{"id":11909,"date":"2025-04-28T16:32:54","date_gmt":"2025-04-28T14:32:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11909"},"modified":"2025-04-28T16:32:54","modified_gmt":"2025-04-28T14:32:54","slug":"artistic-citizenship-als-leitidee-fuer-musikhochschulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/04\/28\/artistic-citizenship-als-leitidee-fuer-musikhochschulen\/","title":{"rendered":"Artistic Citizenship als Leitidee f\u00fcr Musikhochschulen?"},"content":{"rendered":"Wir leben in zutiefst beunruhigenden Zeiten, die von einer menschengemachten Klimakatastrophe, kriegerischen Auseinandersetzungen und erodierenden demokratischen Gesellschaften gepr\u00e4gt sind. Es sind Zeiten, in denen jede_r dazu aufgerufen ist, im Rahmen der eignen M\u00f6glichkeiten einen \u2013 wenn auch noch so bescheidenen \u2013 Beitrag zu einem nachhaltigeren, friedlicheren und solidarischeren Zusammenleben zu leisten. Auch an Musikhochschulen hat vor diesem Hintergrund in den vergangenen Jahren ein intensiver Reflexionsprozess dar\u00fcber eingesetzt, welche Rolle die terti\u00e4re Musikausbildung und Musiker_innen in dieser Hinsicht spielen k\u00f6nnen. Angeregt durch den Sammelband <i>Artistic Citizenship. Artistry, Social Responsibility, and Ethical Praxis <\/i>(2016) wird in diesem Zusammenhang in der internationalen musikp\u00e4dagogischen Forschung vor allem das Konzept der Artistic Citizenship breit diskutiert und weiterentwickelt. Darin argumentieren die Herausgeber_innen David J. Elliott, Marissa Silverman und Wayne D. Bowman ausgehend von Aristoteles\u2019 Praxisverst\u00e4ndnis und pragmatistischen \u00dcberlegungen Dewey\u2019scher Pr\u00e4gung, dass die K\u00fcnste als soziale Praxis verstanden werden sollten, denen stets eine ethische Dimension inh\u00e4rent ist. Artistic Citizens sind aus ihrer Perspektive K\u00fcnstler_innen \u2013 darunter verstehen sie professionelle ebenso wie nicht-professionelle Kunstschaffende \u2013, die es sich zum Ziel setzen, Menschen zusammenzubringen, gemeinschaftliches Wohlbefinden zu f\u00f6rdern und substanziell zu einem guten Leben im Sinne von Aristoteles\u2019 <i>Eudaimonia<\/i> beizutragen.<\/p>\n<p>Wenngleich vermutlich viele Menschen sich einem solchen Ansinnen anschlie\u00dfen k\u00f6nnen (wer m\u00f6chte schlie\u00dflich dezidiert <i>keinen<\/i> Beitrag zu einem guten Leben leisten?), bleiben doch einige wichtige Fragen offen: <i>Was<\/i> ist mit einem guten Leben genau gemeint? <i>Wer<\/i> bestimmt <i>mit welchen <\/i>Motiven, <i>welche<\/i> Musik dazu beitr\u00e4gt? <i>Was<\/i> ist genau unter Citizenship im Zusammenhang mit den K\u00fcnsten zu verstehen? Diese Fragen sind von eminenter Wichtigkeit und m\u00fcssen in musikalischen Initiativen und Projekten mit sozialen Zielsetzungen immer wieder von Neuem kritisch reflektiert und beantwortet werden. Denn aus Geschichte und Gegenwart ist nur allzu schmerzlich bekannt, dass Musik auch f\u00fcr Zwecke der Manipulation, Propaganda und Indoktrinierung eingesetzt werden kann. Eine unkritische und affirmative \u00dcbernahme des Zieles, Musik als Mittel f\u00fcr sozialen Wandel einzusetzen, kann daher problematisch sein (vgl. Kertz-Welzel 2025).<\/p>\n<figure id=\"attachment_11913\" aria-describedby=\"caption-attachment-11913\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11913\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-1536x1025.jpeg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-2048x1366.jpeg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/5-sebastian-madaj-850x567.jpeg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11913\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sebastian Madej<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine kritisch reflektierte Weiterentwicklung des Konzepts von Artistic Citizenship hat allerdings das Potenzial, zu einer Leitidee f\u00fcr die terti\u00e4re Musikausbildung zu avancieren. Wird Citizenship nicht in einem rechtlichen Sinne als Staatszugeh\u00f6rigkeit verstanden, sondern als das gemeinschaftliche Einstehen f\u00fcreinander, nicht als Zustand, sondern \u2013 wie der Politikwissenschaftler James Tully in seiner Idee von <i>Global Citizenship<\/i> (2014) vorschl\u00e4gt \u2013 als Praxis, etwas also, das Menschen gemeinsam tun bzw. hervorbringen und interaktiv aushandeln, dann kann sich daraus die M\u00f6glichkeit