{"id":13490,"date":"2026-04-28T15:54:37","date_gmt":"2026-04-28T13:54:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13490"},"modified":"2026-04-28T15:55:35","modified_gmt":"2026-04-28T13:55:35","slug":"internationaler-tag-der-provenienzforschung-an-der-mdw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/04\/28\/internationaler-tag-der-provenienzforschung-an-der-mdw\/","title":{"rendered":"Internationaler Tag der Provenienzforschung an der mdw"},"content":{"rendered":"Seit 2019 findet j\u00e4hrlich am zweiten Mittwoch im April der Internationale Tag der Provenienzforschung statt. An diesem werden verschiedene Aktivit\u00e4ten \u2013 von Vortr\u00e4gen \u00fcber Rundg\u00e4nge in Museen, Sammlungen und Bibliotheken bis hin zur Publikation wissenschaftlicher Aufs\u00e4tze im Blog <i>Retour<\/i> \u2013 durchgef\u00fchrt. Zum ersten Mal beteiligte sich die mdw in diesem Jahr am 8. April mit einer Veranstaltung und der Er\u00f6ffnung der Dauerausstellung <i>Geraubte Melodien \u2013 Provenienzforschung an der ub.mdw <\/i>im Freihandbereich der Universit\u00e4tsbibliothek der mdw (ub.mdw).<\/p>\n<h5>Provenienzforschung<\/h5>\n<p>Provenienzforschung widmet sich der Herkunft \u2013 also der Provenienz \u2013 von Kunstwerken, Kulturg\u00fctern, Musikinstrumenten, Musiknotendrucken, Noten, B\u00fcchern und Alltagsgegenst\u00e4nden. Seit der Novellierung des Kunstr\u00fcckgabegesetzes 2009 umfasst dies in \u00d6sterreich nicht nur jene Objekte, die w\u00e4hrend des NS-Regimes, sondern auch jene, die in der Zeit des Austrofaschismus ab 1933 geraubt wurden. Durch das Kunstr\u00fcckgabegesetz sind Bundesmuseen und Sammlungen des Bundes zur Provenienzforschung verpflichtet, f\u00fcr deren Durchf\u00fchrung die Kommission f\u00fcr Provenienzforschung eingerichtet wurde. Mehrere Bundesl\u00e4nder und Gemeinden haben Landesgesetze bzw. Regelungen zur Restitution von in der NS-Zeit entzogenem Kunstverm\u00f6gen verabschiedet. Seit der Jahrtausendwende betreiben \u00f6sterreichische Universit\u00e4tsbibliotheken innerhalb von Arbeitsgruppen oder Projekten Provenienzforschung.<\/p>\n<h5>Beraubung j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger_innen 1938<\/h5>\n<p>Die Recherche von Provenienzhinweisen beinhaltet einerseits die Befassung mit der Biografie der ehemaligen Besitzer_innen und andererseits die Rekonstruktion des Erwerbungsweges, die sogenannte Provenienzkette. Nach dem sogenannten \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an das Deutsche Reich am 12. M\u00e4rz 1938 wurde der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung sukzessive die Existenzgrundlage entzogen. Durch Berufsverbote und den damit verbundenen Verlust jeglichen Einkommens waren viele gezwungen, f\u00fcr die Finanzierung des Lebens in \u00d6sterreich oder der Flucht ins Ausland Alltags- und Wertgegenst\u00e4nde zu verkaufen. Jene, die versuchten, ins Exil zu gehen, lagerten oft ihr Eigentum als Umzugsgut \u2013 sogenannten Lifts \u2013 bei Speditionen ein. In vielen F\u00e4llen blieben Umzugsg\u00fcter in den Speditionen eingelagert: entweder, weil es nicht gelang, sie in die Exill\u00e4nder mitzunehmen oder weil die Inhaber_innen in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Jene, die deportiert wurden, mussten einen Gro\u00dfteil ihres Eigentums in den Sammellagern und Sammelwohnungen zur\u00fccklassen. Ab 1940 verwertete die Verwaltungsstelle j\u00fcdischen Umzugsgutes der Gestapo (VUGESTA) alle ihre G\u00fcter.<\/p>\n<h5>Raubgut an der mdw<\/h5>\n<p>\u00dcber diese verschiedenen Wege gelangten Musiknotendrucke, Musiknotenbl\u00e4tter und Musikinstrumente wieder in den Musikalienhandel sowie in Betriebe zur Erzeugung von Musikinstrumenten und wurden weiterverkauft. So gelangten diese u.