{"id":11615,"date":"2025-02-26T09:44:15","date_gmt":"2025-02-26T08:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11615"},"modified":"2025-02-26T09:44:15","modified_gmt":"2025-02-26T08:44:15","slug":"den-fehlern-raum-geben-rollengestaltung-am-max-reinhardt-seminar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/02\/26\/den-fehlern-raum-geben-rollengestaltung-am-max-reinhardt-seminar\/","title":{"rendered":"Den Fehlern Raum geben \u2013 Rollengestaltung am Max Reinhardt Seminar"},"content":{"rendered":"<h5>Elizabeth Blonzen unterrichtet seit Oktober 2024 Rollengestaltung am Max Reinhardt Seminar. Dem <i>mdw-Magazin <\/i>erz\u00e4hlt die Schauspielerin und Drehbuchautorin, warum Wien die ideale Stadt f\u00fcr Schauspieler_innen ist, wie man mutige Schauspieler_innenpers\u00f6nlichkeiten heranzieht und warum man sich am Max Reinhardt Seminar noch gegenseitig etwas g\u00f6nnen kann.<\/h5>\n<p>\u201eHast du nichts von B\u00e4rbelchen geh\u00f6rt?\u201c \u201eVon B\u00e4rbelchen?\u201c \u201eJa, hast du nichts von B\u00e4rbelchen geh\u00f6rt?\u201c \u201eOb ich was von B\u00e4rbelchen geh\u00f6rt habe?\u201c \u2013 Wenn diese Faust\u2019sche Frage so lange hin- und hergew\u00e4lzt wird, handelt es sich wohl kaum um eine traditionelle Auff\u00fchrung des St\u00fcckes. Um eine schauspielerische \u00dcbung der ber\u00fchmten Szene dann schon eher. So wie sie oftmals am Max Reinhardt Seminar praktiziert wird \u2013 im Unterricht des Faches Rollengestaltung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11618\" aria-describedby=\"caption-attachment-11618\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11618\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/foto-daniel-2-rgb-1.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11618\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Daniel Nartschik<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dieses umfasst die Arbeit mit Studierenden des ersten bis vierten Jahrgangs an einer oder mehreren Szenen aus klassischen St\u00fccken. Dabei sollen die Studierenden verschiedene Rollen ausprobieren, diese jedoch auch wieder ablegen d\u00fcrfen, wenn sie nicht passen. Das ist Elizabeth Blonzen, die im Oktober 2024 als Lehrende f\u00fcr Rollengestaltung ans Max Reinhardt Seminar berufen wurde, ein Anliegen: \u201eEs ist mir ein Ehrgeiz, eine Rolle zu finden, die wirklich passt f\u00fcr den Ausbildungsstand der Studierenden, die sie weiterbringt, sie aber auch nicht so verunsichert, dass sie keine Lust mehr haben oder entmutigt sind\u201c, erl\u00e4utert sie ihren Ansatz. In \u00dcbungen wie der oben beschriebenen soll es darum gehen, herauszufinden, was man \u201ewirklich von dem oder der anderen wissen m\u00f6chte \u2013 und der oder die andere von einem selbst\u201c. Denn letztlich sei es ja auch das, was man der Gesellschaft zeigen m\u00f6chte: dass man einander zuh\u00f6ren und sich f\u00fcreinander interessieren solle.<\/p>\n<p>Die Offenheit den anderen Spielenden gegen\u00fcber, die Experimentierfreude, der Mut, Fehler zu begehen, \u2013 all das sind f\u00fcr Elizabeth Blonzen zentrale Bestandteile der Rollengestaltung. Die Studierenden \u201esollen auch mal etwas ausprobieren d\u00fcrfen, von dem sie nicht wissen, ob man dann klatscht\u201c. Es gebe ja auch immer wieder Rollen, deren Aneignung nicht sofort funktioniere, wo es sich aber lohne, durchzuhalten. \u201eEs ist sch\u00f6n, wenn sie lernen, sich zu verzeihen, wenn sie etwas nicht gut gemacht haben. Ich m\u00f6chte gerne Schauspieler_innen ausbilden, die mutig sind, auch dann, wenn es gerade nicht so toll l\u00e4uft\u201c, so Elizabeth Blonzen. Das habe sie auch selbst immer so praktiziert.