liebesheirat: Liebe als unbedingte emotionale \u00dcbereinstimmung zwischen zwei Menschen l\u00f6ste das Prinzip einer Versorgungsheirat ab. Musikerpaare standen damit vor einer neuen Herausforderung: Es galt nicht nur, eine professionelle Passgenauigkeit zu w\u00e4hlen, sondern sich als ideales Liebes-, Ehe- und K\u00fcnstlerpaar zu finden, sich vor allem auch \u00f6ffentlich als solches zu inszenieren. Die Presse der Zeit gibt immer wieder Hinweise darauf, dass die Harmonie in Liebe und Ehe gemeinsam mit einer k\u00fcnstlerischeren Passgenauigkeit wahrgenommen wurde: Gemeinsame Auftritte des Geigers Louis Spohr und seiner Ehefrau, der Harfenistin Dorette Spohr, wurden als \u201evollkommenste harmonische Verm\u00e4hlung des vortrefflichen K\u00fcnstler-Paars\u201c beschrieben. Auch S\u00e4ngerpaare wie Magda und Franz Henri von Dulong machten das gemeinsame Auftreten zum eigenen Markenkern (siehe Abb. Programmheft S. 16). Hans von B\u00fclow nannte Therese und Heinrich Vogl wiederum ein \u201eunvergleichliches K\u00fcnstlerpaar\u201c, und nachdem die beiden unter B\u00fclows Leitung in M\u00fcnchen als Tristan und Isolde aufgetreten waren, ver\u00f6ffentlichte der M\u00fcnchner Wagner-Verein 1872 ein Huldigungsgedicht (\u201eHeil dem edlen, echten K\u00fcnstlerpaar \u2026\u201c) (siehe Abb. Ehepaar Vogl S. 18). Dass das <em>Ehepaar<\/em> Vogl auf der B\u00fchne freilich das <em>ehebrechende Liebespaar<\/em> Tristan und Isolde verk\u00f6rperte, stand f\u00fcr das Publikum keineswegs im Widerspruch zu den geltenden moralischen Vorstellungen: Der Ehebruch, wie er auf der B\u00fchne als Hymnus an die Liebe zelebriert wurde, war im Gegenteil durch die Darstellung des idealen S\u00e4ngerehepaares geradezu befriedet.<\/p>\n<p>Einer solchen Idealisierung der Partnerschaft, die einen emphatischen Liebesbegriff mit den Konventionen b\u00fcrgerlicher Ehevorstellungen zu verbinden versuchte, hielten freilich zahlreiche Realit\u00e4ten kaum Stand. Tats\u00e4chlich stellte die Frage des b\u00fcrgerlichen Familienideals und einer K\u00fcnstlerkarriere f\u00fcr beide Ehepartner die Musikerpaare vor enorme Herausforderungen. Egodokumente wie Briefe oder (Ehe-)Tageb\u00fccher zeugen immer wieder von den oft schwierigen Aushandlungsprozessen einer k\u00fcnstlerischen Partnerschaft auf Augenh\u00f6he: \u201eDas erste Jahr unserer Ehe <em>sollst<\/em> Du die K\u00fcnstlerin verge\u00dfen, <em>sollst<\/em> nichts als Dir u. Deinem Haus und Deinem Mann leben [\u2026]. Das Weib steht doch h\u00f6her als die K\u00fcnstlerin, und erreiche ich nur das, da\u00df Du gar nichts mehr mit der Oeffentlichkeit zu thun h\u00e4ttest, so w\u00e4re mein innigster Wunsch erreicht\u201c, schrieb etwa Robert Schumann seiner als Pianistin erfolgreichen, essenziell auch f\u00fcr den Lebensunterhalt der Familie sorgenden Ehefrau Clara Schumann. Von solchen Sollbruchstellen zeugen die Quellen immer wieder: Abbruch von Karrieren, \u00c4nderungen der Karrierestrategien\u00a0oder gar der Profession, Um-Definition von Erfolg\/Misserfolg, das Austarieren der Rollen von Solo\/Begleitung, Interpretation\/ Komposition u. a. m.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1469\" aria-describedby=\"caption-attachment-1469\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1469\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Programmheft_magazin_nov17.jpg\" alt=\"Programmheft\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Programmheft_magazin_nov17.