{"id":12177,"date":"2025-09-25T11:50:04","date_gmt":"2025-09-25T09:50:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=12177"},"modified":"2025-09-25T11:50:04","modified_gmt":"2025-09-25T09:50:04","slug":"to-be-continued-diversitaet-als-diskriminierungskritische-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/09\/25\/to-be-continued-diversitaet-als-diskriminierungskritische-praxis\/","title":{"rendered":"To be Continued: Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis"},"content":{"rendered":"Kunst birgt das Potenzial, Altes zu verwerfen, Neues zu denken und Gewohntes neu zu kontextualisieren. Gleichzeitig stehen Kunst- und Kulturbetriebe, ebenso wie Kunstuniversit\u00e4ten in der Kritik, die bestehenden Macht- und Eliteverh\u00e4ltnisse zu stabilisieren (J\u00e4ger 2023: 29). Dies beginnt bereits mit Ausschl\u00fcssen, die durch Vorstellungen von Exklusivit\u00e4t und Exzellenz bedingt werden und beispielsweise in voraussetzungsvolle Zugangspr\u00fcfungen m\u00fcnden (Reitsamer\/Prokopp 2018). Dar\u00fcber hinaus erfahren jene Personen, die gesellschaftlich marginalisiert werden, auch im Universit\u00e4tsalltag h\u00e4ufig Abwertungen und Diskriminierungen. Kunst- und Musikuniversit\u00e4ten sind demnach auf besondere Weise von komplexen Hierarchien, Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen und Unsicherheiten durchzogen, was sich nicht nur durch einen m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten, heteronormativen und eurozentrischen k\u00fcnstlerischen Kanon bedingt, sondern auch durch prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, flie\u00dfende Grenzen zwischen Ausbildung und Berufsaus\u00fcbung sowie k\u00f6rperzentrierte Unterrichtsformen und Einzelunterrichtssettings, die anf\u00e4llig f\u00fcr Grenz\u00fcberschreitungen und Machtmissbrauch sind (Mayer\/M\u00fcller 2025: 89f.). Wenn man dies in den Blick nimmt, wird schnell klar, dass ein guter Wille hier nicht ausreicht. Machtverh\u00e4ltnisse durchziehen die Strukturen der Hochschule und manifestieren sich in ganz unterschiedlichen Bereichen, wie dem Sprachgebrauch, der Personalstruktur oder auch in der Frage, wie inklusiv betriebliche Prozesse ablaufen. Vor diesem Hintergrund braucht es einen diskriminierungskritischen und ganzheitlichen Blick auf die Strukturen, Praktiken und Prozesse innerhalb der Universit\u00e4t, um strukturell verankerte Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse nachhaltig anzugehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12179\" aria-describedby=\"caption-attachment-12179\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7478-1\/ueben-und-ver-ueben\/?c=310025272\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12179\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-674x1024.jpg 674w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-768x1167.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-1010x1536.jpg 1010w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1-850x1292.