{"id":1198,"date":"2017-09-29T14:06:42","date_gmt":"2017-09-29T12:06:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1198"},"modified":"2017-12-11T15:08:34","modified_gmt":"2017-12-11T14:08:34","slug":"musizieren-das-kontrabass-konzept-des-ludwig-streicher-1920-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/09\/29\/musizieren-das-kontrabass-konzept-des-ludwig-streicher-1920-2003\/","title":{"rendered":"\u201eMusizieren\u201c \u2013 das Kontrabass-Konzept des Ludwig Streicher (1920 \u2013 2003)"},"content":{"rendered":"<strong>Ana Val\u00e9ria Poles studierte von 1982 bis 1988 bei Professor Streicher in Wien. F\u00fcr das <em>mdw-Magazin<\/em> gibt sie Einblick in Streichers Leben und Wirken und versucht, seinem Musikverst\u00e4ndnis, das er selbst gerne mit \u201eMusizieren\u201c umschrieb, n\u00e4herzukommen.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1199\" aria-describedby=\"caption-attachment-1199\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1199\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/ludwig_streicher.jpg\" alt=\"Ludwig Streicher\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/ludwig_streicher.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/ludwig_streicher-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/ludwig_streicher-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/ludwig_streicher-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1199\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig Streicher (rechts) beim Unterricht, 1967; Quelle: mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ludwig Streicher, genialer Musiker und \u201eShowman\u201c, hat mit seinem Kontrabass die ganze Welt bereist. Er war ein Virtuose am Instrument, der die \u201eernste\u201c Welt der klassischen Musik oft mit Witz und Humor aufzulockern wusste. Streicher als Stargast in Fernsehshows, Streicher, der von der sch\u00f6nen F\u00fcrstin von Monaco ein Busserl als Gage verlangte&#8230; Wohl jeder, der ihn kannte, wei\u00df die eine oder andere Anekdote aus seinem beeindruckenden Leben zu berichten. Aber Ludwig Streicher war vor allem eines: ein ernsthaft arbeitender Musiker und engagierter Lehrer. Er hat den Kontrabass als Soloinstrument etabliert, eine international beachtete Kontrabass-Klasse an der Wiener Musikhochschule (heute mdw) aufgebaut und dazu ein wegweisendes Lehrwerk verfasst.<\/p>\n<p><strong>Das Talent<\/strong><br \/>\nMusizieren war Ludwig Streicher schon in die Wiege gelegt, denn das Gasthaus seiner Eltern im nieder\u00f6sterreichischen Ziersdorf war das Probelokal der \u00f6rtlichen Musikkapelle und sein komponierender Vater war der Kapellmeister. Der arrangierte von der b\u00f6hmischen Polka bis zur Verdi-Oper alles, was die jeweilige Besetzung gerade erlaubte. Und von ihm erhielt Ludwig den ersten Geigenunterricht. Dann folgte das Cello, und mit vierzehn Jahren wechselte er zum Kontrabass. In Wien studierte er bei den Professoren Schreinzer und Krump, beide ehemalige Sch\u00fcler des bekannten Solisten Franz Simandl, der 1873 eine beachtenswerte Kontrabass-Schule publiziert hatte. Nach Abschluss des Studiums im Kriegsjahr 1940 engagierte ihn das Stadttheater Krakau als ersten Kontrabassisten. Dort erweiterte er bei einem Casals-Sch\u00fcler auch seine Cellokenntnisse und wurde alternierend auch Stimmf\u00fchrer der Cellogruppe. 1944 endete Streichers Engagement abrupt, als ihn die deutsche Wehrmacht zum Kriegsdienst einzog. Nach russischer Gefangenschaft und einer abenteuerlichen Flucht kehrte er im Fr\u00fchling 1945 zu Fu\u00df in seinen Heimatort Ziersdorf zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Der Solist<\/strong><br \/>\nNur mit Hilfe eines russischen Offiziers, der ihn in seinem Panzer \u00fcber die besch\u00e4digten Stra\u00dfen nach Wien brachte, gelangte Streicher im selben Jahr rechtzeitig zu einem Staatsopern-Probespiel, das er erfolgreich absolvierte. Bald darauf wurde er Mitglied der Wiener Philharmoniker und in den folgenden Jahren lernte er das gro\u00dfe Opern- und Konzertrepertoire auf h\u00f6chstem Niveau kennen. Streicher litt unter der damaligen Geringsch\u00e4tzung des Kontrabasses als Soloinstrument; kaum jemand hielt ein abendf\u00fcllendes Konzert f\u00fcr machbar. Erst als er den Pianisten Max Valicek kennenlernte, ermutigte ihn dieser, solistisch aufzutreten. Im April 1966 wagte er schlie\u00dflich mit Valicek sein erstes Solokonzert in Wels und der Erfolg war sensationell. \u201eAus Wels in die Welt!