{"id":12493,"date":"2025-11-28T10:00:13","date_gmt":"2025-11-28T09:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12493"},"modified":"2025-11-28T10:13:36","modified_gmt":"2025-11-28T09:13:36","slug":"die-musikalische-vielfalt-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/11\/28\/die-musikalische-vielfalt-der-welt\/","title":{"rendered":"Die musikalische Vielfalt der Welt"},"content":{"rendered":"<h3><strong>60 Jahre Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie<\/strong><\/h3>\n<p>Im Interview mit dem <em>mdw-Magazin<\/em> blicken Ursula Hemetek, ehemalige Leiterin des Instituts f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie sowie Gr\u00fcnderin des Music and Minorities Research Center (MMRC), und Marko K\u00f6lbl, aktueller Leiter des Instituts, auf die bewegte Institutsgeschichte zur\u00fcck, geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen und diskutieren gegenw\u00e4rtige politische Herausforderungen.<\/p>\n<p><strong>Aus welcher Motivation heraus wurde 1965 das Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie gegr\u00fcndet?<br \/>\n<\/strong>Ursula Hemetek (UH): Wir haben dazu mit Walter Deutsch, dem Gr\u00fcnder des Instituts, ein langes Interview gef\u00fchrt. Seiner Meinung nach hat man auf politischer Ebene festgestellt, dass an einer Akademie, was die mdw damals noch war, wo musiziert und Kunst unterrichtet wurde, Studierenden auch theoretisches Wissen mitgegeben werden sollte. Deswegen wurden 1965 die ersten beiden wissenschaftlichen Institute gegr\u00fcndet: das Institut f\u00fcr Volksmusikforschung, damals das Deutsch-Institut, und das Institut f\u00fcr Musiksoziologie, das damalige Blaukopf-Institut. Walter Deutsch war eigentlich prim\u00e4r Komponist und Musiker, hat sich aber mit Volksmusik besch\u00e4ftigt. Ursprungsidee der Gr\u00fcndung war laut ihm das Interesse an europ\u00e4ischer Volksmusik, insbesondere der Komponierenden, um Verbindungen mit der klassischen Musik herauszuarbeiten und sich inspirieren zu lassen. Er sollte einen Melodienkatalog Europas erstellen. Die Volksmusikforschung ist eigentlich durch die Gr\u00fcndung des Instituts im akademischen Bereich angekommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12490\" aria-describedby=\"caption-attachment-12490\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12490\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-003-4543-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12490\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Marko K\u00f6lbl (MK): Der Wunsch nach einer Institutionalisierung des Fachbereichs hat schon vor 1965 bestanden. Es gab bereits im Nationalsozialismus Bestrebungen, die allerdings intern rigoros abgelehnt wurden. Auch das \u00d6sterreichische Volksliedwerk hat damals befunden, dass Volksmusik im akademischen Kontext nichts zu suchen hat. In der Nachkriegszeit, noch vor Institutsgr\u00fcndung, gab es dieses Ansinnen erneut, aber anders konzipiert, n\u00e4mlich viel mehr in Richtung vergleichende Musikwissenschaft. Aber auch das hat nicht funktioniert. Es ist interessant, dass der Wunsch, den Fachbereich institutionell zu festigen, schon vor 1965 bestand und dass es bis zur Institutsgr\u00fcndung mehrere Anl\u00e4ufe gab.<\/p>\n<p><strong>Welchen Stellenwert hatte bei der Gr\u00fcndung die Minderheitenforschung in \u00d6sterreich?