{"id":13612,"date":"2026-09-17T11:40:21","date_gmt":"2026-09-17T09:40:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13612"},"modified":"2026-09-17T11:55:20","modified_gmt":"2026-09-17T09:55:20","slug":"instrumental-und-gesangspaedagogik-igp-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/09\/17\/instrumental-und-gesangspaedagogik-igp-im-wandel\/","title":{"rendered":"Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik (IGP) im Wandel"},"content":{"rendered":"<strong>Was bedeutet Ambiguit\u00e4t f\u00fcr die IGP?<\/strong> <strong>Ein Bericht vom Symposium <\/strong><strong><em>Embracing Ambiguity<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen, die nicht selten mit Krisen Hand in Hand gehen. Diese Diagnose \u00fcberrascht heute kaum noch. Weitaus spannender und zugleich anspruchsvoller ist die Frage, wie ein gelungener Umgang mit diesen Ver\u00e4nderungen aussehen kann. Dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt des Symposiums <em>Embracing Ambiguity. Zur Rolle der Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik in Musikp\u00e4dagogik, Bildungspolitik und Gesellschaft<\/em>, das am 29. und 30. Mai 2026 an der mdw stattfand.<\/p>\n<p>Bereits der Titel <em>Embracing Ambiguity<\/em> war Denkansto\u00df und Einladung zugleich: Die mit Ver\u00e4nderungen einhergehenden Ambiguit\u00e4ten nicht als etwas grunds\u00e4tzlich zu \u00dcberwindendes zu begreifen, sondern sie auszuhalten \u2013 sie im \u00fcbertragenen Sinne vielleicht sogar zu \u201eumarmen\u201c \u2013 anstatt sie vorschnell aufzul\u00f6sen oder zu verdr\u00e4ngen. Was das f\u00fcr eine k\u00fcnstlerisch-p\u00e4dagogische Disziplin bedeuten kann und welche Implikationen daraus f\u00fcr Studium, Beruf und Forschung erwachsen \u2013\u00a0genau \u00fcber diese Fragen dachten insgesamt sieben Vortragende, 15 Diskutant_innen sowie gut 120 internationale Teilnehmer_innen im sch\u00f6nen Ambiente des Neuen Konzertsaals am Rennweg 8 sowie online nach. F\u00fcr eine stimmungsvolle Er\u00f6ffnung sorgten ein musikalischer Empfang der Teilnehmer_innen sowie mehrere im Foyer aufgestellte iPads, die die G\u00e4ste dazu einluden, Einblicke in den Berufsalltag von Instrumental- und Gesangslehrenden aus unterschiedlichen Arbeitskontexten zu gewinnen.<\/p>\n<p><strong>Mehrdeutigkeit umarmen \u2013 aber warum und wie eigentlich?<br \/>\n<\/strong>Im Laufe des Symposiums wurden die gegenw\u00e4rtigen Ver\u00e4nderungen und Herausforderungen der Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Den pointierten Auftakt daf\u00fcr bildete die Keynote des Kulturwissenschaftlers Martin Zierold, der in Form eines bewusst provokanten Gedankenexperiments fragte, was geschehen w\u00fcrde, wenn sich die Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik als Disziplin aufl\u00f6sen w\u00fcrde. Schnell wurde klar, dass Ver\u00e4nderung eine Voraussetzung daf\u00fcr darstellt, dass eine Disziplin oder Institution lebendig bleibt. Ausgehend von dieser \u00dcberlegung stellte Zierold die Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik vor die Frage, ob sie sich gegenw\u00e4rtig an einem Wendepunkt befindet. Zugleich betonte er, dass Erfolg und Ver\u00e4nderung untrennbar miteinander verbunden seien: Von Erfolg lasse sich \u00fcberhaupt erst sprechen, wenn Handlungen und Bestrebungen weitreichende Folgen entfalten \u2013 auch wenn diese neue Herausforderungen mit sich bringen. An diesen Gedanken kn\u00fcpfte im weiteren Verlauf des Symposiums auch die Diskussion um die berufliche Professionalisierung an.<\/p>\n<p>Wolfgang Lessing stellte in seinem Vortrag die verbreitete Vorstellung einer geradlinigen Professionalisierung infrage. Ein besonderer Fokus lag auf dem Wandel dessen, was als professionelles Wissen in der IGP gilt. W\u00e4hrend fr\u00fcher von <em>der<\/em> Musik und <em>dem<\/em> Instrument ausgegangen wurde, r\u00fccken heutzutage die Vielfalt musikalischer Praktiken sowie die Individualit\u00e4t der Lernenden st\u00e4rker in den Mittelpunkt: \u201eJede Person\u201c, \u201ejede Musik\u201c und \u201ejedes Instrument\u201c erweitern den gegenw\u00e4rtigen Blick auf das Berufsfeld.