{"id":11942,"date":"2025-04-28T14:23:58","date_gmt":"2025-04-28T12:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11942"},"modified":"2025-04-28T14:23:58","modified_gmt":"2025-04-28T12:23:58","slug":"claire-simon-jedes-leben-ist-ein-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/04\/28\/claire-simon-jedes-leben-ist-ein-film\/","title":{"rendered":"Claire Simon\ufeff: Jedes Leben ist ein Film"},"content":{"rendered":"Eine K\u00f6nigin l\u00e4sst von ihren Bediensteten St\u00f6ckchen sammeln, ein riesiger Berg wurde schon vor ihr aufget\u00fcrmt. Sie sollen immer mehr und mehr bringen und tun das flei\u00dfig wie gehei\u00dfen. Die K\u00f6nigin nimmt schlie\u00dflich den Haufen St\u00f6cke in die Hand \u2013 alle Blicke sind auf sie gerichtet, man h\u00e4lt den Atem an \u2013 und wirft die m\u00fchsam gesammelten St\u00f6ckchen auf den Asphalt, sodass sie in alle Richtungen stieben. Ein Akt ultimativer Willk\u00fcr.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11945\" aria-describedby=\"caption-attachment-11945\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11945\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/pxl-20250120-133631871-1.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11945\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Raphael Dau<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die K\u00f6nigin und ihre Diener_innen sind Kindergartenkinder, die Claire Simon in ihrem Dokumentarfilm<i> R\u00e9cr\u00e9ations<\/i> von 1993 dokumentierte. Hier lernt man als Zuseher_in im Filmmuseum von Claire Simon direkt die erste Lektion: \u201eCharacters have no age\u201c, sagt sie im Q&amp;A. Sie meint damit, wenn man nur nahe genug an Menschen kommt, egal welchen Alters, wenn man sie ernst nimmt, kann man sie als das erkennen, was sie sind: Die handelnden Protagonist_innen ihrer eigenen Geschichten.<\/p>\n<p>Die Kinder in <i>R\u00e9cr\u00e9ations<\/i> verbringen t\u00e4glich ihre Pause in einem tristen grauen Hinterhof in Paris \u2013 dennoch malen sie sich dort viele Welten aus. Im Wechsel von wenigen Sekunden wird man vom Polizisten zum Gefangenen. Es geht um Mut, Macht, Grenzen und Zuneigung. Claire Simon gelingt es, mit ihren Filmen das inh\u00e4rent Menschliche hervorzukehren. Man sp\u00fcrt die gro\u00dfe Liebe zu ihren Figuren, aber sie sch\u00f6nt sie nicht. Die Menschen, die Claire Simon durch ihre Kamera zeigt, wirken auf uns\/das Publikum unmittelbar echt und authentisch.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Claire Simon gewidmeten Retrospektive <i>Jedes Leben ist ein Roman<\/i>, die von 17. J\u00e4nner bis 24. Februar im Filmmuseum stattfand, kam die Filmemacherin f\u00fcr eine Masterclass am 20. J\u00e4nner an die Filmakademie Wien, das Institut f\u00fcr Film und Fernsehen der mdw. Im Arthouse Kino, dem Uni-eigenen Kinosaal, konnten Studierende mit Simon \u00fcber ihre Filme ins Gespr\u00e4ch kommen. Sie zeigte mehrere Filmausschnitte aus \u00e4lteren und aktuellen Arbeiten \u2013 haupts\u00e4chlich Dokumentarfilme, aber auch Spielfilme. Bei den meisten ihrer Filme hat sie nicht nur Regie gef\u00fchrt, sondern auch das Drehbuch geschrieben und die Bildgestaltung verantwortet \u2013 war also Regisseurin sowie Kamerafrau. Diese komplexe Arbeit in verschiedenen Gewerken gleichzeitig beschreibt sie als \u201eihren Prozess vereinfachend\u201c, da sie sich so \u00dcbersetzungsaufgaben in der Kommunikation spare.