{"id":13506,"date":"2026-05-12T16:38:46","date_gmt":"2026-05-12T14:38:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13506"},"modified":"2026-05-12T16:49:01","modified_gmt":"2026-05-12T14:49:01","slug":"entscheidend-ist-welche-geschichte-man-sich-selbst-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/05\/12\/entscheidend-ist-welche-geschichte-man-sich-selbst-erzaehlt\/","title":{"rendered":"\u201eEntscheidend ist, welche Geschichte man sich selbst erz\u00e4hlt\u201c"},"content":{"rendered":"Jeff Beal bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen Filmstudio und Konzertsaal. Mit Arbeiten f\u00fcr Produktionen wie <em>House of Cards<\/em> wurde der US-amerikanische Komponist international bekannt. Am 13. April gab der f\u00fcnffache Emmy-Preistr\u00e4ger eine Masterclass f\u00fcr Studierende der mdw. Im Gespr\u00e4ch spricht er \u00fcber k\u00fcnstlerische Prozesse, Inspiration und dar\u00fcber, wie seine MS-Erkrankung sein Verst\u00e4ndnis von Musik ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13509\" aria-describedby=\"caption-attachment-13509\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-13509\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-850x1275.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-034-9740-scaled.jpg 1706w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13509\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sie haben als Jazzmusiker begonnen. Wie wirkt sich das heute noch auf Ihre t\u00e4gliche Arbeit aus?<br \/>\n<\/strong>Ich glaube, das geht auf die Zeit zur\u00fcck, als ich sehr jung angefangen habe, auf der Trompete zu improvisieren. Damals habe ich meine musikalische Stimme entdeckt. Ich liebe es, zu improvisieren. Auch wenn meine Musik heute oft nicht improvisiert klingt, beginnt sie genau dort. So komponiert man schlie\u00dflich \u2013 man erfindet etwas im Moment. Was ich daran auch sch\u00e4tze, sind diese kleinen, unerwarteten Dinge, die passieren k\u00f6nnen. Manchmal denkt man, etwas k\u00f6nnte ein Fehler sein, aber oft sind genau diese unerwarteten Momente die interessantesten. Ich mag \u00dcberraschungen in der Musik, weil sie das H\u00f6ren spannend machen. Jazz als musikalische Sprache ist also ein wichtiger Teil meines Stils. Sie flie\u00dft in gewisser Weise in alles ein, was ich mache.<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben sowohl Musik f\u00fcr Film als auch f\u00fcr den Konzertsaal.<\/strong> <strong>F\u00fchlen Sie sich dabei als derselbe Komponist oder eher wie zwei unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten?<br \/>\n<\/strong>Es gibt Komponist_innen, deren Konzertmusik v\u00f6llig anders klingt als ihre Filmmusik. F\u00fcr mich ist beides miteinander verbunden. Nat\u00fcrlich kann ich in den unterschiedlichen Formaten verschiedene Dinge machen, aber ich habe nie eine wirkliche Trennung zwischen beidem empfunden. Im Gegenteil: Je \u00e4lter ich werde, desto freier f\u00fchle ich mich, mir keine Gedanken mehr dar\u00fcber zu machen, woher eine Idee kommt oder was sie inspiriert hat. Manchmal inspiriert ein St\u00fcck Filmmusik etwas, das ich dann in meiner Konzertmusik weiterverwende, oder umgekehrt. Dinge, an denen ich in einem klassischen Werk arbeite, k\u00f6nnen sp\u00e4ter auch wieder in meine Filmmusik einflie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie ein neues Projekt beginnen, was steht f\u00fcr Sie am Anfang? Haben Sie eine klare Vorstellung oder schauen Sie eher, was passiert?<br \/>\n<\/strong>Ich wei\u00df nicht, was es werden wird, und genau das gef\u00e4llt mir. Ich kann sehr gut mit Unsicherheit umgehen. Manche Komponist_innen planen ein St\u00fcck komplett im Voraus, und auch ich glaube, dass Struktur wichtig ist \u2026 Wenn ich ein l\u00e4ngeres Werk schreibe, soll es nat\u00fcrlich tragen, das ist wie bei einem Geb\u00e4ude, das stabil stehen muss. Aber mir ist es lieber, wenn ich diese Struktur w\u00e4hrend des Prozesses entdecke. F\u00fcr mich ist das inspirierender.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13510\" aria-describedby=\"caption-attachment-13510\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-13510\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-850x1275.