<\/p>\n<p>Die Bedeutung einer kollaborativen Haltung betonte in ihrem Vortrag Bianka W\u00fcstenhube. Trotz einer fortschreitenden fachlichen Spezialisierung pl\u00e4dierte sie daf\u00fcr, die gemeinsamen Wurzeln der musikp\u00e4dagogischen Disziplinen nicht aus den Augen zu verlieren. W\u00fcstenhube warnte zugleich vor Konkurrenzdenken sowie hierarchischen Zuschreibungen zwischen den einzelnen Fachbereichen der \u201egro\u00dfen musikp\u00e4dagogischen Familie\u201c.<\/p>\n<p>Michael G\u00f6llner und Natalia Ardila-Mantilla traten in ihrem gemeinsamen Vortrag einen Schritt zur\u00fcck und betrachteten die Disziplin sowie ihre Entwicklung von einem klar umrissenen \u201eLehrgeb\u00e4ude\u201c zu einem stetig erweiterten, zunehmend instabilen \u201eWolkenhaus\u201c. In Anlehnung an den Soziologen Andreas Reckwitz deuteten sie dieses als Ausdruck eines modernen Fortschrittsnarrativs, das in der Gegenwart an Selbstverst\u00e4ndlichkeit verliert und unweigerlich auch Verluste mit sich bringt. Der Metapher eines geschlossenen Geb\u00e4udes stellten sie den Blick auf unterschiedliche Spannungsfelder gegen\u00fcber, hinsichtlich derer Ambiguit\u00e4t erkennbar wird. Sie pl\u00e4dierten daf\u00fcr, die Erm\u00f6glichung musikalischer Bildung als gemeinsame Aufgaben von Schule, Musikschule, Musikuniversit\u00e4t sowie Bildungs- und Kulturpolitik zu begreifen und die damit verbundenen diskursiven Arenen fest im Blick zu behalten.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Forschung und Berufsalltag<br \/>\n<\/strong>Einen weiteren wichtigen Bezugspunkt des Symposiums bildete der Blick auf aktuelle Forschungsprojekte aus instrumental- und gesangsp\u00e4dagogischen Berufsfeldern:<\/p>\n<p>Carmen He\u00df und Kerstin Weuthen blickten auf den Berufsalltag von Musikschullehrkr\u00e4ften in Deutschland und pr\u00e4sentierten Ergebnisse des Forschungsprojekts MiKADO-Musik<span id='easy-footnote-1-13612' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/09\/17\/instrumental-und-gesangspaedagogik-igp-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-1-13612' title='MiKADO-Musik \u2013 ein Crowd-Research-Projekt zum musikp\u00e4dagogischen Nachwuchsmangel.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span><em>. <\/em>Auf Grundlage qualitativer Interviews zeigten sie, inwiefern ihre Arbeit einen Balanceakt zwischen k\u00fcnstlerischem Anspruch, p\u00e4dagogischer Verantwortung, den Bed\u00fcrfnissen der Sch\u00fcler_innen und gesellschaftlichen Erwartungen darstellt. Dabei wurde eine zentrale Ambivalenz sichtbar: Gerade das Engagement, das den Beruf f\u00fcr viele besonders erf\u00fcllend macht, kann unter prek\u00e4ren Rahmenbedingungen zugleich zur Belastung werden.<\/p>\n<p>Michael G\u00f6llner richtete den Blick auf eine \u00f6sterreichische Teilstudie des MiKADO-Forschungsprojekts. Anhand von Interviews mit Musikschullehrkr\u00e4ften in Nieder\u00f6sterreich zeigte er, wie Lehrende zwischen der Rolle als T\u00fcr\u00f6ffner_in und Aspekten des Gatekeepings changieren, wenn sie die Studien- und Berufswahl ihrer Sch\u00fcler_innen begleiten. Den \u00dcbergang von der Musikschule in ein Musikstudium deutete er dabei als Statuspassage und pl\u00e4dierte daf\u00fcr, diese \u00dcbergangsarbeit zwischen Erm\u00f6glichung, Gatekeeping und sozialer \u00d6ffnung st\u00e4rker anzuerkennen und gezielt zu unterst\u00fctzen. Dies k\u00f6nne zu mehr Bildungsgerechtigkeit und einer sozial offenen musikalischen Nachwuchsf\u00f6rderung beitragen.<\/p>\n<p>Auch Natalia Ardila-Mantilla thematisierte die oft unsichtbare Vermittlungsarbeit von Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagog_innen und bezog sich dabei auf Ergebnisse der qualitativen AnmuT-Studie<span id='easy-footnote-2-13612' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/09\/17\/instrumental-und-gesangspaedagogik-igp-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-2-13612' title='AnmuT\u00a0\u2013 Anbahnung musik- und tanzkultureller Teilhabe sowie Professionalisierung im JeKits-Programm.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span>. Ankn\u00fcpfend an die von Peter R\u00f6bkes im Fachdiskurs etablierte Metapher der \u201eeierlegenden Wollmilchsau\u201c hinterfragte sie das Bild der dauerhaft \u00fcberforderten Lehrkraft und schlug stattdessen die Metapher der \u201eTr\u00e4ger_innen des Gef\u00fcges\u201c vor. Diese leisten eine systemstabilisierende Arbeit, die eine professionelle Kernkompetenz darstelle, bislang jedoch kaum strukturell unterst\u00fctzt werde.