{"id":12256,"date":"2025-09-26T12:42:24","date_gmt":"2025-09-26T10:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12256"},"modified":"2025-09-26T12:46:35","modified_gmt":"2025-09-26T10:46:35","slug":"mdwhistory-was-offenbart-der-repatriierungsantrag-hans-winterbergs-im-archiv-des-exilarte-zentrums-ueber-identitaet-exil-und-ueberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/09\/26\/mdwhistory-was-offenbart-der-repatriierungsantrag-hans-winterbergs-im-archiv-des-exilarte-zentrums-ueber-identitaet-exil-und-ueberleben\/","title":{"rendered":"mdwHistory\ufeff: Was offenbart der Repatriierungsantrag Hans\ufeff Winterbergs im Archiv des Exilarte Zentrums \u00fcber Identit\u00e4t, Exil und \u00dcberleben?"},"content":{"rendered":"Max Brod, enger Vertrauter Franz Kafkas, soll die vielzitierte Formel gepr\u00e4gt haben, Prag sei \u201ehundert Prozent tschechisch, hundert Prozent j\u00fcdisch und hundert Prozent deutsch\u201c gewesen. Diese paradoxe Zuschreibung verweist auf die komplexe kulturelle Konstellation der b\u00f6hmischen Hauptstadt, in der ethnische, sprachliche und religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeiten nicht trennscharf nebeneinander existierten, sondern ein dichtes Beziehungsgeflecht bildeten. Prag war \u2013 neben Wien \u2013 ein bedeutendes kulturelles Zentrum der Habsburgermonarchie, in dem sich imperiale, nationale und transnationale Einfl\u00fcsse \u00fcberlagerten.<\/p>\n<p>Ein emblematischer Ort dieser Vielschichtigkeit war das 1888 als\u00a0Neues Deutsches Theater\u00a0gegr\u00fcndete, heutige Geb\u00e4ude der St\u00e1tn\u00ed opera. Bis zur Z\u00e4sur des Jahres 1938 fungierte es als Ort \u00e4sthetischer Moderne und transnationaler kultureller Austauschprozesse. Insbesondere unter der Leitung Alexander Zemlinskys, von 1911 bis 1927, entfaltete sich ein ambitioniertes, programmatisch zeitgen\u00f6ssisches Repertoire. Neben eigenen Werken brachte Zemlinsky u.\u2009a. Kompositionen von Erich Wolfgang Korngold, Ernst Krenek und Franz Schreker zur Auff\u00fchrung. 1924 dirigierte er zudem die Urauff\u00fchrung von Arnold Sch\u00f6nbergs Monodram <i>Erwartung<\/i>. Als die Wiener Staatsoper im Kontext des drohenden \u201eAnschlusses\u201c die Urauff\u00fchrung von Kreneks Oper <i>Karl V.<\/i>\u00a0\u2013 der ersten zw\u00f6lft\u00f6nigen Oper \u2013 aus politischer Opportunit\u00e4t unterlie\u00df, wurde diese am 22. Juni 1938 in Prag realisiert. Krenek selbst blieb der Auff\u00fchrung fern \u2013 eine Entscheidung, die er retrospektiv als Ausdruck von Furcht vor Verfolgung und Diffamierung reflektierte. Erst 1984 wurde <i>Karl V.<\/i> an der Wiener Staatsoper nachgeholt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12259\" aria-describedby=\"caption-attachment-12259\" style=\"width: 681px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12259 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-681x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"681\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-681x1024.jpg 681w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-768x1155.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-1021x1536.jpg 1021w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1-850x1279.