<\/p>\n<p>Allgemein erz\u00e4hlte Simon in der Masterclass davon, dass sie gerne allein oder mit sehr kleinem Team dokumentarisch drehe und wie sie dabei vorgeht. Ihre Arbeiten sind nicht losgel\u00f6st von ihr als Person, sondern haben oft einen autobiografischen Bezug \u2013 spielen an Orten und beobachten Situationen genauer, mit denen sie selbst in ihrem Leben in Kontakt kommt. So wurde <i>R\u00e9cr\u00e9ations<\/i> etwa in dem Kindergarten gedreht, den auch ihre Tochter besuchte. In <i>Notre corps<\/i> [Our Body] (2023) bezeugt Claire Simon zahlreiche Gespr\u00e4che zwischen \u00c4rzt_innen und Patient_innen in einer gyn\u00e4kologischen Abteilung eines Pariser Krankenhauses. Sp\u00e4ter im Film wird sie ungl\u00fccklicherweise selbst zu Protagonistin, als ihr im Laufe der Dreharbeiten Brustkrebs diagnostiziert wird. \u201eIt was practical. I always wanted to film a patient who gets their cancer diagnosis. The doctors said \u2013 of course \u2013 we cannot allow to film such a conversation. When I myself had my appointment, I could at least film it. So it had a value. I got lucky.\u201c Dieses Zitat demonstriert Claire Simons Art \u2013 pr\u00e4zise, am Ergebnis und am Prozess gleichwohl interessiert, direkt, ironisch, und dennoch nie zynisch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12041\" aria-describedby=\"caption-attachment-12041\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-12041\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-1024x771.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-768x578.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-1536x1157.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-2048x1542.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/PXL_20250120_135032325-850x640.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12041\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Raphael Dau<\/figcaption><\/figure>\n<p>Claire Simon lacht w\u00e4hrend der Masterclass, die sie selbst nur ungern als Masterclass bezeichnen m\u00f6chte (\u201eI\u2019m not a master\u201c), viel. Sie spricht \u00fcber Kollaborationspartner_innen \u00fcber die Jahre meist positiv, manchmal negativ und oft erw\u00e4hnt sie, um eine Person zu charakterisieren, als erstes deren Humor: \u201eShe was very funny. Very funny person. Also she was a great editor.\u201c Es macht Spa\u00df, mit Simon in ihr Werk einzutauchen. Oft ist man bereits von einem 5-min\u00fctigen Filmausschnitt bewegt oder begeistert. Alle Teilnehmenden haben Redebedarf. Claire Simon beantwortet alle Fragen, widerspricht den Studierenden auch manchmal, wenn sie sich missverstanden f\u00fchlt, und wird oft ausgehend von einer einfachen Frage philosophisch. Das Filmemachen, so merkt man, wenn man ihr zuh\u00f6rt, ist ein Weg, Geschichten zu sammeln und zu formen, in einer Welt, die voll von ihnen ist. Jeder Mensch kann eine Kamera und ein Aufnahmeger\u00e4t zur Hand nehmen und durch seine eigenen Augen die Welt dokumentieren, Menschen zu Wort kommen lassen, die man sonst so nicht h\u00f6rt. Claire Simons Arbeit und ihre Person inspirieren die teilnehmenden Studierenden zum eigenen Filmemachen.<\/p>\n<p>Vielen Dank an dieser Stelle an den Dozenten f\u00fcr Dokumentarfilmregie Constantin Wulff f\u00fcr die Organisation der Retrospektive im Filmmuseum und an die Regieprofessorin Barbara Albert f\u00fcr die Unterst\u00fctzung des Vorhabens und der Masterclass. Es war f\u00fcr alle Teilnehmenden sehr bereichernd und es bleibt zu hoffen, dass die Retrospektive weiter dazu beitr\u00e4gt, Claire Simons gro\u00dfartige, sensible Filme einem breiteren Publikum in \u00d6sterreich zug\u00e4nglich zu machen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Claire Simon gewidmeten Retrospektive Jedes Leben ist ein Roman, die von 17. J\u00e4nner bis 24. Februar im Filmmuseum stattfand, kam die Filmemacherin f\u00fcr eine Masterclass am 20. J\u00e4nner an die Filmakademie Wien, das Institut f\u00fcr Film und Fernsehen der mdw. 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