{"id":1214,"date":"2017-09-29T14:07:10","date_gmt":"2017-09-29T12:07:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1214"},"modified":"2017-09-29T14:07:10","modified_gmt":"2017-09-29T12:07:10","slug":"kurze-geschichte-vom-bass-und-vom-bassettchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/09\/29\/kurze-geschichte-vom-bass-und-vom-bassettchen\/","title":{"rendered":"Kurze Geschichte vom Bass und vom Bassettchen"},"content":{"rendered":"Brahms w\u00e4re bass erstaunt gewesen und wohl begl\u00fcckt: Bassinstrumente sind bei KomponistInnen seit L\u00e4ngerem besonders beliebt. Sein vom Death Metal inspiriertes Faible f\u00fcr Aas und Todesn\u00e4he lebt Bernhard Gander mit St\u00fccken wie <em>morbidable II (une charogne)<\/em> f\u00fcr Kontrabassklarinette solo und Bass (2015) aus. <em>DW22. Winterlicht<\/em> f\u00fcr Bassfl\u00f6te und Kontrabass (2010) oder <em>DW25. \u2026more Loops for U<\/em> f\u00fcr Kontrabass solo (2014) zeigen Bernhard Langs Neigung f\u00fcr tiefe T\u00f6ne. Ein weiteres St\u00fcck der DW-Serie<sup>1<\/sup>, sein <em>DW28. \u2026loops for Davis<\/em> f\u00fcr Bassklarinette und Orchester (2016), geh\u00f6rt neben Alexander Schuberts <em>Codec Error<\/em> f\u00fcr 2 Schlagzeuger, Kontrabass, Lichtregie und Elektronik zu den Premieren der diesj\u00e4hrigen <em>Donaueschinger Musiktage<\/em>. B\u00e4sse sind en vogue. Fr\u00fche Anzeichen einer kompositorischen Vorliebe der neuen Musik f\u00fcr Kumulationen tiefer Frequenzen d\u00fcrften Helmut Lachenmanns <em>Harmonica<\/em> f\u00fcr gro\u00dfes Orchester mit Tuba-Solo (1981) und Luigi Nonos <em>Post-prae-ludium per Donau<\/em> f\u00fcr Tuba und Live-Elektronik (1987) gewesen sein, ihnen folgten Jonathan Harveys <em>Still<\/em> f\u00fcr Tuba und Elektronik (1995), Olga Neuwirths <em>Ondate II<\/em> f\u00fcr 2 Bassklarinetten (1998), ihr <em>Spleen II<\/em> f\u00fcr Bassfl\u00f6te (1999), Michael Jarrells <em>Assonance VIII<\/em> f\u00fcr verst\u00e4rkte Bass- oder Kontrabassfl\u00f6te und 4 Schlagzeuger (1998) und viele andere.<\/p>\n<p>Ihre Konjunktur in neuerer Musik verdanken tiefe T\u00f6ne und damit Bassinstrumente \u2013 oft allein, manchmal massiert auftretend wie beim Low Frequency Orchestra \u2013 vermutlich einem Schw\u00e4cherwerden der Tonalit\u00e4t. Vorbei die Zeit, als der Bass noch ein richtiger Bass war, standfest und tongewaltig. Schon wo Brahms Reprisen mit einem Quartsextakkord hatte einsetzen lassen, markiert und fundamentiert der Bass nicht mehr. Das Verschwimmen der traditionellen Bassfunktion kam seiner Attraktivit\u00e4t zugute. Er darf nun zart sein und schweben, er darf sich mal verlieren im Klang des Ganzen.<\/p>\n<p>Bevor der Bass im Zeitalter der tonalen Musik derart m\u00e4chtig wurde, war aber der Tenor die wichtigste Stimme im Satz gewesen. Mit dem Sopran hatte er sich liiert.