<br \/>\n<\/strong>UH: 1965 gab es keine Minderheitenforschung, zumindest nicht im Fach Volksmusikforschung. Und das Fach Ethnomusikologie als solches hat in \u00d6sterreich noch nicht existiert. Es gab die vergleichend&#8211;systematische Musikwissenschaft an der Universit\u00e4t Wien. Die Minderheitenforschung am Institut hat eigentlich mit meinem Arbeitsbeginn bei Walter Deutsch 1987 begonnen. Meine erste Aufgabe war, Protokolle von Tonaufnahmen zu erstellen und auch musikalische Transkriptionen von Feldforschungen zur \u00f6sterreichischen Volksmusik zu machen. Ich hatte zu Hochzeitsliedern in Stinatz, also Liedgut des Burgenlandes, gearbeitet und meine Dissertation zu Burgenlandkroat_innen verfasst und im Zuge dessen bereits mit Walter Deutsch zusammengearbeitet. Walter Deutsch hatte auch hier ein umfassendes Wissen, und da Burgenlandkroat_innen in \u00d6sterreich leben, waren musikalische \u00c4u\u00dferungen von Minderheiten f\u00fcr ihn auch Teil der Volksmusikforschung. Aber das war nicht in den 1960er-Jahren, sondern in den sp\u00e4ten 1980ern.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, die Minderheitenforschung entstand erst viel sp\u00e4ter?<br \/>\n<\/strong>UH: Ja, Ende der 1980er- bzw. Anfang der 1990er-Jahre. Minderheitenforschung wurde damals mit \u201efremdsprachig\u201c konnotiert. Im Fach hie\u00df es zu jener Zeit, dass Volksmusikforschung sich mit dem Eigenen besch\u00e4ftigt und Ethnomusikologie mit dem Fremden. Das ist heute nicht haltbar und war es damals schon nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie haben sich Themen- bzw. Forschungsfelder ver\u00e4ndert oder vielleicht sogar erweitert?<br \/>\n<\/strong>MK: Zur Zeit der Gr\u00fcndung des Instituts war klar, dass alpenl\u00e4ndische \u00f6sterreichische Volksmusik der Forschungsgegenstand ist. Heute gibt es in unserem Masterstudium keine Vorgabe, in welchem Musikstil man sich k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken hat oder mit welchem man \u00fcberhaupt zur Zulassungspr\u00fcfung kommen darf. Dass es 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zehn Jahre nach Republiksgr\u00fcndung einen Fokus darauf gab, das \u201e\u00d6sterreichische\u201c in den Vordergrund zu stellen, ist vielleicht logisch. Aber das Bewusstsein, dass zu dem \u00d6sterreichischen auch Minderheiten geh\u00f6ren, die in der Forschung beachtet werden sollten, musste sich erst entwickeln. Es war ja dann wiederum eine Entwicklung am Institut, Menschen, die nach \u00d6sterreich migrieren, auch als zu \u00d6sterreich zugeh\u00f6rig zu denken und deswegen auch ihre Musik als relevant f\u00fcr die Forschung zu betrachten.<\/p>\n<p>UH: Erst im Zuge meiner Romaforschung habe ich gelernt, wie viele verschiedene Gruppen es gibt und dass nat\u00fcrlich nur ein Teil sogenannte Autochthone sind. Die gr\u00f6\u00dfte Gruppe sind im Zuge der Arbeitsmigration zugewanderte Roma, vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien. Damit hat auch die Migrationsforschung am Institut begonnen, die dann 1995 mit dem Bosnienkrieg stark ins Zentrum getreten ist, weil eine junge Wissenschaftlerin aus Sarajevo zu uns ans Institut kam. Im Rahmen eines Drittmittelprojektes haben wir uns mit den musikalischen \u00c4u\u00dferungen bosnischer Gefl\u00fcchteter in \u00d6sterreich besch\u00e4ftigt. Das war Fluchtforschung und etwas Neues, und es wurde diskutiert, ob das Minderheitenforschung ist, \u2013 und nat\u00fcrlich ist es das. Der Minderheitenbegriff hat sich in dieser Zeit politisch entwickelt. Zuvor waren Volksgruppen die Minderheiten in \u00d6sterreich. Durch politische Diskussionen wurde der Begriff auf verschiedene Gruppen, die Diskriminierung erfahren haben, beispielsweise sexuelle Minderheiten oder nat\u00fcrlich Migrant_innen, ausgeweitet.