{"id":11920,"date":"2025-04-28T15:06:26","date_gmt":"2025-04-28T13:06:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11920"},"modified":"2025-04-28T16:49:00","modified_gmt":"2025-04-28T14:49:00","slug":"es-geht-nicht-um-schneller-hoeher-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/04\/28\/es-geht-nicht-um-schneller-hoeher-weiter\/","title":{"rendered":"\u201eEs geht nicht um schneller, h\u00f6her, weiter!\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Jan Jiracek von Arnim, 2001 als bisher j\u00fcngster Professor f\u00fcr Klavier an die mdw berufen und seit 2011 k\u00fcnstlerischer Leiter des Internationalen Beethoven Klavierwettbewerbs Wien, im Gespr\u00e4ch \u00fcber den richtigen Atem, den Nutzen von Tanzkursen f\u00fcr das Musizieren und seine zwiesp\u00e4ltige Meinung \u00fcber das Kompetitive in der Kunst.<\/h5>\n<p>Seit 1961 wird an der mdw alle vier Jahre der Internationale Beethoven Klavierwettbewerb ausgetragen, in diesem Jahr somit zum 17. Mal. Gestatten Sie mir eingangs eine pers\u00f6nliche Frage: Wenn Sie die M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, mit dem Namensgeber zu sprechen, was w\u00fcrden Sie von ihm wissen wollen?<\/p>\n<p><b>Jan Jiracek von Arnim (JJA):<\/b> Da g\u00e4be es vieles! Aber am brennendsten w\u00e4re f\u00fcr mich die Frage nach seinen Tempoangaben, die teilweise r\u00e4tselhaft sind. Einige seiner Metronomzahlen lassen sich bis heute nicht wirklich nachvollziehen. Es gibt ja die Theorie, dass sein Ger\u00e4t kaputt gewesen sei oder dass er es falsch abgelesen habe. Und dann existiert auch der interessante Bericht, dass einmal auf dem Weg nach London eine Partitur verloren gegangen sei und er sie dann nochmal geschickt habe \u2013 mit ganz anderen Tempoangaben. Das w\u00e4re also wirklich spannend. Allerdings bin ich jemand, der sich auch sehr gerne in Briefen oder anderen Dokumenten vergr\u00e4bt. Insofern spricht Beethoven nicht nur durch seine Partituren zu mir, sondern auch durch seine Worte in Texten oder in den Berichten, die uns etwa sein Sch\u00fcler Carl Czerny hinterlassen hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11922\" aria-describedby=\"caption-attachment-11922\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11922\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/jva-color-kopie.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11922\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Egal, wie genau man die Quellen kennt: Wie viel von seinen tats\u00e4chlichen Intentionen lassen sich nachvollziehen? Nat\u00fcrlich existiert eine durchgehende Lehrer-Sch\u00fcler-Tradition, die gerade in Wien bis in die Gegenwart reicht, aber es gibt auch von Generation zu Generation Weiterentwicklungen. Wie nahe kommt man also interpretatorisch tats\u00e4chlich an Beethoven heran?<\/p>\n<p><b>JJA: <\/b>Ich vergleiche das gerne mit einer Bergbesteigung. Man bezwingt einen Berg nicht, sondern man ist immer nur zu Besuch auf dem Gipfel. Wenn ich mich als Interpret mit Beethoven besch\u00e4ftige, ist das eigentlich \u00e4hnlich. Ich kann versuchen, mich dem Werk anzun\u00e4hern, es auszuleuchten und zu ersp\u00fcren. Aber ich empfehle meinen Studierenden immer, sich auch die Faksimiles seiner Noten anzuschauen. Es ist schon ein immenser Vorteil an der mdw, dass wir uns sehr nahe an den Quellen befinden. Es ist unsere Aufgabe als Lehrende, deutlich zu machen, dass wir immer wieder zur\u00fcck zum Ursprung m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das nicht auch, dass man sich mit der Frage besch\u00e4ftigen m\u00fcsste, welche Instrumente Beethoven zur Verf\u00fcgung hatte?