\u00a0Zusammen waren die beiden Herrin und Herr im Hause. Ihre Schuhe hatten etwas gekostet, sie waren aus Leder. Gl\u00fccklich vereint sangen sie gern parallel in Sexten. Mit dem Alt kam der Bass in der Dienstbotenstube unter, sie trugen Holzschuhe. Beim t\u00e4glichen mehrstimmigen \u201eSingen nach dem Buch\u201c<sup>2<\/sup>, in dem ja nur eine Stimme notiert war, die des Tenors, richtete sich alles nach diesem. Dem Bass kam es gew\u00f6hnlich zu, zwischen Terzen und Quinten unter den Tenort\u00f6nen zu wechseln. Als sich die Hierarchie der Stimmen aber zu verschieben begann, schrieb man Empfehlungen eigens f\u00fcr das Erfinden von B\u00e4ssen. Eine davon ist Zarlinos Bassregel, formuliert Mitte des 16. Jahrhunderts f\u00fcr mehrch\u00f6rige Setzweisen. Er empfiehlt, die B\u00e4sse eines jeden Chors in Anti-Parallelen laufen zu lassen \u201eoder zuweilen auch in Terzen\u201c. Die Quinte aber in einen der B\u00e4sse zu setzen, \u201ebr\u00e4chte viel Ungelegenheit\u201c, schon wegen m\u00f6glicher Parallelen, dann auch, weil innerhalb eines einzelnen Chors \u201eDissonanzen auftreten k\u00f6nnen\u201c<sup>3<\/sup>. Aufmerksamkeit galt nicht mehr allein dem Verh\u00e4ltnis der Stimmen zum Tenor.<\/p>\n<p>Von da an hatte der Bass f\u00fcr mehr als drei Jahrhunderte das Sagen. Damit, dass man sich gleichzeitig klingende T\u00f6ne als Akkorde zurechtdachte und bald nach 1600 auch Namen f\u00fcr sie fand, fiel die Entstehung des Generalbasses zusammen. Von der Stimmlage seines eigenen K\u00f6rpers her, dem K\u00f6rper des Generalbassspielers, sorgte dieser daf\u00fcr, dass seine Sicht f\u00fcr die Auffassung der Harmonie ma\u00dfgeblich wurde, die Sicht von der tiefen Stimme auf die h\u00f6heren. Namen wie Sextakkord geben ja an, was \u00fcber dem Bass au\u00dferdem noch zu spielen ist. Abgeleitet wird nun alles von ihm. Daher sind basslose S\u00e4tze besonders. Verr\u00e4terisch ist, dass kein Pendant f\u00fcr andere Stimmen existiert: Man sagt nicht \u201etenorlos\u201c, \u201esopran-\u201c oder \u201ealtlos\u201c, denn f\u00fcr Nebenerscheinungen waren Extraw\u00f6rter nicht n\u00f6tig, die vom Bass her gedachte und benannte Harmonie war ja die Grundlage der Komposition. Ohne ihn fehlte das harmonische Fundament. Macht eine fehlende Oberstimme den Satz nur unvollst\u00e4ndig, so ist, was ohne Bass bleibt, in tonaler Musik oft sogar satztechnisch falsch. Das blieb f\u00fcr lange Zeit so: Liegt die Cellistin eines Streichquartetts krank im Bett, so kommt es beim Spiel eines Haydn-Quartetts durch die \u00dcbrigen zu unerlaubten Akkordumkehrungen, zu untypisch schwachen Schritten beim Erreichen von Schl\u00fcssen, auch zu Unsicherheiten beim Intonieren. Wenn der Tonsetzer aber einkalkuliert, dass das Cello pausiert, wahrscheinlich nur f\u00fcr ein paar Takte, so r\u00fcckt die Bratsche nach und hat dann den satztechnischen Reglements eines Basses zu folgen. Dass sie nur gro\u00dftut und kein wahres Bassinstrument ist, sagt der niedliche Name f\u00fcr solche Partien: Bassettchen. War ein tiefer Bass aber das ganze St\u00fcck \u00fcber oder f\u00fcr l\u00e4ngere Passagen