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nIm Dialog<br \/>\n<\/strong>Das Symposium lebte vom Austausch: Die Fragestellungen der Vortr\u00e4ge wurden w\u00e4hrend der beiden Tage in zahlreichen Kleingruppen, Podiumsdiskussionen und Round Tables aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert und weitergedacht. Expert_innen aus verschiedenen musikp\u00e4dagogischen Arbeitskontexten reflektierten gemeinsam \u00fcber curriculare Entwicklungen, die Zukunft der Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik sowie das Berufsverst\u00e4ndnis und den k\u00fcnstlerischen Anspruch von Instrumental- und Gesangslehrenden. Ein weiterer Schwerpunkt galt Musikschulen als Institutionen. Mehrmals wurde deutlich, dass sich ihr gesellschaftlicher Auftrag st\u00e4ndig erweitert, w\u00e4hrend bestehende gesetzliche und organisatorische Strukturen diesem Wandel nur begrenzt folgen. Diskutiert wurden neue Organisationsformen und Kooperationen, Fragen der politischen Interessenvertretung sowie die Rolle der Musikschule als generationen\u00fcbergreifender Begegnungsort. Dabei kristallisierten sich zentrale Spannungsfelder heraus: zwischen Bildungsauftrag und Flexibilit\u00e4t, institutioneller Stabilit\u00e4t und Innovationsf\u00e4higkeit sowie k\u00fcnstlerischer Praxis und bildungs- bzw. kulturpolitischer Verantwortung.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nAmbiguit\u00e4t als Chance?<br \/>\n<\/strong>Die Tagung <em>Embracing Ambiguity<\/em> machte deutlich, dass sich die Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik in einem Transformationsprozess befindet. Ihre Weiterentwicklung erscheint angesichts gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen unerl\u00e4sslich \u2013 im Studium, im Beruf und in der Bildungspolitik. Mich pers\u00f6nlich haben die Vortr\u00e4ge, Diskussionen und auch die produktiven Meinungsverschiedenheiten optimistisch gestimmt. Sie zeigten eindr\u00fccklich, wie gro\u00df die Bereitschaft der \u201egro\u00dfen musikp\u00e4dagogischen Familie\u201c ist, sich den vielf\u00e4ltigen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen \u2013 in der Vielfalt der Zug\u00e4nge ebenso wie in Offenheit und Reflektiertheit. Auch hier lie\u00dfe sich, wenn man will von Ambiguit\u00e4t sprechen \u2013 das allerdings w\u00e4re dann tats\u00e4chlich eine, die man gerne \u201eumarmt\u201c.<\/p>\n<p>Einzelne Str\u00e4nge der mit dem Symposium er\u00f6ffneten Diskussion werden im Wintersemester 2026\/27 weiterverfolgt und am 13. November 2026 im Rahmen der vom Fachbereich IGP veranstalteten Reihe <em>IGP \u2013 Impulse, Gedanken, Perspektiven<\/em> weitergef\u00fchrt. Dazu schon jetzt eine herzliche Einladung!","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen, die nicht selten mit Krisen Hand in Hand gehen. Diese Diagnose \u00fcberrascht heute kaum noch. Weitaus spannender und zugleich anspruchsvoller ist die Frage, wie ein gelungener Umgang mit diesen Ver\u00e4nderungen aussehen kann. Dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt des Symposiums Embracing Ambiguity. Zur Rolle der Instrumental- und Gesangsp\u00e4dagogik in Musikp\u00e4dagogik, Bildungspolitik und Gesellschaft, das am 29. und 30. Mai 2026 an der mdw stattfand.<\/p>\n","protected":false},"author":463,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[1689,1127,314],"class_list":["post-13612","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-report","tag-igp","tag-webonly","tag-symposium"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13612","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/463"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13612"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13612\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13624,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13612\/revisions\/13624"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13612"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13612"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13612"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}