<\/p>\n<p><b>JJA:<\/b> Unbedingt! Es ist unglaublich lehrreich, selbst zu erforschen, wie die Instrumente klangen, die ihm zur Verf\u00fcgung standen. Im Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe Hamburg gibt es einen Brodmann-Hammerfl\u00fcgel von etwa 1815. Wenn man dort die sogenannte Mondscheinsonate spielt und im dritten schnellen Satz auf die tiefste Taste springen muss, hat dieses Instrument direkt daneben eine spitze Verzierung aus Metall. Da hat man ein bisschen Angst, wirklich an die Grenze zu gehen. So etwas erf\u00fchlt man erst, wenn man einmal auf so einem Instrument spielt. Ein anderer Aspekt sind die klappernden Ger\u00e4usche der H\u00e4mmer, die in diesem Satz fast schon ein Stilmittel bilden \u2013 bei einem modernen Fl\u00fcgel fehlt das nat\u00fcrlich v\u00f6llig, und auch Beethovens Pedal-Wirkungen sind nur auf den alten Instrumenten ganz umsetzbar.<\/p>\n<p>Sie sprachen anfangs vom Tempo. Czerny berichtet, dass sich Beethoven nach einer Auff\u00fchrung als Erstes nach diesem Punkt erkundigt habe. Findet man als Interpret_in hier die \u201erichtige\u201c L\u00f6sung eher durch die Intuition oder durch historische Quellen?<\/p>\n<p><b>JJA:<\/b> Nachdem ich eigentlich von der Kirchenmusik komme, weil meine Mutter Organistin war und Kirchench\u00f6re geleitet hat, sind f\u00fcr mich der Puls und der Atem ganz zentral. Ohne diesen Faktor funktioniert es nicht, eine Gemeinde zum Singen anzuhalten. Wenn ich mich frage, welches Tempo das richtige ist, gehe ich meistens vom Atem des S\u00e4ngers oder der S\u00e4ngerin aus oder vom Bogen eines Geigers oder einer Geigerin.<\/p>\n<p>Was ist abgesehen davon f\u00fcr Sie bei der Beethoven-Interpretation der wichtigste Aspekt?<\/p>\n<p><b>JJA: <\/b>Die Klarheit der Linie! Ich stelle h\u00e4ufig fest, besonders wenn ich im Ausland unterrichte, dass h\u00e4ufig aus manchen Auftakten oder Verzierungen gro\u00dfe expressive Effekte und subjektive Emotionalit\u00e4t gemacht werden, die ziemlich unpassend sind. Chopin sagte: \u201eLa derni\u00e8re chose, c\u2019est la simplicit\u00e9.\u201c Man muss sich auch bei Beethoven genau mit jeder Figur besch\u00e4ftigen \u2013 aber am Ende muss man loslassen und es flie\u00dfen lassen. Das ist das A und O.<\/p>\n<p>Was raten Sie Studierenden, um zu dieser durch genaue Arbeit erreichten Einfachheit zu gelangen?<\/p>\n<p><b>JJA:<\/b> Ich empfehle oft, in eine Wiener Tanzschule zu gehen \u2013 wenn man erfahren hat, wie ein Walzer schwingen muss, kann man davon viel f\u00fcr das Spielen profitieren. Au\u00dferdem rate ich, viel zu singen, etwa in einem Chor, und auch Lieder zu studieren \u2013 auch Volkslieder, die bis zur Wiener Schule eine gro\u00dfe Bedeutung haben.<\/p>\n<p>Worauf wird beim Beethoven Wettbewerb besonders geachtet, was sollten Kandidat_innen unbedingt mitbringen?<\/p>\n<p><b>JJA:<\/b> Mit Show-Effekten und virtuosem \u00dcberschwang wird man bei uns wenig Erfolg haben. Es geht nicht um schneller, h\u00f6her, weiter. Ich muss dazu auch sagen: Ich kenne etliche Wettbewerbe, habe ja auch Wettbewerbe gewonnen und bin in vielen Jurys. Jeder Wettbewerb ist eine Momentaufnahme. Es kann mir niemand erz\u00e4hlen, dass derjenige, der 1973 irgendwo den ersten Preis gewonnen hat, automatisch f\u00fcr immer der Beste ist. Dieses Treiben habe ich immer schon kritisch betrachtet, man muss aber genau hinsehen und unterscheiden. Es gibt Veranstaltungen \u2013 und auch die haben wohl ihre Berechtigung \u2013, bei denen von vornherein auf Vermarktung geachtet wird und das den Jurymitgliedern auch so deutlich gemacht wird. Da geht es darum, jemanden zu finden, der f\u00fcr den Wettbewerb steht und eine gro\u00dfe Karriere mit CDs und Medien usw. macht.