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Programmheft_magazin_nov17-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1469\" class=\"wp-caption-text\">Programmheft \u00a9hrsg. von der Concert-Direktion Hermann Wolff Berlin 1900, Privatbesitz<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dar\u00fcber hinaus waren auch Sollbruchstellen in den Vorstellungen von K\u00fcnstlersubjekt und b\u00fcrgerlicher Ehe un\u00fcbersehbar: Erstere war gepr\u00e4gt von m\u00e4nnlicher Autonomie (was sowohl gegen eine Heirat des K\u00fcnstlers als auch gegen eine K\u00fcnstlerschaft der Frau sprach), Letztere von moralisch enggefassten Geschlechterrollen. Entsprechend kamen neben den emphatischen Manifestationen des Ideals vom K\u00fcnstler- und Liebespaar immer wieder auch kritische Stimmen zu Wort. In Alphonse Daudets enorm popul\u00e4ren Novellenband <em>K\u00fcnstlerehen<\/em> (franz. Original: <em>Les Femmes d\u2019artistes<\/em>, 1878), der in Deutschland bis 1926 knapp 20 Auflagen erreichte, zerbrach jede dieser Partnerschaften. Und um 1900 wurden mehrere Umfragen ver\u00f6ffentlicht (\u201eEhen unter K\u00fcnstlern. Eine Rundfrage bei Theaterleuten\u201c oder\u00a0\u201eSollen K\u00fcnstlerinnen heiraten?\u201c), in denen mit \u00e4hnlicher Skepsis kontrovers \u00fcber die K\u00fcnstlerehe diskutiert wurde. So unterschiedlich die Antworten zu diesen Umfragen ausfielen \u2013 von der klaren Ablehnung der K\u00fcnstlerehe bis zur selbstverst\u00e4ndlichen Anerkennung \u2013 ist die enge Verzahnung vom K\u00fcnstlerehediskurs und dem Diskurs um das b\u00fcrgerliche Geschlechter- beziehungsweise Ehemodell un\u00fcbersehbar, kulminierend in der Frage der Vereinbarkeit des K\u00fcnstlerinnenberufs mit dem b\u00fcrgerlichen Familienleben. Die Operns\u00e4ngerin Paula Doenges wird mit dieser Problematik als Gegnerin der K\u00fcnstlerehe zitiert: \u201eIm Prinzip sage ich \u201aNein\u2018. Denn der gr\u00f6\u00dfte Wirkungskreis der verheirateten Frau, Mutter und Hausfrau zu sein, ist f\u00fcr uns leider sehr schwer zu erf\u00fcllen.\u201c Dagegen hob Marie Wittich, ebenfalls S\u00e4ngerin und als Urauff\u00fchrungs-Salome durchaus mit antib\u00fcrgerlichen Weiblichkeitskonzepten vertraut, die erg\u00e4nzende Wirkung dieser beiden Bereiche hervor, es entstehe \u201eeine Wechselwirkung zwischen Beruf und H\u00e4uslichkeit, die f\u00fcr alle Beteiligten von gr\u00f6\u00dftem Segen begleitet sein kann\u201c.<\/p>\n<p>Das Forschungsprojekt <em>Paare und Partnerschaftskonzepte in der Musikkultur des 19. Jahrhunderts<\/em>, das seit 2016 an der mdw beheimatet ist, nimmt den Diskurs um die Musikerehe in den Blick: das Konzept der b\u00fcrgerlichen Ehe und das der Liebesheirat, das sich mit k\u00fcnstlerischer Partnerschaft verschr\u00e4nkt, oder an dieser Verschr\u00e4nkung scheitert. Denn so einfach, wie es (selbst) die (Forschungs-)Literatur lange aufgezeigt hat \u2013 er Genie, sie Muse \u2013, ist es in keinem der zahlreichen F\u00e4lle von Musikerehen. Zahlreiche Egodokumente von Musikerpaaren werden dazu ausgewertet und mit Quellen in Beziehung gesetzt, die die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung \u00fcber Musikerehen beleuchten: Zeitungsartikel, Novellen, wissenschaftliche Abhandlungen, visuelle Quellen, Repertoireb\u00fccher, Kompositionen, die Musikerpaaren gewidmet sind oder die f\u00fcr das Paar-Repertoire komponiert wurden, Opern, die Musikerpaare als Sujet verhandeln, u. v. m. Denn das K\u00fcnstlerpaar, so harmonisch es in der Idealisierung der b\u00fcrgerlichen Idee war \u2013 \u201eEs war keine gl\u00fccklichere, keine harmonischere Vereinigung in der Kunstwelt denkbar, als die des erfindenden Mannes mit der aus\u00fcbenden Gattin\u201c (La Mara \u00fcber das Ehepaar Schumann) \u2013, blieb dennoch eine stete Herausforderung und Konfrontation des b\u00fcrgerlichen Selbstverst\u00e4ndnisses mit den k\u00fcnstlerischen Interessen von Musikerinnen und Musikern.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eK\u00fcnstlerehe. Suche behufs Ehe Bekanntschaft mit [\u2026] S\u00e4ngerin.\u201c Kontaktanzeigen beschr\u00e4nken sich immer auf das Notwendigste, und so formulierte 1903 ein K\u00fcnstler sehr knapp, was er sich von seiner Zuk\u00fcnftigen erhoffte, n\u00e4mlich eine K\u00fcnstlerehe. 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