{"id":11695,"date":"2025-02-27T10:48:29","date_gmt":"2025-02-27T09:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11695"},"modified":"2025-02-27T10:51:40","modified_gmt":"2025-02-27T09:51:40","slug":"klaenge-aus-dem-grossen-michaelerhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/02\/27\/klaenge-aus-dem-grossen-michaelerhaus\/","title":{"rendered":"Kl\u00e4nge aus dem Gro\u00dfen Michaelerhaus"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Festival f\u00fcr Marianna Martines im Juni 2025<\/h1>\n<p>Biegt man vom Michaelerplatz auf den Kohlmarkt ein und wendet den Blick rechts nach oben zur Hausfassade, findet sich dort ein Erinnerungsschild: Hier wohnte Pietro Metastasio. Dieser war Hofpoet und lieferte mit seinen Libretti die Textgrundlagen von Hunderten Opern und Oratorien. Auch der Jubilar des Jahres 2025, Antonio Salieri, griff zu Metastasios Texten. Damit galt Metastasio nicht nur als Instanz in Sachen Literatur, sondern war auch ein intellektuelles Zentrum Wiens im zweiten Drittel des 18.\u00a0Jahrhunderts. So verwundert es nicht, dass just in diesem Haus alles ein- und ausging, was k\u00fcnstlerisch und intellektuell Rang und Namen hatte. Man kam regelm\u00e4\u00dfig, war eingeladen oder brachte Empfehlungsschreiben mit, hoffte auf interessante Begegnungen mit anderen Zeitgenoss_innen, unterhielt sich, tauschte Neuigkeiten aus, diskutierte literarische und musikalische Anliegen \u2013 und h\u00f6rte Musik.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11590\" aria-describedby=\"caption-attachment-11590\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11590\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"850\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1-850x850.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/05marianna-martine-vzhk-mediumsquareat3x-kopie-rgb-1.jpg 1458w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11590\" class=\"wp-caption-text\">Marianna Martines, Anton von Maron, ca. 1780 \u00a9 Wikimediacommons<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zeichnet man auf diese Weise die umtriebigen R\u00e4ume im sogenannten Gro\u00dfen Michaelerhaus, l\u00e4sst man \u2013 zumindest ab den 1760er-Jahren \u2013 Wesentliches aus: 1744 wurde in diesem Haus die Wiener Cembalistin, S\u00e4ngerin und Komponistin Marianna Martines geboren. Sie wuchs hier auf, und es ist nicht \u00fcbertrieben zu sagen, dass man sich in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts als neugieriges, musikalisch hochbegabtes M\u00e4dchen keinen besseren Ort h\u00e4tte w\u00fcnschen k\u00f6nnen: Metastasio war mit Vater Martines eng befreundet, lebte in dessen kinderreichem Haushalt und widmete sich der intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Erziehung aller Martines-Kinder. Auf diese Weise legte der Hofdichter die Grundlagen f\u00fcr Mehrsprachigkeit und Literatur \u2013 Mariannas \u00e4ltester Bruder Joseph brachte es damit bis in leitende Funktionen in der Hofbibliothek. Dar\u00fcber hinaus aber war das Gro\u00dfe Michaelerhaus ein von Musik vibrierendes Haus: Ganz oben lebte die Musikerfamilie Spangler (bzw. Sp\u00e4ngler), zeitweise residierten und arbeiteten Nicola Porpora und Giuseppe Bonno im gleichen Haus. Und der junge Joseph Haydn war in den fr\u00fchen 1750er-Jahren als Mitbewohner zugleich Musiklehrer und Korrepetitor f\u00fcr alles, was sich musikalisch im Hause abspielte. Das freilich war viel: S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger wurden ausgebildet, im Salon Metastasios wurde Musik aufgef\u00fchrt, durchreisende G\u00e4ste, darunter Leopold und Wolfgang Mozart und Charles Burney, lie\u00dfen es sich nicht nehmen, mit dem Hofpoeten \u00fcber wichtige Entwicklungen in der Musik zu diskutieren und dabei selbst Musik zu spielen und zu h\u00f6ren. Und mittendrin: Marianna Martines. Sie wuchs buchst\u00e4blich in Musik auf. Und ihre Begabung wurde nicht ignoriert. Im Gegenteil: Sie wurde gef\u00f6rdert, ausgebildet und konnte die gro\u00dfen R\u00e4ume der Wohnung am Kohlmarkt f\u00fcr sich als B\u00fchne nutzen. Charles Burney, englischer Musiker und Musikgelehrte, der auf seiner gro\u00dfen Europareise auch Wien besuchte, gibt dazu eine anschauliche Beschreibung des Salons im Gro\u00dfen Michaelerhaus, in dem ihn \u201eder gro\u00dfe Dichter [\u2026] sehr h\u00f6flich [empfing] und [\u2026] auf einem Sofa neben sich niedersetzen\u201c lie\u00df. Wie \u00fcblich wurden Briefe und Empfehlungsschreiben ausgetauscht und \u00fcber gemeinsame Bekannte gesprochen. \u201eHierauf war das Gespr\u00e4ch allgemein und vermischt, bis