{"id":12536,"date":"2025-11-27T10:54:48","date_gmt":"2025-11-27T09:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12536"},"modified":"2025-11-27T10:54:48","modified_gmt":"2025-11-27T09:54:48","slug":"zur-entwicklung-der-ethnomusikologischen-minderheitenforschung-am-institut-fuer-volksmusikforschung-und-ethnomusikologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/11\/27\/zur-entwicklung-der-ethnomusikologischen-minderheitenforschung-am-institut-fuer-volksmusikforschung-und-ethnomusikologie\/","title":{"rendered":"Zur Entwicklung der ethnomusikologischen Minderheitenforschung am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie"},"content":{"rendered":"Ende April erkl\u00e4rte mir Marko K\u00f6lbl, Leiter des Instituts f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie (IVE), die Redundanz des Institutsnamens: \u201eBeide Bezeichnungen enthalten dieselben Wortbedeutungen: Volk (Volks-\/Ethno-), Musik (-musik-\/-music-) und Forschung (-forschung\/-ologie).\u201c Trotz dieser offensichtlichen Doppelung habe man sich daf\u00fcr entschieden beide Namen beizubehalten, so K\u00f6lbl weiter, da jeder Begriff seine eigene Geschichte und Herkunft habe und man dies so auch anerkennen wolle.<\/p>\n<p>Das Institut f\u00fcr Volksmusikforschung wurde 1965 gegr\u00fcndet und konzentrierte sich in den ersten Jahrzehnten vor allem auf \u00f6sterreichische Musik, mit einigen wenigen Exkursen in die Musik anderer Communitys. Dies stand in der Tradition der <i>Volksmusikforschung<\/i>, die sich historisch mit der \u201eBauernmusik der Nation\u201c befasste und ein Produkt der romantischen Vorstellungen vom \u201eVolk\u201c war, wie sie sich im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert entwickelt hatten. Im Rahmen eines solchen Forschungsparadigmas wurden Minderheiten in der Regel ignoriert oder sogar als potenzielle \u201eVerf\u00e4lscher\u201c der \u201eReinheit\u201c des nationalen Musikerbes dargestellt. Die Archivbest\u00e4nde des IVE aus dieser Zeit spiegeln diesen Fokus auf die Mehrheitskultur wider. Die Feldaufnahmen wurden in erster Linie vom Institutsgr\u00fcnder und damaligen -leiter Walter Deutsch sowie von Gerlinde Haid, die das Institut sp\u00e4ter selbst leitete, angefertigt. Diese Tonaufnahmen dokumentieren ein breites Spektrum musikalischer Ausdrucksformen aus dem gesamten \u00f6sterreichischen Raum \u2013 sowie in begrenztem Ma\u00dfe auch aus angrenzenden Regionen (etwa den alpinen Gebieten Italiens und Sloweniens) \u2013 und umfassen vielf\u00e4ltige Erscheinungsformen in Bezug auf Instrumentierung, Stil und Dialekt.<\/p>\n<p>Mitte der 1980er-Jahre kam Ursula Hemetek, die damals ihre Dissertation \u00fcber die Hochzeitsmusik der Burgenlandkroat_innen in Stinatz schrieb, mit Deutsch in Kontakt, der ihr wertvolle Anregungen f\u00fcr ihr Forschungsprojekt gab und ihr eine ganz andere Perspektive vermittelte als das Institut f\u00fcr Musikwissenschaft der Universit\u00e4t Wien, an dem Hemetek studierte. Deutschs Fachwissen \u00fcber regionale Musikstile war besonders wertvoll f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Beziehung zwischen der Musik der Minderheitengruppe und der breiteren Mehrheitskultur. Nach Abschluss ihrer Dissertation begann Hemetek am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung zu arbeiten und entwickelte das erste durch Drittmittel finanzierte Projekt an der damaligen Hochschule f\u00fcr Musik und darstellende Kunst: <i>Traditionelle Musik ethnischer Gruppen in \u00d6sterreich unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der musikalischen Akkulturation<\/i> (1990). Dieses Forschungsprojekt war das erste am Institut, das sich ausdr\u00fccklich mit der Musik von Minderheiten befasste und sich auf die Burgenlandkroat_innen und Roma-Communitys konzentrierte.<\/p>\n<p>Dieser Forschungsbereich sowie seine F\u00f6rderung und Entwicklung waren eng mit den umfassenden politischen und gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre verbunden. Es handelte sich um eine ausgesprochen turbulente Zeit: das Ende des Eisernen Vorhangs, die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, Ver\u00e4nderungen in der Migrationspolitik sowie die Entstehung und Erweiterung der Europ\u00e4ischen Union. Zugleich war dies eine Phase, in der rechtspopulistische und rechtskonservative Str\u00f6mungen in \u00d6sterreich zunehmend an Einfluss gewannen; die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespr\u00e4sidenten im Jahr 1986 sowie der politische Aufstieg J\u00f6rg Haiders und der FP\u00d6 sind hierf\u00fcr exemplarisch. Als Reaktion auf den erstarkenden rechten Diskurs kam es zu einer gewissen Ann\u00e4herung innerhalb linker politischer Milieus. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die 1991 gegr\u00fcndete NGO Initiative Minderheiten, die als zentrale Plattform zur Bildung breiterer minorit\u00e4rer Allianzen diente und sich f\u00fcr Minderheitenrechte sowie rechtliche Schutzmechanismen einsetzte. Ursula Hemetek war Gr\u00fcndungsmitglied dieser Organisation und betrachtet ihre Forschungst\u00e4tigkeit aus jener Zeit als das, was heute als angewandte Ethnomusikologie [applied ethnomusicology] bezeichnet wird. Mit anderen Worten: Sie nutzte ihre Forschung, um sich f\u00fcr die Gemeinschaften einzusetzen, mit denen sie arbeitete.