{"id":11961,"date":"2025-04-28T10:52:41","date_gmt":"2025-04-28T08:52:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11961"},"modified":"2025-04-28T10:52:41","modified_gmt":"2025-04-28T08:52:41","slug":"zwischen-exzellenz-und-zugehoerigkeit-lateinamerikanische-musiker_innen-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/04\/28\/zwischen-exzellenz-und-zugehoerigkeit-lateinamerikanische-musiker_innen-in-wien\/","title":{"rendered":"Zwischen Exzellenz und Zugeh\u00f6rigkeit: Lateinamerikanische Musiker_innen in Wien"},"content":{"rendered":"<h5>Cony Lecaros nahm an dem Forschungsprojekt <i>Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians<\/i> <i>as Researchers<\/i><span id='easy-footnote-1-11961' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/04\/28\/zwischen-exzellenz-und-zugehoerigkeit-lateinamerikanische-musiker_innen-in-wien\/#easy-footnote-bottom-1-11961' title='Dieses Forschungsprojekt wurde vom FWF gef\u00f6rdert [Grant-DOI 10.55776\/TAI724].'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> teil. Im <i>mdw-Magazin<\/i> erz\u00e4hlt sie von ihren Erfahrungen als Musikerin mit Migrationshintergrund und gibt Einblicke in ihre Arbeit als Musikerin-Forscherin.<\/h5>\n<p>W\u00e4hrend meiner ersten Jahre in Wien wachte ich oftmals ersch\u00f6pft auf und war k\u00f6rperlich nicht in der Lage, aufzustehen. Ein Teil von mir bef\u00fcrchtete, dass diese l\u00e4hmende Mutlosigkeit niemals verschwinden w\u00fcrde. Ich war zunehmend frustriert und fragte mich, ob ich jemals wieder Freude am Musizieren finden w\u00fcrde. Ich hatte nicht erwartet, dass diese Erfahrung so fordernd sein w\u00fcrde: Die Anpassung an eine neue Kultur, eine neue Sprache und ein neues soziales Umfeld brachte mehr Dunkelheit als Licht. Manchmal fragte ich mich sogar, ob ich die Musik nicht ganz aufgeben sollte. Schlussendlich war ich nur dank der Hilfe meiner Freund_innen und meiner Familie sowie professioneller psychologischer Unterst\u00fctzung in der Lage, die Herausforderungen meiner ersten Jahre in \u00d6sterreich zu meistern.<\/p>\n<p>Aufgrund meiner eigenen schwierigen Migrationserfahrung fragte ich mich, ob andere Student_innen mit Migrationshintergrund, insbesondere lateinamerikanische Musiker_innen, diesbez\u00fcglich \u00e4hnliche Erfahrungen gesammelt hatten. Obwohl jeder Lebensweg einzigartig ist, gestaltet sich der Prozess der Anpassung nur selten einfach. Zum Zeitpunkt, als bei mir diese Fragen aufkamen, entdeckte ich das Forschungsprojekt Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers [Ethnomusikologie umgekehrt: Migrant*innen forschen]. Gemeinsam mit f\u00fcnf anderen migrantischen Musiker_innen nahm ich an mehreren theoretischen und methodologischen Workshops teil, die auf die Entwicklung eines eigenen Forschungsprojekts ausgerichtet waren. Meine Forschungsfrage lautete schlie\u00dflich: Wie wirkt sich Migration auf \u201eel bienestar\u201c [meint im Spanischen die mentale, k\u00f6rperliche und soziale Gesundheit, Anm. d. Red.] lateinamerikanischer Musiker_innen in \u00d6sterreich aus? Unter der Supervision eines Musikethnolog_innen-Teams interviewte ich sechs lateinamerikanischen Musiker_innen mit unterschiedlichen Nationalit\u00e4ten sowie sozialen und musikalischen Hintergr\u00fcnden. Ihre Geschichten best\u00e4tigten meine Vermutungen: Unsere Erfahrungen wiesen gemeinsame Schwierigkeiten und Herausforderungen auf, die akademischer und institutioneller Aufmerksamkeit bed\u00fcrfen. Einige wichtige Erkenntnisse dieses Forschungsprojekts m\u00f6chte ich hier teilen.