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-039-9768-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13510\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Apropos Inspiration: In einem Ihrer Videos auf Social Media erw\u00e4hnten Sie das Zitat \u201eGood artists borrow, but great artists steal\u201c (\u201eGute K\u00fcnstler_innen leihen sich etwas aus, aber gro\u00dfartige K\u00fcnstler_innen stehlen\u201c) \u2013 was bedeutet dieser Spruch f\u00fcr Sie?<br \/>\n<\/strong>\u201eStehlen\u201c klingt nat\u00fcrlich erst einmal kriminell, aber so ist es nicht gemeint. Es hei\u00dft, dass man etwas, das man an einem anderen Kunstwerk bewundert, so aufnimmt und verinnerlicht, dass man es f\u00fcr sich \u00fcbernimmt. Man versteht es so gut, dass man, wenn man es weiterf\u00fchrt, etwas Neues daraus entstehen l\u00e4sst. Wenn man nur \u201eborgt\u201c, imitiert oder kopiert man im Grunde. Ich m\u00f6chte nicht kopieren, aber ich lasse mich gern inspirieren. Oft denkt man zun\u00e4chst, man w\u00fcrde etwas imitieren, aber je l\u00e4nger man daran arbeitet, desto mehr merkt man, dass es eigentlich nur ein Ausgangspunkt war, der einen in eine neue Richtung f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Sie gehen sehr offen mit Ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung um. Hat diese Erfahrung Ihre Beziehung zur Musik beeinflusst?<br \/>\n<\/strong>Ich denke, sie hat sie vertieft. Die Diagnose hat mich sehr viel dankbarer gemacht. Ich bin jetzt 62 und habe die Krankheit seit fast 19 Jahren. Wenn man mir damals gesagt h\u00e4tte, dass ich heute noch aktiv Musik mache, w\u00e4re ich wahrscheinlich sehr gl\u00fccklich und \u00fcberrascht gewesen. Das Leben mit MS ist nicht einfach, ich sp\u00fcre die Auswirkungen jeden Tag. Aber Musik ist das, was ich liebe, und ich wei\u00df, dass es meinem K\u00f6rper und Geist guttut, weiterhin zu komponieren und zu musizieren. Musik stimuliert viele Bereiche des Gehirns, sie ist sehr komplex. Besonders wenn man spielt, ist eigentlich der ganze K\u00f6rper beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich Ihr Blick auf Ihre Arbeit und Identit\u00e4t als Musiker durch die Diagnose ver\u00e4ndert?<br \/>\n<\/strong>Ich wollte mich nie als Opfer sehen. Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge ist, welche Geschichte man sich selbst erz\u00e4hlt. Das hat einen gro\u00dfen Einfluss auf die eigene Gesundheit, auch mental. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mir eine hoffnungsvolle Geschichte zu erz\u00e4hlen, keine tragische. Ich war in meinen Vierzigern, als ich die Diagnose bekommen habe \u2013 das ist bei MS nicht ungew\u00f6hnlich. Es hat mir geholfen, fr\u00fcher als vielleicht andere zu akzeptieren, dass wir alle k\u00f6rperliche Grenzen haben und dass sich unsere K\u00f6rper ver\u00e4ndern. Die Diagnose hat meinen Blick f\u00fcr das gesch\u00e4rft, was wirklich z\u00e4hlt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13513\" aria-describedby=\"caption-attachment-13513\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-13513\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-850x1275.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/jeff-beal_cstephanpolzer_print-048-9840-scaled.jpg 1706w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13513\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sie geben heute eine Masterclass f\u00fcr Studierende der mdw. Gibt es etwas, worauf Sie bei jungen Musiker_innen besonders achten?<br \/>\n<\/strong>Ich denke, Neugier und Eigeninitiative sind entscheidend. Wenn du Komponist_in bist, kannst du nicht unbedingt darauf warten, dass dir jemand einen Auftrag gibt. Du musst einfach machen. Ich versuche also, junge K\u00fcnstler_innen wirklich dazu zu ermutigen \u2013 besonders, wenn sie an einer gro\u00dfartigen Universit\u00e4t wie dieser sind, mit so vielen M\u00f6glichkeiten \u2013, diese Zeit zu nutzen, um so viel Musik wie m\u00f6glich zu schreiben und sie aufzunehmen. Denn irgendwann, wenn man hier fertig ist und in die Welt hinausgeht, muss man etwas haben, das man herzeigen kann.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeff Beal bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen Filmstudio und Konzertsaal. Mit Arbeiten f\u00fcr Produktionen wie House of Cards wurde der US-amerikanische Komponist international bekannt. Am 13. 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