<\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hne das, weil ich der Ansicht bin, dass die anhaltende Unterst\u00fctzung Walter Deutschs und \u2013 ab 1994 \u2013 der damaligen Institutsleiterin Gerlinde Haid f\u00fcr Forschungsprojekte \u00fcber Minderheiten eng mit dem damaligen politischen Kontext verkn\u00fcpft war. Die Volksmusik der Mehrheitskultur war h\u00e4ufig Gegenstand nationalistischer oder rechtspopulistischer Vereinnahmung und Instrumentalisierung. Deutsch und Haid waren sich dieser Tatsache akut bewusst, daher kann die F\u00f6rderung von Forschungsprojekten zu musikalischen Praktiken von Minderheiten auch als eine Form politischer Positionierung gegen den Aufstieg rechter Ideologien verstanden werden. Zwischen 1990 und 1999 war das Institut Tr\u00e4ger von sechs derartigen Forschungsprojekten. Ursula Hemetek war dabei die treibende Kraft, doch die best\u00e4ndige Unterst\u00fctzung durch Deutsch und sp\u00e4ter Haid machte diese Forschung in ihrer damaligen institutionellen Form erst m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Aufnahmen aus diesen Forschungsprojekten, die heute im Archiv des IVE aufbewahrt werden, sind au\u00dfergew\u00f6hnlich gut dokumentiert und umfassen mehr als 800 Stunden Material. Sie markieren einen bedeutsamen Wandel im Selbstverst\u00e4ndnis und in der inhaltlichen Ausrichtung des Instituts. Das Tonmaterial beinhaltet Interviews, Konzertmitschnitte, Workshops und Vortr\u00e4ge und wird h\u00e4ufig durch umfangreiche visuelle Begleitmaterialien erg\u00e4nzt \u2013 darunter Konzertprogramme, Einladungen, Fotografien und vereinzelt auch Videoaufzeichnungen. Die vertretenen Gruppen sind \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig und spiegeln nicht nur die in \u00d6sterreich offiziell anerkannten <i>Volksgruppen<\/i>, sondern auch Migrant_innen aus der T\u00fcrkei und dem ehemaligen Jugoslawien (die sogenannten \u201eGastarbeiter_innen\u201c), Gefl\u00fcchtete aus den Balkankriegen der 1990er-Jahre sowie zahlreiche weitere migrantische und religi\u00f6se Minderheiten wider. Dieses umfangreiche Forschungsmaterial bildete in weiterer Folge auch die Grundlage f\u00fcr Ursula Hemeteks Habilitationsschrift <i>Mosaik der Kl\u00e4nge<\/i> (2001).<\/p>\n<p>In dieser Zeit begann Hemetek, Masterarbeiten zu betreuen, die vom Themenschwerpunkt in den Bereich Musik und Minderheiten passten. \u201eGrabe, wo du stehst!\u201c, lautete Walter Deutschs Rat an Studierende, die auf der Suche nach einem Forschungsthema waren. Mit der zunehmenden Internationalisierung der mdw bekam dieser Aufruf jedoch eine andere Bedeutung und veranlasste die Studierenden, sich mit Musikpraktiken au\u00dferhalb des Rahmens der Volksmusikforschung auseinanderzusetzen. Solche Themen waren beispielsweise japanische Kinderlieder in Wien oder armenische, griechische und zentralafrikanische Musik, wie sie in Wien praktiziert wird, \u2013 alles Themen, die in den Bereich der Ethnomusikologie sowie in die damals aufkommenden Bereiche Musik und Minderheiten sowie urbane Ethnomusikologie passten.<\/p>\n<p>Im Lauf der 1990er-Jahre r\u00fcckten die ethnomusikalische Minderheitenforschung sowie die Ethnomusikologie im breiteren Sinne zunehmend in den Fokus der Forschung, Archivierung und Lehre am Institut. Sp\u00e4testens mit der Habilitation Ursula Hemeteks an der Universit\u00e4t Wien im Fach Ethnomusikologie wurde deutlich, dass sich die wissenschaftliche Expertise des Instituts weit \u00fcber den Rahmen der traditionellen Volksmusikforschung hinaus entwickelt hatte und nun das gesamte Feld der Ethnomusikologie umfasste. Als die Hochschule f\u00fcr Musik und darstellende Kunst im Jahr 1998 in eine Universit\u00e4t umgewandelt wurde, erfolgte \u2013 auf Initiative der damaligen Institutsleiterin Gerlinde Haid \u2013 die Umbenennung des bisherigen Instituts f\u00fcr Volksmusikforschung in Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie. Dieser Schritt war, wenngleich sprachlich m\u00f6glicherweise redundant, Ausdruck einer deutlichen inhaltlichen Erweiterung des Forschungsfeldes. Seither hat sich gezeigt, dass diese Erweiterung au\u00dferordentlich fruchtbar war: Das IVE hat sich als zentraler Knotenpunkt innerhalb der europ\u00e4ischen und internationalen Ethnomusikologie-Netzwerke etabliert, mit einer besonderen wissenschaftlichen Expertise im Bereich Music and Minorities.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Institut f\u00fcr Volksmusikforschung wurde 1965 gegr\u00fcndet und konzentrierte sich in den ersten Jahrzehnten vor allem auf \u00f6sterreichische Musik, mit einigen wenigen Exkursen in die Musik anderer Communitys.<\/p>\n","protected":false},"author":430,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1618,1103,33,854],"class_list":["post-12536","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2025-4","tag-mmrc","tag-research","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12536","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/430"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12536"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12688,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12536\/revisions\/12688"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}