<\/p>\n<p><strong>Eine aktuelle Entwicklung ist, dass Volksmusik in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Wirkt sich das auch auf die Forschung aus?<br \/>\n<\/strong>MK: Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass Volksmusik boomt. Das trifft eher auf volkst\u00fcmliche Popularmusik oder auch ethnisch markierte Popularmusik zu, die ja auch ein wichtiger Teil der Forschung in unserem Fach ist. Diesen Musikstilen messe ich eine gro\u00dfe Relevanz bei und hier sehen wir vielleicht auch Booms. Sie sind relevant f\u00fcr das Publikum und das muss man ernstnehmen. Aus Forschungsperspektive ist es spannend, dass derzeit gewisse Musiker_innen in der volkst\u00fcmlichen Popularmusik ein gro\u00dfes Publikum in \u00d6sterreich haben, gleichzeitig aber die \u00f6sterreichische alpenl\u00e4ndische Volksmusik an Bedeutung verliert. Ethnisch markierte Popularmusik f\u00fcr migrantische Communitys in \u00d6sterreich ist extrem wichtig und boomt sehr. Es ist egal, ob das f\u00fcr die serbische Community Turbo-Folk ist, Afghan Pop f\u00fcr afghanische Gefl\u00fcchtete oder kroatische Popularmusik f\u00fcr Burgenlandkroat_innen. Die Relevanz ist relativ \u00e4hnlich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12491\" aria-describedby=\"caption-attachment-12491\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12491\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-850x1275.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-006-4562-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12491\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wirken sich diese Entwicklungen auf die Studierendenzahlen aus?<br \/>\n<\/strong>MK: Es spielt sicher eine Rolle, wenn wir uns anschauen, wer jetzt an unserem Institut arbeitet und welche Themen behandelt werden. Es ist nicht \u00fcberraschend, dass wir so viele internationale Studierende haben, die mit ihren eigenen musikalischen Traditionen hierherkommen und die mdw mit diesen extrem bereichern.<\/p>\n<p>UH: Wir hatten auch in den 1990er-Jahren 48 Prozent ausl\u00e4ndische Studierende. Nur damals hat es niemanden interessiert, was diese noch mitbringen. Ich habe schon vor langer Zeit angeregt, dass man bei Aufnahmepr\u00fcfungen erheben sollte, ob es andere musikalische Kompetenzen gibt. Das ist nicht umgesetzt worden. Was wir aber gemacht haben, ist unsere Bi- bzw. Multimusikalit\u00e4tsstudie, bei der IGP-Masterstudierende, klassisch mit Fragebogen, soziologisch befragt wurden, was sie denn noch f\u00fcr andere Musiksprachen sprechen. Abgefragt wurde, ob sie sich selbst als bimusikalisch oder multimusikalisch definieren und dem haben damals bereits 67 Prozent zugestimmt. Und 2015 haben wir eine weitere Bimusikalit\u00e4tsstudie mit Tiefeninterviews mit ausgew\u00e4hlten Studierenden durchgef\u00fchrt. Es war ein guter Beleg daf\u00fcr, dass wir das Masterstudium Ethnomusikologie brauchen. Obwohl ich ehrlicherweise nicht gleich an ein eigenes Masterstudium dachte, sondern zun\u00e4chst nur Curricula \u00e4ndern wollte. Aber August Schmidhofer von der Universit\u00e4t Wien, der Studienprogrammleiter war, hat mich angesprochen und vorgeschlagen, ob wir nicht ein gemeinsames Masterstudium Ethnomusikologie machen wollen. Wir haben dann tats\u00e4chlich an einem interuniversit\u00e4ren Curriculum gearbeitet. Das ist aber leider aus mehreren Gr\u00fcnden gescheitert. Deswegen haben wir dann gesagt: \u201eGut, dann machen wir es selber.\u201c Die Definition der Zulassungspr\u00fcfungwar am Anfang schwierig, aber dieses Problem konnte inzwischen gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p><strong>In welcher Relation stehen Kunst und Wissenschaft am Institut?