<\/p>\n<p>Viele von uns kamen nicht nur nach Wien, um ihre musikalischen F\u00e4higkeiten zu verfeinern, sondern auch wegen der ber\u00fchmten Wiener Lebensqualit\u00e4t. Unsere ersten gro\u00dfen Herausforderungen waren jedoch die Sprache und die Mentalit\u00e4t. Selbst f\u00fcr diejenigen, die zuvor Deutsch gelernt hatten, erschwerten Dialekte und b\u00fcrokratische Terminologie die Integration. Die administrativen H\u00fcrden (Visumsantr\u00e4ge, Immatrikulation an der Universit\u00e4t, Krankenversicherung) f\u00fchlten sich manchmal un\u00fcberwindbar an. Ich bin jedoch der festen \u00dcberzeugung, dass diese H\u00fcrden mit mehr Empathie und gemeinschaftlicher Unterst\u00fctzung innerhalb der Institutionen und der Gesellschaft als Ganzes abgebaut werden k\u00f6nnten. Neben Sprache und B\u00fcrokratie gab es f\u00fcr die meisten der befragten Musiker_innen auch akademische Herausforderungen. Die sozio\u00f6konomischen Unterschiede wurden hier deutlich sichtbar: Der Zugang zu hochwertigen Musikinstrumenten erfordert betr\u00e4chtliche finanzielle Mittel, und es ist \u00fcberaus fordernd, die oft prek\u00e4re Arbeit mit dem Studium zu vereinbaren \u2013 vor allem ohne staatliche Zusch\u00fcsse (Studienbeihilfe). Wie ein Befragter es ausdr\u00fcckte: \u201eF\u00fcr uns ist der Aufwand dreimal so hoch wie f\u00fcr \u00d6sterreicher_innen. Wir m\u00fcssen buchst\u00e4blich unseren Schlaf opfern, wenn wir das Studium schaffen wollen.\u201c Dar\u00fcber hinaus ist auch die Art und Weise anders, wie man uns in Chile das Lernen und Musizieren beigebracht hat. Professor_innen \u00fcbersehen das jedoch oft und \u201egehen davon aus, dass man sich nicht genug anstrengt\u201c, wie es ein Befragter ausdr\u00fcckte. Damit tragen sie ungewollt zur Abgrenzung und Frustration der Studierenden bei. Trotz dieser vielen Schwierigkeiten bietet \u00d6sterreich bemerkenswerte k\u00fcnstlerische M\u00f6glichkeiten: \u201eMan kann praktisch jede Woche die Philharmoniker h\u00f6ren.\u201c Die schiere Menge an kulturellen Veranstaltungen ist inspirierend und bietet vor allem f\u00fcr Musiker_innen ein unvergleichliches Umfeld. \u201eHier sind die Menschen daran gew\u00f6hnt, zum Vergn\u00fcgen ins Konzert zu gehen und auch daf\u00fcr zu bezahlen. Das ist in Lateinamerika so nicht wirklich \u00fcblich.\u201c Ist die Sprachbarriere erstmal \u00fcberwunden, lauert auch schon die n\u00e4chste Herausforderung: der Konkurrenzkampf und das unerbittliche Streben nach Exzellenz im Wiener Musikausbildungssystem. Meiner Meinung nach sollte mit Musik weder Elitismus noch Rivalit\u00e4t befeuert werden. Die Betonung des individuellen Erfolgs gegen\u00fcber dem kollektiven Wachstum kann Stress ausl\u00f6sen, besonders bei Menschen, die aus Kulturen kommen, in denen Musik vorwiegend gemeinschaftlich praktiziert und erlebt wird. In Lateinamerika dient die Musik oft als sozialer Klebstoff, der die Menschen zusammenbringt, anstatt sie auseinanderzutreiben. Das steht oftmals in starkem Kontrast zum vorwiegend individualistischen Wiener Universit\u00e4tsumfeld. Meine Forschung zeigt, dass diese Erfahrung ersch\u00fctternd sein kann und die Anpassung f\u00fcr migrantische Studierende noch weiter erschwert.<\/p>\n<p>Dieses Forschungsprojekt war f\u00fcr mich eine sehr pers\u00f6nliche Erfahrung. Es best\u00e4tigte, dass viele lateinamerikanische Musiker_innen in Wien mit sprachlichen und akademischen Problemen zu k\u00e4mpfen haben. Der Schl\u00fcssel zum Erfolg war f\u00fcr viele Befragte \u201eder Mut, Einheimische um Hilfe zu bitten und psychologische Unterst\u00fctzung in Anspruch zu nehmen, wenn es schwierig wird\u201c. Herausforderungen wird es immer geben, aber ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass sie durch die St\u00e4rkung des Gemeinschaftsgef\u00fchls gemildert werden k\u00f6nnen. Der Handlungsaufruf ist einfach: EMPATHIE. Wir wissen nie, mit welchen Belastungen andere leben m\u00fcssen, also m\u00fcssen wir auf sie zugehen, Fragen stellen und Verst\u00e4ndnis zeigen. Wenn wir in unserem Handwerk Spitzenleistungen anstreben, dann sollten wir auch in unserem sozialen Handeln nach Spitzenleistungen trachten \u2013 damit k\u00fcnftige Generationen von Musiker_innen nicht nur beruflich wachsen, sondern auch ein echtes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl entwickeln k\u00f6nnen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cony Lecaros nahm an dem Forschungsprojekt Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers teil. 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