{"id":1464,"date":"2017-12-01T09:22:40","date_gmt":"2017-12-01T08:22:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1464"},"modified":"2017-12-01T10:07:10","modified_gmt":"2017-12-01T09:07:10","slug":"konkurrenz-und-konkurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/12\/01\/konkurrenz-und-konkurs\/","title":{"rendered":"Konkurrenz und Konkurs"},"content":{"rendered":"<strong>Im Jahr 1734 befand sich Georg Friedrich H\u00e4ndel in einer besonders kritischen Situation. Als Komponist und Impresario war er f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg seiner Opernkompanie verantwortlich, aber die Aussichten waren alles andere als rosig.<\/strong><\/p>\n<p>Seine bisherige Spielst\u00e4tte, das King\u2019s Theatre, war an die erfolgreichere Opera of the Nobility verpachtet worden und alle von H\u00e4ndels bisherigen Gesangsstars \u2013 mit Ausnahme einer einzigen Sopranistin \u2013 waren zu diesem Konkurrenzunternehmen \u00fcbergelaufen. Zu allem Ungl\u00fcck f\u00fcr H\u00e4ndel hatte der Konkurrenzimpresario Nicola Antonio Porpora auch noch den ber\u00fchmten Kastraten Farinelli als besondere Attraktion zu bieten. Um mithalten zu k\u00f6nnen, sah H\u00e4ndel sich gezwungen, im Gegenzug den Kastraten Carestini, Farinellis gr\u00f6\u00dften Rivalen, zu engagieren. Im provisorischen Ausweichquartier Covent Garden, einer ehemaligen Schauspielb\u00fchne, brachte H\u00e4ndel als erstes neues Werk <em>Oreste<\/em> heraus. Es handelt sich um keine vollst\u00e4ndige Neukomposition, sondern um ein im Barock gebr\u00e4uchliches Pasticcio, also um eine Zusammenstellung von Arien aus\u00a0anderen Opern. Im Gegensatz zur g\u00e4ngigen Pasticcio-Praxis, die normalerweise auch Arien anderer Komponisten wiederverwertete, waren in diesem besonderen Fall aber alle St\u00fccke von H\u00e4ndel selbst. Das aus massivem Konkurrenzdruck entstandene \u201eBest-of\u201c behandelt die Geschichte der <em>Iphigenie auf Tauris<\/em> nach Euripides und ist somit eine direkte Kampfansage an die <em>Ifigenia in Aulide<\/em> von Porpora auf der anderen B\u00fchne.<\/p>\n<p>Iphigenie dient auf der Insel Tauris, die vom Tyrannen Toante beherrscht wird, als Priesterin im Tempel der Diana. Sie soll jeden Fremden, der die Insel betritt, der G\u00f6ttin als Menschenopfer darbringen. Als unerkannt ihr Bruder Orest und nach ihm seine Verlobte Hermione und sein Freund Pylades auf Tauris ankommen, weigert sich Iphigenie, ihr grausames Amt auszuf\u00fchren. Denn auf geheimnisvolle Weise f\u00fchlt sie sich zu dem unbekannten Fremdling hingezogen. Toante besteht jedoch auf der Opferung. Die Situation eskaliert und endet mit der Wiedererkennung der Geschwister und mit der Ermordung des unnachgiebigen Tyrannen.<\/p>\n<p>Trotz des Erfolgs von H\u00e4ndels neuestem Coup endeten alle Anstrengungen beider Opernunternehmen, sich gegenseitig zu \u00fcbertrumpfen, schon nach wenigen Spielzeiten \u2013Ironie des Schicksals, wie in der griechischen Trag\u00f6die \u2013 im beidseitigen Bankrott. Das verzweifelte Bem\u00fchen um wirtschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Erfolg brachte im Fall von <em>Oreste<\/em> ein au\u00dfergew\u00f6hnlich stringentes, dramatisch geschlossenes Libretto, ohne die \u00fcblichen Nebenhandlungen hervor. H\u00e4ndel veredelte das Genre des sonst oft beliebig zusammengew\u00fcrfelten Pasticcios durch die handverlesene Auswahl seiner besten Arien, denn nur durch h\u00f6chste Qualit\u00e4t konnte er Nicolo Porpora \u00fcberbieten. Der H\u00f6rer\/ die H\u00f6rerin erlebt in jedem Fall eine dichte Konzentration gehaltvoller Musik, wie sie selten in anderen Barockopern anzutreffen ist. Wenn zwei sich streiten, freut sich eben auch hier der Dritte.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr Ende J\u00e4nner an der mdw angesetzte Inszenierung unter der Regie des aus Karlsruhe stammenden Sebastian Welker besch\u00e4ftigt sich vor allem mit der Problematik der Schuld und der Vergebung in Verbindung mit dem Ego. \u201eJedem geht es in erster Linie um seinen eigenen Vorteil. Keiner kann dem anderen vertrauen. Daraus resultiert ein Unverm\u00f6gen in der Kommunikation untereinander. Die ,Insel\u2018, auf der sich die ProtagonistInnen treffen, repr\u00e4sentiert eben diese Einsamkeit. Sie ist ein psychologischer Einblick in die \u00c4ngste der Menschen auf der B\u00fchne. Das Ego fordert Wertigkeit. Es befeuert Taten, die dann wiederum Schuld und das Verlangen nach Vergebung ausl\u00f6sen. Ein Kreislauf entsteht, den es zu durchbrechen gilt\u201c, erkl\u00e4rt der Regisseur seine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Inszenierung an der mdw.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Veranstaltungstipp<\/h3>\n<p>Mo, 29. &amp; Di, 30. 1. 2018<br \/>\n19.00 Uhr<\/p>\n<p><strong><em>Oreste<\/em> von Georg Friedrich H\u00e4ndel<\/strong><br \/>\nMusikalische Leitung: Christoph U. Meier<br \/>\nInszenierung: Sebastian Welker<br \/>\nmit der Beethoven Philharmonie<\/p>\n<p>Schlosstheater Sch\u00f6nbrunn<br \/>\nSch\u00f6nbrunner Schlossstra\u00dfe 47, 1140 Wien<br \/>\nTickets unter <a href=\"http:\/\/www.oeticket.com\" target=\"_blank\">www.oeticket.com<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1734 befand sich Georg Friedrich H\u00e4ndel in einer besonders kritischen Situation. 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