{"id":13166,"date":"2026-02-23T18:10:21","date_gmt":"2026-02-23T17:10:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13166"},"modified":"2026-02-25T10:53:56","modified_gmt":"2026-02-25T09:53:56","slug":"mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg\/","title":{"rendered":"mdwHistory\ufeff: \u201eDas Kino fiel aus. Die Stellung an der Musikakademie fiel weg.\u201c"},"content":{"rendered":"Die zwei S\u00e4tze des Titels stammen aus einem Text Ilse Aichingers, der Nichte der kinobegeisterten Pianistin und Klavierp\u00e4dagogin Erna Kremer und geben einen ebenso knappen wie treffenden Einblick in deren Schicksal nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Mehrfach finden sich in Aichingers Werk Bez\u00fcge auf ihre Tante:<\/p>\n<p><i>\u201eSie war die j\u00fcngste Schwester meiner Mutter. Sie lebte, wie wir alle, in der Wohnung meiner Gro\u00dfmutter in der Hohlweggasse, nahe dem G\u00fcrtel, stadtausw\u00e4rts. Sie unterrichtete [\u2026] bis zum M\u00e4rz 1938, Klavier an der Musikakademie in Wien. [\u2026] Aber wenn auch die letzten Privatsch\u00fcler [\u2026] gegangen waren, dr\u00e4ngte es sie fort. Sie wollte ins Kino [\u2026].\u201c <\/i><span id='easy-footnote-1-13166' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg\/#easy-footnote-bottom-1-13166' title='Ilse Aichinger, \u201eStadtausw\u00e4rts: Die Klavierspielerin\u201c, in: &lt;i&gt;Film und Verh\u00e4ngnis. Blitzlichter auf ein Leben,&lt;\/i&gt; S.\u00a011.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>\n<figure id=\"attachment_13169\" aria-describedby=\"caption-attachment-13169\" style=\"width: 756px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13169 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-756x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"756\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-756x1024.jpg 756w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-222x300.jpg 222w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-768x1040.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-1134x1536.jpg 1134w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-1512x2048.jpg 1512w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5-850x1151.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/01-01-erna-kremer-portraet-5.jpg 1575w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13169\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 mdw Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Herkunft und Ausbildung<\/h5>\n<p>1896 als Tochter einer assimilierten j\u00fcdischen Familie in Lemberg geboren, wuchs Kremer in Sarajevo auf, bis ihr Vater \u2013 ein Offizier und Beamter des Kriegsministeriums \u2013 1905 nach Wien versetzt wurde. W\u00e4hrend Religion in der Familie keine Rolle spielte, wurde hoher Wert auf Bildung gelegt und den Kindern s\u00e4mtliche Bildungswege offengelassen. Ebenso wie ihre Geschwister erhielt Kremer ersten Klavierunterricht durch ihre Mutter. Im Alter von zehn Jahren begann sie mit dem Besuch eines Vorbereitungskurses ihre pianistische Ausbildung an der mdw. 1914 beendete sie ihr Klavierstudium mit Ablegung der Reifepr\u00fcfung mit vorz\u00fcglichem Erfolg und wurde mit dem Akademiediplom und einer Pr\u00e4mie ausgezeichnet. Anschlie\u00dfend belegte sie den \u201eLehrerbildungskurs\u201c, f\u00fcr dessen Abschluss sie 1915 ebenfalls eine Pr\u00e4mie erhielt, und besuchte im Studienjahr 1915\/16 die Meisterschule f\u00fcr Klavier bei Emil Sauer.<\/p>\n<h5>K\u00fcnstlerische und p\u00e4dagogische Karriere<\/h5>\n<p>Erste Belege f\u00fcr \u00f6ffentliche Auftritte als Solistin, Klavierbegleiterin und Kammermusikerin datieren auf den Anfang der 1920er-Jahre, in einer Zeitungskritik findet sich auch der Hinweis auf eine Tournee in Schweden. Sp\u00e4testens ab 1923 leitete Kremer eine Klavier-Hauptfachklasse am Neuen Wiener Konservatorium, parallel dazu gab sie Privatstunden. Auch wenn ihr in einer Konzertkritik prophezeit worden war \u201eDie K\u00fcnstlerin wird bald als eine Klaviervirtuosin von kontinentalem Range bekannt sein.\u201c<span id='easy-footnote-2-13166' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg\/#easy-footnote-bottom-2-13166' title='&lt;i&gt;Linzer Volksblatt&lt;\/i&gt;, 25.