abwesend, so hielt man den Bratschenbass oder die von einem anderen kleineren Instrument gespielte tiefste Stimme keineswegs mehr f\u00fcr eine entz\u00fcckende Verkleidung: Ein solches Bassettchen wies auf den hin, der keinen Grund mehr unter den F\u00fc\u00dfen hat, der gottverlassen ist. Der Karriere h\u00f6herer Stimmen hat die Warnung mit dem Fingerzeig nach droben nicht geschadet, und vernehmbar reagierten hier bis in die Gegenwart die musikalische Interpretation und das Komponieren aufeinander. Dass es im Zeitalter der tonalen Musik zu einer zusehends flacheren Hierarchie der Stimmen kam, vor allem im Fin de Si\u00e8cle, hatte Folgen f\u00fcr das Spiel auch \u00e4lterer St\u00fccke. Nicht selten waren Orchester, mit denen Mozart musiziert hatte, im Bassbereich dr\u00f6hnend stark besetzt. Besonders Karajans Hochglanzeinspielungen projizierten die moderne Idee einer perfekten Balance aller Stimmen zur\u00fcck in die Zeit der Wiener Klassik, und in aller Sch\u00e4rfe h\u00f6rt man die Verschiebung\u00a0klanglicher Priorit\u00e4ten bei OrganistInnen, wenn sie die notierte Oktavlage des Basses aktualisierend f\u00fcr einen schwebenden Klang herausregistrieren.<\/p>\n<p>Ein Zuviel an Bass hatte den Tonsatz aber schon zu seiner Glanzzeit von Dur und Moll an den Rand der Tonalit\u00e4t getrieben. Lieder und Arien f\u00fcr Bass kippten leicht in Archaismen, Soziolekte oder Grotesken. Wo der singende den instrumentalen Bass doppelte wie in dem extra \u00f6den Anfangs-Parallelismus aus Zelters <em>K\u00f6nig von Thule<\/em>, wo Sarastro mit den Grundt\u00f6nen einer Quintfallsequenz \u201evergn\u00fcgt und froh\u201c sich selbst \u201ein\u2019s bessre Land\u201c begleitete oder wo Marcel aus Meyerbeers <em>Hugenotten<\/em> radikal wurde (im Sinne einer Ausl\u00f6schung der Vielstimmigkeit), da waren die Melodien mit ihrem Fundament in eins gefallen und ihm zum Opfer.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>DW steht f\u00fcr Differenz\/Wiederholung und ist eine Bezugnahme Langs auf den franz\u00f6sischen Philosophen Gilles Deleuze.<\/li>\n<li>Vgl. Barnab\u00e9 Janin, <em>Chanter sur le livre. Manuel pratique d\u2019improvisation polyphonique de la Renaissance (XVe et XVIe si\u00e8cle)<\/em>, Lyon 20142.<\/li>\n<li>Gioseffo Zarlino, <em>Istitutioni harmoniche<\/em> (1558\/62, 3. Buch, Kap. 66), in: <em>Gioseffo Zarlino. Das musiktheoretische Gesamtwerk II<\/em>, \u00fcbersetzt und kommentiert von Christoph Hohlfeld, als Typoskript vervielf\u00e4ltigt, Hamburg um 1993, S. 268.<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brahms w\u00e4re bass erstaunt gewesen und wohl begl\u00fcckt: Bassinstrumente sind bei KomponistInnen seit L\u00e4ngerem besonders beliebt. Sein vom Death Metal inspiriertes Faible f\u00fcr Aas und Todesn\u00e4he lebt Bernhard Gander mit St\u00fccken wie morbidable II (une charogne) f\u00fcr Kontrabassklarinette solo und Bass (2015) aus. DW22. 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