<br \/>\n<\/strong>MK: Wir wollen profund wissenschaftlich ausbilden, fragen bei der Zulassung aber vorrangig k\u00fcnstlerische Kompetenzen ab. Das passt nicht zusammen. Und doch ist es produktiv. Meine ganz pers\u00f6nliche Meinung ist, dass es in der Ethnomusikologie immer hilft, wenn man k\u00fcnstlerische Kompetenz hat. Es ist keine Voraussetzung, man muss nicht Musiker oder Musikerin sein, um ethnomusikologisch forschen zu k\u00f6nnen. Aber es ist hilfreich, weil man Musik auf eine andere Art und Weise forschend analysierend wahrnehmen kann. Diese Doppelrolle Musiker_in\/Forscher_in ist auch etwas, das in der Institutsgeschichte durchaus verankert ist.<\/p>\n<p>UK: Es war ungew\u00f6hnlich f\u00fcr wissenschaftliche Institute, dass hier auch eine k\u00fcnstlerische Umsetzung erfolgt. Das hat mich auch so am Institut fasziniert, als ich hierhergekommen bin. Da ist gespielt worden, was man in der Feldforschung gelernt hat, oder es ist auch in einer hohen Qualit\u00e4t auf B\u00fchnen pr\u00e4sentiert worden.<\/p>\n<p>MK: Es h\u00e4ngt immer davon ab, ob es R\u00e4ume f\u00fcr etwas gibt oder eben nicht. Und f\u00fcr traditionelle Musik gab es keine im akademischen Bereich. Das hat sich bei uns auch erst in der Musikp\u00e4dagogik durch Rudi Pietsch und dem Unterricht richtig institutionalisiert und sp\u00e4ter dann mit dem Studium. Nat\u00fcrlich kann man sich fragen, warum es in unserem Bereich eigentlich nur ein Masterstudium gibt, das alles erf\u00fcllen muss. Andere haben das aufgef\u00e4chert in Konzertfach, in ein wissenschaftliches Studium, ein p\u00e4dagogisches Studium, dass dann so oder so ausgerichtet ist. Das liegt aber auch an der Wertigkeit, die gewissen Musikstilen zugesprochen wird. Vielen Musikstilen, mit denen sich die Ethnomusikologie besch\u00e4ftigt, wird sehr wenig Wert beigemessen. Das ist kein Vorwurf an bestimmte Institutionen oder Akteur_innen, sondern spiegelt globale strukturelle Ungleichheit wider.<\/p>\n<p>UH: Als die wissenschaftlichen Institute sich zusammengetan haben, kam es auch zu einem Umdenken. Davor hie\u00df es: Die Wissenschaft dient der Reflexion der Kunst. Das war\u2019s. K\u00fcnstler_innen sollten reflektieren und daf\u00fcr war die Wissenschaft zust\u00e4ndig. Es war ein langsamer Prozess, bis allen klar wurde: Wir dienen nicht der Reflexion, sondern vertreten ein Fach.<\/p>\n<p>MK: Es gibt jetzt mehr Chancen Wissenschaft, aber auch k\u00fcnstlerische Praxis ganz neu zu denken, eben nicht als voneinander getrennte Entit\u00e4ten. Die k\u00fcnstlerische Forschung steckt in ihren Anf\u00e4ngen, bietet aber durchaus auch Zug\u00e4nge. Das ist ein Thema f\u00fcr Kunstuniversit\u00e4ten, diese zwei Felder zusammenzudenken und sich auch nicht zu f\u00fcrchten vor einer Verw\u00e4sserung jeweils eines der beiden Bereiche.<\/p>\n<p><strong>Frau Hemetek, Sie haben 2018 den Wittgenstein-Preis erhalten und damit 2019 das MMRC gegr\u00fcndet. Warum war Ihnen die Gr\u00fcndung eines eigenen Forschungszentrums an der mdw wichtig?<br \/>\n<\/strong>UH: Weil eine international sichtbare wissenschaftliche Verankerung in einer eigenen Institution der ethnomusikologischen Minderheitenforschung weltweit nicht existiert. Das MMRC ist das einzige Forschungszentrum f\u00fcr musikalische Minderheitenforschung. Mir ist es wichtig, den Nachwuchs zu f\u00f6rdern, und ich m\u00f6chte, dass eine strukturelle Verankerung da ist, die Nachwuchswissenschaftler_innen Forschung erm\u00f6glicht. Dass das Forschungszentrum an der mdw entstehen soll, war mir auch wichtig. Letztendlich verdanke ich diesem Haus ja meine Karriere und habe immer hier gearbeitet. Es war also nur logisch.