\u200a5.\u200a1922, S. 4.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> blieb ihr eine internationale Karriere verwehrt. Seit Anfang der 1930er-Jahre trat Kremer im Rundfunk auf und erlangte so nationale Bekanntheit. 1934 erfolgte ihre Bestellung zur Leitung einer Klavier-Nebenfachklasse an der mdw, an der sie eine Vielzahl von Studierenden \u2013 bis zu 70 Personen im Semester \u2013 unterrichtete.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13170\" aria-describedby=\"caption-attachment-13170\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13170 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-1024x629.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"522\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-1024x629.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-768x472.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-1536x944.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb-850x522.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/der-wiener-tag-1934-01-31-s8-rgb.jpg 1854w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13170\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 mdw Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Verfolgung und Ermordung<\/h5>\n<p>Aufgrund ihrer j\u00fcdischen Herkunft wurde Erna Kremer nach dem \u201eAnschluss\u201c jegliche berufliche Lebensgrundlage entzogen; die 1919 erfolgte Konversion zum katholischen Glauben war dabei ohne Bedeutung. Zu den zahlreichen Restriktionen, denen die als j\u00fcdisch definierte Bev\u00f6lkerung ausgesetzt war, z\u00e4hlte auch das Verbot des Besuchs von Kinos. Als Kremer im November 1940 an eine Freundin schrieb \u201eJa, der Kummer und die Sorgen werden immer gr\u00f6\u00dfer und haben jedes ertr\u00e4gliche Ma\u00df l\u00e4ngst \u00fcberschritten.\u201c<span id='easy-footnote-3-13166' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg\/#easy-footnote-bottom-3-13166' title='Brief von Erna Kremer vom 30.\u200a11.\u200a1940, Deutsches Literaturarchiv Marbach.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>, lebte sie bereits mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in einer Sammelwohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Vermutlich Anfang Mai 1942 wurde die Familie in ein Sammellager \u00fcberf\u00fchrt und gemeinsam mit etwa 1.000 weiteren J\u00fcdinnen und Juden am 6. Mai 1942 in das wei\u00dfrussische Maly Trostinec deportiert und unmittelbar nach der Ankunft am 11. Mai in einem nahe gelegenen Waldst\u00fcck ermordet.<\/p>\n<p>Ilse Aichinger sah ihre Tante zuletzt in Wien, als Erna Kremer auf einem offenen Lastwagen zum Bahnhof gebracht wurde.<\/p>\n<p><i>\u201eIhr Kino war das Fasankino, es war fast immer das Fasankino, in das sie ging. Sie kam fr\u00f6stelnd nach Hause und erkl\u00e4rte meistens, es h\u00e4tte gezogen und man k\u00f6nne sich dort den Tod holen. Aber sie lie\u00df ihr Fasankino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich und der holte sie gemeinsam mit meiner Gro\u00dfmutter im Vernichtungslager Minsk, in das sie deportiert wurden. Es w\u00e4re besser gewesen, sie h\u00e4tte ihn sich im Fasankino geholt, denn sie liebte es.\u201c <\/i><span id='easy-footnote-4-13166' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/mdwhistory-das-kino-fiel-aus-die-stellung-an-der-musikakademie-fiel-weg\/#easy-footnote-bottom-4-13166' title='Ilse Aichinger, \u201eStadtausw\u00e4rts: Die Klavierspielerin\u201c, in:&lt;i&gt; Film und Verh\u00e4ngnis. Blitzlichter auf ein Leben&lt;\/i&gt;, S. 13.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Weitere Infos zu Erna Kremer auf der <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/spielmachtraum\/artikel\/erna-kremer\">Web-Wissensressource spiel|mach|t|raum<\/a>.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zwei S\u00e4tze des Titels stammen aus einem Text Ilse Aichingers, der Nichte der kinobegeisterten Pianistin und Klavierp\u00e4dagogin Erna Kremer und geben einen ebenso knappen wie treffenden Einblick in deren Schicksal nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an das nationalsozialistische Deutschland. 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