\u2009a. auch in den heutigen Bestand der ub.mdw. Bereits in den 2000er-Jahren ging Kathrin Hui Gregorovi\u010d ersten Provenienzhinweisen in den Bibliotheksbest\u00e4nden nach. 2012 wurde die Arbeitsgruppe NS-Provenienzforschung an der mdw etabliert, die von Michael Staudinger geleitet wird. Einen weiteren Impuls erhielt die Provenienzforschung an der mdw durch die von der Autorin durchgef\u00fchrten Forschungen f\u00fcr die Ausstellung <i>Klingende Zeitgeschichte in Objekten. Die mdw* im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus<\/i>, in deren Rahmen von 2023 bis 2024 die ersten Restitutionsf\u00e4lle der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert wurden. Seit Mai 2025 wird in einem von der mdw finanzierten, vom Archiv, dem Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung und der Universit\u00e4tsbibliothek kuratierten Projekt eine systematische Durchsicht der Bibliotheksbest\u00e4nde durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Geschichte der ub.mdw geht auf den 1. J\u00e4nner 1909 zur\u00fcck, als durch die Entschlie\u00dfung von Kaiser Franz Joseph\u00a0I. das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verstaatlicht und in die k. k. Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Wien umbenannt wurde. Da der umfangreiche und wertvolle Bibliotheksbestand der Sammlung der Musikfreunde im Besitz der Gesellschaft blieb, wurde an der Akademie eine eigene Bibliothek gegr\u00fcndet. Zwischen 1933 und 1945 wurden sch\u00e4tzungsweise rund 15.000 B\u00e4nde (\u00fcberwiegend Musiknotendrucke) im Bestand der ub.mdw inventarisiert. Wie auch in anderen Bibliotheken wurden viele dieser B\u00e4nde unrechtm\u00e4\u00dfig w\u00e4hrend des NS-Regimes erworben. Andere gelangten nach 1945 durch Kauf im Musikalien- und Buchhandel sowie Antiquariaten, durch oftmals anonyme \u201eSpenden\u201c oder Nachl\u00e4sse an die ub.mdw. Die ab 1909 enthaltenen Inventarb\u00fccher liefern Informationen \u00fcber die Erwerbungsart und die Verk\u00e4ufer_innen oder Einbringer_innen. Durch diese wertvolle Quelle ist es m\u00f6glich in einigen F\u00e4llen die Erwerbungs- und Provenienzkette zu rekonstruieren.<\/p>\n<h5>Gesellschaftliche Verantwortung<\/h5>\n<p>Am 8. April 2026 wurden anl\u00e4sslich des Internationalen Tages der Provenienzforschung zwei Biografien ehemaliger Besitzer_innen von Musiknotendrucken, die sich im Bestand der ub.mdw befinden, vorgestellt und mit Lesungen aus den erhaltenen Briefen und Dokumenten und musikalischer Klavierbegleitung umrahmt. Im Anschluss fand die Er\u00f6ffnung der Ausstellung <i>Geraubte Melodien \u2013 Provenienzforschung an der ub.mdw<\/i> statt. Diese ist die erste permanente Ausstellung an einer \u00f6sterreichischen Universit\u00e4tsbibliothek, die sich diesem Thema widmet. In vier Vitrinen werden Restitutionsf\u00e4lle, die Biografien der ehemaligen Besitzer_innen und auch noch n\u00e4her zu recherchierenden F\u00e4llen pr\u00e4sentiert. Die NS-Provenienzforschung an der ub.mdw setzte mit der Dauerausstellung ein aktives Zeichen der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung als Teil ihrer historischen Verantwortung zur aktiven Erinnerungskultur.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/audiothek\/klingende-zeitgeschichte\/\"><b>Podcast \u201eKlingende Zeitgeschichte im Ohr\u201c<\/b><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2019 findet j\u00e4hrlich am zweiten Mittwoch im April der Internationale Tag der Provenienzforschung statt. An diesem werden verschiedene Aktivit\u00e4ten \u2013 von Vortr\u00e4gen \u00fcber Rundg\u00e4nge in Museen, Sammlungen und Bibliotheken bis hin zur Publikation wissenschaftlicher Aufs\u00e4tze im Blog Retour \u2013 durchgef\u00fchrt. Zum ersten Mal beteiligte sich die mdw in diesem Jahr am 8. 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