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man sich den Erhalt eines so prestigetr\u00e4chtigen Preises vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>UH: Ich habe an einem Samstag erfahren, dass ich den Wittgenstein-Preis erhalten werde. Mir wurde erkl\u00e4rt, dass ein Text gebraucht wird, wo der Forschungsschwerpunkt beschrieben und erkl\u00e4rt wird, was mit dem Geld passieren wird und geplant ist. Den Text wollten sie bis Dienstag und bis dahin durfte ich niemandem etwas sagen. Rektorin Sych musste ich aber informieren. Am Montag wurde eine Sitzung mit allen relevanten Stellen einberufen. Und wir haben tats\u00e4chlich an diesem Montag alles ausgemacht und am Dienstag konnte ich die Idee vorlegen. Im November 2019 wurde das Zentrum dann er\u00f6ffnet. Ich finde, das war eine sinnvolle Verwendung dieser 1,4 Millionen Euro. Und es l\u00e4uft sehr gut.<\/p>\n<p><strong>Was sind konkret die Forschungsschwerpunkte am MMRC?<br \/>\n<\/strong>UH: Der erste PreDoc war Ioannis Christidis, der seine Dissertation \u00fcber syrische Gefl\u00fcchtete geschrieben hat. Anja Brunner ist mit ihrem gesamten Forschungsprojekt, das vom \u00d6sterreichischer Wissenschaftsfonds (FWF) drittmittelfinanziert war, zu uns gekommen. Und sie hat auch zu syrischen Gefl\u00fcchteten gearbeitet. Am Anfang war Flucht ein Forschungsschwerpunkt, speziell syrische Gefl\u00fcchtete. Das hat sich jetzt ein bisschen verschoben. Wir haben 2023 einen starken Roma-Schwerpunkt gemacht anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums der 30 Jahre Anerkennung der Roma\/Romnja als Volksgruppe in \u00d6sterreich. Da gibt es die digitale Ausstellung <em>Ru\u017eake Gila<\/em>, die sich fast nur aus dem Archiv des Instituts speist. Und wir haben das internationale Journal <em>Music &amp; Minorities (M&amp;M)<\/em>, das bei <em>mdwPress<\/em> erscheint, etabliert.<\/p>\n<p><strong>Woran wird am MMRC aktuell geforscht?<br \/>\n<\/strong>UH: Wir haben die Initiative <em>Advancing Music and Minorities Research (AMMR),<\/em> mit der wir Forschende bei ihrer Drittmittelantragsstellung mit 8.000 Euro unterst\u00fctzen. Ganz wichtig hier zu erw\u00e4hnen ist Malik Sharif, der jetzt mein Stellvertreter am MMRC ist. Er ist sicher der Beste, was Drittmittelprojekte f\u00fcr Ethnomusikologie in \u00d6sterreich betrifft. Seit er bei uns ist, l\u00e4uft vieles besser bei der Antragstellung und er unterst\u00fctzt die Forschenden hierbei. Derzeit sind drei Projekte in Bearbeitung. Zwei Projekte wurden bereits vom FWF bewilligt. Ein Projekt in Ghana von Amos Darkwa Asare: <em>We sing to live: The songs of a minority fishing community <\/em>und das andere in Indien von Christian Friedrich Poske: <em>Sounds of Trauma: Naga Song Responses to Political Conflict. <\/em>Beide arbeiten jetzt hier und er\u00f6ffnen mit ihren Projekten ganz neue Aspekte. Wir haben aber auch immer wieder eigenfinanzierte Projekte, wie die digitale Ausstellung <em>Ru\u017eake Gila<\/em>. Das n\u00e4chste Projekt ist ein Principle Investigator Project von Jelena Gligorijevic, die im Mai beginnen wird und sich besonders mit der queeren und weiblichen \u201eYugo\u201c-Musikszene in Wien besch\u00e4ftigen wird. Aber im Februar 2026 machen wir ein gro\u00dfes Zukunftssymposium, weil da die Wittgenstein-Gelder auslaufen und eine Z\u00e4sur sein wird. Wir wollen einerseits mit allen Beteiligten eine R\u00fcckschau machen und andererseits eine Zukunftsvision entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern \u00fcberschneidet sich die Arbeit des MMRC mit der des Instituts?