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/cover-mit-text1.jpg 1042w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12179\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 transcript Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Diversit\u00e4tsstrategie der mdw stellt einen solchen Ansatz dar, bei dem von Beginn an ein machtkritisches Verst\u00e4ndnis von Diversit\u00e4t leitend war. Zentral ist hierbei, die Universit\u00e4t gesellschaftspolitisch zu kontextualisieren und einem antidiskriminatorischen Ansatz zu folgen, um die Zugangs- und Teilhabem\u00f6glichkeiten m\u00f6glichst vieler zu st\u00e4rken und Diversit\u00e4t als Querschnittsthema zu verankern (Mayer\/M\u00fcller 2025: 93). Eine solche Strategie ber\u00fchrt interne Prozesse, Vorstellungen und Normen, so die Vizerektorin Gerda M\u00fcller im k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Band <i>\u00dcben und Ver_\u00fcben. Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung<\/i> (Mayer 2025: 178). Der Band entstand im Zuge der Arbeit an der mdw-Diversit\u00e4tsstrategie und geht tiefergehend auf Wissen und Reflexionen sowie auf die Ma\u00dfnahmen ein, die seit der Verankerung im Jahr 2017 umgesetzt wurden. So wurden beispielsweise alternative Pr\u00fcfungsmethoden bei der Zulassung zum Studium erm\u00f6glicht, um Ausschlussmechanismen im Aufnahmeprozess zu reduzieren, das Webtool Tricky Moments ins Leben gerufen, das Wissen bereitstellt, um sich in Hinblick auf diskriminierungsarme und inklusive Lern- und Lehrsituationen zu sensibilisieren, sowie das Mentoring-Programm <i>Reach higher, reach beyond<\/i> gestartet, das Frauen, inter* und nichtbin\u00e4re Personen in ihrer wissenschaftlichen oder k\u00fcnstlerischen Laufbahn unterst\u00fctzt, um so der strukturellen Geschlechterungleichheit entgegenzuwirken. Ein weiterer wichtiger Handlungsbereich der mdw-Diversit\u00e4tsstrategie betrifft die \u00dcberarbeitung der Curricula, bei der Gender- und Diversit\u00e4tskompetenz in das Lehrveranstaltungsangebot Eingang finden. Zudem arbeitet die Stabstelle Gleichstellung, Gender und Diversit\u00e4t an der Entwicklung von Wissensvermittlungsformaten, um Gender- und Diversit\u00e4tskompetenz an der mdw weiter zu st\u00e4rken, etwa durch ein Zertifikatsprogramm und ein Online-Tutorial zur vorurteilsbewussten Personalauswahl.<\/p>\n<p>Wichtig bei diesen Ma\u00dfnahmen ist, dass der Aspekt des Lernens \u2013 und damit auch des Verlernens \u2013 keine nur individuelle Angelegenheit ist, sondern Bestandteil eines umfassenden diversit\u00e4tsorientierten Organisationsentwicklungsprozesses ist (Mayer\/M\u00fcller 2025: 94). Dies zieht nach sich, dass Diversit\u00e4t keineswegs einfach abgehakt werden kann. Im Gegenteil, birgt diese Vorstellung die Gefahr, hinter den gesteckten Zielen zur\u00fcckzubleiben. Davor warnt auch die Genderforscherin Sara Ahmed und hebt hervor, dass jene Rhetorik dazu beitr\u00e4gt, dass Diversit\u00e4t und Antidiskriminierung eben nicht als kontinuierliche selbstreflexive Prozesse verstanden werden (Ahmed 2012). Auch durch die Behauptung, man sei bereits selbstkritisch, so Nikita Dhawan in ihrem Beitrag zum Band <i>Ver_\u00dcben<\/i>, wird der Status quo oftmals eher konsolidiert, als dass er infrage gestellt wird (Dhawan 2025: 32). Was es demnach braucht, ist das Eingest\u00e4ndnis, dass unsere Wirkungsr\u00e4ume in allen Bereichen der Universit\u00e4t trotz erster Schritte und guter Absichten Ausschl\u00fcsse produzieren k\u00f6nnen, die die Diversifizierung ebendieser R\u00e4ume verhindern (J\u00e4ger 2023: 30). Produktiv ist hierbei, sich \u00fcber die historisch gewachsenen Macht- und Diskriminierungsverh\u00e4ltnisse bewusst zu werden und immer wieder zu reflektieren, wie diese in unseren internalisierten Wissensbest\u00e4nden und institutionellen