{"id":1410,"date":"2017-12-01T09:38:32","date_gmt":"2017-12-01T08:38:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1410"},"modified":"2017-12-01T09:39:34","modified_gmt":"2017-12-01T08:39:34","slug":"nun-bin-ich-musiker-mit-ernst-und-ohne-reue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/12\/01\/nun-bin-ich-musiker-mit-ernst-und-ohne-reue\/","title":{"rendered":"\u201eNun bin ich Musiker mit Ernst und ohne Reue.\u201c"},"content":{"rendered":"<strong>Mit einem Konzert und einer Ausstellung anl\u00e4sslich seines 50. Todestages w\u00fcrdigt die mdw ihren ehemaligen Lehrer Richard St\u00f6hr, der 1938 im Alter von 63 Jahren aus \u201erassischen\u201c Gr\u00fcnden seine Anstellung verlor und 1939 in die USA emigrieren musste. Als Ehreng\u00e4ste nehmen seine Tochter Hedi St\u00f6hr Ballantyne sowie drei Enkelkinder des Komponisten teil.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1414\" aria-describedby=\"caption-attachment-1414\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1414\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_wohnung.jpg\" alt=\"Richard Stoehr\" width=\"1000\" height=\"760\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_wohnung.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_wohnung-300x228.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_wohnung-768x584.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_wohnung-850x646.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1414\" class=\"wp-caption-text\">Richard St\u00f6hr am Klavier in seiner Wiener Wohnung 1925 \u00a9Hedi St\u00f6hr Ballantyne<\/figcaption><\/figure>\n<p>Richard St\u00f6hr, der sich selbst in erster Linie als Komponist betrachtete, wurde von seinen ZeitgenossInnen \u2013 und von der Nachwelt \u2013 vor allem als begnadeter Lehrer gesch\u00e4tzt. Hunderte \u00fcber Jahrzehnte hinweg an ihn geschickte Bilder, Postkarten und Briefe von Studierenden, vielfach mit Widmungen, die an Anbetung grenzen, zeugen von der charismatischen Pers\u00f6nlichkeit des Lehrers, aber auch von der Leidenschaft f\u00fcr die Musik, die er in seinen Studierenden weckte.<\/p>\n<p>Richard St\u00f6hr, am 11. Juni 1874 in Wien als Richard Stern geboren, wuchs in einer kunstsinnigen, gro\u00dfb\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Familie in Wien auf. Im Elternhaus lernte er in jungen Jahren Franz Liszt, Hans von B\u00fclow und auch Richard Wagner kennen. Nach der Matura nahm er auf Wunsch seines Vaters das Medizinstudium auf, obwohl seine ganze Leidenschaft der Musik galt. Unmittelbar nach seiner Promotion zum Dr. med. 1898 realisierte er seinen Traum eines Studiums am Konservatorium. 1900 beendete er das Orgelstudium mit der Silbernen Gesellschaftsmedaille, 1902 legte er die Reifepr\u00fcfung f\u00fcr Klavier und 1903 die f\u00fcr Komposition ab, beide mit vorz\u00fcglichem Erfolg.<\/p>\n<p>St\u00f6hr wurde im Herbst 1904 erstmals mit Unterricht an der mdw betraut und entwickelte sich in den folgenden 34 Jahren zu einer fixen Gr\u00f6\u00dfe im Lehrk\u00f6rper. Seine Unterrichtsf\u00e4cher reichten von der Chorschule \u00fcber Harmonielehre, Kontrapunkt und Klavier-Kammermusik bis zu Musiktheorie und Komposition. W\u00e4hrend seiner Lehrt\u00e4tigkeit soll St\u00f6hr \u2013 ernsthaften Sch\u00e4tzungen zufolge \u2013 mehr als 10.000 Studierende unterrichtet haben.<\/p>\n<p>Legend\u00e4r waren sein Charisma, sein Charme und vor allem seine F\u00e4higkeit, Menschen f\u00fcr Musik zu begeistern. Dar\u00fcber hinaus engagierte er sich, vor allem in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg, f\u00fcr bed\u00fcrftige Sch\u00fclerInnen und KollegInnen, etwa mit Spenden aus den Ertr\u00e4gen von Konzerten eigener Werke.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1412\" aria-describedby=\"caption-attachment-1412\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1412\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe.jpg\" alt=\"Richard Stoehr\" width=\"1000\" height=\"731\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe-768x561.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe-850x621.