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/repatriierungsnachweis-kopie-2-rgb-1.jpg 1025w\" sizes=\"auto, (max-width: 681px) 100vw, 681px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12259\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Exilarte Zentrum der mdw<\/figcaption><\/figure>\n<p>In diesem kulturellen Spannungsfeld wuchs <a href=\"https:\/\/exilarte.org\/nachlaesse\/hanus-hans-winterberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hans (Hanu\u0161) Winterberg<\/a> auf. Geboren 1901 in Prag als Enkel eines Rabbiners und Kantors in Aussig, erhielt er seine musikalische Ausbildung an der Deutschen Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Prag, u.\u2009a. bei Fidelio Finke (Komposition) sowie Alexander Zemlinsky (Dirigieren). Sp\u00e4ter studierte er am Prager Staatskonservatorium bei Alois H\u00e1ba \u2013 gemeinsam mit Gideon Klein. Nach dem Zerfall der Monarchie verzeichnete sich die Familie Winterberg in der tschechoslowakischen Volksz\u00e4hlung von 1930 als \u201e\u010desk\u00e1\u201c (tschechisch), eine Selbstdefinition, die in einem zunehmend ethno-nationalistischen Klima keineswegs folgenlos blieb. Hans Winterberg heiratete die nicht-j\u00fcdische Pianistin Maria Maschat; aus der Ehe ging die Tochter Ruth hervor.<\/p>\n<p>Mit der nationalsozialistischen Okkupation der Tschechoslowakei im Jahr 1939 begann ein Prozess schrittweiser sozialer, \u00f6konomischer und physischer Vernichtung. Die Firma des Vaters wurde zwangsweise \u201earisiert\u201c, die Mutter 1942 in das Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert und dort ermordet. Die Ehe mit Maria Maschat wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung zwangsweise aufgehoben, Winterberg zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nur durch die sp\u00e4te \u00dcberstellung nach Theresienstadt im J\u00e4nner 1945 entging er dem Massentransport j\u00fcdischer Musiker_innen im Oktober 1944 nach Auschwitz \u2013 eine Deportation, die u.\u2009a. Viktor Ullmann, Hans Kr\u00e1sa, Pavel Haas und Gideon Klein das Leben kostete. Hans Winterberg z\u00e4hlt damit zu den wenigen \u00dcberlebenden jener bedeutenden Generation tschechisch-j\u00fcdischer Komponist_innen, deren Werke und Biografien durch Shoah, Exil und Verdr\u00e4ngung lange aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis ausgeschlossen blieben.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Hans Winterberg zahlreiche Angeh\u00f6rige und enge Bezugspersonen verloren. Als Internierter im Ghetto Theresienstadt war er staatenlos, seine Zukunftsperspektive von fundamentaler Unsicherheit gepr\u00e4gt. In dieser existenziell prek\u00e4ren, wenngleich nicht vollst\u00e4ndig hoffnungslosen Lage erwies es sich als entscheidender Vorteil, dass er und seine Familie bereits im Jahr 1930 eine tschechische (\u010desk\u00e1) Nationalit\u00e4tszugeh\u00f6rigkeit angegeben hatten. Diese fr\u00fchere Selbstidentifikation bildete die rechtliche Grundlage daf\u00fcr, dass seine Repatriierung offiziell anerkannt werden konnte und ihm die Beantragung eines tschechoslowakischen Passes erm\u00f6glicht wurde. Im Rahmen des Passantrags wurde die 1944 vollzogene Zwangsscheidung von seiner Ehefrau Maria Maschat nicht ber\u00fccksichtigt. In einem beigef\u00fcgten Schreiben erl\u00e4uterte Winterberg seine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr den Antrag, wobei er insbesondere auf das Ziel verwies, die im Ausland (i.e. im Besitz von Maria Maschat) befindlichen Notenmanuskripte zur\u00fcckzuerlangen. Die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen hatten sich n\u00e4mlich grundlegend durch die Umsetzung der Bene\u0161-Dekrete ge\u00e4ndert, die 1946 zur zwangsweisen Ausb\u00fcrgerung und Vertreibung der deutschen, i.e. nicht-tschechoslowakische Bev\u00f6lkerung f\u00fchrten. Auch Maria Maschat war hiervon betroffen und musste nach Deutschland auswandern. Winterberg folgte ihr kurz darauf in die Emigration. Die Tschechoslowakei, die in der Folgezeit unter kommunistische Herrschaft geriet, sollte er zeitlebens nicht wieder betreten.