<\/p>\n<p>Ausgebildet an der Otto Falckenberg Schule in M\u00fcnchen, spielte die 1968 geborene Schauspielerin, Drehbuchautorin und Schauspielprofessorin bereits fr\u00fch gro\u00dfe klassische Rollen und erhielt seither zahlreiche Engagements an verschiedenen Theatern, darunter an den M\u00fcnchner Kammerspielen, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, im Schauspielhaus Bochum, an der Schaub\u00fchne und dem Maxim Gorki Theater Berlin. Auch in vielen TV- und Kinoproduktionen wirkte sie mit. Derzeit konzentriert sich Blonzen aber haupts\u00e4chlich auf ihre Arbeit am Max Reinhardt Seminar \u2013 und hat in dieser Aufgabe erhebliche Erf\u00fcllung gefunden: \u201eIch bin total begeistert von meinen Studierenden. Ich empfinde es als Gl\u00fcck, sie zu unterrichten. Eine Ehre. Wir arbeiten derzeit an einer Kom\u00f6die, <i>Bunbury<\/i> von Oscar Wilde, und ich finde sie so lustig und bezaubernd, in allem, worum sie ringen, in allem, was sie sich einfallen lassen und was sie sich manchmal auch einfallen lassen, um sich nichts einfallen lassen zu m\u00fcssen.\u201c Sie freue sich bereits an den Wochenenden auf ihre Lieblingsstellen, an denen sie in den kommenden Einheiten arbeiten w\u00fcrden \u2013 zur \u00dcberbr\u00fcckung der Wartezeit bastelt Blonzen mitunter dann auch mal Adventkalender f\u00fcr ihre Z\u00f6glinge. \u201eGenauso wie meine Studierenden muss ich meine Rolle hier am Max Reinhardt Seminar auch erst finden, wir fangen alle gemeinsam an und unterst\u00fctzen uns gegenseitig.\u201c<\/p>\n<p>Denn genauso wie ihre Studierenden, von denen viele neu in die Stadt gezogen seien, ist auch Elizabeth Blonzen neu in Wien. \u201eWien ist eine Stadt, in der Schauspieler_innen noch gesch\u00e4tzt, geliebt und respektiert werden\u201c, attestiert Blonzen lachend ihrer neuen Wahlheimat, in der sie entgegen des g\u00e4ngigen (und nur selten widerlegten) Klischees bisher durchwegs freundlich empfangen worden sei. Das bilde sich auch in der Schauspielschule ab. \u201eDas Max Reinhardt Seminar bildet Schauspieler_innen aus, die ensembleorientiert spielen\u201c, schildert Elizabeth Blonzen ihre Beobachtungen. Die Studierenden \u201ek\u00f6nnen Partnerspiel, die spielen miteinander, da gibt es keine Ellenbogenmentalit\u00e4t, die widmen sich dem St\u00fcck, der Figur, der Situation, die sie spielen sollen.\u201c Postdramatisches Theater \u00e0 la Elfriede Jelinek und \u201eMonolog-nach-vorne-Spielen\u201c gebe es zwar am Reinhardt-Seminar, jedoch spiele man hier auch gerne zusammen. \u201eUnd das in einer Weise, in der das keine andere Schauspielschule macht. Das, finde ich, liegt auch an Wien\u201c, meint Elizabeth Blonzen.<\/p>\n<p>Zu einem starken Wir-Gef\u00fchl geh\u00f6rt auch die F\u00f6rderung von Diversit\u00e4t, welche am Max Reinhardt Seminar auch immer mehr Einzug h\u00e4lt. \u201eMan muss strukturell schauen, dass man nicht nur nach au\u00dfen hin ein paar diverse Studierende aufnimmt, sondern dass in den Leitungsebenen, oder zum Beispiel auch in der Technik, Leute engagiert werden, die das Team mit anderen Perspektiven bereichern k\u00f6nnen.\u201c Das m\u00fcsse laut Elizabeth Blonzen auf einer Entscheidungsebene stattfinden. \u201eDas ist auch ein Grund, warum ich hier bin, dass ich mir mit diesem neuen Leitungsteam erhoffe, dass sich auf einer strukturellen Ebene etwas \u00e4ndert.\u201c Bisher habe es zum Beispiel am Max Reinhardt Seminar bereits einen Workshop zu Geschlechtervielfalt, ein Thema, das den Studierenden sehr am Herzen liege, gegeben. Geht es nach Blonzen, solle es au\u00dferdem f\u00fcr Lehrpersonen Voraussetzung sein, einen Anti-Rassismus-Workshop besucht oder zu diesem Thema k\u00fcnstlerisch gearbeitet zu haben. Dadurch entstehe am Max Reinhardt Seminar ein respektvolles Miteinander und eine Atmosph\u00e4re des \u201eSichgegenseitig-G\u00f6nnens, dass man toll ist\u201c. Daf\u00fcr macht Blonzen aber auch etwas anderes verantwortlich: \u201eVertrauen ist die Grundlage. Und die Grundlage der Grundlage ist Selbstvertrauen.