<br \/>\n<\/strong>MK: Wenn man schaut, wer zu welchen Themen am Institut arbeitet, arbeitet die Mehrheit zu Minderheiten. Insofern k\u00f6nnte man sagen, es gibt eine Doppelung. Aber als Institut mit Minderheitenschwerpunkt ist es ein Traum, am selben Haus eine koexistierende Forschungsinstitution zu haben, die sich haupts\u00e4chlich um drittmittelfinanzierte Forschung k\u00fcmmern kann und forschende R\u00e4ume er\u00f6ffnet. Denn als Institut machen wir ja nicht ausschlie\u00dflich Forschung und haben noch viele andere Bet\u00e4tigungsfelder, insbesondere die Lehre.<\/p>\n<p>UH: Und ihr profitiert auch von unserer Forschung. Die Trennung war mir von Anfang an wichtig, auch f\u00fcr die Au\u00dfenwirkung. Denn ein Institut hat andere Aufgaben. Nat\u00fcrlich werden beide miteinander assoziiert, weil wir an derselben Universit\u00e4t sind. Aber mit dem MMRC erreichen wir zus\u00e4tzlich andere Kreise als das Institut.<\/p>\n<p>MK: Genau. Und als Institut k\u00f6nnen wir uns nicht prim\u00e4r um Forschungs- und Nachwuchsf\u00f6rderung in der Forschung k\u00fcmmern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12492\" aria-describedby=\"caption-attachment-12492\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12492\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/inst-ive_c-stp_print-044-4797-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12492\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Warum ist es wichtig Tanz, Vokal- und Instrumentalmusik spezifischer traditioneller Stile nicht nur theoretisch zu erforschen, sondern auch durch Veranstaltungen einer breiten \u00d6ffentlichkeit n\u00e4herzubringen?<\/strong><\/p>\n<p>MK: Wenn die mdw \u201eUniversit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien\u201c hei\u00dft, dann muss auch alles, was der Begriff \u201eMusik\u201c umfasst, zugelassen werden k\u00f6nnen. Diese Konzerte oder Workshops, schaffen ein plurales Musikverst\u00e4ndnis, das gewisse Menschengruppen nicht ausschlie\u00dft, und erinnern daran, dass es auch eine Welt au\u00dferhalb \u00d6sterreichs, au\u00dferhalb der gro\u00dfen Konzerth\u00e4user oder au\u00dferhalb Europas gibt. Im Prinzip geht es darum, anzuerkennen, was die Welt alles hat. Und es ist in der derzeitigen politischen Situation wichtig zu verstehen, dass es nicht nur uns selbst gibt, sondern dass wir in einer Welt leben, in der verschiedene Menschen mit verschiedenen Backgrounds, W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen koexistieren. Sei es jetzt im kleinen Bereich oder aus einem globalen weltpolitischen Blickwinkel betrachtet.<\/p>\n<p><strong>Welchen Herausforderungen muss sich das Institut in den kommenden Jahren stellen?<br \/>\n<\/strong>MK: Wir hatten dazu einen Roundtable im Rahmen unseres 60-Jahre-Jubil\u00e4ums-Symposium, wo wir die Frage gestellt haben: Was bedeutet dieser Fachbereich angesichts der autorit\u00e4ren Wende, die wir heute erleben? Traditionelle Musikstile bzw. Musikstile, die irgendwie mit Identit\u00e4t gekoppelt sind, werden sehr oft missbraucht. Das sehen wir in verschiedenen Regionen der Welt. Sie werden f\u00fcr nationalistische Bestrebungen instrumentalisiert und manchmal als Leitkultur definiert, um andere kulturelle Ausdrucksformen auszuschlie\u00dfen. Unser Fachbereich steht aber genau daf\u00fcr: Musik antirassistisch und dekolonial zu verstehen und musikalische und kulturelle Vielfalt sowie Transkulturalit\u00e4t ins Zentrum zu r\u00fccken. Das widerspricht vielen Postulaten von rechtskonservativen politischen