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gibt es solche \u2013 und ich w\u00fcrde sagen, der Beethoven Wettbewerb ist einer davon \u2013, die andere Ziele haben. Wir sehen unsere Veranstaltung eher als ein Festival und verstehen uns als ein Podium, auf dem sich die Teilnehmer_innen vorstellen und am Ende m\u00f6glicherweise im Goldenen Saal des Musikvereins spielen k\u00f6nnen: Das ist ja ein Traum vieler Musiker_innen. Und wir konzentrieren uns nur auf das Klavierwerk Beethovens \u2013 es gibt keinen anderen Wettbewerb, der das auch so macht. Nat\u00fcrlich haben wir in Wien eine einmalige Tradition und eine besondere Verpflichtung, und wir sind sehr gl\u00fccklich, dass die mdw sich immer zum Wettbewerb bekannt hat.<\/p>\n<p>Wie sehen Sie heute Ihre eigenen Wettbewerbserfahrungen? Wie haben sich Ihre Erfolge \u2013 etwa 1997 beim Cliburn Wettbewerb \u2013 auf Ihre Laufbahn ausgewirkt?<\/p>\n<p><b>JJA: <\/b>Ich bin immer noch froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Aber das erste Interview, das ich nach Cliburn gegeben habe, trug die \u00dcberschrift \u201eIch hasse Wettbewerbe\u201c. Ich sehe es zwiesp\u00e4ltig. Es ist generell fragw\u00fcrdig, in der Musik Rankings zu machen, aber es gibt auch keine bessere M\u00f6glichkeit, wenigstens in einem solchen Rahmen. Den gro\u00dfen Vorteil eines Wettbewerbs \u2013 sage ich auch meinen Studierenden \u2013 sehe ich in der n\u00f6tigen Vorbereitung, darin, dass man sich auch \u00fcberlegt, wer man eigentlich k\u00fcnstlerisch ist und wie man sich am besten darstellen kann. Cliburn war f\u00fcr mich eine tolle Erfahrung, und ich bin bis heute mit etwa zehn Talenten von damals immer noch in freundschaftlichem Kontakt. Nat\u00fcrlich hat dieser Erfolg \u2013 oder auch der beim Busoni-Wettbewerb \u2013 sehr geholfen, weil er gewisse T\u00fcren ge\u00f6ffnet hat. Ich konnte mein Wiener Deb\u00fct im Konzerthaus geben. Wien ist einfach ein besonderes Pflaster. Anschlie\u00dfend habe ich durch diese Wettbewerbserfolge sehr viele Konzerte gegeben, das war toll, hat mich aber schlie\u00dflich zur \u00dcberlegung gebracht, ob ich tats\u00e4chlich nur noch im Hotel leben m\u00f6chte. Das war dann langfristig doch nicht meins, und ich bin sehr gl\u00fccklich, an der mdw und im internationalen Rahmen zu unterrichten, w\u00e4hrend ich die Konzerte bewusst ausw\u00e4hlen kann. F\u00fcr mich habe ich damit eine gute Balance gefunden.<\/p>\n<p>Veranstaltungstipp:<br \/>\n<b>17. Internationaler Beethoven Klavierwettbewerb Wien<br \/>\n<\/b>Finale: 24. Mai, 14.30 Uhr Musikverein Wien, Gro\u00dfer Saal<br \/>\nTickets: <a href=\"https:\/\/www.musikverein.at\/konzert\/?id=0005a726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">musikverein.at<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Jiracek von Arnim, 2001 als bisher j\u00fcngster Professor f\u00fcr Klavier an die mdw berufen und seit 2011 k\u00fcnstlerischer Leiter des Internationalen Beethoven Klavierwettbewerbs Wien, im Gespr\u00e4ch \u00fcber den richtigen Atem, den Nutzen von Tanzkursen f\u00fcr das Musizieren und seine zwiesp\u00e4ltige Meinung \u00fcber das Kompetitive in der Kunst.<\/p>\n","protected":false},"author":60,"featured_media":11924,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[1569,1578,1579,112,945],"class_list":["post-11920","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-music","tag-2025-2","tag-beethovencompetitionvienna","tag-musikvereinwien","tag-beethoven","tag-beethovenwettbewerb"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/60"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11920"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12092,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11920\/revisions\/12092"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11924"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}