\u201c, pflegte er sp\u00e4ter gerne schmunzelnd zu sagen. Die darauf folgenden Konzertreisen f\u00fchrten ihn durch Europa, in den Nahen Osten, nach Amerika, Afrika, Japan, Korea und Taiwan. Er wurde zu Meisterkursen eingeladen und hatte Rundfunk- und Fernsehauftritte. Seine erste Schallplatte <em>Musikalische Rarit\u00e4ten f\u00fcr Kontrabass<\/em> nahm er 1967 auf, dabei leistete er Pionierarbeit im Bereich der Recherche und des Repertoires. Es folgten weitere Aufnahmen, herausragend wohl <em>Ludwig Streicher spielt Bottesini<\/em>, auf der er erstmals Werke des \u201ePaganini des Kontrabasses\u201c auf einer Platte vereinigte. Astrid Spitznagel, die noch heute an der mdw t\u00e4tig ist, wurde in sp\u00e4teren Jahren seine st\u00e4ndige Klavierbegleiterin.<\/p>\n<p><strong>Der Streicher-Stil<\/strong><br \/>\nStreichers Spielweise entspringt einer alt\u00f6sterreichischen Tradition. Sie geht \u00fcber Franz Simandl in direkter Linie zur\u00fcck auf Wenzel Hause (1764\u20131847) in Prag, der schon damals die heute \u00fcbliche Haltung der Greifhand propagierte. Auch Streichers Variante der \u201edeutschen Bogenhaltung\u201c wurde schon von Simandl angewandt (\u00fcbrigens sch\u00f6n zu sehen auf Max Oppenheimers Gem\u00e4lde <em>Das Orchester<\/em> im Belvedere, auf dem Gustav Mahler die Wiener\u00a0Philharmoniker dirigiert). Jedenfalls leistete Streichers durchdachte Bogenf\u00fchrung einen wesentlichen Beitrag zu seinem Erfolg. Sie gew\u00e4hrleistet einen organischen, kontrollierten Bewegungsablauf von der Schulter bis in die Fingerspitzen, wodurch eine klare Artikulation in den tiefen Lagen, aber auch eine weiches, vollt\u00f6nendes Legatospiel erm\u00f6glicht wird.<\/p>\n<p><strong>Der Lehrer<\/strong><br \/>\nVon 1966 bis 1990 pr\u00e4gte Streicher den Kontrabassunterricht an der Wiener Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst (heute mdw) und von 1992 bis 2001 hatte er eine Gastprofessur an der Escuela Superior de M\u00fasica Reina Sof\u00eda in Madrid. Daf\u00fcr verfasste er 1978, also rund hundert Jahre nach Simandl, seine Schule <em>Mein Musizieren auf dem Kontrabass<\/em>. Die musikalische Grundlage des f\u00fcnfb\u00e4ndigen Werkes bilden Volkslieder, Orchesterstellen sowie Ausz\u00fcge aus der Sololiteratur. Der systematische Aufbau erm\u00f6glicht das Erarbeiten jeder Lage mittels kleiner musikalischer \u00dcbungen. Von Anfang an wird dabei auf Rhythmus, Artikulation und Dynamik Wert gelegt. Es geht darum, technische Probleme mit musikalischem Empfinden und Verstehen zu l\u00f6sen. \u201eMusik muss zuerst durchs Herz, dann ins Hirn und schlie\u00dflich durch den K\u00f6rper gehen, genau in dieser Reihenfolge\u201c, so brachte Streicher sein Musikverst\u00e4ndnis auf den Punkt. <em>Mein Musizieren auf dem Kontrabass<\/em> ist bis heute das Standardwerk einer professionellen Ausbildung am Kontrabass. Der Unterricht selbst bestand aus konsequenter Arbeit. \u201eTonleitern, Et\u00fcden, Orchesterstellen, Solost\u00fccke \u2013 das ist unser Programm\u201c, so Streicher stets. Der kleine Raum im Dachgeschoss der Seilerst\u00e4tte 26 war bev\u00f6lkert von oft weit angereisten MusikerInnen aller Instrumentengattungen. Sie wollten diesen charismatischen Menschen erleben, der mit seinen Studierenden leidenschaftlich um jeden Ton rang, kompromisslos die musikalische Essenz jeder Phrase erarbeitete und der nebenbei und anekdotenhaft sein breites instrumentales Wissen einflie\u00dfen lie\u00df. Es wurde gelacht und auch geweint, aber schlie\u00dflich erreichten Streichers Studierende ein hohes Niveau. Orchester- und Professorenstellen in der ganzen Welt sind heute mit seinen Sch\u00fclern besetzt, an der mdw \u00fcbernahm Josef Niederhammer 1991 seinen Lehrstuhl. Ludwig Streicher verstarb am 11. M\u00e4rz 2003 in Wien. Das moderne Kontrabassspiel ist ohne ihn nicht denkbar. Und 2020 w\u00e4re sein hundertster Geburtstag, sollten wir den nicht feiern?<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Mehr Infos \u00fcber Ludwig Streicher<\/strong> finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.ludwig-streicher.at\" target=\"_blank\">www.ludwig-streicher.at<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ana Val\u00e9ria Poles studierte von 1982 bis 1988 bei Professor Streicher in Wien. F\u00fcr das mdw-Magazin gibt sie Einblick in Streichers Leben und Wirken und versucht, seinem Musikverst\u00e4ndnis, das er selbst gerne mit \u201eMusizieren\u201c umschrieb, n\u00e4herzukommen. Ludwig Streicher, genialer Musiker und \u201eShowman\u201c, hat mit seinem Kontrabass die ganze Welt bereist. 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