{"id":12553,"date":"2025-11-27T10:45:38","date_gmt":"2025-11-27T09:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12553"},"modified":"2025-11-27T10:45:38","modified_gmt":"2025-11-27T09:45:38","slug":"musik-konflikt-und-trauma-erforschen-eine-frage-des-prestiges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/11\/27\/musik-konflikt-und-trauma-erforschen-eine-frage-des-prestiges\/","title":{"rendered":"Musik, Konflikt und Trauma erforschen \u2013 eine Frage des Prestiges?"},"content":{"rendered":"<h5>Christian Poske leitet von August 2024 bis Juli 2027 das Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/musicandminorities\/projects\/sounds-of-trauma\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sounds of Trauma: Naga Song Responses to Political Conflict<\/a> am Music and Minorities Research Center der mdw. Das Projekt wird durch ein ESPRIT-Forschungsstipendium des \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanziert.<\/h5>\n<p>Wie wird Musik zum Mittel der Artikulation unterdr\u00fcckter politischer Ansichten und der Verarbeitung von Traumata aus kolonialen und postkolonialen Konflikten, die von exzessiver milit\u00e4rischer Gewalt gepr\u00e4gt waren? Wie haben Lieder die Bestrebungen eines indigenen Volkes unterst\u00fctzt, einen eigenen Nationalstaat zu gr\u00fcnden, dessen erhoffte Grenzen im Widerspruch zu jenen standen, die vom britischen Imperium hinterlassen wurden? Das dreij\u00e4hrige Forschungsprojekt untersucht diese Fragen aus einer neuartigen interdisziplin\u00e4ren Perspektive am Beispiel der Nagas, einer s\u00fcdasiatischen ethnischen Minderheit, indem Ethnomusikologie, Oral History, Traumaforschung und postkoloniale Studien verbunden werden. Seit Generationen leben zahlreiche kulturell unterschiedliche Naga-V\u00f6lker im \u00f6stlichen Himalayagebiet in einer Region, die heute den indischen Bundesstaat Nagaland sowie Teile von Assam, Manipur, Arunachal Pradesh und des n\u00f6rdlichen Myanmar umfasst. Ausgehend vom theoretischen Rahmen des Konzepts \u201eIndigenous Historical Trauma\u201c (Evans-Campbell 2008) analysiert die Studie, wie Einzelpersonen und soziale Gruppen verschiedener Naga-V\u00f6lker in ihrer Musik die kumulativen Auswirkungen kolonialer und postkolonialer politischer sowie milit\u00e4rischer Konflikte in ihren Heimatregionen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts thematisieren. Im methodischen Fokus stehen ethnografische Feldforschung, inhaltliche Analyse von Online-Quellen sowie die textliche und musikalische Untersuchung von Kompositionen. Dar\u00fcber konnten das Highland Institute, ein unabh\u00e4ngiges Forschungsinstitut in Nagaland, sowie das Filmteam <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/@takeonenagaland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>TakeOne Nagaland<\/b><\/a>\u00a0als Projektpartner gewonnen werden. Zu den Projektergebnissen werden eine Monografie, ein Videodokumentarfilm und eine Sammlung von Feldaufnahmen, Gesangsauff\u00fchrungen und Interviews geh\u00f6ren, die sowohl am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der mdw als auch auch am Highland Institute archivarisch aufbewahrt werden sollen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12556\" aria-describedby=\"caption-attachment-12556\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12556\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-1-1-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12556\" class=\"wp-caption-text\">Naga-S\u00e4nger Sangyusang Pongen (Ungma, Nagaland, Indien; 13. August 2025) \u00a9 Christian Poske<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aufgrund der \u00e4u\u00dferst instabilen Lage im Norden Myanmars, wo bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen dem Milit\u00e4rregime und verschiedenen Widerstandsgruppen weiterhin andauern, konzentriert sich die Feldforschung des Projekts auf Nagaland und die angrenzenden Bundesstaaten Manipur, Assam und Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens. Auch diese Region war \u00fcber Jahrzehnte hinweg von inneren Unruhen gepr\u00e4gt, da nationalistische und separatistische Bewegungen lange mit milit\u00e4rischen Mitteln f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Naga-Staat gek\u00e4mpft haben. In den vergangenen zwanzig Jahren haben jedoch Waffenstillst\u00e4nde und Friedensabkommen die Konflikte auf der indischen Seite der Grenze deutlich abgeschw\u00e4cht. Trotzdem bleibt ethnografische Forschung in diesem Gebiet eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr westliche Wissenschaftler_innen \u2013 nicht nur aufgrund der sprachlichen und kulturellen Barrieren, die es zu \u00fcberwinden gilt, um Vertrauen zu lokalen Gespr\u00e4chspartner_innen aufzubauen, sondern auch wegen der verst\u00e4rkten Kontrolle durch staatliche Organe, die den Informationsfluss innerhalb und \u00fcber die Landesgrenzen hinaus \u00fcberwachen. So hat die indische Regierung Ende 2024 die Reisebestimmungen f\u00fcr Nagaland und weitere Regionen Nordostindiens ge\u00e4ndert \u2013 weshalb der vorgesehene Zeitplan f\u00fcr Feldforschung des Projekts abge\u00e4ndert werden musste.