{"id":12573,"date":"2025-11-26T12:11:17","date_gmt":"2025-11-26T11:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12573"},"modified":"2026-01-22T13:14:17","modified_gmt":"2026-01-22T12:14:17","slug":"tristan-murail-bei-den-wiener-tagen-der-zeitgenoessischen-klaviermusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/11\/26\/tristan-murail-bei-den-wiener-tagen-der-zeitgenoessischen-klaviermusik\/","title":{"rendered":"Tristan Murail bei den Wiener Tagen der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik"},"content":{"rendered":"Bei den traditionsreichen <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/veranstaltung\/?v=60979&amp;g=24066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>Wiener Tagen der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik<\/i><\/a>, die von 30. J\u00e4nner bis 3.\u00a0Februar 2026 (bereits zum 32. Mal) an der mdw stattfinden werden, ist dieses Mal Tristan Murail zu Gast \u2013 ein willkommener Anlass, um diesen spannenden Komponisten in einem Kurzportr\u00e4t zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Tristan Murail wurde 1947 in der nordfranz\u00f6sischen Hafenstadt Le Havre geboren, ein Ort, der neugierigen jungen Menschen in der Nachkriegszeit kaum kulturelle Impulse zu bieten hatte. Die Situation \u00e4nderte sich, als seine Familie (sein Vater G\u00e9rard war Dichter, und seine Geschwister widmeten sich ebenfalls der Literatur) in die Metropole Paris zog. Dort studierte Murail Politik und Wirtschaftswissenschaften. Au\u00dferdem spielte er die Ondes Martenot, ein Musikinstrument aus den Pionierjahren der Elektronik. Dadurch ergab sich ein Kontakt zu Jeanne Loriod, der weltweit besten Ondes-Martenot-Interpretin, die Olivier Messiaens Schw\u00e4gerin war, und schlie\u00dflich auch zu Messiaen selbst. Der konstatierte, dass Murail ein ausgezeichnetes Geh\u00f6r hatte und stellte ihm die folgenreiche Frage, ob er nicht Komposition studieren wolle. Und 1967 wurde Murail tats\u00e4chlich Messiaens Sch\u00fcler.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12575\" aria-describedby=\"caption-attachment-12575\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12575\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/bild1-murail-edition-henry-lemoine-paris-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12575\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Radio France \/ Christophe Abramowitz<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Umfeld, das sich dem jungen Murail er\u00f6ffnete, war stark von den Nachbeben der Avantgarde der 1950er-Jahre gepr\u00e4gt. In den K\u00f6pfen vieler Komponist_innen dominierte nach wie vor das postserielle Strukturdenken: Man ging von Parametern (etwa von der Tonh\u00f6he oder -dauer) aus und entwarf Strategien, wie diese strukturell geordnet werden k\u00f6nnten. Die Hegemonie dieses Denkens hatten aber bereits seit l\u00e4ngerer Zeit einige Rebellen radikal hinterfragt: So sp\u00fcrte Giacinto Scelsi dem Innenleben der T\u00f6ne nach und betrachtete sie nicht mehr als Einzelparameter, sondern als unermessliche mikroskopische Klanguniversen. Iannis Xenakis und Gy\u00f6rgy Ligeti entfernten sich ebenfalls vom Denken in T\u00f6nen, indem sie Klangb\u00fcndel und -fl\u00e4chen formten. Sp\u00e4ter \u2013 in seinem Text <i>Revolution der komplexen Kl\u00e4nge<\/i> \u2013 \u00fcberlegte Murail, ob nicht diese Komponisten die eigentlichen Revolutionsf\u00fchrer der Neuen Musik gewesen seien.