ergeben, bestehende Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten zu hinterfragen und aktiv ein demokratisches Zusammenleben zu gestalten. Auf der Basis eines weiten Kunstbegriffs kann das Konzept au\u00dferdem dazu beitragen, ein besseres Verst\u00e4ndnis vom Zusammenhang zwischen k\u00fcnstlerischer Exzellenz und gesellschaftlichem Engagement zu entwickeln. Denn wie Helena Gaunt et al. (2021) ganz richtig feststellen, sollte es sich dabei nicht um zwei konkurrierende Priorit\u00e4ten handeln, sondern um Werte, die untrennbar miteinander verbunden sind und einander gegenseitig bereichern. Musiker_innen sind nicht <i>entweder<\/i> k\u00fcnstlerisch exzellent <i>oder<\/i> sozial engagiert, vielmehr k\u00f6nnen sie im besten Fall beides in einen fruchtbaren Austausch miteinander bringen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Musikhochschulen bedeutet das nicht nur, ihr Verst\u00e4ndnis von k\u00fcnstlerischer Exzellenz und musikalischer (Aus-)Bildung zu erweitern, sondern darauf aufbauend auch konkrete Initiativen umzusetzen, die Studierende dazu bef\u00e4higen, ihr K\u00f6nnen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten zu verorten. Dies kann durch neue Lehrformate, transdisziplin\u00e4re Projekte oder Kooperationen mit sozialen und kulturellen Institutionen geschehen, um so einen Beitrag zu einem nachhaltigeren, friedlicheren und solidarischeren Zusammenleben zu leisten.<\/p>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p>An der mdw gibt es vielf\u00e4ltige Vorhaben, die mit dem Konzept von Artistic Citizenship in Zusammenhang gebracht werden k\u00f6nnen. So leitet die mdw innerhalb von IN.TUNE (europ\u00e4ische Hochschulallianz im Bereich Kunst und Musik) beispielsweise die Working Group \u201eAudience Engagement and Artistic Citizenship\u201c. Der Master Contemporary Arts Practice (CAP) zielt dezidiert darauf ab, dass Studierende \u201egesellschaftliche Inklusions- und Exklusionsmechanismen [\u2026] kritisch hinterfragen [und] ihre eigene gesellschaftspolitische Verantwortung als K\u00fcnstler_in (Citizen Artist\/Artist Citizen) reflektieren.\u201c (Curriculum, S. 5) Und der Fachbereich Musik im Dialog (MiD) am Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung und Praxis (IMP) nimmt in Lehre und Forschung spezifisch Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung von Musiker_innen, der kulturellen Teilhabe und des Community Engagement in den Fokus. So finden im Sommersemester 2025 wieder zahlreiche Projekte (Gr\u00e4tzl T\u00f6ne, Library Concerts, Community Orchester u.\u2009v.\u2009m.) statt, im Sommer findet erstmals die neue isaCommunity statt und bei mdwPress erscheint demn\u00e4chst der Sammelband \u201eTurning Social. On the Social-Transformative Potential of Music Mediation\u201c (hrsg. von Petri-Preis, Axel und Ziegenmeyer, Annette).<br \/>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Elliott, D. J., Silverman, M. &amp; Bowman, W. D. (Hg.) (2016). <i>Artistic Citizenship. Artistry, Social Responsibility, and Ethical Praxis.<\/i> New York: Oxford University Press.<\/p>\n<p>Gaunt, H., Duffy, C., Coric A., Gonz\u00e1lez Delgado, I. R., Messas, L., Pryimenko, O. &amp; Sveidahl, H. (2021). Musicians as \u201cMakers in Society\u201d: A Conceptual Foundation for Contemporary Professional Higher Music Education. In: <i>Frontiers in Psychology, 12:713648<\/i>.<\/p>\n<p>Kertz-Welzel, A. (2025). What we should consider before proposing music education for social change. In Kai Martin (Hg.), Zukunft. Musikp\u00e4dagogische Perspektiven auf soziale und kulturelle Transformationsprozesse. Weimar: Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt, S. 36\u201343.<\/p>\n<p>Petri-Preis, A. &amp; Ziegenmeyer, A. (2025, in Vorbereitung). <i>Turning Social. On the Social-Transformative Potential of Music Mediation<\/i>. Wien: mdwPress.<\/p>\n<p>Tully, J. (2014). <i>On Global Citizenship<\/i>. London: Bloomsbury Academic. <a>https:\/\/library.oapen.org\/bitstream\/handle\/20.500.12657\/30133\/9781849665162.pdf?sequence=10&amp;isAllowed=y<\/a> (22.\u200a2.\u200a2025).","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in zutiefst beunruhigenden Zeiten, die von einer menschengemachten Klimakatastrophe, kriegerischen Auseinandersetzungen und erodierenden demokratischen Gesellschaften gepr\u00e4gt sind. 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