<\/p>\n<p>In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Hans Winterberg nur bedingt, sich nolens volens in die sudetendeutsche Gemeinschaft in Bayern zu integrieren. Als j\u00fcdischer Emigrant mit tschechoslowakischer Pr\u00e4gung blieb er gesellschaftlich marginalisiert und war fortw\u00e4hrenden Vorbehalten und subtilen Ausgrenzungen ausgesetzt. Seine kulturelle und nationale Identit\u00e4t \u2013 insbesondere seine j\u00fcdische Herkunft und seine Verbindung zur b\u00f6hmischen Musikkultur \u2013 konnten und sollten nicht in das konservative Selbstverst\u00e4ndnis der sudetendeutschen Nachkriegsgesellschaft integriert werden. Obwohl seine Werke vereinzelt im Programm des Bayerischen Rundfunks aufgef\u00fchrt wurden, blieb ihm eine \u00fcberregionale Rezeption weitgehend versagt. Dies ist unter anderem den dominierenden Tendenzen in Musikwissenschaft und -kritik der Nachkriegszeit geschuldet, die sich prim\u00e4r der F\u00f6rderung avantgardistischer Str\u00f6mungen verschrieben hatten und kompositorische Positionen jenseits dieses Diskurses weitgehend ignorierten oder abwerteten.<\/p>\n<p>Ein besonders kritischer Aspekt der Rezeption Winterbergs betrifft die Behandlung seines k\u00fcnstlerischen Nachlasses. Im Jahr 2002 wurde dieser von seinem Adoptivsohn f\u00fcr 6000 DM an das Sudetendeutsche Musikinstitut in Regensburg, Tr\u00e4ger Oberpfalz, verkauft \u2013 unter der Bedingung, jegliche Hinweise auf Winterbergs j\u00fcdische Herkunft zu unterdr\u00fccken und den Nachlass bis zum Jahr 2030 unter Verschluss zu halten. Diese Auflagen stellen einen signifikanten Fall posthumer Ausgrenzung und struktureller antisemitischer Diskriminierung dar, der exemplarisch f\u00fcr den problematischen Umgang mit j\u00fcdischem Kulturerbe im deutschsprachigen Raum nach 1945 steht. Erst durch das beharrliche Engagement von Winterbergs Enkel Peter Kreitmeir konnten diese Vorg\u00e4nge \u00f6ffentlich gemacht und einer kritischen Aufarbeitung unterzogen werden. In der Folge wurde die wissenschaftliche Erschlie\u00dfung sowie eine editorische Ver\u00f6ffentlichung von Winterbergs \u0152uvre durch das Exilarte Zentrum der mdw in Kooperation mit dem Verlag Boosey &amp; Hawkes erm\u00f6glicht. Aufnahmen von Winterbergs Werken sind bei eda records, Toccata Classics und Capriccio erschienen.<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p><b>Veranstaltungstipp: <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/veranstaltung\/?v=63867&amp;g=46746\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konzert mit Kammermusikwerken von Hans Winterberg<\/a><br \/>\n<\/b>15. Oktober, 19 Uhr, Kleiner Ehrbar Saal<br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Brod, enger Vertrauter Franz Kafkas, soll die vielzitierte Formel gepr\u00e4gt haben, Prag sei \u201ehundert Prozent tschechisch, hundert Prozent j\u00fcdisch und hundert Prozent deutsch\u201c gewesen. Diese paradoxe Zuschreibung verweist auf die komplexe kulturelle Konstellation der b\u00f6hmischen Hauptstadt, in der ethnische, sprachliche und religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeiten nicht trennscharf nebeneinander existierten, sondern ein dichtes Beziehungsgeflecht bildeten. 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