{"id":12221,"date":"2025-09-24T11:38:26","date_gmt":"2025-09-24T09:38:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12221"},"modified":"2025-09-24T13:08:42","modified_gmt":"2025-09-24T11:08:42","slug":"fritz-kreisler-war-mehr-als-ein-geiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/09\/24\/fritz-kreisler-war-mehr-als-ein-geiger\/","title":{"rendered":"\u201eFritz Kreisler war mehr als ein Geiger\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Michael Frischenschlager und Clemens Hellsberg im Gespr\u00e4ch mit dem <i>mdw-Magazin <\/i>\u00fcber einen Jahrhundertvirtuosen und gro\u00dfen Humanisten anl\u00e4sslich dessen 150. Geburtstags im Jahr 2025.<\/h5>\n<p>Lassen Sie uns mit einer pers\u00f6nlichen Frage beginnen: Wie war bei Ihnen beiden der erste Kontakt mit der Musik von Fritz Kreisler?<\/p>\n<figure id=\"attachment_12223\" aria-describedby=\"caption-attachment-12223\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12223\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/mg-7031.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12223\" class=\"wp-caption-text\">Michael Frischenschlager \u00a9 Juri Tscharyiski<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Michael Frischenschlager (MF):<\/b> Das war \u2013 ehrlich gesagt \u2013 eine traurige Geschichte. Ich habe in Salzburg am Mozarteum studiert, gleich nach dem zweiten Weltkrieg, bei Theodor M\u00fcller. Er war ein wunderbarer Lehrer, ein gro\u00dfartiger P\u00e4dagoge, aber er war als Sudetendeutscher sehr \u201enational\u201c eingestellt. Und er hat mir \u2013 ich sage das ganz offen \u2013 verboten, Fritz Kreisler zu spielen. Seine Begr\u00fcndung war: \u201eDas ist Kaffeehausmusik \u2013 und au\u00dferdem ist er ja ein Jud.\u201c<\/p>\n<p>Ein schwerer Einstieg.<\/p>\n<p><b>MF: <\/b>Ja, das kann man so sagen. Erst sp\u00e4ter, in K\u00f6ln, durfte ich endlich Kreisler spielen. Das war ein Aha-Erlebnis f\u00fcr mich. Seine kleinen St\u00fccke \u2013 zum Beispiel <i>Liebesleid<\/i> oder <i>Sch\u00f6n Rosmarin<\/i> \u2013 sind kompositorisch so pr\u00e4zise gearbeitet, mit einer solchen Musikalit\u00e4t. Da war kein Hauch von Trivialit\u00e4t. Ich war sofort begeistert.<\/p>\n<p><b>Clemens Hellsberg (CH):<\/b> Bei mir war es ganz anders. Mein Vater (Eugen Hellsberg, Anm.) war selbst Musiker, Jahrgang 1910, und hatte Kreisler noch live geh\u00f6rt \u2013 in Berlin. Ich bin mit diesen St\u00fccken aufgewachsen. F\u00fcr mich geh\u00f6rten <i>Liebesleid<\/i> oder <i>Liebesfreud<\/i> von Anfang zum Standardrepertoire. Und sp\u00e4ter nat\u00fcrlich auch Kreisler-Kadenzen zu den Violinkonzerten von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms.<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Eines der aufregendsten Erlebnisse meiner Jugend war es, als ich Kreisler pers\u00f6nlich begegnet bin. 1956, im Mozartjahr, war ich mit dem Mozarteumorchester Salzburg in der Carnegie Hall. Danach gab es einen Empfang \u2013 und pl\u00f6tzlich stand der Konzertmeister neben mir und sagte: \u201eKomm mit, der Kreisler ist da.\u201c Dann wurde ich ihm vorgestellt. Er sa\u00df da \u2013 wei\u00dfes Haar, schm\u00e4chtig, aber mit diesen unglaublichen Augen. Es war ein Moment, der mich nie mehr losgelassen hat.<\/p>\n<p>Was hat Sie so an ihm ber\u00fchrt?<\/p>\n<p><b>MF: <\/b>Seine W\u00fcrde, seine stille Gr\u00f6\u00dfe. Und sein Schicksal. Ich begann mich zu fragen: Warum wurde seine Musik eigentlich so lange kaum gespielt? Warum ist er bei uns fast vergessen \u2013 w\u00e4hrend er in Amerika, Asien oder England als Legende gilt?<\/p>\n<p>Hat es auch mit seiner Biografie zu tun?<\/p>\n<p><b>CH:<\/b> Vielleicht. Fritz Kreisler war ein echter Alt\u00f6sterreicher. Patriotisch, monarchietreu, humanistisch. Im 1. Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, obwohl er schon ber\u00fchmt war. Schon vor dem 2. Weltkrieg stellte er sich ab 1933 ganz klar gegen den Nationalsozialismus. Und trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 wurde er in \u00d6sterreich lange ambivalent betrachtet.<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Er war auch unfassbar gro\u00dfz\u00fcgig. Nach beiden Weltkriegen organisierte er riesige Hilfsaktionen, spendete Gagen, organisierte Transporte mit Kleidung und Lebensmitteln \u2013 besonders f\u00fcr die notleidende Wiener Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><b>CH:<\/b> Er war eine moralische Instanz \u2013 und zugleich ein musikalisches Wunder. Diese kleinen St\u00fccke, die scheinbar leichten, \u2013 sie sind perfekt gebaut. Kompositorisch glasklar, an der Wiener Klassik geschult, aber immer mit einem eigenen Ton.<\/p>\n<p>Worin liegt f\u00fcr Sie die besondere Herausforderung, Kreislers Musik aufzuf\u00fchren?<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Gerade in ihrer scheinbaren Leichtigkeit. Es ist Musik, die rasch in ihrer Wirkung kippen kann: Spielt man sie zu s\u00fc\u00dflich, wird sie kitschig. Spielt man sie technisch, klingt sie rasch banal. Man muss genau die Mitte finden \u2013 mit Ernst, Geschmack und Charme. Kreisler ist eine Schule des guten Geschmacks.