{"id":13707,"date":"2026-09-28T13:34:52","date_gmt":"2026-09-28T11:34:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13707"},"modified":"2026-09-28T13:34:52","modified_gmt":"2026-09-28T11:34:52","slug":"wissenschaftskommunikation-ist-beziehungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/09\/28\/wissenschaftskommunikation-ist-beziehungsarbeit\/","title":{"rendered":"Wissenschaftskommunikation ist Beziehungsarbeit"},"content":{"rendered":"Wissenschaftskommunikation wird h\u00e4ufig als Aufgabe verstanden, wissenschaftliche Erkenntnisse verst\u00e4ndlich zu vermitteln. Das ist richtig, greift aber zu kurz. Denn sie beginnt nicht erst dort, wo Forschung abgeschlossen ist und ihre Ergebnisse einer breiteren \u00d6ffentlichkeit erkl\u00e4rt werden. Sie beginnt, wo wissenschaftliches Wissen in Beziehung zu gesellschaftlichen Fragen, Erfahrungen und Konflikten tritt.<\/p>\n<p>Meine Perspektive auf Wissenschaftskommunikation ist gepr\u00e4gt durch meine Funktion als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des ScienceCenter-Netzwerks und durch meine langj\u00e4hrige Arbeit in der kunstbasierten Forschung: Wissenschaftskommunikation ist keine Br\u00fccke, die einmal gebaut wird und dann steht. Sie ist Beziehungsarbeit: Sie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse, Methoden und Denkweisen mit unterschiedlichen \u00d6ffentlichkeiten. Diese Beziehungen sind nicht statisch. Sie m\u00fcssen gestaltet und gepflegt werden \u2013 durch geeignete Formate, verst\u00e4ndliche Sprachen, offene R\u00e4ume und die Bereitschaft, unterschiedliche Voraussetzungen und Wissensformen ernst zu nehmen.<\/p>\n<h5>Mehr als Transfer: Wissenschaft als \u00f6ffentlicher Prozess<\/h5>\n<p>In aktuellen Debatten wird h\u00e4ufig zwischen zwei Transferlogiken unterschieden. Beide sind f\u00fcr Universit\u00e4ten relevant, weil sie danach fragen, wie Forschung \u00fcber akademische Kontexte hinaus Wirkung entfaltet. \u201eScience to Industry\u201c beschreibt Prozesse, in denen Forschung in Anwendung, Innovation oder wirtschaftliche Wertsch\u00f6pfung \u00fcberf\u00fchrt wird. \u201eScience to Society\u201c verweist demgegen\u00fcber auf die gesellschaftliche Dimension von Forschung: auf \u00f6ffentliche Verantwortung, Teilhabe, Einordnung und Dialog. Gerade an den Schnittstellen von Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft, Kreativpraxis und gemeinn\u00fctzigen Strukturen zeigt sich, dass es bei beiden Anspr\u00fcchen um mehr als nur Transfer geht: User-Centered Design, Open Innovation, Co-Design und Co-Produktion arbeiten mit Wissen, das nicht einfach von Forschung zu Gesellschaft oder Industrie weitergereicht wird, sondern in gemeinsamen Prozessen entsteht, gepr\u00fcft und weiterentwickelt wird.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht nur darum, Ergebnisse zu erkl\u00e4ren. Bei gesellschaftlich relevanten, komplexen oder umstrittenen Themen ist Faktenvermittlung wichtig, etwa wenn es um Klimawandel, Gesundheit, Digitalisierung oder Demokratie geht. Ebenso wichtig ist aber, Beteiligungsformate zu schaffen, in denen Fragen, Erfahrungen und Nutzungskontexte aus unterschiedlichen \u00d6ffentlichkeiten in Forschungs- und Innovationsprozesse zur\u00fcckflie\u00dfen k\u00f6nnen. Teilhabe und Dialog bedeuten in diesem Sinn nicht nur R\u00fcckfragen an Wissenschaft, sondern auch Mitgestaltung: Wer formuliert relevante Probleme? Welche Perspektiven werden als Wissen anerkannt? Und unter welchen Bedingungen k\u00f6nnen wissenschaftliche, k\u00fcnstlerische, praktische und erfahrungsbasierte Wissensformen produktiv miteinander arbeiten?<\/p>\n<p>Diese Prozessdimension ist f\u00fcr demokratische Gesellschaften wesentlich. Wissenschaftliche Urteilsf\u00e4higkeit entsteht nicht allein durch den Zugang zu Informationen. Sie setzt auch ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr voraus, wie Wissen erzeugt, gepr\u00fcft, begr\u00fcndet und begrenzt wird. Wissenschaftskommunikation kann Debatten sachlicher und differenzierter machen, wenn sie diese Entstehungsbedingungen offenlegt und zugleich R\u00e4ume schafft, in denen unterschiedliche Akteur_innen ihre Fragen, Erfahrungen und Sichtweisen einbringen k\u00f6nnen. Sie ersetzt keine politischen Entscheidungen, schafft aber Grundlagen, auf denen diese nachvollziehbarer und verhandelbarer werden.