{"id":13160,"date":"2026-02-23T18:10:04","date_gmt":"2026-02-23T17:10:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=13160"},"modified":"2026-02-25T08:58:01","modified_gmt":"2026-02-25T07:58:01","slug":"one-shimmy-at-a-time","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2026\/02\/23\/one-shimmy-at-a-time\/","title":{"rendered":"One Shimmy at a Time"},"content":{"rendered":"Was w\u00e4re, wenn Fragen der sozialen Gerechtigkeit in unseren K\u00f6rpern greifbare Form annehmen k\u00f6nnten, sodass komplexe politische Themen verhandelbar w\u00e4ren \u2013 ganz ohne Worte? In einer Zeit, in der entk\u00f6rperlichte Formen des Medienkonsums weite Teile der westlichen Welt zunehmend polarisieren, untersucht mein Dissertationsprojekt einen anderen Modus kollektiver Sinnstiftung: eine performative und p\u00e4dagogische musiktheatrale Praxis f\u00fcr Erwachsene, die nicht zwingend eine t\u00e4nzerische oder musikalische Ausbildung mitbringen m\u00fcssen. Die Forschungsfrage ist dabei nicht, ob eine solche Praxis m\u00f6glich ist, sondern wie sie systematisch beobachtet und eingeordnet werden kann. Wie k\u00f6nnte eine solche Praxis als Form \u00e4sthetischer Vermittlung funktionieren \u2013 sei es auf einer B\u00fchne, in einer Turnhalle oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz? Und welche Bedingungen erm\u00f6glichen eine Wissensproduktion, die inklusiv und verk\u00f6rpert ist und durch Ko-Kreation entsteht? Ich hatte als T\u00e4nzerin und Community-Art-Choreografin das gro\u00dfe Privileg, eine musiktheaterale Ausbildung in New York City, dem Herzen der Musiktheater-Welt, zu absolvieren. Wie in den meisten Broadway-Musicals setzen die kurzen Tanzsequenzen, die in professionellen Trainings eingesetzt werden, soziale Theorien in Bewegung \u2013 reich an Geschichten des Widerstands und ungleicher Machtverh\u00e4ltnisse. Durch den Einsatz von Rhythmus, Stimme, Gestik sowie durch k\u00f6rperliche Anstrengung, r\u00e4umliche Organisation und Ensemble-Konstellationen stellten sich alle Anwesenden auf ein neues Gef\u00fchl von Normativit\u00e4t ein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13163\" aria-describedby=\"caption-attachment-13163\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13163 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-01-5-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13163\" class=\"wp-caption-text\">Szene aus der partizipativen Tanztheaterperformance Re:body the system von Vera Djemelinskaia &amp; Luna Al-Mousli in der Brunnenpassage, Wien, J\u00e4nner 2024 \u00a9 Barbara Mair, Raw Matters<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Rahmen meiner Dissertation entwickle ich das Konzept des <i>Choreomusicking<\/i>: eine choreografische und chorische Erweiterung von <i>Musicking<\/i> als sozialer Akt zivilgesellschaftlicher Imagination. Auf Basis interdisziplin\u00e4rer Forschung in Bereichen wie \u00e4sthetische Mediation, soziale Kognition und Queer Theory untersuche ich, inwiefern solche Praktiken vermitteln k\u00f6nnen, wie gesellschaftskritische Wahrnehmungen in einem verk\u00f6rperten und partizipativen Kunstkontext hervorgebracht und ausverhandelt werden. Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit ist die \u00dcberwindung der Trennung zwischen Performer_innen und Publikum sowie die Verortung dieser Vermittlungspraktiken in den \u00f6ffentlichen Raum. Dabei geht es nicht prim\u00e4r um Heilung \u2013 geschweige denn um eine vermeintliche \u201eIntegration\u201c marginalisierter Gruppen \u2013, sondern vielmehr um die Schaffung von R\u00e4umen f\u00fcr Erwachsene, die in gesellschaftlichen Debatten h\u00e4ufig unbeachtet bleiben, zugleich jedoch \u00fcber erhebliche gesellschaftliche Privilegien verf\u00fcgen: sie d\u00fcrfen w\u00e4hlen, k\u00f6nnen Projekte finanzieren sowie Mittel entziehen, ausgrenzen oder einschlie\u00dfen. Diese sogenannte \u201estille Mehrheit\u201c bleibt trotz ihrer entscheidenden Rolle f\u00fcr sozial transformierende Vermittlungspraktiken oft ein blinder Fleck.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13164\" aria-describedby=\"caption-attachment-13164\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13164 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/djemelinskaia-02-rgb-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13164\" class=\"wp-caption-text\">Szene aus der partizipativen, ortsspezifischen Performance mit interaktiven Schmuckst\u00fccken Pause von Vera Djemelinskaia; Eni Cani in der WEST Bibliothek, im Rahmen der Gruppenausstellung Point of View von Vienna Contemporary Art Space, Wien, Juni 2025 \u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Methodologisch ist meine Forschung in der kritischen und performativen Ethnografie verankert. Sie zielt nicht darauf ab, Transformationen der Teilnehmenden direkt zu messen oder zu quantifizieren, sondern will die Praxis selbst ergr\u00fcnden. Hierf\u00fcr fiel meine Wahl auf den Jazztanz \u2013 nicht wegen seines Glamours, sondern aufgrund seiner tiefen Verflechtung mit Geschichten der Unterdr\u00fcckung sowie der treibenden Energie dieses Tanzstils: das Ensemble, die Chorus Line, die als kollektives Gef\u00fcge Raum und Handlung zusammenh\u00e4lt. Ich bringe in diese Forschung nicht nur mein Wissen im Feld der darstellenden Kunst, sondern auch meine Erfahrung der strategischen Kommunikation ein: Aufgrund meiner T\u00e4tigkeit im Bereich der Bek\u00e4mpfung von Kreml-freundlicher Propaganda, rechtsextremer Desinformation sowie der Kampagnen der fossilen Brennstofflobby und der misogynen Inhalte der sogenannten Manosphere wei\u00df ich, dass blo\u00dfe Informationsvermittlung nicht ausreicht. Diese Forschung ist der Versuch, neu dar\u00fcber nachzudenken, wie unsere Menschlichkeit verhandelt wird: nicht durch entk\u00f6rperlichte Wissens\u00fcbertragung, sondern durch relationale, partizipative, situierte und ethische Formen \u00e4sthetischer Vermittlung.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es gar nicht so schwer, das Patriarchat zu dekonstruieren \u2013 Schritt f\u00fcr Schritt, Shimmy f\u00fcr Shimmy.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was w\u00e4re, wenn Fragen der sozialen Gerechtigkeit in unseren K\u00f6rpern greifbare Form annehmen k\u00f6nnten, sodass komplexe politische Themen verhandelbar w\u00e4ren \u2013 ganz ohne Worte? In einer Zeit, in der entk\u00f6rperlichte Formen des Medienkonsums weite Teile der westlichen Welt zunehmend polarisieren, untersucht mein Dissertationsprojekt einen anderen Modus kollektiver Sinnstiftung: eine performative und p\u00e4dagogische musiktheatrale Praxis f\u00fcr &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":438,"featured_media":13162,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1638,1523,33],"class_list":["post-13160","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2026-1","tag-earlystageresearcher","tag-research"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/438"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13160"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13234,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13160\/revisions\/13234"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13162"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}