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1412\" class=\"wp-caption-text\">St\u00f6hr bei einer zwanglosen Gesellschaft in seiner Wohnung am 27. September 1934. Vorne in der Mitte sitzend Franz Samohyl. Hinten rechts der koreanisch-japanischer Musikwissenschaftler und -kritiker Keisei Sakka, der St\u00f6hrs Formenlehre ins Japanische \u00fcbersetzt hat. Davor sitzend dessen Frau Sumie. \u00a9Hedi St\u00f6hr Ballantyne<\/figcaption><\/figure>\n<p>St\u00f6hr war ein \u00e4u\u00dferst geselliger Mensch. In seinen G\u00e4steb\u00fcchern finden sich unz\u00e4hlige Eintragungen von so prominenten wie unterschiedlichen Pers\u00f6nlichkeiten wie Engelbert Humperdinck und Wilhelm Furtw\u00e4ngler sowie von Lehrenden, Angestellten und vor allem Studierenden der damaligen Akademie in Wien. Auch Kontakte mit G\u00e4sten aus dem Ausland, z. B. aus Skandinavien, den Niederlanden, der Schweiz, den USA, Kanada, Indien, Japan, S\u00fcdkorea und China, erm\u00f6glichten seinen Studierenden einen Einblick in die internationale Musikwelt. Es m\u00fcssen \u00e4u\u00dferst anregende und unterhaltsame Zusammenk\u00fcnfte gewesen sein: St\u00f6hr spielte Klavier, man sprach \u00fcber Musik, aber auch \u00fcber vieles andere. Trotz seines eigenen, doch relativ konservativen sp\u00e4tromantischen Kompositionsstils er\u00f6ffnete er dabei den jungen Menschen den Zugang zur Moderne.<\/p>\n<p>Auch in seiner nebenberuflichen Lehrt\u00e4tigkeit beschritt er neue Wege. Ab den fr\u00fchen 1930er Jahren unterrichtete er mehrere Sommer hindurch im \u00e4u\u00dferst fortschrittlichen American People\u2019s College in \u00d6tz in Tirol und schloss dort Freundschaften, denen er nach dem \u201eAnschluss\u201c seine Rettung verdankte. 1934 erw\u00e4hnt er Pl\u00e4ne, nach seiner Pensionierung ins Ausland zu gehen, wohl nicht zuletzt aufgrund der 1927 von ihm erstmals konkret angesprochenen antisemitischen Str\u00f6mungen innerhalb der Akademie.<\/p>\n<p>Einen Tag nach dem deutschen Einmarsch wurde St\u00f6hr, der 1897 zum Christentum konvertiert war, an der Akademie als \u201eVolljude\u201c sofort <em>\u201evom Dienst beurlaubt\u201c<\/em>. Eine amerikanische Sch\u00fclerin schrieb an die Leiterin des renommierten Curtis Institute in Philadelphia: <em>\u201eThe situation is desperate in Austria, as you know, and getting worse every week. Dr. St\u00f6hr says he would be willing to do anything over in this country \u2013 even to playing [sic] the piano in a night club.\u201c<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1413\" aria-describedby=\"caption-attachment-1413\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1413\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2.jpg\" alt=\"Richard Stoehr\" width=\"1000\" height=\"592\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2-300x178.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2-768x455.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2-850x503.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/richard_stoehr_gruppe2-413x244.jpg 413w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1413\" class=\"wp-caption-text\">St\u00f6hr mit den Sch\u00fclerInnen seiner Formenlehreklasse im Jahr 1917 im Unterrichtsraum in der Lothringerstrasse \u00a9Hedi St\u00f6hr Ballantyne<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 4. J\u00e4nner 1939 erhielt St\u00f6hr den sehnlichst erwarteten Vertrag von Curtis, der ihm ein Visum f\u00fcr die USA sicherte. Am 23. Februar 1939 bestieg er die S. S. Hamburg in Bremerhaven und landete am 4. M\u00e4rz in New York. Zuvor war es ihm gelungen, die Emigration seines 16-j\u00e4hrigen Sohnes nach Skandinavien zu regeln, und auch die Vorbereitungen f\u00fcr die Verschickung seiner 12-j\u00e4hrigen Tochter mit einem Kindertransport nach England waren weit gediehen. Seine \u201earische\u201c Frau war zwar keiner Verfolgung ausgesetzt, erhielt aber, da St\u00f6hr <em>\u201eohne Erlaubnis zur Emigration\u201c<\/em> abgereist war, nach wenigen Monaten keine Rente mehr.<\/p>\n<p>Wenige Wochen nach seiner Ankunft in den USA nahm St\u00f6hr den Unterricht am Curtis Institute auf. Zu seinen dortigen Studierenden geh\u00f6rte u. a. Leonard Bernstein, der St\u00f6hr hoch sch\u00e4tzte, mit ihm lebenslang in Kontakt blieb und in dessen letzten Lebensjahren f\u00fcr finanzielle Unterst\u00fctzung sorgte. Nach dem Auslaufen des befristeten Vertrages konnte das Institut wegen finanzieller Schwierigkeiten die Anstellung nicht verl\u00e4ngern. St\u00f6hr, inzwischen 67 Jahre alt, ben\u00f6tigte aber weiterhin eine bezahlte T\u00e4tigkeit, da er keinerlei Einkommen oder Pensionsanspr\u00fcche hatte. Er wandte sich an mehrere Hilfsorganisationen und schickte mehr als 60 Anfragen beziehungsweise Bewerbungen \u2013 die Ansuchen blieben aber vorerst erfolglos.