<\/p>\n<p><b>CH:<\/b> Und was oft vergessen wird: Er hatte ein unglaubliches stilistisches Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Seine \u201ePugnani\u201c- oder \u201eTartini\u201c-St\u00fccke hat er im barocken Stil komponiert \u2013 und jahrzehntelang alle damit get\u00e4uscht. Erst ein Musikwissenschaftler hat herausgefunden, dass es seine eigenen Werke waren.<\/p>\n<p>Was war seine Motivation f\u00fcr ein solches T\u00e4uschungsman\u00f6ver?<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Er sagte einmal, wenn er als junger Komponist eigene Werke gespielt h\u00e4tte, h\u00e4tte sich niemand daf\u00fcr interessiert. Also hat er sie unter erfundenen Namen gespielt. Aber vermutlich war es auch ein Spiel, eine Provokation \u2013 gegen\u00fcber dem klassischen Musikbetrieb, gegen\u00fcber dem Kanon.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung hat Kreisler aus Ihrer Sicht in der heutigen Zeit?<\/p>\n<figure id=\"attachment_12225\" aria-describedby=\"caption-attachment-12225\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12225\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/dsc-7318v-c-terry-linke-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12225\" class=\"wp-caption-text\">Clemens Hellsberg \u00a9 Terry Linke<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>CH:<\/b> In der Welt? Sehr viel. In Asien, Amerika, \u00fcberall wird er verehrt. Bei uns? Leider viel zu wenig. Das war mit ein Grund, warum wir uns so stark f\u00fcr einen Fritz-Kreisler-Wettbewerb eingesetzt haben. Der erste fand 1979 statt, den wir gemeinsam mit Wolfgang Schneiderhan initiiert haben.<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Wien braucht so einen Wettbewerb. Diese Stadt hat so viel zur Musik beigetragen \u2013 und Kreisler geh\u00f6rt diesbez\u00fcglich zu den wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten, auch als Humanist. Der Wettbewerb ist eine Erinnerung daran, dass Musik nicht nur Kunst ist, sondern auch eine Haltung beinhaltet.<\/p>\n<p>Was kann die junge Generation von Geigerinnen und Geigern von Kreisler lernen?<\/p>\n<p><b>CH:<\/b> Sehr viel. Technik, Artikulation, Phrasierung. Und vor allem: dass man Pers\u00f6nlichkeit zeigen darf, dass man singen darf mit dem Instrument und dass es erlaubt ist, Musik zu lieben.<\/p>\n<p><b>MF:<\/b> Und dass Tradition nichts Starres ist, sondern lebendig bleibt \u2013 wenn man sie weitergibt. Der gro\u00dfe Pianist Bruno Seidlhofer hat zu seinen Sch\u00fclern gesagt: \u201eIch gebe Ihnen den Handschlag von Beethoven weiter.\u201c Und er meinte das v\u00f6llig ernst, weil er auf direkte Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnisse verweisen konnte: von Beethoven \u00fcber Czerny bis zu ihm selbst. Das ist keine Legende, das ist eine gelebte Linie.<\/p>\n<p><b>CH: <\/b>In diesem Sinn steht auch Kreisler mittendrin. Nicht nur als Musiker, sondern als Tr\u00e4ger einer Idee: dass Musik ein Raum ist, in dem Menschlichkeit, Humor, Tiefsinn und Sch\u00f6nheit zusammenkommen. Und genau das bleibt sein gr\u00f6\u00dftes Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Seit 1979 erinnert \u00d6sterreichs bedeutendster Violinwettbewerb an den gro\u00dfen Geigenvirtuosen Fritz Kreisler (1875\u20131962). Michael Frischenschlager\u00a0(geb. 1935), Pr\u00e4sident Emeritus der Fritz Kreisler Gesellschaft, war langj\u00e4hriger Professor und von 1992 bis 1996 Rektor der mdw. Clemens Hellsberg\u00a0(geb. 1952), Pr\u00e4sident der Kreisler Gesellschaft, war von 1997 bis 2014 Vorstand der Wiener Philharmoniker. Gemeinsam mit dem Zeithistoriker Oliver Rathkolb ist er Herausgeber von <i>Fritz Kreisler: Trotz des Tosens der Kanone. Frontbericht eines Virtuosen <\/i>(Wien 2015).<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/fritzkreisler.com\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>11.\u00a0Internationale Fritz Kreisler Violinwettbewerb<\/b>\u00a0<\/a> findet vom 18. bis 27.\u00a0September 2026 statt.<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p><b><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/veranstaltung\/?v=44674&amp;g=33478\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Veranstaltungstipp: Galakonzert zum 150. Geburtstag von Fritz Kreisler<\/a><br \/>\n<\/b>30. Oktober, 18.30 Uhr, Ehrbar Saal<br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Frischenschlager und Clemens Hellsberg im Gespr\u00e4ch mit dem mdw-Magazin \u00fcber einen Jahrhundertvirtuosen und gro\u00dfen Humanisten anl\u00e4sslich dessen 150. Geburtstags im Jahr 2025.<\/p>\n","protected":false},"author":60,"featured_media":12224,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[1594,1590,1271],"class_list":["post-12221","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-music","tag-1594","tag-2025-3","tag-fritzkreisler"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/60"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12221"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12221\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12341,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12221\/revisions\/12341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}