Strukturen verwurzelt sind. Es geh\u00f6rt aber auch ein kontinuierliches Nachdenken \u00fcber unser eigenes Handeln, unsere Positionalit\u00e4t und unsere Privilegien dazu. Dies bedeutet, wie Steffen J\u00e4ger im Gespr\u00e4ch mit Ulli Mayer auf den Punkt bringt, immer wieder zu hinterfragen, \u201ewer eigentlich mitgedacht wird, wer sich eingeladen oder ernst genommen f\u00fchlen darf und f\u00fcr wen der Raum noch gar nicht vorbereitet ist\u201c (Mayer 2025: 124). Diversit\u00e4t im Sinne einer diskriminierungskritischen Praxis erfordert demnach st\u00e4ndige Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, kontinuierlich auszuhandeln, wie Diskriminierungen im Hochschulkontext vorgebeugt werden kann und was ver\u00e4ndert werden muss, damit bislang marginalisierte Menschen selbstwirksam vorkommen k\u00f6nnen (J\u00e4ger 2023: 32). Ganz in diesem Sinne gilt es, mit den aus dem Diversit\u00e4tsstrategieprozess gewonnenen Erkenntnissen und Erfahrungen weiterzuarbeiten. Denn Diversit\u00e4t ist kein Projekt, das einmal erledigt und dann abgehakt werden kann.<\/p>\n<p><b>Literatur:<\/b><\/p>\n<p>Ahmed, Sara (2012): On Being Included: Racism and Diversity in Institutional Life. Durham: Duke University Press.<\/p>\n<p>Dhawan, Nikita (2025): Welcher Unterschied macht einen Unterschied? \u00dcber das Verh\u00e4ltnis von \u00c4sthetik, Politik und Ethik. In: Mayer, Ulli; Ellmeier, Andrea; M\u00fcller, Gerda (Hrg.): \u00fcben und ver_\u00fcben. Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung. S. 27\u201336.<\/p>\n<p>J\u00e4ger, Steffen (2023): Diversit\u00e4t als Notwendigkeit. Kunsthochschulen m\u00fcssen sich machtkritisch umstrukturieren \u2013 oder sie bleiben Teil des Problems. Kritische Berichte, Zeitschrift f\u00fcr Kunst- und Kulturwissenschaften 51, 1 (2023).<\/p>\n<p>Mayer, Ulli; M\u00fcller, Gerda (2025): Qualit\u00e4tskriterien diversit\u00e4tsorientierter Organisationsentwicklung. Die mdw-Diversit\u00e4tsstrategie als Beispiel. In: Mayer, Ulli; Ellmeier, Andrea; M\u00fcller, Gerda (Hrg.): \u00fcben und ver_\u00fcben. Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung. S. 87\u2013120.<\/p>\n<p>Mayer, Ulli (2025): Diskriminierungskritische Praxis am Theater. Ulli Mayer im Gespr\u00e4ch mit Steffen J\u00e4ger, Stefanie Sourial und Ella Steinmann. In: Mayer, Ulli; Ellmeier, Andrea; M\u00fcller, Gerda (Hrg.): \u00fcben und ver_\u00fcben. Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung. S. 123\u2013136.<\/p>\n<p>Mayer, Ulli (2025): Arbeit in\/mit\/gegen Institutionen. Diversit\u00e4tsorientierte Organisationsentwicklung. Ulli Mayer im Gespr\u00e4ch mit Nathalie Amstutz, Galina Baeva, Gerda M\u00fcller, Ivana Pili\u0107 und Ella Steinmann. In: Mayer, Ulli; Ellmeier, Andrea; M\u00fcller, Gerda (Hrg.): \u00fcben und ver_\u00fcben. Diversit\u00e4t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung. S. 167\u2013186.<\/p>\n<p>Reitsamer, Rosa; Prokopp, Rainer (2018): Zwischen Tradition und Innovation: Zur Bewertung musikalischer Leistungen an Kunsthochschulen. In: Szab\u00f3-Knotik, Cornelia; Mayer-Hirzberger, Anita (Hrg.): Anklaenge \u2013 Wiener Jahrbuch f\u00fcr Musikwissenschaft. Wien: Hollitzer Verlag. S. 161\u2013175.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunst birgt das Potenzial, Altes zu verwerfen, Neues zu denken und Gewohntes neu zu kontextualisieren. 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