<\/p>\n<p>Im Rahmen des Projekts werden Kontakte zu etablierten K\u00fcnstler_innen und weniger bekannten Musiker_innen gekn\u00fcpft, um ihre Lieder \u00fcber die politische Geschichte Nagalands und der angrenzenden Regionen zu dokumentieren \u2013 ebenso wie die pers\u00f6nlichen Biografien, aus denen diese Lieder hervorgegangen sind. Viele dieser Geschichten sind gepr\u00e4gt von direkten oder indirekten Gewalterfahrungen mit milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen, die oft individuelles und kollektives seelisches Leid sowie generationen\u00fcbergreifende Traumata zur Folge hatten. Die Erforschung solcher Erfahrungen erfordert vonseiten der Forschenden ein besonders einf\u00fchlsames Vorgehen, vor allem, wenn sie die Beteiligten bitten, einschneidende Ereignisse und psychische wie k\u00fcnstlerische Bew\u00e4ltigungsstrategien bez\u00fcglich langanhaltender Konflikte zu reflektieren und mit den Forschenden zu teilen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12557\" aria-describedby=\"caption-attachment-12557\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12557\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/figure-2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12557\" class=\"wp-caption-text\">Im Gespr\u00e4ch mit dem Naga-Historiker Visier Meyasetsu Sany\u00fc (Medziphema, Nagaland, Indien; 17. August 2025) \u00a9 Christian Poske<\/figcaption><\/figure>\n<p>Daher kann die Untersuchung musikalischer Reaktionen auf politische und milit\u00e4rische Konflikte \u201eals eine Art angewandte Ethnomusikologie verstanden werden, weil sie darauf abzielt, Erfahrungen und Lebenswerke zu dokumentieren, zu interpretieren und ethisch zug\u00e4nglich zu machen, die ansonsten aus der offiziellen Geschichtsschreibung ausgeschlossen bleiben w\u00fcrden\u201c (Pilzer 2015, 482). Es kann also verlockend erscheinen, solche Forschungsinitiativen als Dienstleistung f\u00fcr betroffene soziale Gruppen zu betrachten, deren Konflikterfahrungen und musikalische Ausdrucksformen untersucht werden. Doch eine Haltung, die darauf abzielt, von den Menschen zu lernen und ihnen zuzuh\u00f6ren, erweist sich als weitaus fruchtbarer, als der Versuch, ihnen zu \u201ehelfen\u201c, was leicht in paternalistischen Denkmustern m\u00fcnden kann. Ein solcher zugewandter Ansatz kann au\u00dferdem dazu beitragen, die kulturellen und sozialen Unterschiede zu \u00fcberbr\u00fccken, die unweigerlich zum Vorschein kommen, wenn ein deutschst\u00e4mmiger Musikwissenschaftler, der an ener privilegierten Hochschule f\u00fcr Musik angestellt ist, mittels prestigestr\u00e4chtiger Forschungsf\u00f6rderung die musikalischen Ausdrucksformen einer indigenen Gemeinschaft in einer konfliktgepr\u00e4gten Region des Globalen S\u00fcdens erforscht. Selbstreflexion sowie die Bereitschaft, \u00fcber Fragen der eigenen Positionalit\u00e4t und Privilegien nachzudenken, sind dabei unerl\u00e4ssliche Werkzeuge. Da das Music and Minorities Research Center stets die Notwendigkeit hervorhebt, durch Forschungsans\u00e4tze potenziell entstehende Machtungleichgewichte und verborgene Hierarchien zu erkennen, ist es daher eine ideale Institution f\u00fcr die Umsetzung des Projekts, bei dem f\u00fcr den Projektleiter weniger Fragen des Prestigegewinns als vielmehr das Ziel der gemeinn\u00fctzigen musikethnologischen Wissensentwicklung sowie der Anspruch von sozial verantwortungsvoller und kulturell nachhaltiger Forschungsarbeit im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Evans-Campbell, Teresa. 2008. \u201cHistorical Trauma in American Indian\/Native Alaska Communities: A Multilevel Framework for Exploring Impacts on Individuals, Families, and Communities.\u201d <i>Journal of Interpersonal Violence<\/i> 23 (3): 316\u201338. <a>https:\/\/doi.org\/10.1177\/0886260507312290.<\/a><\/p>\n<p>Pilzer, Joshua D. 2015. \u201cThe Study of Survivors\u2019 Music.\u201d In <i>The Oxford Handbook of Applied Ethnomusicology<\/i>, edited by Svanibor Pettan and Jeff Todd Titon. Oxford University Press. <a>https:\/\/doi.org\/10.1093\/oxfordhb\/9780199351701.013.17.<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Poske leitet von August 2024 bis Juli 2027 das Forschungsprojekt Sounds of Trauma: Naga Song Responses to Political Conflict am Music and Minorities Research Center der mdw. 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