Str\u00f6mungen, die in Europa und weltweit immer st\u00e4rker wachsen. Insofern muss sich unser Institut hier \u00fcberlegen, wie man sich da gut positioniert. Das ist die \u00fcbergeordnete politische Ebene. Auf Universit\u00e4tsebene finde ich, w\u00e4re es total wichtig, dass unser Fachbereich in der Lehre noch st\u00e4rker verankert wird \u2013 in anderen Curricula, aber zum Beispiel auch als eigenes Bachelorstudium. Das ist ein langfristiger Prozess, aber nat\u00fcrlich braucht es ein Bachelorstudium. \u2013 Und warum nicht auch ein k\u00fcnstlerisch ausgerichtetes? Ich denke wir sind 2025 an einem Zeitpunkt von gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen angekommen, wo kulturelle Vielfalt nicht mehr irgendeine seltsame Nischenforderung ist, sondern als Realit\u00e4t akzeptiert wird.<\/p>\n<p>Es geht aber in Zukunft auch um Stellennachbesetzungen, Nachwuchsf\u00f6rderung und damit eng verkn\u00fcpft die Weiterentwicklung von Forschungsbereichen. Diese Weiterentwicklung ist ein zentrales Thema, das sehr stark in der Verantwortung der handelnden Personen liegt. Da bin ich wirklich sehr froh, dass diese am Institut international sehr gut aufgestellt, gut vernetzt und anerkannt sind und in ihren Fachbereichen gesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p><strong>Tr\u00e4gt die mdw aufgrund der politischen Herausforderungen unserer Zeit eine besondere gesellschaftliche Verantwortung?<\/strong><br \/>\nMK: Absolut. Als Beispiel: Meine Habilitationsforschung besch\u00e4ftigt sich mit afghanischer Musik im Exil und damit auch mit dem Musikverbot, das die Taliban verh\u00e4ngt haben und mit dem alle Musikausbildungsinstitutionen verboten wurden. Im Kontext dieser Forschung haben 2024 Studierende des jetzt geschlossenen Music Department der Kabul University an der mdw zu studieren begonnen \u2013 m\u00f6glich wurde dies durch die engagierte Unterst\u00fctzung des Rektorats. Ich sehe hier eine ganz gro\u00dfe Verantwortung. Denn R\u00e4ume wie die mdw gewinnen enorm an Bedeutung, wenn sie ein Exil-Ort f\u00fcr eine verbotene Musikkultur werden. Es gibt keinen globalen Plan, wie mit einer solchen Situation umgegangen werden soll, daher kann unser Institut und die mdw pl\u00f6tzlich in wichtige Verantwortungen gelangen, die langfristig auch historisch bedeutend sind. Es \u00f6ffnen sich also immer wieder politische Verantwortlichkeiten in unserem Fach, einfach weil sich dieses mit der musikalischen Vielfalt der Welt besch\u00e4ftigt.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview mit dem mdw-Magazin blicken Ursula Hemetek, ehemalige Leiterin des Instituts f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie sowie Gr\u00fcnderin des Music and Minorities Research Center (MMRC), und Marko K\u00f6lbl, aktueller Leiter des Instituts, auf die bewegte Institutsgeschichte zur\u00fcck, geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen und diskutieren gegenw\u00e4rtige politische Herausforderungen.<\/p>\n","protected":false},"author":259,"featured_media":12492,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1618,1103,279,53,854,852,91],"class_list":["post-12493","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2025-4","tag-mmrc","tag-ethnomusikologie","tag-forschung","tag-special","tag-vielfalt","tag-volksmusik"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/259"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12493"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12712,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12493\/revisions\/12712"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}