zur Ankunft eines jungen Frauenzimmers, welches von der ganzen Gesellschaft mit gro\u00dfer Ehrerbietung empfangen wurde. [\u2026] Es war Mademoiselle Martinez, eine Schwester des Herrn Martinez, Unterbibliothekar an der Kaiserlichen Bibliothek, dessen Vater ein vielj\u00e4hriger Freund des Metastasio gewesen. [\u2026] Nach den gro\u00dfen Lobspr\u00fcchen, welche der Abbate Taruffi den Talenten dieses Frauenzimmers beilegte, war ich sehr neugierig, mit ihr zu sprechen und sie zu h\u00f6ren; und Metastasio war so verbindlich, ihr vorzuschlagen, sie m\u00f6chte sich zum Fl\u00fcgel setzen, welches sie denn auch augenblicklich tat, ohne sich lange n\u00f6tigen zu lassen oder mit falscher Bescheidenheit zu prahlen. Sie \u00fcbertraf wirklich noch die Erwartungen, die man mir von ihr beigebracht hatte.\u201c Burney kam noch mehrmals zu Metastasio, um Martines zu h\u00f6ren. Er sch\u00e4tzte ihre Kompositionen au\u00dferordentlich und lie\u00df sich, als er Wien verlie\u00df, einige davon abschreiben. Und: Er blieb noch lange nach Metastasios Tod mit Marianna Martines im Briefkontakt. Dass sie flie\u00dfend Englisch sprach, erleichterte die Konversation. Doch was h\u00f6rte Burney im Gro\u00dfen Michaelerhaus? Martines hatte bereits vieles komponiert: Musik f\u00fcr die benachbarte Kirche St. Michael \u2013 Messen, mehrere Litaneien und Miserere \u2013, Vokalmusik in metastasianischem Stil \u2013 darunter Kantaten, Oratorien, Arien \u2013 und nicht zuletzt Musik f\u00fcr ihr Hauptinstrument, das Cembalo. Sonaten und Cembalo-Konzerte schrieb Martines sich selbst in die Finger. Burney attestierte ihr h\u00f6chst virtuose Fingerfertigkeit: \u201eSie sang zwo Arien von ihrer eignen Komposition, \u00fcber Worte von Metastasio, wozu sie sich selbst auf dem Fl\u00fcgel accompagnirte, und zwar auf eine wohlverstandne meisterhafte Manier; und aus der Art, wie sie die Ritornelle spielte, konnte ich urtheilen, da\u00df sie sehr fertige Finger h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Obwohl Martines internationale Anerkennung erfuhr \u2013 1773 wurde sie in die Accademia Filarmonica di Bologna aufgenommen und in den 1760er-Jahren erschienen Cembalo-Sonaten von ihr in dem N\u00fcrnberger Verlagshaus von Johann Ulrich Haffner \u2013 waren ihre Kompositionen genau f\u00fcr jene R\u00e4ume geschrieben, in denen sie Zeit ihres Lebens erklangen: f\u00fcr die Kirche St. Michael und f\u00fcr die R\u00e4ume jener musikalischen Geselligkeiten in Wien, wie sie auch im Gro\u00dfen Michaelerhaus stattfanden. Und so ist es ein Gl\u00fccksfall, dass Martines\u2019 Musik dorthin wieder zur\u00fcckkehrt: Am 16. und 17. Juni 2025 wird ein Festival f\u00fcr Marianna Martines in der Pfarre St. Michael stattfinden.<\/p>\n<p>Das Festival umfasst ein Konzert, u.\u2009a. mit Cembalo-Konzerten von Marianna Martines, die zeitgleich in einer neuen, kritischen Edition in der Reihe <i>Denkm\u00e4ler der Tonkunst in \u00d6sterreich<\/i> (<i>DT\u00d6<\/i>, Hollitzer Verlag Wien) erscheinen. In dieser traditionsreichen Reihe werden zudem Martines\u2019 Messen herauskommen. Im Rahmen eines eint\u00e4gigen Symposiums werden diese Editionen vorgestellt, au\u00dferdem geben Vortr\u00e4ge und Gespr\u00e4che neue Einblicke in die Handlungsspielr\u00e4ume von Marianne Martines in Wien. Gerahmt wird das Festival durch Auff\u00fchrungen von Martines\u2019 Oratorium <i>Isacco. Figura del Redentore<\/i> an der Kammeroper Wien. Im Herbst 2025 folgt eine Auff\u00fchrung einer ihrer Messen in der Kirche St. Michael. Das Festival gelingt durch die Kooperation mehrerer Institute der mdw \u2013 dem Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung, dem Institut f\u00fcr Alte Musik sowie dem Institut f\u00fcr Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik \u2013 mit dem Theater an der Wien und den Denkm\u00e4lern der Tonkunst in \u00d6sterreich (DT\u00d6). Interessierte sind herzlich eingeladen! Das detaillierte <b>Programm<\/b> wird noch bekannt gegeben: <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/imi\/aktuelle-veranstaltungen\/marianna-martines\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.mdw.ac.at\/imi\/aktuelle-veranstaltungen\/marianna-martines\/<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biegt man vom Michaelerplatz auf den Kohlmarkt ein und wendet den Blick rechts nach oben zur Hausfassade, findet sich dort ein Erinnerungsschild: Hier wohnte Pietro Metastasio. Dieser war Hofpoet und lieferte mit seinen Libretti die Textgrundlagen von \ufeffHunderten Opern und Oratorien. 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