<\/p>\n<p>Wie auch immer: Murail kn\u00fcpfte an Scelsi, Xenakis und Ligeti an. Dazu kam etwas Entscheidendes hinzu: In den 1970er-Jahren er\u00f6ffneten sich v\u00f6llig neue technische M\u00f6glichkeiten, das Klanginnere zu erschlie\u00dfen \u2013 von den ersten Sonagrammen (also grafischen Reproduktionen von Klangspektren) bis zur sp\u00e4teren Live-Elektronik. Dieser technische Innovationsschub bot jungen Komponist_innen eine Welt klanglich unerh\u00f6rter Details. Murail hat all diese Entwicklungen vorangetrieben und mitgepr\u00e4gt. Dabei war ihm vor allem die praktische Umsetzung wichtig: 1973 gr\u00fcndete er zusammen mit einigen Kollegen das Ensemble L\u2019Itineraire (die Wegstrecke). Im Zusammenspiel zwischen Klangforschung, Komposition und Interpretation bildete sich nach und nach eine neue \u00c4sthetik heraus \u2013 die sogenannte \u201emusique spectrale\u201c (Spektralmusik).<\/p>\n<p>Das \u201espektrale\u201c Komponieren (dieser Terminus ist bis heute umstritten, aber wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen) ist nicht mit einem Auskomponieren von Obertonspektren zu verwechseln: Spektren im Sinne Murails umfassen den ganzen Bereich von spektraler Reinheit bis zum wei\u00dfen Rauschen. Viele dieser komplexen Kl\u00e4nge finden sich in Murails Werken, wobei sich die Klang\u00e4sthetik seiner Musik schrittweise modifizierte. Dies liegt zum einen an den er\u00f6rterten technischen Innovationen: W\u00e4hrend er in <i>Treize couleurs du soleil couchant<\/i> (1978) und <i>Gondwana <\/i>(1980) Ring- oder Frequenzmodulationen noch h\u00e4ndisch berechnen musste, konnte er in <i>L\u2019Esprit des Dunes<\/i> (1993\/94) bereits auf Detailanalysen nicht nur station\u00e4rer Klangausschnitte, sondern auch zeitlicher Klangevolutionen zur\u00fcckgreifen. Zum anderen ist, wie bei fast allen Komponist_innen der Spektralmusik, eine Abkehr vom urspr\u00fcnglichen Purismus spektraler Klangprozesse zu bemerken. Immer mehr integriert Murail auch literarische Bez\u00fcge und spielt auf \u00e4ltere Formen an. Die computergest\u00fctzte Technik tritt in den Hintergrund, und er verl\u00e4sst sich auf sein exzellentes Geh\u00f6r und sein Gesp\u00fcr f\u00fcr die psychologische Formung des Zeitverlaufs.<\/p>\n<p>Murail ist auch ein renommierter P\u00e4dagoge: 1997 wurde er zum Professor f\u00fcr Komposition an der Columbia University New York ernannt, wo er bis 2010 lehrte. Sp\u00e4ter war er Gastprofessor an der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg und auch am Shanghai Conservatory. Dort zeigte sich, dass die Klangorientierung der Spektralmusik faszinierende Ber\u00fchrungspunkte zum chinesischen Musikdenken aufweist. Und es ist wohl kein Zufall, dass Murail sein bis dato j\u00fcngstes Werk (<i>Le Livre des Merveilles<\/i>, 2024) f\u00fcr die chinesische W\u00f6lbbrettzither Guzheng, Instrumente und Elektronik komponierte.<\/p>\n<p>Insbesondere nach 2000 hat Murail eine gr\u00f6\u00dfere Zahl an Klavierwerken vorgelegt. In ihnen gelingt es ihm, R\u00fcckschau zu halten und gleichzeitig eine neugierige und experimentierfreudige Haltung zu wahren. Diese Klaviermusik wird daher auf der ganzen Welt von zahlreichen Interpretinnen und Interpreten \u2013 darunter vielen Studierenden \u2013 gespielt. Unter anderem auch an der mdw. Wir freuen uns auf die spannende Begegnung mit diesem gro\u00dfen Musiker.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den traditionsreichen Wiener Tagen der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik, die von 30. J\u00e4nner bis 3.\u00a0Februar 2026 (bereits zum 32. 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