<\/p>\n<p>Dazu muss differenziert werden: Universit\u00e4ten haben es nicht mit einer, sondern mit unterschiedlichen \u00d6ffentlichkeiten zu tun, und diese unterscheiden sich in Vorwissen, Erfahrungen, Erwartungen und Barrieren. Unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen, bedeutet nicht, dieselbe Botschaft in verschiedenen Schwierigkeitsgraden zu formulieren. Es bedeutet, Zug\u00e4nge pr\u00e4zise und offen zu gestalten. F\u00fcr manche Kontexte sind erkl\u00e4rende Formate sinnvoll, f\u00fcr andere dialogische oder partizipative Settings. Entscheidend ist die Frage, wer tats\u00e4chlich angesprochen wird \u2013 und wer durch Sprache, Ort, Format oder institutionelle Codes ausgeschlossen bleibt.<\/p>\n<p>Damit ist Wissenschaftskommunikation keine nachgelagerte \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Sie ist Teil der gesellschaftlichen Verantwortung von Universit\u00e4ten. Sie kann Forschung sichtbar machen, komplexe Themen einordnen und R\u00e4ume f\u00fcr Auseinandersetzung \u00f6ffnen. Wenn sie ernst gemeint ist, fragt sie nicht nur, wie Forschung besser erkl\u00e4rt werden kann, sondern auch, welche Beziehungen Universit\u00e4ten zu gesellschaftlichen Gruppen aufbauen wollen, wor\u00fcber geforscht werden soll, und wie \u00f6ffentliche Teilhabe daran gelingen kann.<\/p>\n<h5>Kunstuniversit\u00e4ten als besondere Orte der Wissenschaftskommunikation<\/h5>\n<p>Im Kontext von Kunstuniversit\u00e4ten verschiebt sich die Frage nach Wissenschaftskommunikation. K\u00fcnstlerische und kunstbasierte Forschung arbeitet mit Wissensformen, die nicht immer linear, sprachlich oder eindeutig sind. Sie entstehen \u00fcber Material, K\u00f6rper, Raum, Klang, Bild, Archiv, Erinnerung, Performance oder soziale Situationen. Kommunikation ist hier h\u00e4ufig nicht blo\u00dfe Darstellung eines Ergebnisses, sondern Teil der Erkenntnisproduktion. Das macht Kunstuniversit\u00e4ten zu besonderen Orten der Wissenschaftskommunikation. Sie k\u00f6nnen gesellschaftliche Fragen nicht nur erkl\u00e4ren, sondern erfahrbar machen. Ihre St\u00e4rke liegt darin, Mehrdeutigkeit auszuhalten, Perspektiven zu wechseln und Komplexit\u00e4t sichtbar, erfahrbar und verhandelbar zu machen.<\/p>\n<p>Gerade weil Wissenschaftskommunikation an Bedeutung gewinnt, m\u00fcssen aber auch ihre Grenzen klar benannt werden. Sie kann Vertrauen nicht erzwingen, soziale Ungleichheit nicht allein kompensieren und politische Verantwortung nicht ersetzen. Sie sollte auch nicht darauf reduziert werden, Forschungseinrichtungen \u00f6ffentlichkeitswirksam zu positionieren. Und nicht zuletzt muss professionelle Wissenschaftskommunikation auch Unsicherheit und Nicht-Wissen sichtbar machen. Gerade hier k\u00f6nnen k\u00fcnstlerische Methoden einen wichtigen Beitrag leisten: Sie \u00fcbersetzen Offenheit nicht vorschnell in Eindeutigkeit, sondern schaffen Erfahrungsr\u00e4ume, in denen Widerspr\u00fcche wahrnehmbar und verhandelbar werden.<\/p>\n<p>Wissenschaftskommunikation entfaltet ihr Potenzial, wenn sie Forschung nicht nur erkl\u00e4rt, sondern Beziehungen erm\u00f6glicht \u2013 nicht als Zusatz zur Forschung, sondern als Teil davon, wie Universit\u00e4ten \u00f6ffentliche Verantwortung wahrnehmen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaftskommunikation wird h\u00e4ufig als Aufgabe verstanden, wissenschaftliche Erkenntnisse verst\u00e4ndlich zu vermitteln. Das ist richtig, greift aber zu kurz. Denn sie beginnt nicht erst dort, wo Forschung abgeschlossen ist und ihre Ergebnisse einer breiteren \u00d6ffentlichkeit erkl\u00e4rt werden. 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