\u201c Dies gelte es \u2013 neben vielem anderen \u2013 im Fach Rollengestaltung zu vermitteln. Die eigenst\u00e4ndige Entwicklung der Rollen, die Mitbestimmung deren Gestaltung und ein spielerischer, experimentierfreudiger Umgang in einem sicheren Rahmen soll geschaffen werden. Dazu geh\u00f6re auch die F\u00e4higkeit, Entscheidungen zu treffen: \u201eWollen wir das St\u00fcck in der Zeit belassen, in der es geschrieben ist, oder soll es heute spielen? Welches Kost\u00fcm w\u00e4hlen wir, wie sind die Figuren angezogen? Soll das ein Korsett sein? Oder soll es bequem sein? Welche \u00c4sthetik wollen wir? Wie n\u00e4hern wir uns dem? Wollen wir das alles im Chor sprechen? Wie ist das unterschiedlich? Wie ist unser Frauen-M\u00e4nner-Bild? Wollen wir das in den Geschlechtern, die geschrieben sind, belassen? Oder soll eine Frau Hamlet spielen? Wie verhalten wir uns dazu?\u201c<\/p>\n<p>Im aktuell geprobten St\u00fcck von Oscar Wilde w\u00fcrde beispielsweise verhandelt, wie man mit der Bezeichnung einer Figur als \u201ejunges, h\u00fcbsches M\u00e4dchen\u201c umgehen soll. \u201eSch\u00e4digt das die Figur, wenn so \u00fcber sie gesprochen wird? Wie verhalten wir uns dazu, dass es das Wichtigste ist, auf den Mann bezogen zu sein? Wollen wir das reproduzieren \u2013 oder wollen wir dem etwas entgegensetzen?\u201c \u2013 das alles seien wichtige Fragen, die in der Rollengestaltung gestellt und bearbeitet werden m\u00fcssten. All jene mitunter k\u00fcnstlerischen Entscheidungen zu treffen soll Studierende dazu bef\u00e4higen, selbstbewusst gestalterisch zu agieren und sich dadurch unabh\u00e4ngig von der Regie zu machen. Unter anderem aus diesem Grund haben Schauspiel- und Regiestudierende am Max Reinhardt Seminar im ersten Jahr gemeinsamen Unterricht. \u201eWir m\u00f6chten gerne Schauspieler_innen ausbilden, die selbstst\u00e4ndig agieren. Die nicht nur darauf warten, was die Regie vorschl\u00e4gt. Die der Regie Angebote machen und sich nicht nur als Erf\u00fcllungsgehilfen, sondern als k\u00fcnstlerische Partner_innen sehen.\u201c Schauspielstudierende lernen, wie sie sich zu den Forderungen der Regisseur_innen verhalten sollen. Dazu geh\u00f6re zum Beispiel, f\u00fcr ihre Rechte einzutreten und Grenzen zu setzen. \u201eWenn man gerade nicht so eine gute Probe hat, traut man sich nicht zu sagen, dass beispielsweise die vereinbarte Probezeit schon \u00fcberschritten wurde. Man denkt: \u201aJetzt war ich schon so schlecht, jetzt kann ich da nicht noch Anspr\u00fcche stellen.\u2018\u201c Genau dem m\u00f6chte Elizabeth Blonzen in ihrem Unterricht entschieden entgegenwirken: \u201eMein Hauptziel ist nicht, dass sie ein ganz tolles Gretchen sind. Das w\u00e4re sch\u00f6n. Aber mein Hauptziel ist, dass ich sie bef\u00e4hige, ihre eigene k\u00fcnstlerische Pers\u00f6nlichkeit zu entdecken und selbstbewusst damit umzugehen. Und dass sie sicherer aus der Arbeit mit mir rausgehen als sie reingekommen sind.\u201c<\/p>\n<p>Ob die Studierenden dabei \u201eB\u00e4rbelchen\u201c gesehen haben, bleibt nebens\u00e4chlich.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elizabeth Blonzen unterrichtet seit Oktober 2024 Rollengestaltung am Max Reinhardt Seminar. Dem mdw-Magazin erz\u00e4hlt die Schauspielerin und Drehbuchautorin, warum Wien die ideale Stadt f\u00fcr Schauspieler_innen ist, wie man mutige Schauspieler_innenpers\u00f6nlichkeiten heranzieht und warum man sich am Max Reinhardt Seminar noch gegenseitig etwas g\u00f6nnen kann.<\/p>\n","protected":false},"author":346,"featured_media":11617,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[1543,1545,1546,283,810],"class_list":["post-11615","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-drama","tag-2025-1","tag-elizabethblonzen","tag-rollengestaltung","tag-drama","tag-maxreinhardtseminar"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/346"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11615"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11728,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11615\/revisions\/11728"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}