<\/p>\n<p>Im Herbst erhielt er dank der Vermittlung einer ehemaligen Sch\u00fclerin eine Stelle am St. Michael\u2019s College in Vermont, zun\u00e4chst nur gegen Kost und Logis. Obwohl ihn die Arbeit weder k\u00fcnstlerisch noch p\u00e4dagogisch forderte, bot sie ihm die notwendige Sicherheit, durch die er sich vor allem seinen Kompositionen widmen konnte. Auch als die letzten Unterrichtsm\u00f6glichkeiten 1950 versiegt waren, erlaubte ihm das College gegen ein geringes Entgelt den Verbleib in seiner kleinen Wohnung. Ein urspr\u00fcnglich stolzer und erfolgreicher Mann war nun auf Wohltaten angewiesen.<\/p>\n<p>Auch wenn Richard St\u00f6hr \u2013 dank seines Wesens, seines Einsatzes und seines K\u00f6nnens \u2013 berufliche Bet\u00e4tigungsfelder in den USA fand, musste er im fortgeschrittenen Alter nach einem arbeitsreichen Leben ohne jeden finanziellen R\u00fcckhalt oder Sicherheit mehr als sieben Jahre in der Fremde ohne seine Familie verbringen. Erst 1946 konnte er seine Tochter Hedi endlich wieder in die Arme schlie\u00dfen, ein Jahr sp\u00e4ter trafen auch seine Frau Mizzi und sein Sohn Richard in den USA ein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1416\" aria-describedby=\"caption-attachment-1416\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1416\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/philharmoniker_programm_stoehr.jpg\" alt=\"Philharmoniker Programm\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/philharmoniker_programm_stoehr.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/philharmoniker_programm_stoehr-227x300.jpg 227w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1416\" class=\"wp-caption-text\">Programm der ersten amerikanischen Auslandstournee der Wiener Philharmoniker 1956 mit Widmung an St\u00f6hr und Unterschriften zahlreicher ehemaliger Sch\u00fclerInnen \u00a9Hedi St\u00f6hr Ballantyne<\/figcaption><\/figure>\n<p>1956 gastierten die Wiener Philharmoniker in Vermont und \u00fcberreichten dabei St\u00f6hr ein Programm mit der Inschrift <em>\u201eUnserem lieben Lehrer und Meister zur Erinnerung an seine Sch\u00fcler\u201c<\/em> und mit den Unterschriften zahlreicher ehemaliger Sch\u00fcler, darunter Helmut Wobisch, der bereits 1933 illegales Mitglied der NSDAP und sp\u00e4ter auch der SS gewesen war und der w\u00e4hrend des gesamten Krieges als Musiker t\u00e4tig gewesen war. Seine Karriere wurde zwar nach Kriegsende im Zuge der Entnazifizierung kurzfristig unterbrochen, aber als er St\u00f6hr in den USA begegnete, war er bereits wieder als Lehrkraft an der Akademie t\u00e4tig und als Solotrompeter und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Philharmoniker fest etabliert. Im Gegensatz dazu war Richard St\u00f6hr, 17 Jahre nach seiner fristlosen Entlassung, gerade erst eine Pension von der Republik \u00d6sterreich zugesprochen worden. Ob er sich dieser Ironie bewusst war? Nach Aussage seiner Tochter freute er sich jedenfalls \u00fcber dieses Zeichen der Wertsch\u00e4tzung. \u00dcberlegungen, nach Wien zur\u00fcckzukehren, verwarf er schlie\u00dflich. Richard St\u00f6hr blieb in den USA, wo er am 11. Dezember 1967 im Alter von 93 Jahren verstarb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Konzert und die anschlie\u00dfende Ausstellungser\u00f6ffnung finden am 14. Dezember im beziehungsweise vor dem Joseph Haydn-Saal der mdw um 18 Uhr im Beisein von St\u00f6hrs Tochter Hedi Ballantyne sowie von weiteren Familienmitgliedern bei freiem Eintritt statt. Anmeldung bis 7. Dezember 2017 erforderlich unter <a href=\"mailto:arc-stoehr@mdw.ac.at\">arc-stoehr@mdw.ac.at<\/a> oder +43 1 711 55 6500.<\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Konzert und einer Ausstellung anl\u00e4sslich seines 50. Todestages w\u00fcrdigt die mdw ihren ehemaligen Lehrer Richard St\u00f6hr, der 1938 im Alter von 63 Jahren aus \u201erassischen\u201c Gr\u00fcnden seine Anstellung verlor und 1939 in die USA emigrieren musste. Als Ehreng\u00e4ste nehmen seine Tochter Hedi St\u00f6hr Ballantyne sowie drei Enkelkinder des Komponisten teil. 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